Kapitel 2
Ein Paar schwarze Lederschuhe blieb vor mir stehen.
Mara wusste, wer da stand. Die Stimme zitterte. „Herr Seppelt, es tut mir wirklich leid, dass ich Ihr Wiedersehen mit Frau Isla störe. Die da hat einfach kein Gespür ... Ich lass sofort eine neue Flasche bringen, die beste, die wir haben.“
Sie packte meinen Arm. Verdrehte ihn.
Der Schmerz war nichts. Früher haben sie mir Rippen gebrochen, da war das hier Kinderkram. Trotzdem zog ich den Kopf ein. Ganz in mich zusammengesunken, wie ein Tier.
Mein Bruder runzelte die Stirn. Ungeduldig. „Schon gut.“
Er zeigte auf mich. Ruhig. Fast beiläufig. Aber jedes Wort traf wie ein Urteil: „Du hast die Flasche zerbrochen. Dann sammelst du jetzt die Scherben auf. Mit den Händen. Wenn meine Schwester sich auch nur an einer schneidet - dann isst du eine.“
Der Boden im Flur war dicker Velours. Die Scherben hatten sich tief reingedrückt. Kaum zu sehen.
Ich kniete mich hin, fuhr mit den flachen Händen über den Teppich - Strich für Strich. Die Scherben gruben sich ins Fleisch. Ich spürte es kaum noch.
Hinter mir hörte ich Isla atmen. Ihre Augen auf mir.
Dann hakte sie sich bei Victor unter. Schmollte: „Victor, ich bin müde.“
„Na schön“, sagte er, die Stimme wieder ganz weich. „Ich trag dich raus. Hier ist’s zu gefährlich.“
Seine schwarzen Schuhe traten auf meine Hand.
Einmal. Zweimal.
Dann gingen sie weiter. Kein Wort. Kein Blick.
Ich blieb auf den Knien. Starrte auf die Scherben in meiner Handfläche.
Irgendwann - zwischen Blut und Glas - lachte ich. Still. Tränen liefen.
Mara wurde blass. „Was ist los mit dir? Du blutest ja aus der Nase!“
Ich kam hoch. Wischte mir mit dem Ärmel übers Gesicht. Blut auf der Maske. Metallisch.
Ich hörte mich selbst sagen - kaum mehr als ein Flüstern: „Vielleicht ... bin ich bald tot.“
Ohne ihr Gesicht zu sehen, ging ich.
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In der kleinen Wohnung in Neutral Bay war die Tür kaum offen, da krachte es schon in der Küche.
Victor. Aus dem Rollstuhl gefallen. Die Hände zitterten, als er sich abstützte.
Er sah auf. Mich. Rote Augen. Wie ein Kind, das man erwischt hat. „Susanna ... ich wollte dir was kochen ... Ich bin so nutzlos. Nur eine Last!“
Die Stimme verschwamm. Tränen, Speichel - alles lief ihm übers Gesicht. Sah exakt aus wie ein Mann, der seit Jahren gelähmt ist. Hilflos. Kaputt.
Ich erinnerte mich -
Vor seiner ‚ALS-Diagnose‘ hatte er eine schwere Zwangsstörung. Hände waschen, zwanzigmal am Tag. Kein Fleck auf der Kleidung, den er ertrug. Aber für Isla? Für Isla hielt er es fünf Jahre aus. Schmutz. Enge. Dieses ganze inszenierte Elend.
Fünf Jahre. Ich war auf jedes Wort reingefallen. Hatte mich zum Affen gemacht.
In dem Moment hätte ich ihm die Brust aufreißen können. Wollte sehen, ob da wirklich ein Herz schlägt. Oder nur Stein.
Er schwieg. Ich auch.
Dann senkte er den Kopf. Die Stimme brach: „Du hasst mich jetzt, oder? Kann ich dir nicht mal übel nehmen. Bin ja auch nichts als ’n Klotz am Bein. Geh einfach. Kümmere dich nicht um mich. Lass mich hier vergammeln.“
Er saß da zwischen Scherben und Essen. Umklammerte die Rollstuhllehne. Knöchel weiß, Adern dick. Kam nicht hoch.
Ich ging zu ihm.
Hob den Stuhl auf.
Hievte ihn rein.
Holte ein Handtuch. Wischte ihm das Gesicht ab. Die Hände.
Fünf Jahre. Die Bewegungen saßen. Wie Reflexe.
Er packte mein Handgelenk. Starrte auf die Wunden in meiner Handfläche. Panik in den Augen - so echt, fast hätte ich’s geglaubt. „Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?!“
Ich sah ihn an. Da war noch dieser Rest Wärme. Dieselbe, auf die ich früher so vertraut hatte.
Bitterkeit stieg in mir auf. Würgte mich.
Leise sagte ich: „Ja. Da war einer. Hat mir wehgetan. Kam mir bekannt vor.“
Ich ließ den Satz stehen. Sah ihn an. Dann, wie eine Klinge, die ins Fleisch fährt:
„Im Sapphire Lounge.“
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