Kapitel 6
»Was machst du hier um diese Uhrzeit alleine?«, fragte mich Cayla und öffnete von innen die Beifahrertür. Sie bedeutete mir, mich ins Auto zu setzen, was ich dann auch tat.
Ich schloss die Tür wieder und schnallte mich an. »Nichts, ich habe bloß meine Zeit vertrieben.«
»Ach komm, du kannst mir alles erzählen, das weißt du!« Die Brünette startete den Motor und schaute mich mit ihren blauen Augen, die sie mit ihrem Bruder teilte, erwartungsvoll an.
Cayla, die ich - genau wie ihre Geschwister - bereits seit meiner Schulzeit kannte, konnte ich alles anvertrauen. Seit der Verhaftung ihres Bruders haben wir aus einem unerklärlichen Grund den Kontakt verloren. Sie kam nicht mehr bei Whittmore Industries zu Besuch und in unserer Freizeit trafen wir uns nicht. Das Geschehen hatte einfach alles verändert.
Wir waren zusammen mit Blair sehr gut befreundet gewesen. Dann tauchte Cayla ab und Blair und ich blieben übeig.
Wahrscheinlich war Cayla die Sache mit ihrem Bruder peinlich gewesen. Sicherlich war es sehr herunterziehend, durch die Straßen zu laufen und von allen angestarrt zu werden, obwohl man selbst nichts getan hatte.
»Ich fahr dich mal nach Hause. So lange erzählst du mir, was du jetzt noch hier draußen machst.«
»Ich war kurz unterwegs. Mit deinem Bruder.«, gestand ich ihr.
»Colyn?«, fuhr sie erschrocken zu mir herum.
»Nein, um Gottes Willen!« Meine Augen weiteten sich und im nächsten Moment musste ich leise über meine Reaktion lachen. Ich tat wie von der Kugel getroffen, sodass sie unter keinen Umständen hätte erahnen können, dass ich Colyn bereits sehr nah gegenüber gestanden hatte. Viel zu nah, für meine Verhältnisse.
»Gut.« Sie war sichtlich erleichtert, was mich etwas traurig machte. Colyn und sie standen sich früher sehr nahe. Jeder hätte wahrscheinlich für den anderen getötet. Okey, vielleicht nicht getötet, aber etwas, das harmloser ist.
Sie haben sich alles erzählt und waren ein wunderbares Musterpaar von Geschwistern.
Cayla war in meinem Alter und hatte somit auch nur zwei Jahre mit Colyn Unterschied. Doch dieses Alter fühlte sich zwischen den beiden, als ich sie immer zusammen sah, so schwerelos an. So unbedeutend. Es war, als wären sie Zwillinge oder die aller besten Freunde. Unzertrennlich.
Ich sah stets die Bilder vor meinem inneren Auge, wie die beiden lachend aus dem Fahrstuhl stiegen und Colyn direkt schon den nächsten Witz erzählte, obwohl seine Schwester sich noch vom vorherigen vor Lachen krümmte.
Bei dem Gedanken musste ich grinsen, was jedoch verflog, als Cayla weiterredete und mich zurück in die Realität holte.
»Also war es Dean. Warum habt ihr euch hier draußen getroffen und worüber habt ihr geredet?«
»Cayla-«, sagte ich vorsichtig, doch sie stellte einfach weitere Fragen.
»Wie lange seit ihr noch gleich zusammen? Zwei Jahre, richtig? Ich freue mich total für-«
»Cayla, ich habe Schluss gemacht.« Ich schaute runter auf meine Hände, die ich in meinem Schoß faltete.
»Wie bitte, was?« Abrupt machte sie eine Vollbremsung. »Mist!«, fluchte sie, kontrollierte, ob jemand hinter uns fuhr und konzentrierte sich dann wieder auf mich. »Warum?«, fragte sie vorsichtig.
»Es lief einfach nicht mehr gut und irgendwann müssen meine Gefühle für ihn wohl nachgelassen haben.«
Ich schämte mich etwas davor, dies nun vor ihr auszusprechen, da Dean der einzige Bruder war, den sie noch einigermaßen mochte. Nun verabscheute sie Colyn für seine Tat und erkannte das Gute in Dean, was bei mir wahrscheinlich komplett anders herum war. Nicht, dass ich tatsächlich Gutes in Colyn sah. Er war nur freundlicher als befürchtet. Zu mir. Nicht zu seinem Vater.
Ich begann schlechte Sachen, wie Gewalt, in Dean und gute Sachen, wie Höflichkeit, in Colyn zu sehen.
Vom Zweiten konnte ich sie schlecht überzeugen, aber dafür vom Ersten.
»Und außerdem ist er gewalttätig geworden.« Ich hielt ihr mein Handgelenk hin und sie blieb bei diesem Anblick erneut perplex auf der dunklen und unbefahrenen Straße stehen. Mit beiden Händen - eine an meinem Unterarm und eine an meiner Hand - packte sie mich und zog die Stelle mit den roten Flecken so nah an ihr Gesicht heran, als wollte sie meinen Arm mit ihrem Blick röntgen.
»Das gibt's doch nicht!«, schnaubte sie aufgebracht. »Du könntest ihn dafür anzeigen, das weißt du, oder?«
»Himmel, nein!« Ich entzog ihr mein Gelenk. »Nicht für sowas. Er war bloß über die Trennung aufgebracht. Das wäre ich auch, ich wäre auch wütend.« Nein, wäre ich nicht, ich wäre einfach am Boden zerstört.
»Du hättest geflennt, Kat.« Cayla hob skeptisch eine Augenbraue und fuhr dann wieder los, als sie den Blick von mir abgewandt hatte. Sie kannte mich einfach zu gut.
»Ich weiß, aber nicht bei Dean. Nicht mehr.«
»Sondern? Bei wem würdest du dann weinend am Boden liegen?«, fragte sie nach, als ob es jemanden geben würde, bei dem ich so reagiert hätte.
»Bei meinem späteren Traummann halt.«, sagte ich nicht besonders interessiert an diesem Gesprächsthema. »Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?«
»Ich brauchte eine Auszeit von all dem hier; Erinnerungen die mich zu dem Zeitpunkt zerfraßen und vor allem Colyn. Den brauchte ich aus meinem Gedächtnis und war deshalb in Portland. Weit genug, um dem ganzen unerwünschten Ansehen aus dem Weg zu gehen.«
Ich verdrängte den Gedanken an ihren Bruder, den sie nicht ausstehen konnte, und fragte mich lieber, warum sie nicht lieber nach Sacramento oder San Francisco gefahren ist. Portland war drei mal so weit entfernt.
»Du warst bestimmt nicht alleine in Portland um deinen kopf freizukriegen und dich auf andere Gedanken zu bringen.«, gab ich schließlich vielsagend von mir, um auf ihr Liebesleben einzugehen.
»Du hast Recht!« Sie lachte und ich ergatterte einen Blick von ihr. »Ich war mit Josh dort. Ja, wir haben unsere gemeinsame Zeit genossen.«
»Josh ...«, ich überlegte, »Wer war das noch gleich?«
Sie kicherte. »Der braunhaarige Junge, der eine Stufe über uns war in der Highschool. Er war im Footballteam. Joshua Andrews heißt er.«
»Andrews! Sag das doch gleich!« Mein Mund formte sich zu einem breiten Grinsen. »Wie war er?« Meine Stimmlage verriet, worauf ich anspielte.
»Göttlich!«, stöhnte sie und im nächsten Moment wurden ihre Augen tellergroß. »Oh Gott, hab ich das gerade wirklich gesagt?« Sie sah mich erschrocken an.
»Jap, hast du.«
Wir lachten und ich fragte sie, seit wann sie wieder in Hollywood war. Sie sagte, dass niemand außer mir bisher von ihrer spontanen Ankunft wusste. Josh, der in Beverly Hills lebte - was nur knappe zwanzig Minuten von uns entfernt war - war noch einmal zu seiner Wohnung gefahren, um seinen Koffer auszupacken und sich auszuruhen.
»Zur fünfzig-Jahre-Feier sollte er wieder in Hollywood sein und wird mit mir in meinem Apartment wohnen.«, erklärte Cayla mir.
»Du willst dort aufrauchen? Ich dachte, du gehst Colyn aus dem Weg.«
Wir waren vor der Einfahrt der Villa angehalten und redeten noch weiter.
»Pff, der wird nicht auftauchen. Ich muss mich nicht anpassen, das überlasse ich ihm selbst. Wenn ich dort hingehen möchte, mache ich das auch und wenn ich will, dass Colyn nicht kommt, wird er das auch nicht. Dafür werde ich sorgen und ich habe genug Leute an meiner Seite, die das genauso wie ich sehen werden. Meine ganze Familie eingeschlossen.«, schnippte sie.
»Wie du meinst. «
Die Abwesenheit Colyns auf dem fünfzigsten Geburtstag von Whittmore Industries hatte ich nicht erwartet. Immerhin war er auch ein Whittmore und stets Teil der Familie.
Ich hatte mich bereits von Cayla verabschiedet, sie war losgefahren und nun stand ich hier auf unserer Einfahrt. Ich bewegte mich zur Haustür und musste mit Bedauern feststellen, dass ich meine Schlüssel vergessen hatte. Also klingelte ich und hoffte, dass Ryan mir keine Standpauke halten würde. Aber statt ihm machte jemand anderes die Tür auf.
»Mom?« Meine Augen wurden riesig. Ich hatte vollkommen vergessen, dass eine Woche bereits fast um war, aber ich hatte gedacht, sie würden erst am Montag zurückkommen und nicht schon vor dem Wochenende - am Freitag.
»Um Himmels Willen, Kathryn! Wir haben uns schreckliche Sorgen um dich gemacht!« Sie zog mich in ihre Arme und somit auch ins Haus. Dann hielt sie mich auf Armlänge von ihr entfernt, um mich genauestens zu betrachten. »Wir sind gerade erst, vor nicht einmal zehn Minuten, angekommen, und mussten von Sullivan erfahren, dass du nicht da bist und er deinen Standort auch nicht kannte.« Dann drehte sie ihr besorgtes Gesicht hinter sich zum Inneren des Hauses und rief durch den hallenden Flur: »Marc, sie ist da!«
Mein sichtlich erleichterter Vater erschien im Flur und kam dann auf uns zu, um mich ebenfalls in den Arm zu nehmen.
»Mom, Dad, mir geht es gut!« Frustriert über ihre Überfürsorge stöhnte ich auf.
»Wir werden Sullivan feuern. Dafür, dass er nicht einmal auf ein zweiundzwanzig-jähriges Mädchen achten kann.«, stellte mein Vater sauer fest und sprach mehr mit meiner Mutter, als dass ich auch mitreden konnte. Aber das ließ ich mir nicht gefallen.
Ryan konnte nicht gut auf mich achten, aber das lag nicht an ihm, zumindest nicht ganz. Es waren meine Sturheit und mein Wille, die mir immer dabei verholfen haben, Ryan zu entfliehen. Dafür sollte er nicht bestraft werden, egal wie sehr ich seinen Job hasste.
»Nein, es lag an mir, weil ich keinen Babysitter brauche. Er kann da nichts für. Bitte.« Ich wusste, meine Worte waren nicht überzeugend, dennoch hoffte ich, sie nahmen sie ernst.
»Kathryn, es hätte dir dort draußen in der Dunkelheit etwas passieren können!« Meine Mutter schnappte sich meine Hand, doch ich entriss mich ihr sofort wieder.
»Keinen Grund zur Sorge, Cayla war bei mir.«, sagte ich genervt.
»Cayla Whittmore? Sie ist die Schwester eines Vergewaltigers!«
Ich konnte nicht glauben, diese Worte aus dem Mund meiner Mutter gehört zu haben.
»Ganz recht«, fauchte ich, »Sie ist die Schwester eines Vergewaltigers, aber sie kann rein gar nichts für seine Tat! Sie hat genau so wenig Schuld daran, wie ich, wie ihr, wie Dean, George Whittmore oder das Opfer selbst!«, platzte es aus mir heraus.
»Dean?« Mom drehte sich zu ihrem Mann, der neben ihr stand und einen Arm um sie geschlungen hatte. »Colyns Bruder?«
»Scheiße!«, fluchte ich leise vor mich hin. Warum hatte ich ihn nur genannt, ich Dussel.
»Du hast doch nicht etwa mit dem zutun, oder?«, meldete sich mein Vater mal wieder zu Wort.
»Nein!«, nicht mehr, »Und übrigens, damit ihr euch keine unnötigen Sorgen macht: Ich bin morgen nach der Arbeit mit Blair in der Stadt. Wir brauchen schöne Kleider, versteht ihr sicherlich.« Mein Lächeln war falsch, jedoch achteten meine Eltern nicht da drauf.
»Wofür brauchst du ein neues Kleid, Schatz? Du hast doch genug.«, fragte meine Mutter mich.
»Ähm, die Feier? Fünfzig Jahre Whittmore Industries?« Ich konnte kaum fassen, wie sie diese Information überhören konnten. Sie ging überall in der Stadt herum und jeder wusste von ihr.
»Da gehst du auf keinen Fall hin! Was ist, wenn du Colyn Whittmore über den Weg läufst?« Anscheinend wusste mein Vater nicht, dass dieser fast täglich bei der Arbeit auftauchte und seinen Job, der oft mit meinem in Verbindung stand, wiederbekommen hatte. Aber wie sollte er auch? Schließlich hatten Mom und er mich eine ganze Woche mit Ryan alleine gelassen.
»Mom, Dad, beruhigt euch. Er wird nicht auftauchen. Dafür wird Cayla sorgen.« Mehr sagte ich nicht, denn dieses Gespräch ging mir überaus auf die Nerven. Dafür huschte ich an ihnen vorbei und lief über die Treppen zur zweite Etage. Ich kam im Badezimmer an und atmete erleichtert aus.
Nach einer langen, innigen Dusche krabbelte ich in mein Bett und fiel auch schon bald in einen sinnlichen, traumlosen Schlaf.
