3. Kapitel, Ly
März
Tatsächlich wurde es besser.
Oder, um es mit der Wahrheit zu formulieren:
Es wurde erträglicher.
Ich beobachtete Chris, der mit Thio und Luke auf einer der großen Wiesen Fangen spielte.
Ehrlicherweise belustigte es mich sogar, in letzter Zeit vor dem Schlosstor auf einem Stuhl zu sitzen und dem bunten Treiben zuzusehen, welches nun wieder wie gewohnt vor mir stattfand.
Ein klein wenig lenkte es mich von den Gedanken an Alec und unserem kleinen Baby, unserem Jungen ab, die mich immer mal wieder einholten, mal mehr mal weniger vorraussehbar.
Und doch huschte ab und an ein ehrliches Lächeln über meine Lippen.
Trotzdem vergaß ich meinen Verlust nie und diese kleinen Momente konnten mir, wenn überhaupt, nur kurz den Schmerz nehmen.
Deshalb genoss ich sie in vollen zügen und bemühte mich darum, kein schlechtes Gewissen deswegen zu haben.
Tami, die gerade erst zu uns gestoßen war, kletterte behände auf Thio's Rücken und winkte mir jubelnd zu, ehe sie sich in seinem dunkelbraunen Fell festkrallte.
Ihre zierliche Gestalt wirkte auf dem riesigen Bären beinahe verloren und wüsste ich nicht, dass ich Thio blind vertrauen konnte, hätte ich vermutlich große Angst um sie gehabt.
Gemeinsam jagten sie die anderen, die sich ebenso in ihre Wertiergestalt verwandelt hatten, und dabei hatte sie so viel Spaß, dass ich vergnügt mitlachte und in die Hände klatschte.
Meine Sorgen legten sich für einen Moment ab und ich hatte wieder den Hauch einer Lebensfreude für mich entdeckt.
Fröhlich winkte ich Tami zu, die mir über beide Ohren grinsend zurück winkte und mit der Sonne um die Wette strahlte.
Bei ihrem Anblick ging mein Herz auf.
"Es ist schön, dich mal wieder aus vollem Herzen lachen zu hören."
Chris. Ich lächelte über sein Kompliment, welches er mir in Gedanken zugeflüstert hatte, in mich hinein.
In letzter Zeit kamen sie ihm häufiger in den Sinn, doch es wirkte auf mich in keinster Weise einengend oder bedrückend.
Nein, im Gegenteil: Ich genoss sie.
Sie waren für mich in etwa so sehr von Bedeutung wie für andere belgische Schokolade für die Seele.
Der Werfuchs trottete zu mir und legte seinen Kopf in meinen Schoß.
Als ich langsam anfing, ihn hinter den Ohren zu kraulen, schloss er genießerisch seine beiden Augen.
Meine Berührungen schienen ihm zu gefallen und so übte ich noch mehr Druck aus.
Sein Maul verzog sich zu einem Lächeln und entspannt verharrte er in seiner Position.
"Na, dem geht es gut.", flötete Luke, der sich von einem silbergrauen Wolf zurück in die Menschengestalt verwandelt hatte.
Ich zuckte grinsend mit den Schultern und Chris schien es erst Recht gänzlich zu ignorieren.
Schon seit ein paar Tagen kamen ab und zu ein paar laue Bemerkungen, die wir klaglos über uns ergehen ließen.
Das zwischen uns war reine Freundschaft und ich wusste, dass Chris das genauso sah.
Meine Wunden saßen für etwas neues einfach noch viel zu tief, auch wenn ich bei Chris vermehrten Körperkontakt durchaus zuließ.
Besonders unsere nächtlichen Kuscheleinheiten erwärmten nicht nur meinen Körper, sondern auch mein inneres.
Und dennoch war mein Herz gespalten.
Es gehörte Alec und unserem Sohn, dort schien es nun mal hinzugehören und ich musste lernen, damit zu leben.
So wie mein Onkel Luke es gelernt hatte.
Eines Abends, als wir Mal unter vier Augen waren, nutzte ich die Gunst der Stunde und fragte ihn, wie lange er etwas mit meiner Mutter gehabt hatte, und vor allem wann.
Er hörte mir ruhig zu und versuchte gar nicht erst, es zu leugnen, auch wenn er seine Überraschung über mein Wissen nicht verbergen konnte.
Seufzend warf er mir einen entschuldigenden Blick entgegen, bevor er sich zu mir auf das Bett setzte.
Es würde wohl eine längere Geschichte werden.
"Deine Mutter und ich.. Wir verliebten uns ineinander, bevor mein Bruder sie kennen lernen konnte.
Er kam mich eines Tages nach sehr vielen Jahren besuchen und streifte durch den Wald, da er mich nicht antreffen konnte.
Ich glaube, ich war an diesem Tag gerade Einkaufen...
Nun, er ging durch den Wald und sah sie."
Er zuckte mit den Schultern und fuhr sich über sein ergrautes, schütteres Haar.
"Sie verliebten sich auf den ersten Blick ineinander und ich ließ sie ziehen."
Wow. Sprachlos blickte ich auf und bemerkte einen glänzenden Schimmer in seinen dunklen Augen.
Er nickte, seinen Blick noch immer in die Vergangenheit gerichtet, und klopfte sich mit den Händen auf die Oberschenkel.
"Wie sagt man so schön?
Wenn du zwei Menschen zu selben Zeit liebst und dich entscheiden musst, wem dein Herz gehört, dann schenke es dem zweiten, denn wäre es der erste gewesen, hätte es den zweiten nie gegeben."
Er stand auf und ich schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln.
Dann ließ er mich nach einer kurzen Verabschiedung wieder allein und die Einsamkeit wurde mein Freund.
Sie brachte mich dazu, wieder an Alec zu denken.
Wie es wohl wäre, wenn er nicht gegangen wäre.
Wäre unser Sohn dann noch am Leben?
Wären wir eine glückliche Familie geworden?
Die Gedankenflut holte mich ein und überschwemmte mich.
Als die Erinnerungen zurück strömten, füllten sich meine Augen mit Tränen.
Für einen kurzen Moment konnte ich das Brennen fühlen, welches seine Berührungen stets in mir ausgelöst hatten.
Ich konnte seine weichen Lippen fühlen, die er fordernd gegen meine presste.
Und ich konnte seine Liebe zu mir spüren, die bis vor seiner Enthüllung in jedem einzelnen Wort, im jeden noch so kleinen Blick lag.
"Alec..", schluchzte ich leise und begann, hemmungslos zu weinen.
"Warum kehrst du nicht einfach zurück..."
Chris fand mich etwa eine Stunde später - oder waren es zwei?- zusammengekauert wie ein Häufchen Elend auf dem Boden wieder.
Behutsam hatte er mich hochgehoben, in etwa so wie als wäre ich ein zerbrechliches, kleines Baby, um mich in mein Bett zu legen und mich zuzudecken.
Eine Weile blieb es still, doch ich wusste, dass er etwas auf dem Herzen hatte.
Er wagte wohl nur nicht den Anfang zu machen.
"Was ist los?", flüsterte ich also leise und hob meinen Kopf.
Der Werfuchs seuftzte und schenkte mir einen besorgten Blick.
"Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll, Ly."
Mein Herzschlag setzte aus.
Mit so einer Art des Gesprächanfanges hatte ich nicht gerechnet.
Schon beinahe ängstlich musterte ich den Rotschopf, der ehrlich verzweifelt aussah.
Er litt unter mir.
Dies war nun unverkennbar.
"Du brichst zusammen.
Wieder und wieder.
Es gibt Tage, da denke ich das es wieder besser wird und du dich im Griff hast, dass es Bergauf geht.
Aber dann.. Dann kratze ich dich wieder vom Boden auf und das Spiel geht von vorne los.", erklärte er mir, während Tränen in seine Augen stiegen.
Ich saß still da, den Blick auf meine Bettdecke gerichtet und hörte ihm zu.
"Weißt du Ly, ich weiß nicht einmal, sie lange das noch so gehen soll.
Ich habe größten Respekt vor der Trauer um dein Kind... Und ich habe größten Respekt vor dir.
Aber ich kann nicht mehr länger dabei zusehen, wie du wegen Alec zerbrichst und zugrunde gehst.."
Er schüttelte mit dem Kopf und stand auf.
"Ich brauche ein wenig Luft.
Bitte denk nach über meine Worte, vielleicht nimmst du dir ja das ein oder andere davon zu Herzen."
Ohne noch einmal zu mir zu blicken oder auf eine Antwort zu warten huschte er durch die Tür und ließ mich zurück.
Das zweite Mal war ich für heute mir selbst überlassen, doch dieses Mal hingen meine Gedanken woanders.
Chris hatte Recht; es konnte so nicht mehr weiter gehen.
Ich musste mich endlich aufrappeln und die Königin sein, die Mirellia verdient hätte.
Und vor allem wieder die Freundin werden, die meine Freunde vermissten.
Also rappelte ich mich auf und entschied mich dazu, trotz meiner Lustlosigkeit etwas zu essen.
Kurzerhand entschied ich mich für ein paar tropisch aussehende, süße Früchte, in denen ich letztendlich doch nur herumstocherte.
Von der äußeren Schale her erinnerten sie mich ein wenig an die Drachenfrucht aus dem Menschenreich; doch das innere hingegen sah so aus wie eine Mango.
Der Geschmack jedoch war um längen besser, und doch musste ich mich dazu überwinden, ein paar von den Stückchen zu essen.
Langsam schlurfte ich den Gang entlang und zu der Tür des Hinterausganges, der zu einem kleinen Bach führte.
Kurzerhand trat ich barfuß ins Freie und folgte dem Wasser.
Die Wiese fühlte sich unter meinen Fußsohlen nass und kalt an, doch ich empfand es dennoch als ein sehr angenehmes und sogar tröstendes Gefühl.
Die drei Monde - einer von ihnen war voll, einer sichelförmig und einer etwas genau in der Mitte von beiden - spiegelten sich in der rauen Wasseroberfläche.
Ein paar Aqualio zogen im Wasser ihre Kreise und beinahe sah es so aus, wie als würden sie tanzen.
Entzückt bemerkte ich, wie ihre Flügel im Wasser leuchteten, so wie diese Tiere im Meer, die eine ganze Küste nachts erstrahlen ließen.
Ich genoss es sehr, ihnen zuzusehen und war völlig verblüfft von ihrer Schönheit.
Natürlich hatte ich von der Ferne den ein oder anderen bereits zu Gesicht bekommen, und dank Tami bekam ich sogar regelmäßig Bilder von ihnen vor die Augen gehalten, doch dies war unbeschreiblich.
Ich ging weiter und merkte, wie mir ein paar kleine, leuchtende Punkte folgten.
Feen.
Sie schwirrten um mich herum, immer mehr und mehr, bis ich beinahe erstrahlte.
Verblüfft drehte ich mich einmal im Kreis und ein paar von ihnen imitierten die Bewegungen.
Dann zerstreuten sie sich mit einem Male wieder in der Luft und waren verschwunden.
Lächelnd winkte ich ihnen noch einmal zu, obwohl ich die ungefähre Richtung nur erahnen konnte, und ließ meinen Blick dann über die kleinen Hütten schweifen, die etwa fünfhundert Meter von mir entfernt standen.
Kurzerhand ging ich auf sie zu und erfreute mich an dem uhrigen Aussehen der Häuschen.
Sie waren sehr einfach, aber wunderschön.
Manche waren an den Fensterramen mit Schnitzereien verziert, wieder anderen wuchsen wild aussehende Blumen auf dem knorrigen Dach, welches so schief war, dass ich mich verblüfft fragte, wie es so manchem Wetter hier standhielt.
Es war nicht oft windig; Stürme waren hier laut Luke und Fauna eher sehr selten bis nie der Fall.
Aber zwei, drei Mal im Jahr blies einem der Wind so stark um die Ohren, dass man nur dann außer Haus gehen konnte, wenn man fliegen lernen wollte.
"Ly Kiara?"
Ich drehte mich um und bemerkte zwei überrasche Augen durch einen Türspalt heraus schielen.
Als ich nickte, wurde der Spalt größer und eine junge Frau trat durch die Tür.
Ihre Haare hatte sie aufwendig geflochten und nach oben gebunden, wobei zwei lose Haarsträhnen ihr Gesicht herzförmig umrahmten.
In ihren sanften Augen lag ein liebevoller Schimmer, welcher mich an den einer liebenden Mutter erinnerte und kurz flackerte das Feuer in meinem Herzen auf.
Sie verbeugte sich zur Begrüßung und ich tat es ihr gleich.
Danach wartete ich ab, was sie mir sagen wollte.
"Mein Name ist Lorena.
Ich bin eine Naturgewandte.", ließ sie mich wissen und zaghaft nickte ich, um ihr zu zeigen, dass ich ihr zuhörte.
"Ihr Verlust... Er tut mir schrecklich Leid für Sie."
Ich nickte erneut und versuchte jedoch, dieses Mal die Fassung zu bewahren.
Ausdruckslos starrte ich auf den Boden und wünschte mir mit einem Male meine geschützten vier Wände zurück.
Auf eine Konfrontation von außerhalb war ich nicht gefasst gewesen, nicht um diese Uhrzeit.
"Danke sehr.", krächtzte ich schließlich hervor und wandte mich um, um zu gehen.
"Warten Sie bitte!", hielt sie mich auf und in ihrer Stimme lag ein flehen.
Langsam drehte ich mich wieder zu ihr und blieb tatsächlich stehen, abwartend was sie von mir wollte.
Tatsächlich holte sie ein kleines Päckchen hervor, welches sie mir überreichte.
Um nicht unhöflich zu sein, bemühte ich mich um ein Lächeln und war erstaunt, mit welcher Aufrichtigkeit sie zu mir zurück blickte.
Ich schlug den Stoff, der wohl als Geschenkpapier diente zur Seite und...
"Ich habe sie oben am Felsen gefunden, als Sie damals gegen Amon kämpften. Natürlich wusste ich nicht, ob das Amulett euch etwas bedeutet oder nicht... Deshalb habe ich es repariert."
"Danke.", flüsterte ich leise zu ihr zurück, als ich den kleinen Baum betrachtete, der mit seinen Verzweigungen einen Kreis bildete.
Manche der Zweige trugen kleine, bunte Perlen, die selbst im Mondlicht eigenartig schienen.
Schnell hing ich es mir um den Hals.
Ich bekam es damals von Rhodes geschenkt, der Amon's rechte Hand war.
Mithilfe des Amulettes konnte ich Amon schließlich töten und Mirellia befreien.
Eigentlich war ich Rhodes noch etwas schuldig; doch auch er galt als verschwunden.
Ich hatte ihn seither nicht mehr gesehen und hoffte nur, dass Amon ihn nicht umgebracht hatte.
Dennoch gehörte der größte Teil meiner Hoffnung dem Jungen mit den blitzenden, blauen Augen und den verwuschelten, blonden Haaren.
Doch diese Hoffnung starb von Tag zu Tag mehr.
Denn Alec kehrte nicht zurürck.
Und dies musste ich wohl lernen, zu akzeptieren.
