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Kapitel 4 – Die brennende Flucht

Elena

Der Dreh zieht sich. Das Drehbuch wird dunkler, viszeraler. Jeden Tag muss ich mich ein Stück mehr entblößen, um Juliette zu verkörpern. Und jeden Tag fällt es mir schwerer, die Figur zu verlassen, sobald die Kameras ausgehen.

Aber die Wahrheit ist, dass ich nicht Juliette nicht verlassen kann. Es ist er.

Noah.

Seit er mir aus dem Weg geht, fühle ich mich wie ein wildes Tier in einem Käfig. Jedes Schweigen zwischen uns ist ein Stich ins Herz. Jede gespielte Szene ist eine köstliche Qual. Er ist nur wenige Zentimeter entfernt, sein Atem auf meiner Haut, seine Augen in meinen, und doch zieht er sich zurück. Er beherrscht sich. Er weicht mir aus.

Aber er kann mich nicht auslöschen.

So wenig wie ich ihn vergessen kann.

Heute Abend steht eine entscheidende Szene an. Juliette verlässt Ethan, unfähig, das zu akzeptieren, was sie für ihn empfindet. Es ist eine Abschiedsszene, voller unterdrückter Wut, roher Schmerzen. Und ich fürchte mich genauso sehr, wie ich auf den Moment warte.

Ich bin hinter der Bühne, mein Hals ist eng. Der Regen prasselt gegen die Fenster des Sets. Ein Blitz zuckt durch den Himmel, und ich zucke zusammen.

Er tritt ein.

Noah.

Heute braucht er kein Make-up. Seine echte Müdigkeit, seine Augenringe, seine Anspannung passen perfekt zur Szene. Er bleibt vor mir stehen. Sieht mich an. Lange.

— Bist du bereit? flüstert er.

Ich nicke. Aber das ist nicht wahr. Ich bin durcheinander. In Flammen. Entzugserscheinungen.

Wir finden unsere Positionen. Die Kamera läuft. Und alles explodiert.

— Du kannst nicht einfach so gehen, schreit Ethan. Sag mir, dass das nicht nur eine Szene ist! Sag es!

Ich weiche zurück. Mein Atem ist hastig. Meine Tränen sind nicht gespielt.

— Es ist nur eine Rolle, sage ich mit zitternder Stimme.

Er packt mich am Handgelenk. Sein Griff ist echt. Ich spüre seine Finger, die gegen meine Haut brennen.

— Du lügst.

Unsere Blicke verflechten sich. Meine Lippen öffnen sich, bereit zu schreien. Ihn zu küssen. Ihn zu schlagen. Alles auf einmal.

Und ohne nachzudenken, ohne die Kameras, die Lichter, die Anweisungen des Regisseurs zu hören, gebe ich nach.

Ich werfe mich gegen ihn.

Unsere Münder finden sich, endlich.

Ein wilder Kuss. Fieberhaft. Unkontrollierbar.

Seine Hände umklammern meine Taille. Meine vergraben sich in seinem Nacken. Wir spielen nicht mehr. Nicht jetzt. Es sind nicht mehr Juliette und Ethan. Es sind Elena und Noah.

Die Kamera läuft weiter. Aber es gibt keine Zuschauer mehr.

Es gibt nur uns.

Als wir uns schließlich, atemlos, voneinander lösen, fällt die Stille. Absolut.

Der Regisseur bleibt wie erstarrt. Die Techniker wenden den Blick ab. Niemand wagt es zu sprechen.

— Schnitt… murmelt schließlich der Regisseur, als würde es ihm schwerfallen.

Ich weiche zurück, keuchend. Ich zittere. Noah sieht mich an, als würde er mich nicht mehr erkennen. Als würde er sich selbst nicht mehr erkennen.

Ich fliehe.

Ich renne durch die Gänge des Studios, unfähig zu atmen, zu denken. Mein Kleid klebt an meiner Haut. Ich öffne zufällig eine Tür. Ein Technikraum. Ich trete ein. Schließe die Tür. Ich sinke gegen die Wand.

Mein Herz schlägt so laut, dass es mir schwindelig wird. Ich lege meine Finger auf meine Lippen. Ich spüre noch immer seinen Geschmack. Sein Fieber. Diese Hitze.

Was haben wir gerade getan?

Was habe ich getan?

Er tritt ein.

Ich habe ihn nicht gehört. Aber ich spüre es. Wie immer.

Er schließt die Tür. Unsere Blicke kreuzen sich. Und dort, in der Stille dieses engen Raumes, kippt alles.

Er tritt vor. Einen Schritt. Dann einen weiteren.

Ich bewege mich nicht.

Er hebt die Hand, streicht über meine Wange. Ich schließe die Augen. Ich zittere.

— Es tut mir leid, murmelt er.

Ich öffne die Augen wieder. Ich sehe seine Angst. Sein Verlangen. Seine Verwirrung.

Ich schüttle den Kopf.

— Nein. Nicht leid.

Und diesmal bin ich es, die die Grenze überschreitet.

Ich küsse ihn.

Langsam. Tief. Sein Mund umschließt meinen in einem unterdrückten Stöhnen. Unsere Körper suchen einander, pressen sich aneinander. Mein Bein gleitet zwischen seine. Seine Hände wandern über meine Hüften. Meine reißen sein Hemd auf, ohne nachzudenken.

Er drückt mich sanft gegen die Wand. Unsere Atemzüge vermischen sich. Unsere Kleider werden zu Hindernissen. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wo ich bin. Es gibt nur ihn. Seine Haut gegen meine. Seine raue Stimme in meinem Ohr.

— Elena…

Dieser Name auf seinen Lippen ist ein Feuer, das mich verzehrt. Eine süße Verdammnis.

Ich will ihn unterbrechen. Zum Schweigen bringen. Mit meinen Lippen. Meinem Körper. Meinem Verlangen.

Und ich tue es.

Als alles sich beruhigt, als der Sturm endlich nachlässt, bin ich in seinen Armen. Zitternd. In einer anderen Weise nackt. Mehr als ein Körper, habe ich ihm meine Seele geschenkt.

Ich habe keine Angst vor ihm. Ich habe Angst vor uns.

Er streichelt sanft meinen Rücken.

— Das war nicht geplant, murmelt er.

— Ich weiß.

Ein Schweigen.

— Und jetzt?

Ich schließe die Augen.

— Jetzt machen wir weiter, als wäre nichts passiert.

Er erstarrt. Aber er versteht. Er insistiert nicht.

Ich ziehe mich langsam wieder an. Er hilft mir, mein Kleid zuzuknöpfen. Seine Geste ist zärtlich. Sanft. Zu sehr.

Bevor er geht, nimmt er meine Hand.

— Es war echt, Elena.

Das weiß ich. Genau darum muss ich ihn vergessen.

Ich komme spät nach Hause. Gabriel wartet auf mich. Sitzt im Wohnzimmer. Sein Blick ist durchdringend.

— Hattest du einen guten Tag? fragt er mit neutralem Ton.

— Erschöpfend.

Er mustert mich lange. Ich wende den Blick ab.

— Du siehst… verändert aus.

— Das ist die Müdigkeit, lüge ich.

Er steht auf. Streift mich. Hält hinter mir an.

— Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn man mich anlügt, Elena.

Ein Schauer läuft über meinen Rücken.

Ich bin zwischen zwei Männern gefangen. Zwei Welten. Zwei Wahrheiten.

Und nur ein Verlangen.

Noah.

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