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Kapitel 4

   Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee und stellte die Tasse wieder neben dem Stapel voller Bilder ab. Es waren alles Bilder vom Shooting, aber nicht von irgendwem - sondern von Colyn Whittmore. Er machte es mir nicht leicht, ihn weiterhin dafür abzulehnen, auf das Cover gedruckt zu werden und außerdem hatte ich es schon fast fertig gestaltet. 

   Ich schnappte mir das oberste Foto und betrachtete es. Colyn hatte auf diesem eine lässige Jogginghose unserer neuen Kollektion an, war Obenrum jedoch unbekleidet und ließ meine Aufmerksamkeit somit auf seine Tattoos lenken, die viele seiner ausgeprägten Muskeln an seinem gesamten Oberkörper und den Armen zierten. Welcher Trottel hat dieses Foto geschossen? Ein Fotograf mit gesundem Menschenverstand wusste, dass die Aufmerksamkeit dem Kleidungsstück und nicht Whittmores Oberkörper gelten sollte.

   Vielleicht hatte Colyn ihn erpresst, zu fotografieren, so wie er es selbst wollte.

   Es klopfte an meiner Tür und ich konnte die Person nicht einmal hereinbitten, da kam sie schon in mein Büro getreten. Ich wollte gerade über dieses überaus unhöfliche Verhalten klagen, da erkannte ich tätowierte Arme, welche mich vor Schock das Foto aus meinen Händen werfen ließen.

   Ich schaute in Colyns Gesicht, der gerade dabei war, die Tür hinter sich zu schließen und dann grinsend auf meinen Schreibtisch zukam.

   »Wie ich sehe, hast du dir das beste Bild ausgesucht.« Er nahm das Foto, welches zuvor noch in meinen Händen lag, in seine und ließ mich seine großen Hände betrachten. Seit der Situation von vorhin waren wir also schon so weit, uns zu duzen. Schön, das kann ich auch!

   »Was hat Mr Whittmore zu deinem und Deans bescheuerten Verhalten von vorhin gesagt?«, lenkte ich mit geröteten Wangen vom Thema ab, ohne ihm zu antworten.

   »Er weiß es nicht.«, sagte Colyn und legte das Foto zurück auf seinen Platz.

   »War denn zu dem Zeitpunkt niemand auf dem Flur, der das mitbekommen hat?«

   »Ich bitte dich. Auch wenn jemand da gewesen wäre, würde es niemand meinem Vater erzählen. Die Leute trauen sich ja nicht einmal zu atmen, wenn ich an ihnen vorbeilaufe.«, sagte er amüsiert.

   Plötzlich dachte ich wieder an all seine Worte vorhin am Fahrstuhl. Warum traute er sich jetzt auch noch in mein Büro? Er sollte sich schämen!

   »Warum hast du das gesagt? Vorhin.« Ich senkte meinen Blick. Eigentlich wollte ich jetzt kochend vor Wut sein, dass er so etwas gesagt hatte, doch ich war es nicht. Ich war eher beschämt.

   »Was meinst du?« Er lehnte sich seitwärts an den Schreibtisch.

   »Das du ... mich«, ich räusperte mich kurz, denn ich wollte es nicht einmal aussprechen müssen, »Naja, ich bin echt ausgerastet aber du kannst so etwas nicht einfach sagen, wenn es nicht wahr ist oder sein wird.«

   Nun schien er verstanden zu haben, dass ich seine unhöfliche Aussage meinte, die er zu Dean gesagt und mich damit gemeint hatte. »Woher willst du wissen, dass es nicht wahr wird?« Er hob eine Augenbraue und grinste schief.

   »Was-«

   Er lachte rau. »Bleib ruhig, es war nur ein Witz. Ich wollte Dean einfach sauer machen und du kamst mir da gerade gelegen.«

   »Warum willst du Dean sauer machen?« Ich musterte ihn, wie er vor mir an dem Tisch lehnte und auf mich herabblickte, wie ich in dem Ledersessel saß und planlos mit meinem Kugelschreiber spielte.

   »Warum liebst du Dean?«, stellte er mir die Gegenfrage. Sie war mir unglaublich unangenehm, denn ich konnte sie selbst nicht einmal wirklich beantworten.

   »I-ich weiß nicht ...«

   »Meinst du nicht, so sollte eine Antwort nicht lauten, wenn man sich wirklich liebt?« Seine Hand legte sich auf den Kugelschreiber, den ich zuvor ungeduldig mit meinem Zeigefinger auf dem Tisch hin- und herrollen lassen hatte. Eigentlich war ich nun froh, dass das nervende Geräusch nun vorbei war, doch im nächsten Moment wurde ich noch nervöser als zuvor, denn seine Hand berührte dabei meine.

   Ich wollte nicht alleine mit ihm in einem Raum sein. Ich fühlte mich angewidert, dass ich hier saß, mit einem Mann, der einst einem sechzehn-jährigen Mädchen wehgetan hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie schrecklich das für sie gewesen war - und Colyn zeigte keinen Anschein von Reue.

   Ich wollte ihn aus meinem Büro schmeißen, jedoch quälte mich noch eine Frage. »Warum hast du mir diese Bilder hergebracht?« Demonstrativ nahm ich das eine wieder in die Hand und wedelte damit in der Luft herum. »Um sie aufs Cover bearbeiten zu können, brauche ich sie nicht ausgedruckt, sondern auf einem Stick. Das weißt du.«

   »Ich weiß, richtig. Aber du kannst sie dir ja irgendwo hinhängen. Auf denen sehe ich besonders gut aus, hab ich recht?«, sagte er selbstsicher und grinste. Ich hätte mich über diese Aussage am liebsten übergeben. Wie konnte man nur so selbstverliebt sein?

   »Du siehst immer gleich aus. Mal mehr Augenringe, mal weniger. Sonst immer gleich.«, witzelte ich, um ihm nicht noch Honig ums Maul zu schmieren.

   »Ich habe keine Augenringe!«, protestierte er und fasste sich prüfend unter die Augen. »Obwohl, schlaflose Nächte hatte ich schon. Dann könnte das mit den Augenringen doch hinkommen.« Wieder grinste er schief.

   »Colyn!«, ermahnte ich ihn.

   »Ach, bitte.«, rollte er mit den Augen. »Das ist doch nichts Neues.« Das war der Satz, der mich daran erinnerte, dass ich Colyn aus meinem Büro werfen wollte. »Kathryn, nächste Woche ist der fünfzigste Geburtstag von Whittmore Industries. Du darfst nicht fehlen.«

   Warum war er nicht gemein zu mir?

   »Natürlich komme ich.«, bestätigte ich ihm. Whittmore Industries war mein Job und ich liebte ihn.

   »Freut mich.«, er lächelte, »Weißt du, Kathryn, du wirkst so unbeschwert, jedoch weiß ich, dass du mich in deinem Inneren noch immer verabscheust. Ich merke es einfach. Warum denkst du nicht wie deine Freundin am Empfang von mir?«

   Ich lachte auf. »Woher willst du wissen, wie sie von dir denkt?«

   »Das merkt man einfach. Hast du schon mal ihren Blick gesehen, wenn ich an ihr vorbeilaufe? Oder als ich dich das erste Mal sprechen wollte. Ihre neidgetränkten Augen hätten dich am liebsten umgebracht.«

   Ich lachte erneut. »Wir sind Freunde. Sie würde es mir gönnen, wärst du jemand prominentes oder so. Anderweitig interessiere ich mich nicht.« Das stimmte natürlich nicht. Jemand prominentes? Da würde ich doch niemals herankommen! Doch es ließ ihn belustigt schnippen. Ich fuhr fort. »Sie braucht nicht neidisch sein, oder sich Sorgen machen, dass irgendwas zwischen uns laufen sollte. Ich stehe nicht auf Verbrecher.«

   »Ach wirklich?« Colyn stieß sich vom Schreibtisch ab und stellte sich direkt vor mich. »Kathryn Cooper steht also nicht auf böse Jungs?«

   Mir gefiel es gar nicht, in was für einer unterwürfigen Position ich mich gerade befand, weshalb ich meine Hände an den Armlehnen des Stuhls abstützte und mich auf meine Füße drückte.

   »Nein.«, sagte ich fest und musste meinen Kopf etwas nach oben neigen, um ihm in sein Gesicht schauen zu können.

   Von so Nahmen betrachtet sah er leider noch besser aus, als er von sich selbst behauptete und das war für mich nicht gerade von Vorteil.

   Er legte seine Hand auf meine Hüfte und verringerte unseren sowieso schon geringen Abstand zueinander. Meinen Körper durchfuhr ein Schauer, als er mit seiner anderen Hand auch noch meine Haare hinters Ohr strich und sie dann auf meiner Wange ablegte.

   Das war falsch, wir durften uns nicht so nah sein! Mein Herz begann schneller als gewollt zu schlagen.

   »Und warum reagierst du dann so auf mich - einen Verbrecher?«, hauchte er heiser.

   Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus und meine feinen Härchen am Nacken stellten sich auf.

   Mein Verstand kämpfte gegen Colyn an und wollte ihn von mir wegschubsen, ihn beleidigen und aus dem Büro werfen, doch ich konnte nicht. Ich wusste, wie falsch das hier für uns beide war und mein Körper fühlte sich auch nicht ganz wohl bei der Sache, doch ich konnte mich einfach nicht bewegen, denn ich war zu einer Salzsäule erstarrt. Es war zwecklos, denn gegen die Macht, die er ausstrahlte, konnte ich nicht ankommen.

   Er schaute mir in die Augen. »Du hattest recht, Kathryn.«, flüsterte er, »Mein Ruf ist sowieso schon am Arsch. Er kann nicht noch schlimmer werden.«

   Ich nutze ich meine Hände, die ich auf seine Brust legte, und drückte ihn weg von mir. Seine Augen durchbohrten meine und ließen mich nackt fühlen, als sähen sie durch mich hindurch.

   »Du solltest jetzt gehen.«, flüsterte ich und dachte daran, wie Dean reagieren würde, wenn er erfuhr, wie nah mir Colyn bereits gekommen war.

   Meine Rettung klopfte an der Tür. Colyn entfernte sich ruckartig von mir und ging um den Arbeitstisch herum, sodass dieser uns nun voneinander trennte.

   »Herein!«, sagte ich laut und die Tür öffnete sich. »Mr. Whittmore!«, begrüßte ich meinen Chef nervös und stand dabei auf. Hoffentlich stellte er keine Fragen, warum Colyn sich in meinem Büro befand, denn eine treffende Antwort fiel mir nicht ein.

   »Guten Tag, Ms. Cooper. Mein Sohn.« nannte er auch Colyn, der mit dem Rücken zu seinem Vater stand.

   »Morgen, Vater.«, sagte dieser emotionslos, ohne sich zu Mr. Whittmore herumzudrehen und ließ mich anschauen, wie er sich nachdenklich mit den Händen über sein Gesicht fuhr.

   »Kathryn, wie sieht's aus mit dem Titelbild? Wir müssen es morgen einreichen.«, fragte mein Boss mich und beachtete dabei das unhöfliche Verhalten seines Sohnes nicht.

   »Ich bin fast fertig, nur hatten Mr. Whittmore und ich uns noch über die Gestaltung bezüglich seiner Fotos unterhalten.« Ich deutete auf Colyn.

   »Ganz richtig.« Mein Chef nickte.

   »Wie bitte?«, fragte ich perplex.

   »Ich habe alles mit meinem Sohn abgeklärt. Er darf aufs Titelbild.«

   »Das heißt, er wird wieder das Model?« Ich wollte auf Nummer sicher gehen.

   »Ja. Ich weiß, Sie machen sich Sorgen, aber wir haben jetzt vor der Frauen- und Männerumkleide Sicherheitspersonal. Alles ist sicher, stimmt's?« Er erschien hinter Colyn und legte ihm seine Hand mit einem Ruck auf die Schulter.

   Dieser nickte nur. »Hmm.« Dieses Thema war ganz offensichtlich nicht sein Liebstes. »Ich sollte gehen«, stellte er dann fest und drehte sich um, wobei Mr. Whittmore seine grimmige Miene ausfindig machen konnte.

   »Colyn Whittmore!« Sagte er streng und packte seinen Sohn beim Oberarm, um ihn bei seinem Vorhaben aufzuhalten.

   »Was?« Mein Gott hatte der Typ Stimmungsschwankungen!

   »Was ist denn los mit dir?«, fragte ihn sein Vater, als wäre er ein Vegetarier und hätte dabei zugesehen, wie Colyn ein Kaninchen kaltblütig ermordete.

   »Nichts, Vater. Mir geht’s gut.«, log er. Waren es Hormone, die ihn so plötzlich so unerträglich machten? Schlimmer als eine Schwangere! 

   »Ich möchte, dass du dich benimmst! Reiß dich zusammen und sei nicht so grimmig!«

   »Was willst du von mir? Dass ich mich ändere? Kannst du vergessen, Vater. Ich bin und bleibe der Verbrecher.«, wurde er langsam sauer, »Du willst gutes Benehmen? Dann geh doch zu Dean, er ist doch der Vorzeigesohn, hab ich recht?«

   »Dean weiß sich wenigstens zu benehmen und seine Eltern zu respektieren.« sagte mein Boss völlig überfordert. Plötzlich wollte ich in meinem Stuhl versinken. Ich hörte gerade eine Konversation zwischen einem Vater und seinem Sohn mit, die besser zwischen Vater und Sohn geblieben wäre.

   »Schön, dass ich mich nicht für ihn interessiere.«

   »Das reicht!«, beendete mein Chef das Gespräch. »Noch ein Wort und ich kündige dir deinen Job.«

   »Mach's doch. Es wird sowieso niemanden geben, der besser auf's Cover passt, als ich.« schnippte Colyn.

   »Die vergangenen zwei Jahre war es Dean und meinetwegen könnte er das auch weiterhin bleiben. Es liegt an dir und deinem Verhalten.«

   Der junge Mann rollte mit seinen Augen, ging emotionslos an seinem Vater vorbei und verließ den Raum.

   Mr. Whittmore schnalzte mit der Zunge und wandte sich wieder an mich. »Wie dem auch sei, das Titelbild wird heute noch in meinem Büro abgegeben. Haben Sie verstanden?« Ich nickte. So spät mit dem Einreichen war ich noch nie.

   »Hier ist der Stick mit den Fotos aus Colyns Shooting. Ich habe ihn für mich behalten, weil er es Ihnen sonst noch irgendwie aufgedrängt hätte. Ich aber überlasse Ihnen die Entscheidung. Es liegt an Ihnen, wer aufs Cover kommt. Sie werden es schon richtig machen.« Auch Mr. Whittmore verschwand nun aus dem Raum und schließlich war ich wieder alleine. Das war eine große Verantwortung, die mein Boss mir gerade aufgetischt hatte.

   Ich überlegte.

   Sollte ich Colyn auf das Cover bearbeiten? Wenn er mit seinem Vater ausgemacht hatte, dass es okey sein würde, dann würde ich es auch tun.

   Wie Dean reagieren würde, wenn er Colyn anstelle von sich vorne auf unserer Zeitschrift sah, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Diesen Gedanken verdrängte ich aber, öffnete das Programm, wo ich das Cover gestaltete, lud die Fotos vom Stick auf meinen Computer herunter und suchte mir ein Bild aus.

   Ich tat Colyn nicht den Gefallen und nahm sein Lieblingsbild. Stattdessen suchte ich eins aus, wo er ein Tanktop trug, man seine atemberaubenden Tattoos jedoch trotzdem sah. Moment einmal! Atemberaubend? Ich brauche dringend mehr Koffein!

   Schneller als erwartet war ich fertig mit dem Cover und zog es auf den Stick von Mr. Whittmore, druckte es auch einmal aus und speicherte es auf meinem Computer ab.

   Auf dem Weg zu dem Büro meines Chefs stellte ich mich in den Fahrstuhl, in dem sich ebenfalls Dean befand.

   »Hey«, begrüßte ich ihn zurückhaltend und blickte auf den Boden.

   »Hey«, antwortete er nur.

Es war mir überaus peinlich, jetzt in diesem engen Raum mit ihm zu stehen, obwohl ich seinem Stiefbruder noch vor ungefähr einer Stunde sehr nah stand.

   »Dean, wir sollten reden.«, brachte ich hervor.

   Er schaute mich reflexartig an. »Worüber?« Die Verwirrung war ihm ins Gesicht geschrieben.

   »Heute um sieben bei mir. Meine Eltern sind nicht da.«, sagte ich bloß und wich somit seiner unangenehmen Frage aus.

   Bevor er noch eine Reaktion zeigen konnte, öffneten sich die Fahrstuhltüren und ich trat schnellen Schrittes heraus. 

   Ich wusste, dass meine Entscheidung, mich plötzlich mit ihm zu treffen und zu reden, sehr spontan war, aber ich wollte es nicht hinauszögern.

   Ich überbrachte meinem zufriedenem Chef die Sachen, verabschiedete mich von Blair und fuhr nach Hause.

   Heute würde ich mit Dean Klartext reden.

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