4. Kapitel, Ly
April
"Alec."
Mein Herz stolperte und hielt schließlich an, genauso wie die Zeit um uns herum.
Wir schienen in dem puren Nichts gefangen zu sein, und zielsicher drehte er sich um, rannte in die entgegen gesetzte Richtung davon, weg von mir.
Fassungslos setzte ich mich nun auch in Bewegung und versuchte verzweifelt, ihn zu erreichen.
Doch umso näher ich kam, umso weiter schien er sich von mir entfernt zu haben.
Alec schien viel schneller zu rennen als ich, obwohl ich mein bestes gab und mir buchstäblich die Luft zum Atmen weg blieb.
Ich schrie seinen Namen, doch über meine Lippen wich kein Ton.
Er hörte mich nicht.
Er sah mich nicht.
Oder vielleicht tat er es und ignorierte mich.
Meine Beine schienen immer schwerer, wie als würde ich in Treibsand feststecken, der mich langsam aber sicher verschluckte.
Abermals versuchte ich, ihn auf mich aufmerksam zu machen.
Doch so sehr ich auch gegen diese Mächte ankämpfte, ich konnte ihn nicht erreichen.
Ich schrie auf.
Wieder einmal war es der selbe Traum gewesen, der Nachts in mein Unterbewusstsein drang und mich an sich fesselte, wie als würde dies ein Leben lang anhalten.
Und wieder einmal war es Chris, der mir behutsam seine Hände um meine Mitte schlang und eine Decke über mich ausbreitete.
Ich wusste, dass ich ihn mal wieder geweckt haben musste.
Zitternd lag ich in seinen Armen und versuchte, eine aufkeimende Panikattacke wegzuatmen.
"Alles gut, Ly.", flüsterte er dabei leise an mein Ohr, um mich ein wenig zu beruhigen.
Behustam fuhr er mir mit seiner Handfläche über meinen Rücken und sorgte somit für ein wohliges Gefühl auf meiner Haut.
Mein Atem wurde mit jedem Zug gleichmäßiger, bis ich nur noch ein wenig zitterte.
Ich konnte spüren, wie Chris hinter mir lächelte.
"Sehr gut.", lobte er mich, während ich mich weiterhin beruhigte, bis mein Puls wieder die gewohnte Stärke erreicht hatte.
Mittlerweile hatte ich es ein kleines bisschen unter Kontrolle bekommen und war froh, wenigstens nicht mehr weinen zu müssen.
Dies alleine war in anbetracht der letzten Monate ein großer Schritt nach oben.
Am Morgen hatte ich mich sogar dazu durchgerungen, einen ganzen Apfel zu essen, wenn er auch gerade so meine Handfläche ausfüllte.
Mir wurde zwar ein wenig schlecht - mein Magen hatte schon lange keine Nahrung mehr gesehen - doch ich hatte Gefühlt, wie ein wenig Energie in mir zurück kehrte.
Diese nutzte ich erst einmal für eine ausgiebige Dusche.
Lange Zeit war ich nur für ein kurzes Bad fähig gewesen, doch heute hatte ich einfach einmal Lust darauf, prickelndes, warmes Wasser auf meiner Haut zu spüren.
Sowie ich darunter stand, wollte ich einfach alles an mir abschrubben, wie als würden die Lasten dann von mir ablassen.
Tatsächlich fühlte ich mich besser, als ich nach einer geschlagenen Stunde in einem flauschigen Handtuch mein Zimmer betrat.
Chris saß auf dem Bett, die Hände zusammengefaltet und seine Augen geschlossen.
Lächelnd öffnete er sie, als er mich bemerkte.
"Dir geht es besser.", stellte er fest, ehe er kurz aufstand und mir Platz machte, um mich neben ihn setzen zu können.
"Ein wenig.", gab ich schließlich an ihn zurück und er nickte.
"Wie fit fühlst du dich?"
"Ich könnte Bäume ausreißen.", schmunzelte ich und er lachte.
"Hast du Lust, gemeinsam zu Tami zu gehen? Bestimmt ist sie bei Thio."
Die Kleine hatte förmlich einen Narren an ihm gefressen und verlangte ausdrücklich, mehrere Runden täglich auf seinem Rücken durch Wald und Wiese zu reiten.
Auf Luke's Rücken fand sie es zwar auch cool, aber den Werbären fand sie dann doch besser.
"Ja, klar. Ich werfe mir nur noch schnell etwas über."
"Alles klar."
Er zwinkerte mir noch einmal zu und verschwand dann für ein paar Minuten, damit ich mir etwas überwerfen konnte.
Die Kleidung, die sich auf einer kleinen Kleiderstange befand, ähnelte sehr der aus der Menschenwelt.
Der Stoff war nur sehr viel fließender als sowohl auch angenehmer zu tragen und die Farben waren ausschließlich in Naturtönen gehalten.
Ich entschied mich für cremeweiße Hosen und ein tunikaartiges, hellgrünes Oberteil, ehe ich vor die Tür trat und nach Chris ausschau hielt.
Grinsend kam er schließlich kurze Zeit später den Gang entlang und lächelnd trat ich ihm entgegen.
Auch er hatte sich für weiße Hosen entschieden, trug jedoch ausnahmsweise kein Tshirt.
Zum ersten Mal fiel mir da sein Sixpac auf.
Hatte er etwa trainiert, oder war der schon immer da?
"Fängst du jetzt an zu sabbern?", neckte er mich leise, während er durch meine noch nassen Haare wuschelte.
Meine Wangen färbten sich ein wenig rot.
"Nö.", kicherte ich.
"So gut siehst du Oberkörperfrei jetzt auch nicht aus."
Glatte Lüge.
"Gehen wir."
Kurzerhand verflochtete er seine Finger mit meinen und Hand in Hand machten wir uns zu dem Weg zu der Hintertüre, die wir schließlich gemeinsam verließen.
"Ly! Hallo!", riefen sogleich einige begeistert aus. Derer, die mich sahen, schenkte ich ein fröhliches Lächeln und winkte.
"Sie freuen sich alle sehr, dich zu sehen."
"Gehen wir zu ihnen.", beschloss ich kurzerhand und er nickte.
Chris ließ meine Hand los und legte sie stattdessen auf meinen Rücken.
Mit dieser kleinen Geste führte er mich sozusagen zu ihnen.
Mit einer Verbeugung begrüßten sie mich schließlich in ihrem Kreis und auch ich senkte kurz meinen Oberkörper.
"Ly Kiara... Wie geht es Ihnen?", fragte mich eine der Naturgewandten schüchtern.
Sie trug in ihren Händen einen riesigen Korb mit Beeren und essbaren Blüten, den sie zögernd abstellte und mit ihren blauen Augen zu mir blickte.
"Es geht mir gut.
Bitte entschuldigt meine lange Abwesenheit."
"Sie müssen sich doch nicht entschuldigen!", entrüstete sich einer der Werwölfe, der langsam auf uns zukam und mir eine Verbeugung schenkte.
Er hatte dunkelbraunes Haar, welches an den Schläfen bereits leicht ergraut war und trug ein graues Leinenhemd sowie dunkelbraune, lederne Hosen.
"Trauer kennt weder Zeit, noch Gründe.", fügte er noch hinzu.
Dann streckte er mir seine Hand hin, die ich lächelnd ergriff.
"Ich bin Hace."
"Ly Kiara. Es freut mich sehr."
"Die Freude ist ganz meinerseits."
"Und ich bin Helena.", stellte sich eine etwas ältere Naturgewandte vor, die mir zitternd ihre alte, faltige Hand entgegen streckte.
Sie hatte sich in ein moosfarbenes Kleid gehüllt, welches zusammen mit ihrem silbergrauem Haar einen eigenartigen Kontrast hervorbrachte.
Lächelnd ergriff ich auch diese und drückte sie vorsichtig.
"Möchten Sie mit uns Essen?", fragte mich die alte Dame mit zittriger Stimme, in der ein wenig Hoffnung mitschwang.
Erwartungsvoll blickte sie mich aus silbergrauen Augen heraus an und deutete auf ein klein wenig gemüseartige Wurzeln, die sich in ihrem kleinen Körbchen befanden.
Hilfesuchend blickte ich zu Chris, der mir aufmunternd zunickte.
"Wenn es keine Umstände bereitet?", gab ich also zurück und sofort erntete ich ein eiliges Kopfschütteln.
"Aber nein! Ganz und gar nicht! Wir könnten Ihnen ja ein paar Spezialitäten von uns herbeizaubern."
"Das wäre sehr schön.", antwortete ich leise und brachte tatsächlich ein echtes Lächeln zustande, wenn es auch zaghaft war.
Ein wenig Gesellschaft und neue Gesichter würden mir vielleicht sogar gut tun.
"Kann ich euch bei den Vorbereitungen zu Hand gehen?", fragte ich die beiden Naturgewandten, die eilig mit ihren Köpfen verneinten.
"Wir erledigen das."
"Okay. Dann also bis später.", gab ich an sie gewandt zurück und beide tanzten beinahe zu der Feuerstelle vor ihren Häuschen.
"Wir sind sehr froh, dass es Ihnen wieder besser geht. Wenn Sie nichts dagegen haben, ein paar der anderen Wölfe und ich würden uns sehr gerne anschließen.", ließ Hace mich wissen.
Schnell bejahte ich.
"Es würde mich sehr freuen."
"Dann bis später, Ly."
Hace drehte sich um und war wenige Augenblicke mit anderen Werwölfen im Wald verschwunden.
Irgendwie mochte ich den Kerl.
"Und du ziehst das jetzt wirklich durch?"
Ich nickte.
"Es ist ja nur ein Essen.", fügte ich vorsichtig hinzu.
"Sie scheinen sehr glücklich darüber zu sein, für dich kochen zu dürfen."
Er nickte zu ein paar anderen Naturgewandten, die singend irgendwelches Gemüse klein schnitten oder Eimer gefüllt mit Wasser hin und her trugen.
Wiederrum andere schürten das Feuer oder winkten mir erfreut zu, besonders dann als sie hörten, dass ich heute wohl bei ihnen zu Gast war.
Auch Lorena gesellte sich zu uns und nickte mir zaghaft zu, ehe sie den anderen sofort zur Hand ging.
Lächelnd sah ich ihnen eine Weile zu und hatte sogar Alec für ein paar wenige Augenblicke vergessen können.
Als wir weiterziehen wollten, hörte ich ein jaulen und drehte mich grinsend zu Luke um, der in Wolfsgestalt auf uns zugeprescht kam.
Vor Chris und mir kam er schließlich zum stehen und verbeugte sich kurz zur Begrüßung.
"Ist alles in Ordnung?
Deine Wangen haben ja ein wenig Farbe!," lies er mich in Gedanken wissen und ich nickte.
"Bei euch auch?"
"Ja, wir liefen Patrouille.
Etwa dreißig Kilometer östlich haben wir eine eingetrocknete Feuerstelle gefunden, sonst verlief alles wie geplant."
"Konntet ihr denn ausmachen, wer das Feuer gelegt hat?"
"Ich weiß, worauf du hinauswillst, Ly.
Aber wir haben keine Spur von ihm gefunden."
Betrübt seufzte ich.
Aus den Augenwinkeln heraus merkte ich, wie Chris Luke einen mahnenden Blick schenkte.
Er befürchtete wohl, meine gute Laune könnte kippen und wieder an dem Tiefpunkt gefrieren.
Doch ich raffte meine Schultern und versuchte, nicht mehr allzu sehr darüber nachzudenken.
Heute sollte ein guter Tag werden, ein Tag voller Freude und neuer Eindrücke.
Lange genug hatte ich auf ihn gewartet und ich musste endlich akzeptieren, dass er nicht zurück kam.
Ich hatte es verdient, glücklich zu sein, trotz allem was ich verloren hatte.
Trotz aller, die ich ziehen lassen musste.
Also versuchte ich, mein strahlendstes Lächeln aufzusetzen und weiter vorwärts zu schlendern.
Chris warf mir einen besorgten Blick zu, doch ich schüttelte schnell meinen Kopf.
"Es ist alles okay.", sagte ich zu ihm in Gedanken.
Dann schnappte ich mir wieder seine Hand. Diese kleine Geste brachte ihm zum strahlen und kurzerhand drehte er mich einmal im Kreis.
Es wirkte beinahe spielerisch und grinsend ging ich darauf ein.
Kurz wirbelten wir gemeinsam über die Wiese, ohne Musik tanzend, und ich hörte weit hinter uns leises Gelächter.
Sie schienen uns wohl zu beobachten.
Luke verwandelte sich zurück in die Menschengestalt und klatschte ab.
Auch wir drehten ein paar Kreise, ehe wir stehen blieben und uns kurz verbeugten, als die Menge hinter uns anfing, in Beifall auszufallen und zu jubeln.
"Ich will auch!", hörte ich jemanden laut rufen; unser blonder Engel rannte über die Wiese zu uns und direkt in meine Arme hinein.
Kurzerhand hob ich sie hoch, mit beiden Händen ausgestreckt in der Luft, und als ich anfing, mich zu drehen, fing sie an zu kichern.
Ich übergab sie an Chris, der sie wild durch die Luft fliegen ließ und dann wieder auffing.
Beim letzten Mal erlaubte er sich einen Scherz und machte sich für uns unsichtbar, ehe er sie fing.
Mein Herz stolperte für diesen Moment kurz, doch als er sich wieder sichtbar machte und Tami vor lachen weinte, konnte ich nicht anders als meinen Kopf zu schütteln und mit zu lachen.
"Dürfen wir auch?"
Ein paar kleine Kinder in Tami's Alter gesellten sich zu uns.
Während die beiden Jungen sich mit ihren langen, lockigen Haaren, den silbergrauen Augen und den Stupsnasen wie ein Ei dem anderen glichen, hob sich das Mädchen mit den auffälligen, hellbraunen Locken und den vielen, kleinen Sommersprossen deutlich von ihnen ab.
Auch in der Kleidungswahl unterschieden sie sich:
Die beiden Jungen trugen ein dunkelgrünes, Hemdartiges Oberteil und kurze Hosen aus dunklem Leder,
während das Mädchen ein hellgelbes Kleid trug, welches an der Taille mit einer Efeuartigen Pflanze umrankt wurde.
Jedoch war der erwartungsvolle Blick, den sie uns nun schenkten, der selbe.
"Ja, klar!", antwortete ich also und schnappte mir sogleich das Mädchen, während Luke und Chris sich auf die Jungen stürzten.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Makena und Fauna mit ein paar der Kinder näher kamen, die neugierig zusahen und wohl auch mitspielen wollten.
Gemeinsam wirbelten wir sie abwechselnd durch die Luft und fingen sie wieder auf, drehten uns mit ihnen im Kreis und lachten.
Es fühlte sich für mich wie ein kleiner Befreiungsschlag an.
Wie der Hauch eines neuen Lebens.
Jetzt hatte ich die unvermeidbare Tatsache für mich akzeptieren können.
Alec blieb verschwunden.
Er würde nicht mehr zurück kommen.
