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Kapitel 1.2

Am Morgen wachte ich mit schwerem Kopf auf. Mein Herz hämmerte, als wäre ich die ganze Nacht durch einen dunklen Wald gerannt. Nichts hatte sich verändert: Jan war nicht zurückgekommen, Geld gab es nicht, und eine richtige Arbeit auch nicht. Dazu hatte Larissa Nikolajewna gestern angedeutet, dass sie „zuverlässige Mitarbeiter ohne persönliche Dramen“ brauchen. Und ich verstand: Hier halte ich nur noch die Zeit auf, während die Realität schon an die Tür klopft.

Ich blieb im Flur stehen und sah auf Jans beigen Mantel, der zerknüllt dalag. Als hätte er alles, was einmal uns gehörte, auf links gedreht. Mein Blick glitt zum alten Schrank, in dem ich zwei Wechsel-T-Shirts, ein paar Hosen, einen warmen Pullover und etwas Unterwäsche hatte. Ich seufzte. Wenn ich in den nächsten Wochen keinen Ausweg finde, werde ich wegen Mietschulden aus der Wohnung geworfen — die Vermieterin wird keine Nachsicht zeigen.

Und selbst wenn ich bleiben würde — was dann? Einen halben Tag in der Bibliothek, ein Gehalt, das kaum reicht. Meine Schwester hilft nicht, sie hat selbst genug Kinder. Allein schaffe ich dieses Moskau nicht. Nicht jetzt. Nicht in meinem Zustand.

Einatmen, ausatmen. Ich nahm die Tasche unter dem Bett — genau die, mit der ich damals in die Hauptstadt gekommen war. Warf sie mir über die Schulter und ging durch die Zimmer. Ein paar Pullover, Jeans, etwas Unterwäsche, eine Bürste — das war mein ganzes Gepäck. In der Küche blieben ein paar Teebeutel, aber ich rührte sie nicht an. Fast schon lächerlich — als würde ich etwas „für später“ zurücklassen.

Als alles gepackt war, spürte ich plötzlich eine seltsame Leichtigkeit. Als hätte ich meinen Stolz losgelassen, meinen Trotz, mein „ich schaffe das allein“. So lange hatte ich mich für mein Dorf geschämt, und jetzt lief ich dorthin zurück — mit eingezogenem Schwanz. Aber ich habe ein Kind, und ich kann mir keinen Stolz leisten, wenn ich Gefahr laufe, auf der Straße zu landen.

Ein Taxi zum Bahnhof. Die graue Stadt zog am Fenster vorbei. Mein Herz zog sich zusammen, als wir an der Bank vorbeifuhren, auf der wir einmal Piroggen gegessen und gelacht hatten, uns die Krümel von den Lippen wischend.

Am Bahnhof — abgestandene Luft, ein abgenutzter Bus, leere Blicke genauso erschöpfter Menschen. Ich kaufte ein Ticket in mein Heimatdorf. Setzte mich ans Fenster. Die Straße war lang und holprig, aber ich spürte das Ruckeln kaum. Meine Gedanken waren ganz woanders.

Ich schloss die Augen, lehnte die Stirn an die Scheibe und flüsterte:

— Mama, ich komme nach Hause.

Der Bus hielt an einer kleinen Station am Rand des Dorfes. Ich stieg aus und hielt die Tasche mit beiden Händen fest. Die Luft roch nach feuchter Erde, nach Pappelflaum und etwas schmerzlich Vertrautem. Die Bäume beugten sich über die schmale Straße, als hätten sie auf mich gewartet.

Das Haus meiner Mutter stand noch immer da — der schiefe Zaun, die abgeblätterte Farbe auf der Veranda. Aber in den Fenstern brannte Licht. Ich ging näher, blieb stehen, wagte es nicht zu klopfen. Dann öffnete sich die Tür von selbst.

— Olesja… — Mama. Im Morgenmantel, barfuß, mit einem verwirrten Gesicht. — Du… bist gekommen…

Ich nickte und konnte kein Wort sagen. Ich drückte nur meine Wange an ihre, wie früher, wenn ich Angst vor Gewitter hatte.

— Lässt du mich rein? — flüsterte ich.

— Natürlich, mein Kind… komm rein…

Das Haus roch nach frischem Brot, getrockneten Kräutern und Geborgenheit. Mama setzte mich in die Küche, stellte den Wasserkocher auf, schnitt einen Kuchen an. Dann setzte sie sich mir gegenüber und fragte:

— Was ist passiert?

Und ich erzählte alles. Wie er gegangen war. Wie er mich genannt hatte. Wie er geschwiegen hatte. Wie ich herumgelaufen war, Arbeit gesucht hatte, versucht hatte zu atmen. Wie meine Schwester mir geraten hatte, das Kind loszuwerden. Wie ich irgendwann verstand — das war’s. Ich halte nicht mehr durch. Und das Einzige, was ich jetzt kann — ist zurückzugehen dorthin, wo man auf mich wartet.

Mama hörte schweigend zu. Nur in ihren Augen lag so viel Schmerz, als würde sie alles mit mir durchleben. Als ich fertig war, nahm sie meine Hand, drückte sie fest und sagte:

— Du bist stark, Olesja. Du schaffst das. Und hier… hier wird dir niemand sagen, dass du eine Glucke bist. Hier bist du meine Tochter. Und du bist nicht allein.

Und in diesem Moment erlaubte ich mir endlich zu weinen. Wirklich zu weinen. Ohne Scham. Ohne Zurückhaltung.

Weil zum ersten Mal seit Tagen jemand neben mir war, der mich liebte. Nicht wegen meiner Zöpfe, nicht wegen meines Lachens, nicht wegen irgendwelcher Träume von der Stadt.

Sondern einfach — weil ich da bin.

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