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Zwischen Licht und Schatten

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Zusammenfassung

Im Jahr, als die Familie Seppelt zerbrach, bei meinem Bruder hieß es, er hätte ALS. Ich schmiss mein Studium, verschuldete mich bis zum Hals - fünf Jahre lang. Bis ich ihn eines Nachts im Sapphire Lounge sah. Maßanzug. Uhr am Handgelenk. Lachte mit ein paar Leuten aus der Szene. „Victor, du täuschst jetzt seit fünf Jahren ALS vor, oder? Susanna schindet sich zu Tode. Meinst du nicht, die Strafe langt?“ Victor zuckte mit den Schultern. „Fast.“ „Wenn Susanna damals nicht so egoistisch gewesen wäre und Isla fertiggemacht hätte - dann hätte ich doch nicht jahrelang den Kranken spielen müssen. Nur damit sie mal ’ne Lektion kriegt.“ Ich stand im Dunkeln. Tablett in der Hand. Tränen auf dem Boden. Fünf Jahre Lüge. Fünf Jahre meines Lebens - für nichts. Seine Krankheit war fake. Meine nicht. Und er weiß noch nicht: Diese Lektion - die wird ihn am Ende mehr kosten als mich.

betrügenVerraträchenBad boymodern

Kapitel 1

In dem Jahr, als die Familie Seppelt zerbrach, bei meinem Bruder hieß es, er hätte ALS.

Ich habe mein Studium geschmissen, bin bis zum Hals in Schulden gerutscht - und dachte, ich würde ihn bis ans Ende seiner Tage durchfüttern.

Fünf Jahre.

Geldverleiher haben mich in Hinterhöfen gestellt und krankenhausreif geprügelt. Schmerzmittel? Konnte ich mir nicht leisten.

Bei fünf Jobs gleichzeitig bin ich zusammengeklappt. Krankmelden? Fehlanzeige.

Jeden Cent, den ich verdiente, steckte ich in sein Überleben.

Bis ich eines Nachts im Sapphire Lounge Getränke ausfuhr - und meinen Bruder sah. Denselben, der angeblich zu Hause im Rollstuhl saß und auf mich wartete. Maßanzug. Uhr am Handgelenk, dieses kalte Glitzern. Er lehnte lässig auf dem Ledersofa in der Privatlounge, lachte, plauderte mit ein paar Leuten aus der Szene.

Kein Sterbenskranker. Nicht mal ansatzweise.

Und schon gar nicht der Mann, dessen Leben ich Löffel für Löffel, Euro für erbettelten Euro gerettet hatte.

Ich stand da, Tablett in der Hand, im dunklen Gang. Wie angewurzelt.

Drinnen lachte jemand, halb im Scherz, halb mit Spürnase: „Victor, du täuschst jetzt seit fünf Jahren ALS vor, oder? Susanna schindet sich doch zu Tode, um dich zu retten. Meinst du nicht, die Strafe langt langsam?“

Victor zuckte lässig mit den Schultern. „Fast.“

Ganz ruhig. Viel zu ruhig.

„Wenn Susanna damals nicht so egoistisch gewesen wäre und Isla so fertiggemacht hätte - dann hätte ich doch nicht jahrelang den Bankrott und die Krankheit vortäuschen müssen. Nur damit sie mal ’ne Lektion kriegt.“

Ein anderer nickte. Fand das völlig logisch. „Isla geht’s nach fünf Jahren im Ausland endlich wieder gut. Sie hat sogar gesagt, sie wäre bereit, Susanna zu vergeben. Du hast dein Versprechen gehalten.“

Victor lächelte. Selbstsicher. Alles unter Kontrolle.

„Wenn es so weit ist, lassen die Ärzte mich einfach ‚genesen‘. Dann kann Susanna wieder Seppelt-Erbin sein. Wiedergutmachung für ihre damaligen Kapriolen.“

Jemand zögerte, senkte die Stimme: „Aber ALS? Das heilt doch keiner einfach so. Glaubt ihr, Susanna schluckt das?“

Victors Lächeln wurde weicher, fast gönnerhaft. „Die Kleine - hat sie je ein Wort von mir angezweifelt? Sie sollte doch langsam verstehen: Isla ist adoptiert. Die hat’s halt nicht so leicht gehabt wie wir. Kann man da nicht mal nachgeben? Alles, was ich tat, war doch zu ihrem Besten. Später mach ich’s wieder gut.“

Ich senkte den Kopf. Die Tränen fielen einfach so. Auf den Boden. Lautlos.

Aber Victor, wir haben kein ‚später‘.

Deine Krankheit war fake.

Meine nicht.

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Der Wind vom Eingang fegte durch den Flur. Kalt.

Ich stand da wie vergessen. Taub. Alles, woran ich geglaubt hatte, war nicht mehr da. Einfach weg.

Jedes Wort traf. Wie Scherben unter der Haut.

Armin, einer von Victors Leuten, seufzte. Irgendwie fast mitleidig. „Du bist echt ein harter Hund. Sie ist deine leibliche Schwester. War ’ne Spitzenstudentin an der Uni Sydney - richtig begabt. Du hast einmal gesagt, sie soll gehen, und sie geht. Dabei ist sie keine Zwanzig mehr, aber sieht aus wie ’ne Putzfrau nach Zwölfstundenschicht. Letzte Woche hat ihr Geld für deine Medikamente gefehlt. Dreihundert Euro. Sie kam zu mir, wollte pumpen.“

Victors Miene verdüsterte sich. Seine Stimme klang scharf: „Hast du’s ihr gegeben?“

Armin schüttelte den Kopf. „Du hast klare Ansage gemacht. Wer traut sich da noch? Sie hat den ganzen Nachmittag vor meiner Tür gekniet. Ist umgekippt, Unterzucker. Ich hab sie nicht mal ins Krankenhaus gebracht. Als sie wieder wach war, ist sie abgehumpelt.“

Was Armin nicht sagte -

An dem Tag hab ich mich bis auf die Knochen bloßgestellt. Hätte mich fast ausgezogen, wenn er wollte. Gegen ein paar Euro.

Victor hatte eine Woche kein Importmedikament mehr. Ohne das würde sein ‚Zustand‘ sich ‚verschlechtern‘.

Aber ich kannte niemanden mehr, der mir noch was leihen würde.

Armin hat geguckt, als hätt’ er’s mit ’nem Gespenst zu tun. Hat mich rausgeworfen.

Jetzt weiß ich, warum.

Nicht weil er nicht wollte. Sondern weil er nicht durfte.

Victor lachte kalt. Gab ’ne Rundum-Anweisung: „Also Leute. Bis ich Isla zurückhole, hilft keiner Susanna. Egal ob sie kniet, bettelt oder krepiert - ihr rührt keinen Finger.“

„Isla ist labil. Depressionen. Ich hab fünf Jahre gebraucht, sie mit diesen Luxustrips einigermaßen hinzukriegen. Wenn ich Susannas Strafe vorzeitig abbreche, knickt Isla womöglich wieder ein.“

Pause. Seine Stimme schnitt wie ’ne Klinge: „Und wenn hier irgendwer meiner Isla auch nur blöd kommt - der kann was erleben. Und seine Familie gleich mit.“

Stille im Raum.

Einer traute sich: „Victor, und wenn Susanna die Wahrheit erfährt? Hast du keine Angst, dass sie dich verlässt?“

Victor lachte. Als hätte jemand den größten Unsinn erzählt.

„Ach bitte. Wir sind Geschwister. Selbst wenn wir uns mal streiten - das ist Familie. Susanna? Für die bin ich der Mittelpunkt der Welt. Selbst wenn jemand ihr ein Messer an die Kehle setzte - sie ließe mich nicht im Stich.“

Er hob den Blick. Noch ’ne Warnung hinterher: „Falls trotzdem mal was durchsickert - ihr wisst, was das heißt.“

Ich lehnte an der Wand. Hände eiskalt. Füße wie abgestorben.

Fünf Jahre. Fünf Jahre meines Lebens - für nichts.

Meine Freiheit. Meine Gesundheit. Meine Zukunft.

Alles weg. Für eine einzige Träne von Isla. Und Victor nennt das ‚Familienkram‘.

Ich wollte lachen. Aber es kam nur Wasser. Unaufhaltsam.

Drinnen klingelte ein Telefon. Gleichzeitig Schritte Richtung Tür.

Ich kam nicht mehr weg. Drehte mich zu schnell um - knallte mit Mara zusammen, der Clubmanagerin.

Der Wein in meiner Hand. Mehrere Tausend Euro die Flasche. Scherben überall.

Maras Gesicht wurde puterrot. Sie knallte mir eine runter. „Willst du mich in den Ruin treiben, oder was?!“

Die Tür der Privatlounge öffnete sich. Victor ging vorbei. Kein Blick. Kein Wort. Er machte die Arme auf und fing Isla auf, die sich wie ein Schmetterling reinschmiss.

„Warum kommst du allein zurück? Wollte ich dich doch abholen.“

Seine Stimme - so sanft. Fast Frühling. Einer, den ich nie kannte.

„Bist du müde? Ich hab ein komplettes Wellness-Team zu Hause. Ganzkörperbehandlung, sobald wir da sind.“

Isla kicherte, das Gesicht ganz strahlend. „Ich hab dich vermisst! Wollte dich überraschen!“

Ich kniete keine zwei Meter entfernt. Maske im Gesicht. Kein Laut. Die Augen rot. An Islas Schuhen funkelten Steine - einer davon hätte ein Jahr seine Medikamente bezahlt.

Mara zitterte: „Herr Seppelt, es tut mir so leid - wirklich - diese Idiotin hier hat Ihren Wein zerbrochen ...“

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