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Kapitel 7

   »In einer halben Stunde habe ich Feierabend. Ich habe George dazu überreden können, denn unser Erscheinungsbild auf der Feier ist ihm ja auch wichtig.« Blair grinste mich an und half im nächsten Moment einer Frau weiter, die sich nicht ganz zurechtfand und nun den Rat von der Empfangsdame brauchte.

   »Drittes Stockwerk, Büro 327.« antwortete sie der Frau.

   Diese nickte höflich. »Dankeschön.« Dann verschwand sie und ließ Blair und mich wieder alleine.

   »Ich fahre dann noch einmal schnell nach Hause und mache mich frisch. Soll ich dich an deiner Wohnung abholen?« fragte ich sie.

   »Ja, das wäre super. Bis später.« Ich warf ihr einen Kuss zu und schon war ich draußen, schloss mein Auto auf und fuhr nach Hause.

   Meine Eltern waren arbeiten und Ryan war komischerweise nicht da. Hatte Dad ihn wirklich gefeuert?

   Bis auf Josie fand ich mich zuhause alleine wieder. Sie war gerade dabei, den Boden meines Zimmers zu wischen, als ich hereintrat.

   »Oh, Mist!«, verfluchte ich mich, als ich einen Fußabdruck auf dem feuchten Boden hinterließ.

   Josies Kopf schoss in die Höhe und sie erblickte mich. Im nächsten Moment lächelte sie. Ihre braunen, schulterlangen Haare waren zu einem Knoten zusammengebunden und sie trug eine weiße Schürze über ihrem Blümchenkleid.

   »Kathryn, warum bist du schon so früh wieder zuhause? Hätte ich das gewusst, hätte ich dein Zimmer schon Stunden vorher gewischt.« Sie verlor ihren freudigen Ausdruck nicht, als sie den Fußabdruck beseitigte und ihre Arbeit dann weiter machte.

   »Blair und ich gehen heute Kleider kaufen.«, verkündete ich.

   »Blair ... deine Kollegin, stimmt's?«

   »So kann man es auch sagen. Wir sind sehr gute Freunde.« Ich lächelte. »Beste Freunde, eigentlich.«

   »Oh, na dann. Für welchen Anlass braucht ihr Kleider? Ist es etwa für die Schlagzeile der Tageszeitung?« Sie machte eine Handbewegung in der Luft, die ausdrücken sollte, wie verbreitet dieses Thema war.

   »Du ließt Zeitung?«, ich lachte, »Und ja, wenn wir die selbe Schlagzeile meinen. Die Whittmore-Feier.«

   »Genau die meine ich.«

 

   Ich klingelte an Blairs Wohnung und wartete auf sie.

   Keine zwei Minuten später kam sie heraus und umarmte mich. »Los geht's!«, sagte sie und wir stiegen gemeinsam in mein Auto.

   »Hast du schon eine Vorstellung, wie dein Kleid aussehen sollte?«, fragte ich Blair während der Fahrt.

   Sie schien zu überlegen. »Ich hätte gerne etwas Rotes oder Blaues. Also eine dieser Farben müssen es unbedingt sein, aber die Form und alles drum herum weiß ich noch nicht. Und du?«

   »Ich bin für alles offen.« Ich zuckte mit den Schultern.

   »Dann kann ich dir ja helfen!«, kreischte sie. Blair liebte es, mich im Thema Klamotten zu navigieren, damit ich mich mal etwas gewagtes traute und aus meiner Comfort-Zone herauskam.

   Ich rollte mit den Augen. »Heute, ausnahmsweise, weil wir mit dem Shoppen echt spät dran sind. In zwei Tagen ist schon die Feier.«

   »Ich weiß, ich bin nicht vollkommen blöd.«

   »Ach echt?« Wir lachten, als ich in eine Parklücke fuhr.

   Nachdem wir ausgestiegen waren, gingen wir direkt in die überfüllte Innenstadt und ließen uns im Strom der Menschen treiben.

   »Kat, dort müssen wir rein!« Blair packte mich am Arm und zog mich nach rechts in ein Geschäft hinein. Mir kam der Geruch von Chemikalien entgegen und ich rümpfte unwillkürlich die Nase.

   »Hier kaufe ich auf keinen Fall ein. Die Sachen stinken, wie ein Chemielabor und kosten wahrscheinlich nur zehn Euro. Mein Kleid soll etwas Besonderes für die Feier sein.«

   Genervt stöhnte Blair auf und ließ sich von mir wieder aus dem Laden ziehen.

   Würde der Schwerpunkt der Produktionen von Whittmore Industries nicht bei moderner Alltagskleidung, sondern bei festlichen Kleidern liegen, hätte ich mich bereits an diesen vergriffen. Doch da dem nicht so war, war ich auf die heutige Shoppingtour angewiesen.

   Ein paar Geschäfte weiter befand sich eine kleine Boutique mit heller Fassade. Rosa Akzente, wie Schilder oder Wandbemalungen waren hier nicht selten, was den Laden sehr einladend und gemütlich machte.  Dort gingen wir beide freiwillig rein.

   Anders als im letzten Geschäft stieg mir der Geruch eines süßen Parfüms entgegen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es einen so toll riechenden Raumduft gab, weshalb es ein Parfüm gewesen sein musste.

   »Schau mal da!« Mit dem Finger zeigte ich auf ein ärmelloses Kleid. Es war hellrosa - ein weiterer Ladenakzent. Der Stoff floss gerade an der Puppe herunter und war um die Taillie herum durch einen feinen Gürtel enger. Mir gefiel es ganz gut, denn es zeigte nicht zu viel Haut und war fast bodenlang.

   »Auf gar keinen Fall! Du brauchst etwas Auffallendes und nicht so ein Omakleid. Es würde deine Figur kaum betonen!« Sie packte sich mein Handgelenk. »Hier werden wir niemals die richtigen Kleider für uns finden!«

   »Aber-«

   Sie hatte mich bereits nach draußen gezogen und schleifte mich hinter sich her.

   »Hier gehen wir rein.«, sagte Blair bestimmerisch und ich war nun ihr persönliches Schlepptau.

   Ich fand uns in einem Laden voller gewagter Klamotten wieder. Blair grinste.

   »Oh Gott, bitte nicht.«, murmelte ich.

   »Oh doch.« Und schon war sie auf ein hellblaues Meerjungfrauenleid zugelaufen. Ab der Kniekehle fing der enge Stoff an, lockerer zu werden und hatte auf der linken Seite einen Schlitz, sodass man bei der richtigen Gelegenheit den Blick auf das nackte Bein werfen konnte.

   Blair schaute neben die Puppe, die das Kleidungsstück trug, wo sich eine Stange mit vielen Bügeln und den selben Kleidern in verschiedenen Größen befanden.

   Davon schnappte sie sich eins und mir stach im nächsten Moment ein rotes Kleid ins Auge.

Ich grinste als ich an Blairs Worte dachte: »Ich hätte gerne etwas Rotes oder Blaues.« 

   Das Kleid hing auf der gegenüberliegenden Seite des Hellblauen. Trotz dessen, dass es nicht von einer Puppe getragen wurde, erkannte ich seine Trageform. Es war in einem satten roten Stoff, der von der Brust bis zur Taillie aus einem glitzernden Korsett bestand. Das Korsett endete in einer V-Form und verlief vorne in großen Wellen bis zu den Knien. Hinten würde es bis zu den Knöcheln reichen. Ich fand es wunderschön, aber glaubte nicht, dass es mir stand, dafür aber meiner Freundin. Diese kam auch schon auf mich zu, als ich das Kleid in ihrer Größe herausfischte.

   Ich hielt es ihr vor die Nase. »Hier, das musst du anprobieren!«, forderte ich sie auf.

   »Und du musst das anziehen!« Sie drückte mir das hellblaue Kleid gegen die Brust. »Übrigens, das hast du wirklich gut ausgesucht. Ich wollte unbedingt einen Herzausschnitt.«

   Ich lachte. »Ich hab's halt drauf.« Dann hielt ich den blauen Stoff vor mich und betrachtete die weiße Spitze, die vom oberen engen Teil wie ein Gewächs den Übergang zum lockeren Stoff ankündigte. Eigentlich sah es wundervoll aus, aber der Schlitz und das schulterfreie Oberteil ließen mich mängeln.

   »Ich weiß nicht, ob ich das wirklich tragen sollte, es ist so-«

   »Ich finde, du solltest es anziehen.«, ertönte plötzlich eine männliche Stimme ganz dicht hinter mir. So tief, so rau, so bekannt.

   Blairs schockierter Blick ...

   Colyn.

   Was machte er hier? Stellte er mich etwa?

   »Oh Gott!« erschrak ich und machte einen Satz nach vorne, um ihm nicht mehr so nahe zu stehen, doch dann bemerkte ich, dass er angenehme Wärme ausgestrahlt hatte, die ich nun vermisste, als ich sie nicht mehr fühlte. Wieder rückwärts gehen und mich an ihn schmiegen konnte ich aber leider nicht mehr. Das befand sich unter meiner Würde.

   Sein rauchiges Lachen hallte in meinem ganzen Körper wieder und wie immer erschauderte ich.

   »Wir hatten auch vor, das jetzt anzuprobieren. Aber alleine. Oder hattest du vor, mit in die Umkleidekabine zu kommen?«, giftete sie und wir wussten alle drei, was sie mit ihrem Satz bewirken wollte.

   Blair war eine tolle Freundin. Anfangs hatte sie ihm keine seiner Taten übelgenommen, aber als ich ihr meine Meinung gesagt hatte, habe ich sie damit wohl tief genug getroffen, dass sie ihre eigene überdachte. Diese überdachte Version ihrer Meinung vertrat sie auch gerade, nur wusste sie nicht, dass ich um einen Prozent weniger sauer auf ihn war. Ich sollte mich dafür schämen.

   Colyns Miene verdunkelte und er verkrampfte sich. »Musste das jetzt sein?«

   »Jap.« Blair verschränkte ihre Arme vor der Brust.

   »Es würde dir gut stehen, Kathryn.« Colyn zeigte auf das Kleid in meinen Händen und ignorierte die schwarzhaarige.

   »Colyn-«

   »Nein, das reicht. Wir gehen.« Blair schnappte sich meine Hand und zog mich zu den Kabinen.

   Sie ging stürmisch in eine hinein und ich blickte einmal kurz zu Colyn zurück und ging dann in die neben meiner Freundin.

   Ich entledigte mich meiner Kleidung und schlüpfte in das Kleid. »Blair?«, erkundigte ich mich und hoffte, sie hatte mich über die Kabinenwände hinweg hören können.

   »Ja?«, vernahm ich ihre gedämpfte Stimme.

   »Bist du fertig? Kannst du mir das Kleid hinten zumachen?«, fragte ich sie.

   »Ja. Komm raus.«

   Also hielt ich mir mein Oberteil vorne fest und schob den dicken Vorhang beiseite. Blair stand fertig in ihrem Kleid vor mir - es war hinten bereits verschlossen - und ich staunte.

   »Wow, Blair, das sieht atemberaubend aus! Es steht dir perfekt.«

   »Danke.« Sie war geschmeichelt, drehte mich an den Schultern um und verschloss mein Kleid. In der Zeit ließ ich meinen Blick im Laden umherfliegen und konnte zufrieden feststellen, dass Colyn bereits verschwunden war.

   Als Blair fertig war, drehte ich mich wieder zu ihr. Sie zog stark die Luft ein. »Du siehst hammerscharf aus, Kat, woah!«

   Ich lachte. »Dann kann ich das wohl nicht anziehen.«

   »Doch, du musst, sonst gebe ich dir eins von meinen Kleidern und die sind noch schlimmer!« 

   »Okey, überredet. Aber du musst wissen, ich will das nicht.« Einerseits hätte ich das Kleid am Liebsten von meinem Körper gerissen, denn es war nicht gerade sehr gemütlich und viel zu figurbetont, aber andererseits, als ich mich im Spiegel betrachtete, fand ich mich wirklich schön. Mein Bein kam mit jedem Schritt zum Vorschein und meine Hüfte schwang dabei hin und her. Doch dann bemerkte ich unglücklicherweise, dass es mir an der Taillie zu groß war und bei einer Größe kleiner würde es mir an der Hüfte nicht passen, da war ich mir sicher.

   Wie konnte mir das nicht schon eher aufgefallen sein?

   »Wenn Dean das erst sieht!«, schwärmte meine Freundin und ließ meine Stimmung damit augenblicklich in den Keller fahren.

   Ich erinnerte mich daran, dass ich ihr die Nachricht noch nicht mitgeteilt hatte. »Blair ... das mit Dean und mir ist aus.« Verlegen schaute ich auf meine Füße. 

   »Wie, aus?« Sie hatte in der Bewegung, die mein Kleid unterstreichen sollte, innegehalten und ihre Mundwinkel fielen nach unten.

   »Vorbei halt.«

   »Vorbei.«, echote sie, »Warum?«

   Ich erklärte ihr all das, was ich auch Cayla gesagt hatte. Bei dem Gedanken erzählte ich ihr auch von unserer gemeinsamen Freundin und das lockerte unsere Stimmung wieder auf. Cayla war wieder da und das machte uns beide sehr glücklich.

   »Und warum hat Colyn dich vorhin angesprochen? Seit wann duzt ihr euch?« Sie hob eine Augenbraue.

   In dem Moment realisierte ich, dass wir immer noch mit unseren Kleidern vor den Kabinen standen.

   »Wir sollten uns umziehen.«, lenkte ich vom Thema ab.

  »Danach erzählst du's mit aber!«

   »Jaja, mach mir bitte mein Kleid wieder auf. Und ich muss es leider hier lassen, es ist zu groß.« Ich zeigte Blair die betroffene Stelle.

   Sie nickte enttäuscht. »Dann müssen wir wohl gleich noch woanders rein.«

 

   »Also ... ähm ...« Ich wusste nicht, wie oder wo ich anfangen sollte, als wir den  Laden gerade verlassen hatten.

   »Also gibt es da wirklich etwas zwischen dir und Colyn, das ich wissen sollte.«, stellte sie fest.

   »Nein.«

   Sie strich sich eine schwarze Strähne hinters Ohr und wartete auf mehr, als ein Nein.

   Ich seufzte. »Wir haben in letzter Zeit halt hin und wieder geredet.« Mir fiel auf, dass ich Colyn eigentlich überhaupt nicht kannte. Zu meiner Schulzeit hatte ich nur mit Cayla zu tun - nie mit Colyn. Und in der Zeit vor seinem Gefängnisaufenthalt habe ich auch nicht viel mehr über ihn erfahren, als ich es jetzt tat.

   »Aha.«

   Dann klingelte mein Handy. Als ich es aus meiner Tasche holte und auf den Bildschirm schaute, stand dort »Unbekannt«.

   »Wer ist es?« fragte Blair augenrollend, da dieser Jemand unser Gespräch unterbrach.

   Ich zuckte mit den Achseln und zeigte ihr den Bildschirm. Während ich den Anruf annahm, bewegten wir uns in die Richtung einer ruhigeren Seitengasse, damit ich die Person auch verstehen konnte.

   »Hallo?« fragte ich den Unbekannten.

   »Hallo, Kathryn«, ertönte es von der anderen Seite des Hörers.

   »Colyn.«, stellte ich fest und schaute Blair an, die drauf begann, sich genervt ihre Schläfen zu massieren.

   »Hundert Punkte.« Er lachte rau auf. »Und, hat das Kleid gepasst?«

   »Nein.«, sagte ich stumpf. Mehr sollte ihn nicht angehen.

   Woher hatte er eigentlich meine Nummer? Zu erst tauchte er in dem Geschäft auf, in dem ich mich befand und dann rief er mich an. Stalker!

   »Also hast du es nicht gekauft?«

   Ich nickte, merkte dann, dass er diese Geste nicht mitbekommen konnte und gab schließlich ein bloßes »Hmm« von mir.

   »Du gehst jetzt zurück in das Geschäft und kafust dir dieses Kleid.«

   »Es hat mir nicht gepasst, verstehst du das nicht?« Ich schaute ich zu Blair, doch die beschäftigte sich gerade mit ihrem Handy und war sichtlich angenervt. 

   »Ich habe eine persönliche Schneiderin. Auf meinen Wunsch kann sie dir das Kleid umsonst umnähen, also gehst du jetzt und kaufst es.«

   »Ich kann dieses Angebot nicht annehmen, Colyn.« Eigentlich konnte ich doch und außerdem es war meine letzte Hoffnung, denn bis jetzt hatten wir kein anderes Kleid gefunden und bis morgen war das Sortiment auch nicht gewachsen. »Und außerdem dauert das lange.«

   »Sie schafft das in wenigen Stunden, glaub mir. Ich will dieses Kleid an dir sehen.«

   Bei diesen Worten begann mein Herz zu flattern und meine Brust fühlte sich schwerelos an. »W-warum?« 

   »Weil ich mir dich nicht nur darin vorstellen will. Mach Hinne, bevor die Geschäfte schließen. Komm dann zu mir, um es mir mit deinen aufgeschriebenen Maßen abzugeben. Ich werde es meiner Schneiderin überreichen und wenn sie fertig ist, bringe ich es dir am Montag noch rechtzeitig wieder vorbei. Ich habe ja jetzt deine Nummer, also kann ich dir auch meinen Standort schicken.«

   Ich wollte fragen, woher er meine Nummer überhaupt hatte, verschob das aber auf den Moment, wenn ich ihm das Kleid abgeben würde.

   Er hatte mich überredet.

   »Okey.«, gab ich mich geschlagen. »Bis nachher.« Dann legte ich auf.

   »Bis nachher?!« Blair war außer sich.

   Ich war ihr wohl eine Erklärung schuldig.

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