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Kapitel 3

Ich sah, wie sich sein Kiefer anspannte. Dann lächelte ich.

„Aber ich weiß ja, dass du das nicht bist“, sagte ich leise. „Mein Bruder lügt mich nicht an. Oder?“

Victor hielt meinem Blick einen Moment stand - dann sah er weg. Seine Stimme gepresst: „Natürlich nicht. Du bist meine einzige richtige Familie. Wie könnte ich dich anlügen?“

Ich drückte die Tränen zurück. Schob ihn ins Zimmer.

Als ich mit Kochen fertig war und das Essen rausbrachte, war das Wohnzimmer leer. Ich ging zur Schlafzimmertür. Durch die dünne Wand hörte ich ihn telefonieren. Seine Stimme ganz weich - als würde er ein rohes Ei beruhigen.

„Sei brav. Ich hab die größte Geburtstagsparty für dich geplant. Morgen feiern wir zusammen, ja?“

Am anderen Ende Isla, diese klebrige Stimme, gespielt besorgt: „Aber morgen hat doch auch Susanna Geburtstag ... Wenn du nicht bei ihr bist, ist sie dann nicht traurig?“

Victor lachte kurz auf. „Ach, hör doch auf. Du weißt doch, dass du meine Ein und Alles bist. Susanna? Die hat doch schon lange keine Geburtstage mehr gefeiert. Was macht da ein Jahr mehr oder weniger?“

Isla quietschte vergnügt: „Ich wusste doch, dass du der Beste bist!“

Ich stand vor der Tür. Lange.

Dann band ich die Schürze ab. Drehte mich um. Ging.

Als Victor rauskam, war ich schon weg.

Auf dem Tisch stand eine Schale Nudeln. Weich gekocht, leicht zu schlucken. Daneben, unter einer Serviette, eine Tablette. Importiertes Medikament, stand auf der Packung.

Er wusste, ich hatte um die Zeit immer Nachtschicht.

Vielleicht dachte er an die frischen Wunden an meiner Hand.

Vielleicht fiel ihm ein, wie blass ich ausgesehen hatte.

Vielleicht sah er mich nochmal vor sich, wie ich am Herd stand - nur noch Haut und Knochen, der Rücken so schmal wie ein Strich.

Irgendwas in ihm zog sich zusammen. Ein Gefühl, das er nicht kannte. Oder verdrängt hatte.

Er nahm das Handy. Wählte.

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Am nächsten Tag begleitete ich ihn zur ‚Kontrolle‘. Dr. Grant Hale, sein Hausarzt, wirkte fast erleichtert. Endlich durfte er die große Inszenierung fahren.

„Frau Seppelt“, sagte er, „wir haben gerade Post von einem privaten Forschungsinstitut in Neuseeland. Ein neues Medikament, gezielt gegen ALS. Die klinischen Studien sind weit fortgeschritten. Nur zwei Plätze - und Ihr Bruder hat einen.“

Ich nickte nur. Ruhig. „Wie hoch ist die Erfolgsrate?“

„Achtzig Prozent.“

Victor nahm meine Hand. Die Tränen kamen wie auf Knopfdruck. „Susanna ... ich werd wieder gesund. Dann bleib ich für immer bei dir.“

Ich lächelte. Mühsam. „Wenn nur einer von uns überleben kann - dann du. Egal was passiert. Ich würd mich immer für dich entscheiden.“

Er erstarrte.

Vielleicht war es mein Ernst. Vielleicht hatte er einen Moment vergessen, dass er nur spielte. Seine Stirn zog sich zusammen, scharf: „Sag so was nicht. Wir werden beide leben, verstehst du? Wenn ich wieder gesund bin, bau ich die Seppelts neu auf. Und du wirst wieder unsere kleine Prinzessin.“

Prinzessin.

Das Wort wollte ich nie wieder hören.

Und Victor -

Den schenkte ich Isla.

Dr. Hale schob mich unter dem Vorwand einer ‚längeren Untersuchung‘ aus dem Zimmer.

Früher hatte ich das immer geglaubt. Ließ ihn da, hetzte zum nächsten Job.

Heute wusste ich es besser. Der Vorwand galt mir.

Ich stand im leeren Flur. Sah zu, wie Victor den Kittel abstreifte, in den Aufzug stieg.

Unten wartete seit einer halben Stunde eine schwarze Limousine. Jemand hielt ihm die Tür auf, schirmte seinen Kopf ab.

Victor stieg ein. Sah sich nicht um.

In dem Moment, als er verschwand, ging ich in ein anderes Zimmer.

„Frau Seppelt“, sagte Dr. Marcus Reed. Er starrte auf die Aufnahmen. Sein Gesicht schwer. „Ihr Tumor ist zu groß. Operieren geht nicht mehr. Vor zwei Wochen ... da hätten wir noch eine Chance gehabt.“

Er atmete aus. „Sie haben noch ein paar Tage. Höchstens. Verabschieden Sie sich.“

Ich schwieg lange. Dann nickte ich. „Wenn ich tot bin - bitte sofort einäschern. Schicken Sie die Urne ins Seppelt-Anwesen. Für Victor Seppelt.“

Ich bezahlte meine Rechnung. Alles, was ich noch hatte.

Auf dem Weg nach draußen vibrierte mein Handy.

„Komm zum Anwesen.“

Isla.

Ich nahm ein Taxi. Ins teuerste Viertel der Stadt.

Fünf Jahre.

Das Haus, von dem ich dachte, es sei längst zwangsversteigert - es leuchtete. Musik. Lachen. Gäste, so weit das Auge reichte. Prunk, der blendete.

Und ich. Draußen vor dem Tor. Ein Schatten, den niemand mehr kannte.

Isla trug eine Krone. Ein Kleid vom Designer. Sie hing an Victors Arm, strahlend, vor einer sechsstöckigen Torte. Dahinter ein ganzer Berg Geschenke.

Sie faltete die Hände, schloss die Augen. „Ich wünsche mir, dass ich für immer deine einzige Schwester bin. Deine kleine Prinzessin.“

Victor griff in die Tasche. Eine Samtschachtel.

Als er sie öffnete -

Mir gefror das Blut in den Adern.

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