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Kapitel 4

Ein Opal-Anhänger.

Nach unserer Geburt - meiner und der meines Bruders - hatten unsere Eltern Pater Elias gebeten, zwei Anhänger zu segnen. Jeweils einen. Ein ganzes Jahr trug er sie am Körper, betete über ihnen. Dann gravierte er unsere Namen auf die Rückseite. Wir trugen sie nah am Herzen.

Der Segen unserer Eltern. Das Vermächtnis der Seppelts.

Nach ihrem Tod war dieser Anhänger das Einzige, was mir von ihnen blieb. Selbst als ich nichts mehr zu essen hatte - verkaufen konnte ich ihn nicht.

Und jetzt?

Jemand hatte den Namen auf der Rückseite austauschen lassen. Meinen raus, Islas rein.

Vor allen Leuten legte Victor ihr den Anhänger um.

„Meine kleine Prinzessin“, sagte er leise und küsste sie auf die Stirn. „Herzlichen Glückwunsch. Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.“

Ich weiß nicht, wie ich da rauskam.

Mein Handy vibrierte. Pausenlos.

Islas Nachrichten trafen mich eine nach der anderen:

„Ich hab dich neulich im Sapphire Lounge erkannt.“

„Na? Gut gesehen?“

„Der Anhänger gehört jetzt mir. Und Victor auch.“

„Du bist wie ’n streunender Köter. Will dich ja keiner.“

„Du hast versagt, Susanna. Warum stirbst du nicht einfach? Hahaha.“

Ich antwortete nicht.

Dann kam die letzte:

„Susanna, Victor bringt dir ein Geburtstagsgeschenk. Freu dich schön, ja?“

Ich lief stundenlang durch die Stadt. Wie ein Gespenst.

Als ich zurückkam in diese kleine, schäbige Wohnung in Neutral Bay - da verstand ich, was Isla mit ‚Geschenk‘ gemeint hatte.

Die Tür stand offen.

Drinnen: Chaos. Victor am Boden. Männer um ihn herum. Er krümmte sich wie ein Hund, der keinen Besitzer mehr hat.

Der Anblick traf mich wie ein Schlag. Meine Rippen schmerzten, obwohl sie längst verheilt waren.

Der Mann vorn kaute auf einem Zahnstocher. Lächelte langsam. „Na, da bist du ja, Kleine. Wann zahlst du diesen Monat?“

Ich stand da, weiß wie die Wand. „Ich hab alles bezahlt. Jeden Cent. Was wollt ihr noch?“

Er spuckte auf den Boden. „Wenn ich sage, du schuldest noch was, dann schuldest du noch was. Willst du nicht zahlen? Soll ich deinem Bruder mal richtig Beine machen?“

Er tippte mit der Eisenstange auf Victors Rücken.

Victor - sofort im Spiel. Heisere Stimme, glänzende Augen.

„Susanna ... ich hab das verbockt. Lass mich doch einfach liegen. Ich bin ’n Krüppel, es ist besser so. Soll ich doch sterben, dann bist du mich los.“

Dieselben Worte. Fünf Jahre lang. Ich kannte sie auswendig.

Ich stand da. Müde. Sah die Männer um mich herum. Sah meinen Bruder am Boden - zerzaust, erbärmlich, aber die Augen hellwach.

Und plötzlich kapierte ich.

All die Jahre, all die Prügel - die haben ihn nie angefasst.

Nur mich. Weil ich ihn beschützen wollte. Den Bruder, der mich die ganze Zeit belog.

Meine Rippen. Mein Bein. Narben, die ich nicht mehr zählen konnte.

Ich schluckte. Die Stimme heiser: „Was wollt ihr von mir?“

Der Mann grinste. „Na, du hast ja ’ne große Klappe, Schätzchen. Also, wir sind hier zehn Mann. Du kriechst unter jedem durch. Und kläffst dreimal. Dann sind wir für heute quitt. Nur so zum Spaß.“

Victor brüllte: „Nein! Susanna, nein!“

Ich lachte. Ein totes Lachen. Nichts war mehr da.

„Wenn’s das ist - dann machen wir’s.“

Die Worte waren für den Schläger. Aber Victor zuckte plötzlich.

Er wollte etwas sagen. Aber dann hielt er sich zurück.

Das war die letzte Strafe. Die er Isla versprochen hatte. Wenn ich das hier durchstehe, würde er mich zurückholen ins Anwesen. Keine Schläge mehr. Kein Dreck.

Er war sich sicher. Er hatte doch noch Zeit. Konnte alles wiedergutmachen.

Er drehte den Kopf weg. Redete sich ein, das sei für meine Zukunft.

Und während keiner hinsah, zückte er sein Handy. Fotografierte. Schickte das Bild an Isla.

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Die Männer gingen.

Ich lag lange auf dem Boden. Irgendwann kam ich hoch.

Victor kroch zu mir. Die Augen rot. Wollte wieder seinen Auftritt starten. Aber als er in mein Gesicht sah - in dieses Nichts -, blieb ihm das Wort im Hals stecken.

Am nächsten Tag kam der ‚Arzt‘. Holte Victor ab. Neuseeland, die Wunderheilung.

Bevor er ging, drehte er sich um. Immer wieder.

„Susanna ... warte auf mich. Ich mach dich wieder zur Prinzessin der Seppelts. Ich lass nicht mehr zu, dass dir jemand wehtut.“

Ich lächelte. Sagte nichts.

Als er weg war, spuckte ich Blut.

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