Kapitel 2
»Mom? Dad? Ich lebe noch!«, schrie ich durch die Villa. Somit bestätigte ich ihnen, dass es mir gut ging und nichts auf der Arbeit passiert war, so wie ich es ihnen heute morgen prophezeit hatte.
»Kathryn, ist etwas los? Warum sollten Sie nicht mehr leben?«
Ich fuhr herum und erkannte Ryan, einen Sicherheitsmann meiner Familie, auf mich zukommen. »Das kann nicht wahr sein.«, rollte ich meine Augen. »Hat mein Vater Sie engagiert?«
Ryan hielt sich fast nie bei uns in der Villa auf. Nur, wenn wir ihm Bescheid gaben, dass wir ihn für bestimmte Events brauchten, wie damals, als meine Eltern feiern wollten, ihre Firma erfolgreich verkauft zu haben.
»Ja, das hat er.«, antwortete er. »Geht es Ihnen gut?«, kam er noch einmal auf seine vorherige Frage zurück.
»Ja, Ja! Mir geht es gut!« Frustriert fuchtelte ich mit meinen Händen in der Luft herum. »Ryan, sagen Sie mir, warum genau hat mein Vater Sie zu uns gebeten?«
»Um auf Sie aufzupassen, Miss.«, sagte er wie aus der Pistole geschossen.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein! Hat denn keiner je etwas von Selbstverteidigung gehört? Ich bin erwachsen und brauche keinen Babysitter!«, schrie ich wütend, aber nicht auf Ryan. Ich war wütend auf meinen Vater, meine Mutter und Dean. Auf alle, die dachten, ich konnte mich nicht selbst beschützen. Es war alles so unnötig, denn Colyn würde nie in meine Nähe kommen und wenn doch, dann würde er mir nichts antun, dafür würde ich sorgen.
»Kathryn, wollen Sie garnicht, dass ich auf Sie aufpas-«
»Nein, natürlich nicht!«, unterbrach ich seine Feststellung. »Das wollte ich noch nie!«
»Soll ich das Ihrem Vater ausrichten?«, fragte er seriös und mit zusammengezogenen Schulterblättern, die Hände hinter dem Rücken zusammengefaltet.
Ich schüttelte meinen Kopf an den breit gebauten Mann vor mir gerichtet. »Nein, das möchte ich selber machen, danke.«
Ryan nickte und ich verschwand die Treppen hinauf in mein Zimmer. Anscheinend waren meine Eltern gerade unterwegs. Aber wenn sie nach Hause kämen, dann würde ich ihnen erst einmal eine Standpauke halten, das versprach ich mir.
Nach einer halben Stunde, in der ich an meinem Laptop ein paar Videos geschaut hatte, klopfte es an der Zimmertür und ich bat die Person herein, ehe die Tür aufgemacht wurde.
»Kathryn, entschuldigen Sie mir die Störung«, kam Ryan in mein Zimmer getreten, »aber Ihr Vater hat mich soeben angerufen und gesagt, dass er und Ihre Mutter heute ein spontanes Meeting mit den jetzigen Besitzern eurer ehemaligen Firma in San Diego hatten. Sie haben beschlossen, dort für eine Woche zu bleiben um etwas Urlaub zu haben und den neuen Besitzer des Öfteren anzutreffen.«
Sie haben doch auch so schon immer Urlaub!
»Erst machen sie sich Sorgen um mich und dann verschwinden sie, logisch.«, murmelte ich sarkastisch vor mich hin, doch Ryan hatte es gehört.
»Deswegen hat Ihr Vater mich beauftragt, auf Sie aufzupassen. Ich hab ihm gesagt, dass Sie das nicht wollen, aber er ließ das nicht durchgehen. Er vertraut auf mich.«
Ich rollte bloß mit den Augen. »Können Sie mich bitte alleine lassen?«, fragte ich mit festem Ton, dass es sich mehr nach einer Aufforderung, als einer Frage anhörte. Er nickte einfach und verschwand.
Ich ging auf meinen Schrank zu und holte mir Unterwäsche, eine Shorts und ein Top hervor. Mein Handy durfte ich auch nicht vergessen. Damit ging ich in mein Badezimmer nebenan und schloss es ab. Auf meinem Handy schaltete ich meine aktuelle Lieblingsplaylist ein und ließ die Musik den ganzen Raum erfüllen. Dann entledigte ich mich meinem Kleid, das ich immer noch anhatte, und dem Rest, der meinen Körper bedeckte. Ich stieg in die Dusche und machte das heiße Wasser an, das gleich darauf begann, meinen Körper hinunter zu triefen.
Ich genoss die Wärme und summte zu den Liedern mit, während ich meine Haare einshampoonierte. Als ich auch meine Haut zu Ende gereinigt hatte und der Schaum durch den Abfluss lief, ging die Musik plötzlich aus und mein Klingelton ertönte.
Genervt stöhnte ich auf, denn es ärgerte mich, dass ich in gerade so einem Moment angerufen werden musste.
Ich war noch nicht ganz fertig mit Duschen, also trocknete ich mir nur die Hände mit einem Handtuch und legte dieses dann um meinen Körper. Mit den trockenen Händen griff ich nach meinem Handy und nahm den Anruf an. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich gar nicht nachgeschaut hatte, wer mich da eigentlich anrief.
»Hallo?«, fragte ich also.
»Schatz!«, erklang es von der anderen Seite des Hörers. Ich erkannte Deans Stimme und fing an zu lächeln.
»Hey, warum rufst du mich gerade jetzt an?«
»Ich wollte einfach deine Stimme hören, Baby. Warum? Passt der Zeitpunkt gerade nicht?«, fragte er dann skeptisch.
»Nicht so ganz«, ich kniff ein Auge zu, »Bin gerade am duschen. Wir können später-«
»Ich kann auch jetzt vorbeikommen und wir können zu zweit weiter duschen.«, unterbrach er mich mit dem gewissen Etwas in der Stimme.
»Dean! Mir ist kalt, ich ruf dich später wieder an. Ciao.« Ohne ihn antworten zu lassen, legte ich auf.
Hastig hüpfte ich zurück in die Dusche, löste mich vom Handtuch und tauchte wieder in die wundervolle und warme Welt der Dusche ein.
Als ich fertig war, trocknete ich mich ab und zog mir meine mitgebrachten Klamotten an.
Ich verließ das Bad und ging in mein Zimmer, als ich von unten zwei Stimmen hörte. Eine davon gehörte Ryan und bei der zweiten war ich mir erst noch unsicher, da ich es mir nicht vorstellen konnte, doch als ich am Fußende der Treppe angekommen war und zur Haustür schaute, war ich mir sicher.
Erschrocken riss ich meine Augen auf. »Was machst du denn hier?« Ich ging auf die beiden zu und hielt neben Ryan.
»Tut mir leid, aber ich wusste nicht, dass man hier nicht einmal als Freund der Tochter das Cooper-Haus betreten darf.«, sagte Dean scharf und tötete Ryan mit seinem Blick.
»Ich darf niemanden reinlassen.« Unter dem Druck von Dean‘s Augen trat Ryan einen halben Schritt vor und verdeckte mich somit zur Hälfte.
Dean fiel die Kinnlade zu Boden und er blickte drein, als wäre er im falschen Film. »Was soll das?«, presste er wütend hervor.
»Jetzt mach mal halblang, Ryan!« Meinen Arm reckte ich nach vorne, legte meine Handfläche auf seine Brust und drücke ihn ein wenig zur Seite, auch wenn es nur wenige Zentimeter waren. »Er kann reinkommen.«, bestimmte ich.
Bevor ich Ryan Zeit zum Reagieren geben konnte, packte ich schon Deans Handgelenk und zog ihn hinter mir die Treppen zu meinem Zimmer hinauf. Ich schlug meine Zimmertür hinter ihm zu und ließ meinen Rücken auf ihr ruhen. »Noch einmal; was machst du hier?«, schaute ich ihn eindringlich an.
»Meine Freundin besuchen, offensichtlich.« Er kam mir näher und stützte seine Hand neben meinem Kopf gegen die Tür.
Ich schüttelte meine Gedanken klar. »Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?«, fuhr ich Dean aufgebracht an und drückte ihn von mir weg. »Stell dir vor, meine Eltern wären zuhause? Du hast Glück, dass sie jetzt eine Woche nicht da sind.«
»Ah, also sind wir nun schon so weit, dass du nicht einmal deinen Eltern von uns erzählt hast?«, wurde auch er wütend. »Ich glaube eher, du hast Glück, dass deine Eltern nicht da sind, weil du Angst vor ihrer Reaktion hast. Die Reaktion, wenn sie das mit uns herausfinden. Ich bin ja der Bruder von einem Vergewaltiger. Ich könnte doch genau so sein wie er, stimmt's?«, schnaubte er und ließ mich schlecht über mich selbst fühlen. »Ich liebe dich, Kathryn, aber nicht so.«, versuchte er ruhig zu bleiben, aber konnte seine Wut nicht unterdrücken. War er jetzt wirklich so sauer auf mich?
»Dean, es tut mir leid, ich hatte Angst-«, sagte ich mit brüchiger Stimme, doch er unterbrach mich.
»Angst.« Er lachte ironisch auf. »Du bist so ... arrg!«, zischte er.
»Was bin ich?«, wurde ich wieder laut und schaute ihn abwartend an. »Sag, wie du mich nennen wolltest, Dean.«
Er wusste nicht, was er sagen oder fühlen sollte, weshalb er sich einfach für den Zorn entschied. »Ich sollte gehen.« Er drehte sich mit geballten Fäusten und angespanntem Kiefer um und öffnete die Zimmertür.
»Dean, warte!« Ich packte sein Handgelenk und drehte ihn wieder zu mir um.
»Nein!«, brüllte er und schubste mich brutal nach hinten, sodass ich sehr unsanft auf den Boden fiel und mir den Ellenbogen an der Kante meiner Kommode stieß. Ich zischte vor Schmerz und hielt mir das schmerzende Körperteil.
»Was ist da los?«, hörte ich die Stimme des Sicherheitsmannes und wie er die Treppen hochgerannt kam, um ins Zimmer zu trampeln.
Ich blickte in das schockierte Gesicht von Dean, als er realisierte, was er getan hatte und besorgt auf mich zukommen wollte, doch Ryan war schneller. Er packte ihn an beiden Armen und zerrte ihn aus meinem Zimmer. Ryan rief etwas durch's Haus, was ich nicht verstand, denn ich war immer noch benebelt von der vorherigen Situation.
Dean hatte mir nie etwas angetan und würde es auch nie tun. Nicht einmal aus Versehen. Aber ihm tat es leid, oder nicht? Sein Blick war so weich geworden, als er mich auf dem Boden liegen sah.
»Kathryn, ist alles okey? Ich wurde gerufen.«, erschien Josie, unsere Putzfrau in dem Türrahmen.
Ich war wie gelähmt und lag immer noch auf dem Boden, was Josie sah und auf mich zugerannt kam, um mir hochzuhelfen. »Meine Güte, was ist denn passiert?«
»I-ich, ähm, ich habe keine Ahnung.«, flüsterte ich und war mit den Gedanken ganz woanders. Ich wusste nicht wo, aber einfach nicht hier.
»Du kannst mir alles erzählen, das weißt du doch, Katy.«, lächelte Josie mich warm an. Sie war wie eine gute Freundin für mich, obwohl sie fast zehn Jahre älter als ich war.
Ich schaute die Brünette an und nickte. »Meine Eltern sind verrückt geworden. Sie glauben, dass dieser Colyn Whittmore sich an mir vergreifen könnte, dabei weiß er wahrscheinlich nicht einmal von meiner Existenz und in der Firma gibt es tausende andere Frauen, die er auswählen könnte, falls er einen zweiten Fehler begehen sollte. Und jetzt ist Ryan mein Babysitter, was ich total daneben finde.«
Sie überlegte kurz, bevor sie redete. »Sie machen sich doch nur Sorgen um ihre wertvolle Tochter. Sei froh, dass du Leute hast, die dich lieben und beschützen wollen.« Sie nahm mich in den Arm. »Und was war das gerade? Wer war dieser Mann?«
»Ach, das.«, sagte ich lustlos, »Das war Dean Keith. Der Adoptivbruder von Colyn. Er ist mein fester Freund, eigentlich.«
»Eigentlich?«, hakte sie nach.
»Wir hatten gerade einen Streit. Meine Eltern wissen nichts von ihm. Er wurde sauer und hat mich zu Boden geschubst. Es war ein Ausrutscher, denke ich.«
Erst jetzt ließ sie mich wieder los und hielt mich auf Armlänge an den Schultern von ihr entfernt. Ihr Blick durchborte mich. »Ich glaube, ihm tut das furchtbar leid. Als ich zu deinem Zimmer geeilt bin, habe ich gesehen, wie Ryan ihn aus dem Haus gezerrt hat. Sein Blick war total benebelt und voller Sorge, das konnte ich erkennen. Vielleicht solltet ihr euch einfach aussprechen.«
»Vielleicht«, murmelte ich, »Vielleicht sollten wir das.«
»Ich bin dann mal weg!«, verabschiedete ich mich am nächsten Morgen von Josie, die gerade den hinteren Teil des Flures wischte. Sie winkte mir zu und ich drehte mich zur Tür, doch plötzlich hörte ich Autoschlüssel neben mir klimpern. Ich drehte mich nach links und erkannte Ryan mit dem Schlüsselbund um den Zeigefinger drehend, mich angrinsend.
»Ich fahre Sie, Madame.«, sagte er selbstsicher.
»Sicherlich nicht! Wofür habe ich denn bitte meinen Führerschein gemacht?« Ich griff nach den Schlüsseln um seinem Finger, doch er ließ diese blitzschnell in seiner Faust verschwinden.
»Keine Widerrede. Was ist, wenn Sie diesen Idioten von gestern wieder treffen? Was wird er dieses Mal machen?«, giftete er über Dean.
»Das reicht!«, bestimmte ich, »Er ist mein Freund und das gestern war eine einmalige Sache!«
»Das glauben Sie doch nicht im Ernst, Kathryn.«
»Na schön. Wenn ich nicht fahren kann, dürfen Sie es auch nicht. Dann gehe ich halt zu Fuß oder nehme den Bus.«, meinte ich mit erhobener Nase. Das ließ ich mir doch nicht gefallen!
Ryan streckte seine Hand nach mir aus, erreichte mich aber nicht. »Kathryn-«
»Lassen Sie sie!«, rief Josie ihm zu und ich lächelte sie dankend an. Dann ging ich aus dem Haus, erntete noch einen unzufriedenen Blick des nervtötenden Mannes, und grinste triumphierend, als er mir augenrollend den Autoschlüssel zuwarf.
»Hier, dann kommen Sie wenigstens nicht zu spät.«, murmelte er sauer.
»Wie freundlich!«, sagte ich sarkastisch und lächelte ihn genau so an.
Siegessicher verließ ich das Haus und machte mich auf den Weg zur Arbeit.
Ich betrat die Lobby und ging wieder einmal zuerst auf Blair zu, die mich sofort begrüßte.
»Du glaubst es nicht!«, sagte sie völlig hysterisch. Ich schaute sie fragend an und ließ sie aufgeregt weiterreden. »Sein Sohn war hier!«
»Jetzt komm erst mal runter, Blair. Wer war hier? Welcher Sohn?«, wollte ich ruhig wissen.
Sie atmete einmal ein, dann aus und dann wieder ein. Beim Reden atmete sie erneut aus. »Der Sohn von Mr. Whittmore!«
»C-Colyn Whittmore?«, stotterte ich unsicher und ich bekam schlagartig ein mulmiges Gefühl.
»Ja, ja! Und er ist noch heißer als früher!« Über ihr Schwärmen konnte ich ihr plötzlich nicht böse sein, stattdessen fing ich an zu lachen.
»Blair!« schaute ich sie empört und belustigt zugleich an.
»Er hat so viel mehr Muskeln und noch mehr Tattoos!«
»Mehr Tattoos? In diesen zwei Tagen seiner Freiheit hat der nichts besseres zu tun, als sich noch mehr Tattoos stechen zu lassen?«, pfiff ich. Oder hatte er sich die Tattoos im Knast stechen lassen können? »Ist er noch hier?«, fragte ich meine Freundin, um sicherzugehen.
Doch meine Frage beantwortete sich schon von selbst, als die Fahrstuhltür aufging und zwei sich laut unterhaltende Männer heraustraten. Der erste größer und breiter als der zweite, außerdem jünger. Den Älteren identifizierte ich als Mr. Whittmore und den Jüngeren...
»Oh Gott!«, schien Blair gleich in Ohnmacht zu fallen, als sie ihn auch erkannte.
Mr. Whittmore lächelte Blair und mir zu, ehe er in eine andere Richtung verschwand. Sein Sohn schaute sich kurz um, ich hörte meine Freundin »Ich sterbe, er kommt zu uns!« mir zuflüstern und sah Colyn Whittmore, wie er sich uns näherte.
Er wollte mit Blair, der Empfangsdame, reden, also stellte er sich, als er bei uns angekommen war, vor sie und somit rechts neben mich. Mein Herz flatterte vor Aufregung. Seinen muskulösen rechten Arm stützte er auf den Tresen und war dadurch etwas zu mir gedreht. Ich erstarrte und betrachtete seine tätowierte Haut.
»Entschuldigung«, erklang seine raue Stimme und ließ Blair und mich aus der Trance erwachen. Warum war ich so benebelt? War es sein unglaublicher Geruch? Oder sein Erscheinungsbild? »Ich möchte bitte mit Kathryn Cooper reden.«, teilte er Blair mit, die ihn mit ihren Augen zu verschlingen schien, während sie mindestens genauso aufgeregt war wie ich - jedoch auf eine andere Weise. Während sie ihn anschmachtete, überkam mich die Panik.
Ich schnappte scharf nach Luft und traute mich fast nicht zu reden. »D-das bin ich.«, stotterte ich und verfluchte mich dafür.
Er drehte sich nun komplett zu mir und ließt seine stechend blauen Augen mich durchbohren. Diese wanderten dann meinen gesamten Körper hinab und wieder hinauf. Mir schien die Luft auszugehen und ich wurde nervös. Außerdem fühlte ich mich unwohler als je zuvor in meiner Haut, wenn ich mir vorstellte, wie diese Augen das sechzehn-jährige Mädchen angeschaut hatten.
Colyn Whittmore fuhr sich durch seine dunklen Haare, die an den Seiten kürzer waren als oben. »Gut«, sagte er mit festem Ton, »Kommen Sie bitte mit mir, wenn Sie kurz Zeit haben.«
Ich zögerte. Ich würde doch nicht mit ihm alleine sein, oder? Mit einem Vergewaltiger. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte und starrte Löcher in die Luft. »Wissen Sie, das ist ziemlich unhöflich.«, begann er mich beim Zögern zu unterbrechen. »Ich weiß, ich habe nicht den besten Ruf, aber Sie können mir ruhig antworten. Ich werden Ihnen nichts tun.«
Das, was er dem Mädchen angetan hatte, war doch wohl unhöflich!
»Tut mir leid. Ähm ja, ich habe noch ein wenig Zeit.« Warum ließ ich ihn nicht einfach stehen?
»Na also. Folgen Sie mir.« Er ging voran, sodass meine Sicht auf seinen breiten und muskulösen Rücken fiel, welcher sich unter seinem weißen Hemd spannte.
Ich schaute kurz verzweifelt zu Blair zurück, die mit ihren Lippen ein »Oh mein Gott!« formte und konzentrierte mich dann wieder aufs Gehen.
Colyn drehte seinen Kopf zu mir. »Kommen Sie. Ich habe auch nicht ewig Zeit.« Ich beschleunigte also meinen Schritt und wir kamen am Fahrstuhl an. Er drückte auf den Knopf, der Fahrstuhl kam bei uns an und öffnete seine Türen. Wir stiegen ein, nachdem wir alle anderen herausgehen lassen haben und ich sah zu, wie sich die Türen wieder schlossen.
Mein Puls schlug mir in den Ohren, als ich versuchte, unauffällig zu Colyn zu schauen, doch das schaffte ich nicht, da er mich auch anguckte. Er starrte mich geradewegs an und ich musste sagen: er konnte echt gut den Blick eines anderen standhalten. Ich war nicht so begabt darin, weshalb ich schnell wieder auf den Boden schaute.
Colyn drückte den Knopf zum zwanzigsten Stockwerk. »Wir werden in mein Büro gehen.«, klärte er mich auf.
Ich nickte bloß. Was war so wichtig, dass wir dafür extra in sein Büro mussten? Ich wurde noch nervöser, als ich sowieso schon war, was man mir wahrscheinlich auch ansah, denn Colyn stellte sich plötzlich vor mich.
»Sie denken immer noch, dass ich jeden Moment handgreiflich werden könnte, stimmt's, Ms. Cooper?«
Mein Kopf schoss nach oben und ich schaute in sein Gesicht. »I-ich, äh-« Meine Stimme stockte, so rau wurde mein Hals.
»Schon okey. Das tut jeder und ich kann es den Leuten auch gar nicht übel nehmen. Aber anscheinend glaubt niemand daran, dass ich mich verändert haben könnte. Sie auch nicht, schade.« War er gerade wirklich enttäuscht? Wohl eher nicht.
»Das ist auch echt schwer, so etwas von jemandem zu verlangen. Wenn es nach den Leuten ginge, die sich um mich sorgen, dürfte ich jetzt nicht einmal mit Ihnen reden, geschweige denn hier im Fahrstuhl stehen.« Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und wunderte mich über meinen plötzlichen Mut.
»Wow, das ist hart.«, sagte er wirklich etwas betroffen und lachte kurz schwach auf.
»Das haben Sie sich lebst zuzuschreiben.« Endlich öffneten sich die Türen hinter Colyn und und ließen mich somit erleichtert aufatmen. Er drehte sich um und ging hinaus, was ich ihm gleichmachte.
Ich hatte gerade einmal ein halbes Jahr in diesem Unternehmen gearbeitet, als Colyn Whittmore festgenommen wurde und zu dieser Zeit hatte ich nicht oft die Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen. Gesprochen habe ich ihn nie, nur reden hören. Er hatte mich wahrscheinlich nie wahrgenommen, bei so vielen anderen Arbeitern hier.
Wir kamen an seiner Bürotür an, die er aufschloss und diese für mich aufhielt. Gentlemen also. Ich fragte mich, ob er sein Büro überhaupt noch brauchte, dann ging ich an ihm vorbei, in den noch dunklen Raum. Er kam direkt hinter mir her und ich hörte, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich drehte mich hastig um und stieß mit meiner Brust gegen seine, so nah war er mir. Aus Reflex umfasste er meine Oberarme mit seinen großen Händen und kniff seine Augen angespannt zusammen.
Ich gab einen ängstlichen und gleichzeitig verwirrten Ton von mir, ehe ich mich mit einem Schritt nach hinten von ihm losriss. Darauf folgte ein zweiter Schritt. »Machen Sie das Licht an!«, befahl ich ihm plötzlich paranoid.
Colyn seufzte und tat, was ihm befohlen war. Dann drehte er sich wieder zu mir. »Also, kommen wir zu dem Thema, weshalb ich Sie sprechen wollte.«, sagte er und machte das Licht an. »Da Sie Kathryn Cooper sind, gehe ich davon aus, dass Sie die Cover für unsere Zeitschriften gestalten. So wurde es mir zumindest gesagt.«
Ich nickte. »Ja, dafür bin ich zuständig.« Ich war gefesselt von seinem Blick und bemühte mich auch gar nicht großartig darum, mich von diesem loszureißen.
»Ich möchte wieder auf das Titelbild.«, war seine Aussage und er schien, als würde er nicht damit handeln wollen.
»Tut mir leid, aber da kommen nur unsere Models drauf.«, erinnerte ich ihn.
»Darüber bin ich mir im Klaren. Ich war vor der Festnehmung das Model des Covers und ich werde es auch wieder sein. Ich bin der Sohn des Chefs.«, sagte er das, was ich bereits wusste.
»Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass man Sie wieder als Model einstellt, nachdem sie nach einem Shooting ein anderes Model vergewaltigt haben!« Nachdem ich vor Colyn Whittmore selbst ausgesprochen hatte, wann und was er getan hatte, um zwei Jahre dafür absitzen zu müssen, hatte ich ein mulmiges Gefühl im Magen.
»Ich war zweiundzwanzig und dumm. Jetzt sind zwei Jahre vergangen.«
»Und ich bin jetzt zweiundzwanzig und nicht dumm. Oder etwa doch? Ich sollte gehen-« Ich drehte mich um, da ich bemerkte, dass es tatsächlich außerordentlich dumm war, hier und jetzt mit Colyn zu sein, doch da ergriff er schon meinen Arm.
»Warten Sie. Ich habe Sie größten Teils um etwas anderes hergebeten.«, bat er mich zu bleiben.
Ich entriss mich mit einem hörbaren Ausatmen aus seinem Griff. »Und ich dummes Ding hab mich schon gefragt, warum wir für so etwas in Ihr Büro müssen.« Ich drehte mich wieder zu ihm, nachdem ich meine sarkastischen Worte ausgesprochen hatte.
»Sie sind nicht dumm, Kathryn.«
»Aha.«, sagte ich emotionslos. »Legen Sie los, ich bin ganz Ohr.« Ich stützte meine Hände in die Hüften und schaute ihn abwartend an. »Na los, ich hab' nicht ewig Zeit!«, äffte ich ihn von vorhin nach.
»Als aller Erstes sollten Sie darauf achten, wie sie mit mir reden!«, wurde er ernster.
Er hat doch vorhin das Selbe zu mir gesagt!
»Und Sie sollten darauf achten, wie Sie mit Frauen umgehen!« Ich trat einen Schritt näher an ihn heran, um ihm zu beweisen, dass ich nicht so schnell herunterzukriegen war, wie er dachte. »Was. Wollen. Sie?«
»Ich möchte Sie warnen, Kathryn.«, sagte er plötzlich ganz sanft und ohne auf meine Aussage zu reagieren.
