Kapitel 3
Colyn’s Augen stachen durch meine hindurch und er wirkte plötzlich so gefährlich. So wie er sich vor mir aufbaute, mindestens einen Kopf größer war als ich, breiter und vor allem so muskulös. Sein, an den Ärmeln, etwas hochgekrempeltes Hemd gab die Tattoos frei, die sich um seine starken Unterarme schlungen und ließen mich meinen Blick nicht von ihnen abwenden. Ich muss mich zusammenreißen!
»Was?«, fragte ich also verwirrt, da ich nicht verstand, was er meinte. Er wollte mich warnen. Wovor?
»Sie müssen auf sich aufpassen, Kathryn.« Er kam mir einen Schritt näher und nun bereute ich, dass ich vorhin das Selbe getan hatte, denn nun war er mir viel zu nah.
Mein Herz hämmerte gegen meine Brust und ließ mich noch ängstlicher werden. Dieser Mann war unberechenbar.
Seine Augen funkelten plötzlich so dunkel und ich wusste nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Ich hatte Angst, war nervös und benebelt. Verunsichert; das war wohl das Gefühl, welches mich am meisten überwältigte und es war das Schlimmste von allen.
Unsicherheit.
»I-ich verstehe nicht-«
»Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Das müssen Sie verstehen.«, sagte er schnell und ging dann langsam um mich herum. Ich bekam eine Gänsehaut über meinen gesamten Körper und erschauderte, während ich unregelmäßig atmete. Er stand direkt hinter mir und ich stand wie erfroren da.
»Erinnern Sie sich einfach immer an meine Worte. Sie müssen nur logisch denken und aufmerksam sein, dann finden Sie schon bald heraus, vor wem ich sie warnen möchte.«
Dann spürte ich Leere, Kälte. Er war weg. Einfach so war er gegangen. Mein Atem regulierte sich langsam wieder und der Nebel in meinem Kopf und vor den Augen verschwand. Ich konnte wieder klar denken und sehen.
Was war das gerade? Worauf hatte ich mich da eingelassen? Ich hätte verschwinden sollen, statt zu bleiben und mich von ihm, von seinem Dasein, überwältigen zu lassen.
Zumindest war ich nicht so naiv, ihm zu glauben, dass ich wegen etwas mir Unbekanntem auf mich aufpassen sollte, denn wenn schon, dann wäre er die Gefahr, in die ich mich begeben hatte. Vor was sonst hätte ich aufpassen sollen? Wenn er es mir schon nicht verriet und ein Geheimnis draus machte, dann sollte er nicht erwarten, dass ich ihm genug Glauben schenkte, mal abgesehen davon, dass ich ihn gar nicht kannte und überhaupt nicht vertrauen sollte.
Ich bemerkte, dass ich immer noch alleine in Colyn‘s Büro stand, also ging ich geradewegs heraus.
»Kathryn? Was machst du denn hier in Colyn‘s Büro?«, wurde ich an meiner Schulter gefasst.
Ich drehte mich ruckartig in die Richtung der Person und sah in seine Augen.
»Dean.«, stellte ich fest. »Nichts, bloß Unterlagen abliefern.«, log ich. Er musste nicht wissen, dass ich seinem Bruder bereits begegnet war und mich mit ihm unterhalten hatte. Immerhin hatte Dean mich selbst vor Colyn gewarnt. Und Colyn warnte mich vor etwas anderem. Komisch. Alle warnten mich!
Er nickte verstehend. »Hör zu, Kathryn, wegen gestern. Es tut mir so sehr leid, ich habe das nicht gewollt.«, schaute er mich besorgt an. Ich erinnerte mich an meinen noch leicht schmerzenden Ellenbogen.
»Schon vergessen.« Ich lächelte schwach.
»Echt?«, wirkte er wirklich überrascht.
Ich kam ihm näher und legte meine Arme auf seine Schultern. Mein Gesicht näherte sich seinem, sodass sich unsere Lippen streiften. »Echt.« Dann küsste ich ihn.
Dean erwiderte den Kuss eine Weile und löste sich dann von mir. »So sehr ich das auch möchte, ich kann jetzt leider nicht. Ich muss los.«
Unzufrieden seufzte ich und gab ihm einen letzten flüchtigen Kuss. »Schade.«
»Er will auf‘s Cover!« Demonstrativ für meine leichte Wut klatschte ich meine Handflächen auf den Tresen zwischen Blair und mir.
»Wenn der überhaupt wieder das Cover-Model wird.«, sagte sie.
»Wenn der überhaupt wieder Model wird!«, korrigierte ich sie.
»Stimmt. Das müsste er auch erst schaffen.«
»Was müsste wer erst schaffen?«, kam es plötzlich mit einer tiefen Stimme von der Seite, die mich meine Nackenhärchen aufstellen ließ. Eine Gestalt baute sich neben mir auf und ich hoffte auf jeden anderen, aber hatte bereits seine Stimme erkannt. Sein frischer Duft umhüllte mich wie ein Mantel und wirkte wie Salbei für all meine Sinne. Whittmore Junior.
Ich wollte gerade mit »Nichts.« antworten, da kam mir Blair zuvor. »Ob Sie wieder das Cover-Model werden. Oder überhaupt eins, nach Ihrem Vorfall vor zwei Jahren.« Dafür, dass Blair durch seine Anwesenheit so nervös wurde, dass sie ihm wahrscheinlich alles ausgeplaudert hätte, hatte ich ihr am liebsten eine übergehauen.
Colyn hob skeptisch eine Augenbraue. »Aber klar werde ich das.«, sagte er total locker. »Das habe ich alles schon mit meinem Vater abgeklärt. Apropos, Ms. Cooper, wir konnten unser Thema ja nicht ganz beenden; Ich bestehe darauf, wieder auf das Titelbild gedruckt zu werden. Keine Widerrede.« Seine Stimme war fest und bestimmerisch. Ich konnte mich ihm nicht widersetzten, das war klar. Also nickte ich bloß stumm. »Gut.« Er lächelte breit, aber es war nur ein zufriedenes Lächeln, kein erfreutes.
»Könnten wir bitte wieder alleine sein?«, fragte ich ganz höflich an Colyn gerichtet, mit einem falschen Lächeln im Gesicht. Ich hätte niemals gedacht, so selbstsicher in seiner Gegenwart sein zu können.
Ich wurde von Colyn genau so angelächelt, wie er es von mir wurde. »Damit ihr wieder ungestört über mich reden könnt? Klar, bin schon weg!«, erwiderte er und verschwand.
Ich verdrehte einfach meine Augen und schaute dann genervt zu meiner Freundin, die ihm verträumt hinterher schmachtete.
»Er kommt aus dem Gefängnis und tut so, als ob nie etwas passiert wäre! Unglaublich.«, sagte ich und schaute gedankenverloren zu Blair, die sich bereits in die Realität zurückgeholt hatte.
»Wo ihr beiden alleine wart, was habt ihr da eigentlich getrieben?«, fragte sie mich ganz Ohr.
»Was?«, reagierte ich perplex.
»Er sagte, ihr konntet euer Thema nicht beenden. Also ist etwas dazwischen gekommen. Was war es?« Hörte ich da etwa ein kleines bisschen Neid in ihrer Stimme?
»Blair, wir sind einfach auf ein anderes Thema abgewichen!«, erzählte ich ihr die Wahrheit. Die Halbe. Sie musste ja nicht wissen, über was genau wir geredet haben.
»Und das soll ich dir jetzt glauben?« Eine ihrer Augenbrauen hob sich und sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ja! Du glaubst doch nicht etwa ...« Ich hielt kurz inne, um dann, dank ihrem vielsagenden Blick, schockiert zu gucken. »Was?! Wie oft soll ich es dir denn noch sagen? Mit einem wie ihm würde ich nie etwas anfangen!«
»Was weiß ich, was du tun würdest.«, sagte sie mit der gleichen Stimmlage, wie zuvor auch.
»Nur, weil du es tun würdest.«, platzte es aus mir heraus und direkt bereute ich es wieder. Meine Hände schellten vor meinen Mund und ich guckte Blair erschrocken und entschuldigend an. Sie sah getroffen aus, war aber trotzdem kalt. »Oh mein Gott, tut mir leid, das wollte ich nicht sagen!«, entschuldigte ich mich bei ihr, da ich sie indirekt beleidigt hatte. Als jemanden, der mit jedem etwas anfangen würde, der gut aussah und ihr über den Weg lief.
»Nein, schon okey.«, sagte sie abwesend. »Vielleicht würde ich das auch.«
»Meinst du das ernst?«, fand ich mich auf dem Boden der Wahrheit wieder.
»Ja. Warum denn nicht? Nichts spricht dagegen und du willst ja sowieso nichts von ihm. Mir stehen alle Türen offen, oder nicht?«
Es war, als hätte jemand meine beste Freundin ausgetauscht. Gegen eine ganz andere Person. Eine, die zwar so aussah wie Blair, die ich aber vom Charakter her nicht kannte. Ich erkannte sie nicht.
»J-ja, klar.«, antwortete ich ihr unsicher. Dabei würde ich ihr zu gerne den beste-Freundin-Rat geben, sich nicht auf jemanden wie Colyn Whittmore einzulassen.
Jeder wusste, wie er vor der Gefangenschaft war; er hatte jede Nacht eine andere naive Frau am Hals kleben, um ihr nach seinen Spielchen das kleine Herz zu brechen und achtlos fallen zu lassen. Und ich glaubte, dass er sich bis jetzt - sogar nach seiner zwei-jährigen Auszeit - auch nicht geändert hatte.
Am nächsten Morgen war ich überaus motiviert, meine Arbeit zu Ende zu bringen. Schon übermorgen musste ich das Titelbild zum Drucken der Zeitschrift einreichen, weswegen ich heute ganz fleißig arbeiten wollte - und musste.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich und ich trat hinein. Zu zweit standen Ms. Carter und ich in dem kleinen Raum, lächelten uns an, bis die Tür kurz vor dem Schließen dabei unterbrochen wurde und Dean sich hindurch quetschte.
»De- Mr Keith«, korrigierte ich mich schnell, als ich mich an Ms. Carter's Anwesenheit erinnerte, »Guten Morgen.«
»Guten Morgen, Ms. Cooper, Carter.« Er nickte auch der zierlichen Frau entgegen, die daraufhin rot anlief. Wirkt Dean etwa auf irgendeine Weise auf sie? Streng schaute ich die junge Dame an, die dies mit ihrem gesenkten Kopf wahrscheinlich gar nicht bemerkte.
Dean verfolgte meinen Blick und ich erkannte ein Grinsen, welches an seinen Mundwinkeln zupfte.
Mein beigebliebener Gesichtsausdruck fuhr hoch zu ihm, als sich die Türen hinter ihm endgültig schlossen. Wir kamen in unserem Stockwerk an, die Türen öffnete sich, Ms. Carter verschwand blitzschnell und ließ Dean mit mir zusammen in dem metallischen Raum zurück.
»So viel zum Thema: Unsere Beziehung nicht verheimlichen. Ich habe gemerkt, wie du mich erst beim Vornamen nennen wolltest.« Dean verschränkte die Arme vor der Brust.
Ironisch lachte ich auf. »Aber du hast mich beim Vornamen genannt, huh?« Meine Laune schoss von null auf hundert in den Keller, ich stellte mich vor ihn und funkelte ihn böse an.
»Nein.« Ich hoffte, ihm wurde sein Fehler nun auch bewusst, denn er hatte mich ebenfalls beim Nachnamen genannt. »Ich habe dich nicht mit deinem Vornamen angesprochen, weil es sich in der Kombination zu Ms. Carter nicht gut anhört.«
Wow, mit so einer bescheuerten Ausrede wurde ich noch nie konfrontiert! »Steck dir deine Lügen sonst wo hin, Keith!« Ich drehte mich um, um den Fahrstuhl zu verlassen, deren Türen sich in Kürze wieder schließen wollten. Doch ich schreckte zusammen, als ich nach meiner hundertachtzig-Grad-Drehung an den Schultern gepackt wurde.
»Woah, macht mal halblang, ihr Turteltäubchen.«, sagte Colyn rau, während er meine Schultern immer noch fest umgriffen hielt und ich ihm gefährlich nahe gegenüber stand, was mich sehr nervös machte.
»Pff, Turteltäubchen.«, giftete Dean hinter mir.
»Oh nein, habt ihr euch etwa gestritten?« Colyn tat, als währe er von dieser Tatsache so sehr betroffen, sodass er sogar dramatisch eine Hand von meiner Schulter hob und sie an sein Herz legte.
Mich wunderten die immer noch offen stehenden Fahrstuhltüren, doch dann begriff ich, dass Colyn in dem Durchgang stand und die automatisch schließenden Türen wegen der Bewegungsmelder ihren Job nicht ausführen konnten.
»Nur, weil wir gerade nicht unsere beste Zeit haben«, sagte Dean, ging um uns herum und peitschte auch Colyns zweite Hand von meiner Schulter, »heißt das noch lange nicht, dass du dich gleich an ihr vergreifen kannst, Freundchen.«, sagte Dean bedrohlich und baute sich vor seinem Bruder auf, damit sie auf Augenhöhe waren. Colyn war nur wenige Zentimeter größer als Dean.
Whittmore hob abwehrend seine Hände in die Höhe. »Ich hatte nicht die Absicht-«
»Steck dir das sonst wo hin.«, knurrte Dean und ich erinnerte mich daran, dass ich ihm diesen Satz vorhin auch aufgetischt hatte.
»So wie du dir deine Lügen?«, erinnerte sich Colyn ebenfalls an meine Worte, als ich eigentlich vor hatte, aus dem Fahrstuhl zu verschwinden.
»Leck mich.«, zischte Keith und wandte sich zum Gehen, als Whittmore noch etwas erwiderte.
»Dich eher nicht, aber die hier schon.«, nickte Colyn mir zu und obwohl mein Freund nicht in unsere Richtung schaute, wusste er, dass sein Bruder mich damit meinte.
»Ich bring dich um!«, brüllte Dean, rannte auf Colyn zu und schubste zur Vorwarnung brutal ihn an seinen Schultern nach hinten.
Ich schreckte auf und taumelte genau wie Colyn einen Schritt zurück. Seine Augen verdunkeln sich, als er drohte: »Das würdest du nicht vor mir schaffen.«
Dean kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. Das Einzige, was ich in diesem Moment klar wahrnehmen konnte, war mein Atem. Mein Atem, der nun all meine wirren Gedanken zu übertönen versuchte. Meine Sicht war verschwommen, als würde ich durch ein Milchglas schauen.
Colyn und Dean gingen glücklicherweise nicht richtig aufeinander los. Colyn hatte seinen Bruder nur mit Wucht nach hinten geschubst, wie dieser es vorhin auch bei ihm getan hatte.
Das, was mich wieder in die Realität zurückholte, waren Colyns nächste Worte. »Aber vorher werde ich mich um den ›Leck mich‹-Plan mit deiner Perle kümmern.«
Das gab mir den Kick. Als war das der letzte Tropfen Wasser, der das Fass zum Überlaufen brachte. »Was hast du da gerade gesagt?«, fragte ich gefährlich leise, in der Hoffnung, er hatte es trotzdem gehört. Als ich gerade daran zu zweifeln begann und meinen Satz wiederholen wollte, drehte er sich zu mir um. »Habe ich etwa gar kein Mitspracherecht?« Ich kam beiden - besonders Colyn - bedrohlich nahe, doch der schien das gerade echt amüsant zu finden. »Oder willst du mich etwa genauso vergewaltigen, wie das unschuldige Mädchen vor zwei Jahren? In der Umkleidekabine? Nach einem Shooting? Oder lieber genau hier und jetzt? Ich meine, jeder kennt deinen Ruf und noch mehr zerstören kannst du ihn eh nicht, also worauf wartest du denn eigentlich noch?«
»Kath-«
»Halt die Klappe, Dean.«, zischte ich ihm zu und dann schoss mein Kopf wieder zu Colyn. »Alle Türen stehen dir offen, Whittmore, warum hast du es nicht schon längst ein zweites Mal getan?«
Er lachte kehlig. Er lachte ernsthaft. Ich wollte ihn gerade dafür anschreien, da kam er mir zuvor. »Woher willst du wissen, dass ich das nicht schon längst getan habe, Cooper?« Er grinste provokant.
»Du bist ein verdammtes Arschloch, Colyn Whittmore!« Meine flache Hand landete mit all meiner Kraft auf seiner Wange, ließ sein Gesicht zur Seite schellen und mich danach an beiden Brüdern vorbei eilen. Ich musste weg, so schnell es ging. Ich fand es nicht schlimm, sondern sogar sehr mutig von mir, bei Colyn mit meiner letzen Geste noch Salz in die Wunde gestreut zu haben.
