2. Kapitel, Ly
Februar
Ausdruckslos ließ ich meinen Blick aus dem hohen Fenster des Schlafzimmers streifen und streichelte den Tränen nahe meinen Bauch.
Bereits seit Tagen musste ich bereits hier auf den kleinen Stuhl sitzen und in die leere Starren; ich spürte, dass meine Knochen sich schon sehr lange nicht mehr bewegt haben mussten.
Sie waren steif geworden; jede noch so kleine Bewegung schmerzte und bei jedem noch so minimalem Aufrichten knackte etwas in meinen Gelenken.
Und doch erinnerte es mich daran, dass ich noch am Leben war, weshalb ich das ganze mittlerweile wie einen alten Freund Willkommen hieß.
Es war immerhin besser, als nichts zu fühlen.
Mein leerer Blick flog über die Wiesen, die ein ebenso klägliches Bild in die Welt setzten, wie ich es wohl tat.
Aus Respekt vor meiner Trauer herrschte kein buntes Treiben auf den hohen Gräsern oder vor den uhrigen, kleinen Holzhäuschen an den Feuerstellen.
Kein Lachen schallte zu uns hinauf, kein Vogel sang, nicht einmal der Wind war zu hören, der einem sonst sanft die Haare aus dem Gesicht wehte und sich wie eine Decke beinahe tröstend um einen schmiegte.
Man sah nicht einmal eine kleine Fee herum schwirren und ihren Glitzer auf die sonst so strahlenden Blüten verteilen; selbst die Knospen schienen von hier oben heraus wie eingeschlafen.
Luke war es, der vor wenigen Tagen für mich bekannt gab, dass ich mein Kind verloren hatte, welches ich ungewusst etwa drei Monate unter meinem Herzen trug.
Ein Kind, welches durch Alec's und meine Liebe geschaffen wurde und nun so wie meine Eltern im Himmel war und hoch oben auf den Wolken trohnte.
Es durfte nicht nicht einmal den ersten Atemzug machen, und schon waren seine Tage wieder gezählt.
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung gehabt.
Es wäre ein kleiner Junge geworden.
"Es tut mir so unendlich leid.", hörte ich Chris nahe an mein Ohr flüstern, immer und immer wieder.
Dabei wiegte er uns sanft hin und her, beinahe so als wäre er der liebende Vater und ich ein kleines, schutzloses Wesen.
Doch es half nichts.
In mir war erneut etwas gestorben.
Insgeheim gab ich mir zudem selbst die Schuld an dem Tod meines Kindes und hasste mich dafür.
Ich konnte mich nicht einmal mehr selbst im Spiegel ansehen.
Auch in dieser Zeit wich Chris nicht von meiner Seite.
Ich nahm seine Anwesenheit wie in einer anhaltenden Trance wahr, konnte aber nicht auf ihn reagieren, so oft er es auch verzweifelt versuchte.
Zu sehr schmerzte mein erneuter Verlust.
Ich hatte unser Kind verloren, schon in jenem Momemt, an dem ich wusste, dass es existierte.
Das kleine Herzchen hatte in mir aufgehört zu schlagen.
Unser Baby, welches in der Höhle durch unsere Liebe entstand.
Wie Alec war es nun ein Stück schmerzhafte Vergangenheit, die ich nicht begreifen konnte.
Oder nicht begreifen wollte.
Ich hatte nicht einmal von der Schwangerschaft geahnt und sie wäre auch nie aufgefallen, hätte ich nicht so heftige Krämpfe und Blutungen gehabt, die über meine alltäglichen Schmerzen weit hinaus gingen.
Chris brachte in dieser Nacht eine ältere Naturgewandte zu mir, die ich schon einmal gesehen hatte.
Sie hatte mich damals gefragt, ob meine Mutter Linda Ducane tatsächlich nicht mehr unter ihnen wahr.
Mit einem bemüht zaghaften Lächeln hatte ich sie Begrüßt, doch sie erwiederte es nicht.
Stattdessen schlug sie entsetzt ihre Hand vor dem Mund.
Ihre Naturgewandte Begabung war es, Krankheiten oder Schmerzen zu sehen, spüren und sie zu beseitigen.
Und sie sah es. In mir.
Doch sie wusste auch, dass das Baby verloren war und wir nichts tun konnten, außer den Verlust hinzunehmen.
Wie gerne hätte ich Alec ausfindig gemacht und es ihm gesagt.
Ihm berichtet, dass wir Eltern geworden wären.
Das er Vater eines Sohnes geworden wäre..
Doch er war nicht hier.
Ich war allein.
"Ich hab dich lieb."
Tami drückte mir ein paar Wochen später einen fetten Schmatzer auf meine linke Wange, als sie mir das von ihr gemalte Bild reichte.
Erst vor kurzem hatte ich ihr gezeigt, was man nicht alles mit Stiften anstellen konnte und sie hatte schnell große Freude an der Menschentätigkeit gefunden.
Außerdem genoss sie es, wieder in meiner Nähe zu sein.
Eine Zeit lang wollte und konnte ich niemanden sehen.
Chris gewährte ich meine Nähe, da ich wusste das er es nicht aushalten würde, hätte ich ihn abgewiesen.
Die meiste Zeit blieb er auch still und überließ mich meiner Trauer; nur ab und an zwang er mich mit seinen Blicken dazu, etwas kleines zu essen.
Meistens kam es nachdem ich einen Bissen herunter geschluckt hatte direkt wieder doch, doch er gab nicht auf.
Beruhigend redete er auf mich ein und reichte mir ein Glas Wasser, bevor ich wieder weiter essen musste.
Vermutlich war es besser so, sonst wäre ich gestorben.
Ich schüttelte das Gefühl in mir ab und wandte mich wieder dem Mädchen mit den Engelslocken zu.
Sie bemalte ein Blatt nach dem anderen und zauberte darauf schillernde Blüten, tosende Wasserfälle oder kleine Wasserwesen.
Am meisten hatten es ihr wohl die Aqualio angetan, kleine Schmetterlinge die ausschließlich im Wasser schwebten, in etwa so wie als wären sie Fische.
Sie erzählte mir schon oft, wie sie stundenlang an dem kleinen Bach hinter dem Schloss im Garten saß und sie beobachtete.
Sie jetzt auch noch zeichnen und auf ein Blatt Papier verewigen zu können, gefiel ihr sehr.
Soeben hielt sie mir eines entgegen, auf dem ein paar Liovus von Baum zu Baum sprangen und mir entging nicht, wie gut sie sie doch getroffen hatte.
Besonders gut gelangen ihr die langen Schweife, mit denen sie sich in ihrer Zeichnung nach an einen Ast gehängt hatten.
Beeindruckt nickte ich ihr zu und ein strahlen erschien auf ihrem Gesicht.
Das brachte auch mich zum Lächeln.
Mittlerweile achtete sie noch mehr als zuvor auf jede meiner Gesten.
Chris hatte ihr möglichst kindgerecht erklärt, dass ich ein Baby verloren hatte und deshalb nun sehr traurig war.
Sie hatte es erst schweigend hingenommen, dann aber fürchterlich geweint.
Chris hatte sie sehr lange trösten müssen, bis sie wieder zu sich fand.
Es war herzzerreißend gewesen, als ihre lauten Schluchzer durch das Schloss drangen.
Wie gerne ich sie doch an diesem Zeitpunkt in meine Arme geschlossen hätte..
Doch ich konnte in diesem Moment nur noch für mich selbst da sein, bis Tami sich beruhigt hatte und der Werfuchs mich wieder in die Arme nahm, um weiterhin unbeirrt an meiner Seite zu sein.
"Was machen meine beiden hübschen Damen?", begrüßte uns da der Werfuchs lachend, als er mit geöffneten Armen in das Zimmer trat.
Tami flog mitten in seine ausgestreckten Arme hinein.
Mittlerweile war dies ihr kleines Begrüßungsritual geworden und seine kleinen Komplimente erfreuten mich, aber auch Tami sehr.
Wann immer ich sie hörte, kehrte für einen kurzen Moment ein wenig Farbe in meine Wangen zurück und auch Tami warf ein paar gewitzte Blicke zwischen uns hin und her.
Doch dann holte mich augenblicklich meine anhaltende Depression wieder ein und ich kugelte mich wie ein frierender Igel auf dem Bett zusammen.
Chris seufzte.
"Tami, ich glaube ich habe im Schlossgarten ein paar seltene Käfer gesehen, die eine wirklich tolle Musterung hatten."
"Ehrlich? Wo!", kam es sofort wie aus der Pistole geschossen.
Sofort schnappte sie sich ein noch unbemaltes Blatt Papier und ein paar der Buntstifte.
"Dort, wo der kleine Bach entlangläuft.
Aber sei bitte vorsichtig, dass du nicht ausrutscht. Am besten gehst du schnell zu Tante Makena und fragst sie, ob sie dir beim Suchen hilft. Einverstanden?"
"Okay." Sie trat noch einmal mit großen Augen an mein Bett.
Sie sah so besorgt um mich aus, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam.
Immerhin war ich die Erwachsene, die mich um sie sorgen sollte, und nicht umgekehrt.
"Ist es denn okay, wenn ich gehe?"
"Natürlich.", entgegnete ich sofort und versuchte, mich an einem möglichst breiten Lächeln zu üben.
Sie sollte sich nicht schlecht fühlen, ein wenig Spaß mit den anderen zu haben.
Zudem würde die frische Luft ihr sicher sehr gut tun.
"Nun geh schon und pass auf dich auf."
"Okay."
Das ließ sich die Kleine nicht zwei Mal sagen.
Mit einem letzten Schmatzer auf meine Wange huschte sie singend durch die Tür und war verschwunden.
Nun herrschte für einen Moment Stille zwischen uns.
Eine der vielen Eigenschaften von Chris, die ich an ihm zu schätzen wusste?
Er viel nicht sofort mit der Tür in's Haus so wie Luke, mein Onkel väterlicherseits, es manchmal tat; sondern er ließ mir Zeit, einen Raum dafür zu schaffen.
Nach ein paar Minuten trat er zu mir ans Bett und wischte mir sanft mit seinem Daumen eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ich begann leicht zu zittern, als wieder einmal Erinnerungen aus der Vergangenheit an die Oberfläche schwappten.
Diese kleine Geste hatte Alec so oft bei mir gemacht, und mindestens genauso oft hatte ich ihm dabei tief in seine Seele geblickt.
Ich hatte es nie für möglich gehalten, dass es einmal so mit uns enden würde.
"Ly... Ich weiß, dass was du gerade durchmachst ist hart...
Aber so geht das nicht mehr weiter."
Er nahm vorsichtig eine meiner Hände und legte sie in seine.
Noch so etwas, dass mich an Alec erinnerte.
Insgeheim schämte ich mich sogar dafür, an ihn denken zu müssen, mehr als man mir ansehen mochte.
Chris war so lieb zu mir, er schenkte mir so viel seiner Aufmerksamkeit und war eigentlich jede noch so kleine freie Minute an meiner Seite.
Und doch konnte ich Alec nicht loslassen.
Ich zwang mich, meine Gedanken auf das bevorstehende Gespräch zu lenken und stierte in die Leere, um mich abzulenken.
"Ly, die Wertiere da draußen, die Naturgewandten, die anderen Wesen... Sie alle machen sich schreckliche Sorgen um dich.
Sie respektieren es, dass du Zeit brauchst und nehmen es dir nicht übel, aber da unten... Da bricht langsam das Chaos aus.
Es sind viele verletzt, denen die am nötigsten Hilfe haben, konnten wir hier her verlegen.
Wir tun was wir können, aber..."
Er legte geschafft seinen Kopf in die Hände.
Zum ersten Mal erkannte ich für einen kurzen Moment, wie ausgelaugt und erschöpft er wirklich war.
Erschrocken legte ich einen Arm auf seinen Rücken und fuhr sanft auf und ab.
Nun war ich abwechslungsweise einmal mit dem Trösten an der Reihe.
"Chris, ich...", setzte ich zu einer Entschuldigung an, wurde jedoch sogleich von dem Werfuchs unterbrochen.
"Du musst dich nicht entschuldigen, Ly. Die anderen und ich, wir machen das alles gerne.
Nur brauchen wir langsam Unterstützung dabei.
Ohne dich schaffen wir es nicht."
Ich nickte, ohne zu zögern.
"Okay.", fügte ich dann noch schnell hinzu und bemühte mich um eine möglichst enthusiastische Stimmfarbe.
Dennoch klang ich eher wie ein alter Hahn am Morgen.
"Okay? Das heißt..."
Abwartend hob Chris seine Brauen.
"Das heißt, wir gehen jetzt runter zu den anderen. Zu denen, die Hilfe brauchen."
"Und da bist du dir wirklich sicher?"
Er klang so überzeugt, wie ich mich fühlte.
Nämlich gar nicht.
"Jup.", nickte ich dennoch und sprang schwungvoll auf die Füße.
Zeit, die Bedenken über Bord zu werfen und sich dem Leben wieder zu widmen.
Ich würde es schon schaffen und meine Verpflichtungen hatte ich lange genug in der hintersten Ecke meines Kopfes verstauben lassen.
Meine Freunde hatten mehr als genug für mich getan.
Und so öffnete ich die Türe und ignorierte das aufkeimende Übelgefühl.
Ich wusste, dass ich noch nicht soweit war, um die Liebe in mir erneut zu fühlen; dennoch fühlte ich mich dazu verpflichtet.
Das Land zählte auf mich und sie vertrauten auf meiner Wenigkeit.
Sie hatten mir so viel Wertschätzung entgegen gebracht, alleine schon in ihrem geduldigen warten.
Chris leitete mich, eine Hand auf dem unteren Rücken liegend, den Gang hinunter, bis wir rechts abbogen und an zwei Flügeltüren stießen.
Diese erinnerten mich sehr stark an die Türen von Luke's Zuhause; auch sie trugen auf den Vorderseiten Schnitzereien.
Ich erkannte Werwölfe- und Bären, Werpumas, sowohl Werhirsche als auch Werfüchse, Naturgewandte, sogar ein paar kleine, wie es für mich schien, Meerjungfrauen waren in das Holz geritzt worden.
Ich hielt die Luft an.
Mit zittrigen Fingern öffnete ich die Flügeltüren schließlich und hielt in der Bewegung inne.
Sie starrten mich an.
Sie alle starrten mich an.
Die einen ausdruckslos, die anderen voller Hoffnung.
Manche erwartend, andere abwartend.
Doch egal, was ich in ihren Blicken fand, es wurde mir einfach mit jeder Millisekunde zu viel.
Schlagartig sackte ich zusammen und Schwärze, tiefe Schwärze holte mich ein.
