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Kapitel 5

   »Ryan, ich kriege heute Besuch!«, warnte ich meinen Babysitter, indem ich dies durch die Villa schrie, während ich diese betrat. Ich wollte, dass er diesmal richtig reagierte, wenn er Dean vor der Tür stehen sah.

   Es war bereits viertel nach sechs, weshalb die weißen Lichter alle Ecken des Flures beleuchteten, als ich nach Hause kam. Man konnte sich hier nie unbemerkt vorbeischleichen, da die Bewegungsmelder verräterisch pingelig waren. Das hatte ich früher, als ich fünfzehn war, oft versucht, als ich mich abends aus dem Haus schleichen wollte, doch wurde dank des grellen Lichts immer erwischt.

   Ryan erschien im Eingangsbereich und beobachtete mich beim Schließen der Tür.

   »Ich hoffe, es ist weiblicher Besuch.« 

   »Für wen hoffen Sie das?« fragte ich mit Skepsis in meiner Stimme. Kümmerte er sich um mich, oder wollte er einfach keine weitere männliche Person im Haus haben?

   »Für Sie und für diesen Besuch.«

   »Warum das denn?« Ich verschränkte meine Arme vor der Brust.

   »Nun, mit dem Auftrag Ihrer Eltern, sollte ich auf Sie aufpassen. Das schließt auch den Kontakt zu Männern ein. Schließlich wollen sie nicht, das ihre rebellische Tochter schon mit zweiundzwanzig schwanger ist, mit dreiundzwanzig ihr ungewolltes Baby in den Armen hält und mit vierundzwanzig an der Pflege und Erziehung des Kindes verzweifelt, da der One-Night-Stand-Vater sich diesem verweigert hat.«

   Sichtlich schockiert über seine überaus privaten Worte, fiel meine Kinnlade zu Boden.

   »Was fällt Ihnen ein-«

   »Ehe Sie sich versehen, kann es soweit kommen. Ich bezweifele, dass sie sich große Gedanken um den Schutz machen.« Er hob eine Augenbraue.

   »Ich weiß sehr wohl, wie man verhü-«

   Schon wieder unterbrach er mich. »Ich werde es nicht soweit kommen lassen.«

   »So, jetzt halten Sie mal Ihre Klappe!« Ich war total aus meiner Fassung. »Mein Privatleben kann Ihnen am Arsch vorbei gehen! Selbst wenn meine Eltern hier wären, hätte ich einen Weg an ihnen vorbei geschafft, um mich mit Männern zu treffen. Und ganz recht, ich bin zweiundzwanzig und das bedeutet wiederum, dass ich kein Kind mehr bin und selbst über mein eigenes Leben bestimmen kann! Nur, weil ich noch bei meinen Eltern wohne, bedeutet das nicht, dass ich nicht verantwortungsbewusst bin! Ich glaube, ich spinne!« Bei mir waren eindeutig alle Sicherungen durchgebrannt.

   »Und warum der männliche Besuch, für ihn selbst nicht von Vorteil wäre«, redete er einfach weiter, als hätte es das unangenehme Gespräch zwischen uns gerade nicht gegeben, »ist, weil er von mir persönlich erfahren würde, dass er sich nie wieder in die Nähe dieser Villa trauen sollte.«

   »Wie angsteinflößend!« Ich rollte meine Augen.

   Ryan bemerkte meine Ironie und fuhr sich überlegend über die zurückgegelten Haare. »Wie dem auch sei, ich hoffe er ist eine sie.«

   »Da können Sie lange hoffen.«, gab ich nur stur von mir und trampelte mitsamt meiner Tasche die breite Treppe hinauf in mein Zimmer. Dort schmiss ich die Tür demonstrativ mit einem lauten Knall ins Schloss, warf meine Tasche auf den Boden und schmiss mich auf's Bett.

   Mein Gesicht ins Kissen vergruben ließ ich einen frustrierten Schrei meiner Kehle entweichen, der durch den gepolsterten Stoff etwas gedämpft wurde. Ryan durfte das ruhig hören.

   Ich hasse meinen Aufpasser, Bodyguard oder wie auch immer dieser Idiot sich nennt!

   Mein Handy gab einen kurzen Ton von sich und ließ den Bildschirm erhellen. Das erkannte ich, da ich mittlerweile nicht mehr dem Stoff meines Kissens entgegen starrte.

   Ich hatte eine Nachricht von Dean bekommen:

   Bin jetzt schon da, weil ich um halb acht noch zu meinen Eltern muss. Ich dache, so früher wir uns treffen, umso eher komm ich wieder nach Hause. Hoffe, das ist okey.

   Ich schrieb ihm zurück:

   Ja klar. Stehst du draußen? Ich mach die Tür auf.

   Auf eine Antwort von ihm wartete ich nicht, sondern schmiss mein Handy auf mein Bett, schwang von diesem hoch und tapste leise nach unten zur Tür, damit Ryan mich bloß nicht erwischte.

   Diesmal hatte ich Glück, da die Lichter immer noch leuchteten und ich nicht durch plötzliche Helligkeit im Flur erwischt werden konnte.

   Leise umfasste ich den Griff und öffnete die Tür. Dean stand mit dem Rücken zu mir und hielt sein Handy in der Hand. Wahrscheinlich las er sich gerade meine letzte Nachricht durch.

   Dann dreht er sich zu mir um, als er meine Anwesenheit hinter sich spürte und ließ mich in sein emotionsloses Gesicht schauen. Ahnte er, was ich ihm mitteilen wollte?

   Mein Zeigefinger legte sich auf meine Lippen und gab ihm das Zeichen, leise zu sein. Nun öffnete ich die Tür komplett und ließ Dean herein. Die Tür fiel fast lautlos wieder ins Schloss und wir machten uns auf den leisen Weg nach oben.

   Wir hatten es heile in mein nun geschlossenes Zimmer geschafft, als ich mich erleichtert auf mein Bett fallen ließ. Mein Freund stand einfach mitten im Raum und blickte sich um, als wenn er so nach einer Erklärung für meine Einladung suchen würde.

   Schließlich fand er keine und sein Blick fiel auf mich. »Warum sind wir jetzt hier, Kathryn?«

   Bevor ich zu schnelle Entscheidungen treffen würde, wollte ich erst den Beweis. Den Beweis, der mir zeigte, dass das, was ich heute vor hatte, das Richtige war.

   Also stand ich auf, packte Dean am Shirt, zog ihn an mich und presste meine Lippen auf seine. Doch - wie befürchtet - fühlte ich nichts. Kein kribbelnder Bauch, kein Feuerwerk, keine Aufregung. Bloß zwei Lippen aufeinander, die sich mehr oder weniger im Einklang bewegten.

   Dies ging schon einige Wochen oder sogar Monate so und ich dachte zuvor, dass sich die Küsse mit Dean richtig anfühlten, doch das taten sie nicht.

   Dean packte mich am Hinterkopf und krallte sich in meine Haare, doch bevor mein Freund den Kuss leidenschaftlicher werden lassen konnte, entfernte ich mich von ihm, indem ich mich aufs Bett zurückfallen ließ und ihn von mir wegstieß.

   »Was soll das?«, fuhr er mich an und schwang seine Arme theatralisch in die Luft, ehe sie wieder seitwärts an seine Oberschenkel fallen gelassen wurden. »Erst küsst du mich und dann wird es dir doch zu viel, was?«

   »Dean, ich wollte mit dir reden ...«, sagte ich leise und schaute ihm tief in die Augen. Den Beweis, den ich brauchte, hatte ich.

   Seine Augen brannten wie Feuer, als er so aufgebracht mit mir sprach. »Ja dann rede doch mit mir und küss mich nicht, um mich damit auf andere Gedanken zu bringen!«

   Wieder fuhr mein Zeigefinger an meine Lippen, da er viel zu laut sprach. »Schh!«, mahnte ich ihn.

   »Erwünscht bin ich also auch mal wieder nicht.«, stellte er fest und kehrte mir den Rücken zu.

Eine Weile blieb er so stehen, dann drehte er sich wieder zu mir um. »Warum sind wir dann ausgerechnet hier? Hätten wir nicht draußen reden können?«

   »Meinetwegen können wir einen kleinen Spaziergang machen.«, sagte ich, als mir klar wurde, dass das wirklich von Anfang an eine bessere Idee gewesen wäre.

   Er nickte steif und wir verließen mein Zimmer, gingen wieder nach unten und ließen uns ungewollt von Ryan erwischen.

   »Wie kommt der denn hier rein?«, fragte der an der Wand lehnende, äußerst breitschultrige Mann und nickte dem anderen Mann neben mir zu.

   »Tja, wenn man nicht aufpasst ...«

   Wir beide gingen einfach weiter und blieben schließlich vor der Tür stehen, um uns unsere Schuhe anzuziehen.

   Ryan kam mit schnellen, festen Schritten auf uns zu und packte Dean am Arm, der - völlig genervt von dem Breitling - seine Augen verdrehte. »Nicht euer Ernst ...«, stöhnte Dean mit den Nerven blank.

   Ich schlug Ryan die Hand von dem Arm meines Freundes und fauchte: »Ich bin gerade nicht in Stimmung, Sullivan!« Das bin ich eigentlich nie …

   Als Nächstes verließ ich mit Dean das Haus, ohne auf Ryan zu achten.

   »Weißt du, Dean, ich muss mich endlich entscheiden. Entscheiden für das, was ich will und gegen das, was ich nicht will.«, begann ich, als wir bereits einige Minuten schweigend nebeneinander hergelaufen waren.

   Die Dämmerung brach an und Laternen, die in großzügigen Abständen voneinander auf dem Bürgersteigen angereiht waren, begannen zu erhellen.

   Eine frische Brise der Abendluft überkam mich und ließ mich meine Arme um meinen Oberkörper schlingen.

   Einige Male musste ich erst tief ein- und ausatmen, bevor ich mich meine nächsten Worte trauen konnte, über die Lippen zu bringen. »Und dich will ich nicht.«

   Mich überkam die Panik, das zu direkt, zu schnell und zu spontan gesagt zu haben. Wollte ich Dean wirklich nicht? Ich wollte einfach nicht mehr mit ihm zusammen sein. Zumindest glaubte ich das. Ich hatte es zu spontan entschlossen und hätte noch warten sollen, aber nun konnte ich meine verletzenden Worte nicht mehr zurücknehmen.

   Dean blieb perplex stehen und packte mich am Oberarm, sodass ich ebenfalls zum Stillstand kam.

   »Was hast du gesagt?» Es war eine rhetorische Frage, da er nur eine Bestätigung brauchte. Akustisch hatte er mich verstanden.

   »Du hast schon richtig gehört.«, wankte ich und wagte es nur einmal kurz, hoch in sein Gesicht zu blinzeln, nur um dort seinen schockierten und zugleich wütend werdenden Ausdruck auszumachen.

   Sein Griff um meinen Arm wurde fester und ich verstand nicht, seit wann Dean beschlossen hatte, mir wehzutun. Er war nie handgreiflich geworden und brutal schon gar nicht. Immer behandelte er mich wie eine Porzellanpuppe, die man kaum anrühren konnte, ehe sie zerbrach.

   Bis zu dem Tag, an dem er mich versehentlich zu Boden gestoßen hatte.

   Unsere Beziehung machte einfach keinen Sinn mehr, mit den mir unbedeutenden Küssen und den ständigen Streitereien, welche unsere einzigen Konversationen waren. Mit Berührungen wie diesen; fest, bedrohlich und schmerzhaft.

   »Das ist nicht dein Ernst, oder? Nach zwei Jahren - zwei verdammten Jahren - kannst du doch nicht einfach grundlos mit mir schlussmachen!« Sein Blick war wutverzerrt, so, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Seine Haare kamen mir krauser vor, als bei seiner Ankunft an der Villa, sein Gesicht nahm langsam einen dunkleren Ton an und eine Ader auf seiner Stirn - mit der ich nie vertraut geworden war - kam allmählich zum Vorschein.

   Mein Arm wurde weiterhin von ihm gequält und so langsam schien er mir damit bleibende Schmerzen zuzufügen.

   War das der Dean, in den ich mich vor zwei Jahren verliebte? Der nette, fürsorgliche und behutsame Dean Keith?

   Ja, es war der Selbe, der nun vor mir stand, nur wurde sein Geist damals noch nicht von so einem gewalttätigen Teufel gesteuert.

   »Dean, ich- aua!« Ich versuchte mit meiner Hand die seine von meinem Oberarm zu lösen, doch er packte mit seiner freien Hand das Gelenk meiner anderen und machte mich somit wehrloser, als ich es ohnehin schon war. Aber nun hatte auch er keine Hand mehr frei.

   »Was soll das?« Meine glänzenden Augen glitten von unseren verknoteten Händen und Armen hoch in seine.

   Meine Augen waren feucht, was ich mir nicht erklären konnte. War es die Tatsache, dass ich den Mann vor mir soeben verletzt, das Herz gebrochen und wütend gemacht hatte? Denjenigen, den ich eigentlich geliebt hatte? Oder war es die Tatsache meiner Schmerzen und die Erkenntnis, dass Dean ebenfalls, so wie alle anderen Menschen auf der Welt auch, brutal zu mir sein konnten; er und sie alle konnten mir weh tun.

   Könnte ich mich wehren? Hätte ich eine Chance? 

   Es war furchteinflößend, jetzt bei Dämmerung und beginnender Dunkelheit, vor einem Mann zu stehen, der mich in seinem strammen Griff hatte, sichtlich aufgebracht war, und bei dem Thema Gewalt unberechenbar.

   War das jetzt gerade meine Angst? Der Grund für meine tränenden Augen?

   Tatsächlich bahnte sich eine einzelne Träne den Weg über meine Wange und floss über meinen Kiefer auf den Hals herab, hinterließ eine feuchte Spur; voller Ungewissheit.

   »Du tust mir weh, Dean!« Meinen Kopf stets zu ihm gedreht verschwamm Dean unter meinem Tränenschleier.

   Dieser schnaubte jedoch bloß. »Nicht zu vergleichen mit den Schmerzen, die ich nun ertragen muss!« Mit Erstaunen erkannte ich tatsächlich Leiden unter seinem lodernden Blick. »Warum machst du jetzt plötzlich Schluss, huh? Hast du etwa wen anders? Jemand, der besser ist, als ich?«, spottete er.

   »Nein, i-« Meine Stimme brach und ich gab nach. Warum passierte das? Mein Plan war nicht, selbst Schmerzen zu fühlen, bei dem Vorhaben, Dean dies anzutun. Anscheinend konnte ich ihm einfach nicht wehtun, ohne selbst mitzufühlen. Aber warum war das so?

   Zu lange hatten wir keinen bedeutenden, leidenschaftlichen Liebesakt mehr gehabt.

   Zu lange hatte ich zu wenige Gefühle für Dean übrig, doch kamen diese gerade alle hoch?

   »Nein, weißt du was, Kathryn? Lass es einfach.« Er stieß meine Arme von sich und ich atmete gleichzeitig befreienden aus. Ich umfasste mein Handgelenk, um so verzweifelt zu versuchen, den Schmerz loszuwerden, doch der von meinem Oberarm quälte mich ebenfalls. »Du beendest es? Okey, aber denk nicht, du könntest irgendwann wieder bei mir angeheult kommen, wenn mal etwas nicht so läuft, wie Ms. Perfect es möchte! Weißt du was? Ich bin nicht traurig, denn jetzt bin ich frei.«

   Mein Herz wurde augenblicklich von seinen Worten durchbohrt, wie kaltblütige Messerstiche, und ich glaubte mich von seinen plötzlichen Beleidigungen übergeben zu müssen.

   Das war nicht Dean.

   Ich wusste nicht, welcher Teufel ihn dort ritt, aber ich konnte es nur akzeptieren.

   Wenn man sich streitet, habe ich gehört, platzen einem die wirrsten, verschiedensten und dümmsten Worte heraus, doch es sind die ehrlichsten.

   Leute entschuldigen sich dafür, etwas gesagt zu haben. Sie sagen, es waren Ausrutscher und dass sie es nicht so gemeint haben. Vielleicht war die Ausdrucksweise nicht so gemeint, aber die Worte - die Wahrheit - schwirrte einem schon über eine zu lange Zeit im Kopf herum, wie ein nervtötender Parasit. Dann hat man einen Wutausbruch und mit dem ganzen Lava der Wut strömen die ehrlichsten und verletzendsten Worte aus einem heraus, die man vor Blindheit nicht zurückhalten konnte. Man war geblendet von dem Zorn, der einen schon zu lange quälte. Sachen, die man der Person nie sagen könnte, die einem nur ausrutschen konnten. Doch Ausrutscher waren es trotzdem nicht, denn in seinem Kopf hat man sich diese Worte bereits hunderte von Malen gesagt und sich darüber geärgert.

   »Ich- du solltest jetzt gehen, glaube ich.« Ich schniefte und schloss meine Augen für einen Moment.

   Das konnte nicht real sein.

   Doch genau das war es.

   »Ja, glaube ich auch.«, sagte er kalt und drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand in der Dunkelheit.

   Mit meinem Handrücken wischte ich mir meine letzte fließende Träne trocken und drehte mich in die andere Richtung, die zu meinem Zuhause führte.

   Ich ging ein paar Schritte, als hinter mir die Scheinwerfer eines Autos die Straße vor mir beleuchteten. Ich machte mir nichts daraus und war bloß dankbar über den erhellten Gehweg vor mir.

   Doch dann hörte ich, wie das Fahrzeug an Tempo verlor und schließlich in Schrittgeschwindigkeit neben mir herfuhr.

   Mein Herz begann, aufgeregt zu schlagen, als ich mich einen Blick ins Innere des Autos traute.

   Das Fenster auf meiner Seite fuhr herunter und ich erkannte jemanden, der sich von dem Fahrer- über den Beifahrersitz beugte und durch das Fenster spähte.

   »Kathryn?«

   »Cayla?«

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