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Kapitel 1

Heute

Kathryn

 

   Ich betrat die Küche, um zu frühstücken, als ich aus dem Wohnzimmer meinen Vater aufgebracht etwas murmeln hörte.

   »Unglaublich!«, rief er und dann vernahm ich, wie etwas auf unseren Glastisch gedonnert wurde.

   Neugierig folgte ich dem Gefluche meines Vaters ins Wohnzimmer und blieb im Türrahmen stehen.

   »Schatz, setz dich zu uns. Du hast doch noch etwas Zeit, oder?«, fragte mich meine Mutter, die neben meinem Vater auf dem riesigen, cremeweißen Sofa saß. Ich nickte und setzte mich zögernd zu ihnen.

   »Was ist los?«, fragte ich beide und schaute sie an. Mein Vater starrte wie gefesselt auf den  Fernseher, mit dem Oberkörper nach vorne gebeugt und die Arme auf den Knien abgestützt. Die Handbewegung meiner Mutter ließ meinen Blick ebenfalls zum Fernseher gleiten, und ich zuckte zusammen, als ich ein altbekanntes Gesicht sah. Eins, das wir alle - meine ganze Familie und wahrscheinlich auch ganz Hollywood - nicht mehr vor Augen haben wollten. Ich sah stechend blaue Augen, sehr dunkelbraune Haare und eine tätowierte Haut.

   »Was ist los?«, fragte ich also ein weiteres Mal, obwohl ich jetzt einen kleinen Verdacht hatte.

   »Colyn Whittmore.«, spuckte mein Vater seinen Namen aus, als seie er Gift. »Du kennst ihn noch, oder?«

   »J-ja. Ja, klar.«, begann ich zu stottern, als ich nun auch seinen Namen wieder hörte. Sein Gesicht zu sehen war eine Sache, aber zu hören, wie man seinen Vor- und Nachnamen über die Lippen brachte, war dann doch wieder etwas anderes. Ich schüttelte meinen Kopf, um wieder klare Gedanken zu bekommen und redete wieder fest. »Zwei Jahre sind nicht allzu lange her, Dad.«

   »Tja, ich wünschte, sie würden noch länger dauern, denn er wurde entlassen.«, giftete mein Vater.

   »Was?!«, schoss es aus mir heraus. Ich hatte zwar einen Verdacht, dass er vielleicht etwas früher entlassen werden würde, aber nicht, dass dieser Tag bereits gekommen war. »Wann?«, fragte ich aufgeregt vor Nervosität. »Heute?«

   »Gestern Abend.«, verriet meine Mutter und mir wurde augenblicklich schlecht.

   »Ich möchte nicht, dass du heute zur Arbeit gehst, Kathryn.« Mein Vater schaltete den Fernseher aus und sah mich streng an. »Und morgen auch nicht. So lange, bis ich sicher gehen kann, dass dieser Typ nicht einfach in die Firma geplatzt kommt und rückfällig wird. Wer weiß, ob es dieses Mal dich erwischt.«

   »Dad, das geht nicht. Das ist mein Job, ich muss dort auftauchen.«, sagte ich ruhig, denn ich wollte ihn nicht reizen.

   »Wir haben genug Geld, Kathryn, du brauchst nicht zu arbeiten.« sagte er unsicher.

   »Ach, seit wann denn der Sinneswandel? Ihr wolltet doch immer, das ich mich nicht nur auf euer Geld verlasse. Und außerdem will ich auch mein eigenes Geld verdienen und dann ausziehen. Ich will nicht auf euch angewiesen sein.«, rechtfertigte ich mich.

   »Er macht sich doch nur Sogen, genau wie ich.« Meine Mutter legte ihre Hand auf die Schulter meines Vaters.

   »Tut mir leid, ich muss jetzt los.«, sagte ich eilig und stand auf. Das wollte ich mir nicht weiter anhören, denn meinen Job würde ich nicht aufgeben. Hörbar zogen meine Eltern die Luft ein, als ich mich ihnen einfach so widersetzte. »Mom, Dad, es passiert nichts und ich bin mir sicher, dass er an dem ersten vollen Tag seiner Freiheit nicht direkt wieder in der Firma seines Vaters auftauchen würde.« Damit drehte ich mich um und verschwand in den großen Flur.

   Irgendwann muss ich nicht mehr in dieser Villa wohnen und kann mir ein eigenes Apartment leisten. Darüber grübelte ich öfters, wenn ich alleine im Flur war und mich hier umschaute. Ich wollte im Leben selbst etwas erreichen und das konnte ich nicht, wenn ich noch bei meinen Eltern lebte und auf sie angewiesen war. Der Verkauf der Firma war zwar ein voller Erfolg für meine Eltern, aber ich fühlte mich einfach fehl am Platz zwischen diesen riesigen und hohen Wänden.

   Schon zu lange hatte ich es mir im Nest meiner Eltern gemütlich gemacht, weshalb es nun allerhöchste Zeit war, dies zu ändern.

   Das Frühstück musste heute wohl bei mir ausfallen. Ich zog meine dünne Jacke und die Schuhe an und griff nach meiner Tasche, ehe ich durch die Tür nach draußen gelang. Ich atmete die Sommerluft ein, die schon am Morgen warm war.

   Dann stieg ich in meinen weißen Audi und fuhr damit zur Arbeit.

   Am Ziel angekommen ging ich auf das riesige, gläserne Gebäude zu und betrat die Lobby durch die automatisch öffnenden Schiebetüren. Die Frau am Empfang lächelte mir breit entgegen, als sie mich entdeckte. Schnellen Schrittes ging ich auf sie zu und blieb dann vor ihr stehen.

   »Guten Morgen, Ms. Cooper.«, begrüßte sie mich förmlich und kassierte einen mahnenden Blick von mir. Wir fingen an zu lachen und sie korrigierte sich bezüglich der Anrede. »Katy, gut geschlafen?«

   »Ja hab' ich. Und du?«, fragte ich Blair. Wir waren gute Freunde geworden, seitdem ich vor zweieinhalb Jahren hier zu arbeiten begann.

   »Ich auch. Hast du schon gehört? Der gut aussehende Sohn von unserem Chef wurde endlich aus dem Gefängnis entlassen!«, sagte sie aufgeregt und doch leise, damit es kein anderer in der vollen Lobby mitbekam.

   »Colyn Whittmore, ich weiß. Aber hast du denn schon vergessen, was er getan hat? Er ist ein Krimineller!«, warnte ich sie, obwohl sie das - wenn sie einen gesunden Menschenverstand hatte - schon längst gewusst haben sollte.

   »Ich weiß, ich weiß, aber gerade das macht ihn doch so heiß!« Verträumt schaute sie Löcher in die Decke.

   Schlagartig wurde ich wütend, sodass ich meine flache Hand auf den Tresen zwischen uns schlug. »Blair! Er hat ein sechzehn-jähriges Mädchen vergewaltigt!«, erinnerte ich sie fassungslos und bekam die Aufmerksamkeit ein paar anderer Leute, die sich aber schnell wieder ihren Sachen zuwandten. Das mit Colyn Whittmore hatten bestimmt schon alle mitbekommen.

   »Ganz ruhig, Kat! Das war vor zwei Jahren, dem Mädchen geht es bestimmt schon wieder besser. Klar, es ist schlimm, aber irgendwann muss man nach vorne schauen und nicht immer wieder zurückblicken. Auch bei Kriminellen, wie Whittmore Junior.«, sagte sie nicht ganz so seriös, wie die Situation eigentlich hätte sein sollen.

   Ironisch lachte ich auf und ließ meine Arme in der Luft herumwedeln. »Du bist unglaublich!«, sagte ich angewidert darüber, was sie über das bemitleidenswerte Mädchen gesagt hatte und drehte mich zum Gehen um. »Ich mach mich an meine Arbeit.«, meinte ich dann und bewegte mich schnellen Schrittes zum Fahrstuhl, ohne auf eine Antwort ihrerseits zu warten. Als ich auf den Knopf drückte und sich der Fahrstuhl wenig später vor mir öffnete, ließ ich erst die Leute heraustreten und stellte mich dann selbst hinein. Ich fuhr ins fünfzehnte Stockwerk, dort, wo die Zeitschriften dieser Modefirma gestaltet und Erstauflagen gedruckt wurden.

   Dort angekommen ging ich durch den Flur auf mein Büro zu und konnte gar nicht glauben, dass ich so oft den Namen des Vergewaltigers hörte. Alle tuschelten über ihn, über seine Entlassung und wie sein Leben wohl in künftiger Zeit für ihn aussehen würde.

   Konnten sie sich nicht lieber auf etwas konzentrieren, was es auch wert war, darüber nachzudenken? Dieser Mann widerte mich an, und das sollte er die anderen auch. Sie vergeudeten nur ihre Zeit mit einem unnötigen Thema, mit jemandem, der es einfach nicht wert war.

   Ich verabscheute ihn für seine Tat.

   Als ich mein Büro betrat, schaltete das Licht ein, machte es aber gleich darauf wieder aus, da es hell genug hier drinnen war. Immerhin war es Sommer und dann war es auch morgens hell genug.

Auf dem Weg zu meinem Schreibtisch streifte ich mir mein Jäckchen ab und hing es dann über den Drehstuhl, auf den ich mich danach fallen ließ.

   Ich konnte mich nicht einmal richtig erholen, da klopfte es schon an meiner Tür. Blitzschnell setzte ich mich gerade auf und strich mein Etuikleid glatt, genauso wie ich meine Haare richtete.

   »Herein!«, bat ich die Person, als ich mir sicher war, ordentlich auszusehen. Die Tür öffnete sich und Dean Keith kam mit seinen dunkelblonden Haaren und der großen, schlanken Statur zum Vorschein. Er schloss die Tür hinter sich und kam langsam zu mir herüber. Ich erhob mich von meinem Stuhl. »Mr. Keith! Wie kann ich Ihnen helfen?«, lächelte ich freundlich.

   »Ich bitte dich, Kathryn, hier hört und sieht uns niemand.« Nach diesen Worten war er um den Schreibtisch zu mir herum gegangen und griff mit einer Hand nach meiner Hüfte und mit der anderen in meinen Nacken. Dann drückte er mich an sich und legte seine Lippen auf meine. Ich erwiderte den Kuss, auch wenn ich kein Kribbeln in meinem Bauch fühlte.

   Dean Keith war der Adoptivbruder von Colyn Whittmore und seiner Schwester Cayla Whittmore. Mit seinem achtzehnten Geburtstag hatte Dean beschlossen, den Nachnamen, mit dem er geboren war, wieder zurückzubekommen. Nach wenigen Diskussionen willigten seine Eltern ein, da sie ihn verstehen konnten. Es war seine Identität und die wollte er nicht ändern, weil er in einer Familie lebte, die biologisch gar nicht seine war. So redete Dean immer darüber und viel mehr wusste ich auch nicht. 

   Was ich aber von anderen Themen wusste, war, dass Dean und Colyn sich nie leiden konnten, da beide einen ähnlichen dominanten Charakter hatten.

   Nach Colyns schlampigem Verhalten wurden die Leute unruhig, da er der eigentliche Erbe von Whittmore Industries war, aber nach der Vergewaltigung des Mädchens und Colyns Verhaftung hatte George Whittmore, mein Chef, offiziell ausgesprochen, dass sein Sohn das Unternehmen nicht erben wird.

   Dean löste sich von mir und schaute mich wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt an. Seine Augen blitzten vor Verlangen, das erkannte ich. »Ich liebe es, wenn du Figurbetonte Kleider trägst, Kitty.«

   Meine Hände legten sich auf seine Brust und glitten weiter nach unten. An seinem Hosenbund angekommen griffen meine Finger zu und zogen ihn wieder so nah an mich heran, dass unsere Nasenspitzen sich berührten. Dean seufzte zufrieden, während seine Hände meinen Rücken hinunterstreiften

    »Und ich liebe es, wenn du dich während der Arbeit auch auf diese konzentrierst.« Dann drückte ich ihn von mir und setzte mich halb auf meinen Schreibtisch. »Warum bist du eigentlich hergekommen?«, fragte ich ihn, als ich merkte, wie er immer noch auf der selben Stelle stand und mit den Gedanken woanders durch das Panoramafenster blickte.

   Dean schloss kurz seine Augen und als er sie wieder öffnete, schauten sie mich an. »Mein Bruder.« Er betonte das Wort so, wissend, dass es nicht sein richtiger Bruder war. »Er wurde entlassen, was du bestimmt schon weißt.« Ich nickte. Er leckte sich leicht über die Lippen und zog die Luft durch die Nase ein. Ein Zeichen dafür, dass er gerade überlegte. »So gut wie ich ihn kenne, wird er mit Sicherheit trotz seines jetzigen Rufes hierher kommen. Weißt du, ich will einfach nicht, dass er dir etwas antut. Wir mögen uns nicht sonderlich und wenn ich ihn aus Versehen einmal wütend machen sollte, würde er sich zuerst an dir vergreifen, da er weiß, wie wichtig du mir bist.«

   »Dean, du bist nicht der Einzige, der sich Sorgen um mich macht. Aber es ist ja nicht so, dass ich mich in dieser sehr unwahrscheinlichen Situation nicht wehren könnte.«

   Meine Arme verschränkte ich vor der Brust und ich schaute ihn eindringlich an, was er mir nun gleichtat.

   »Kathryn, er ist ein Mann und du bist eine-«, wollte er vorsichtig sagen.

   »Soll was heißen?«, unterbrach ich ihn aufgeregt und doch im leisen Ton, »Dass ich schwach bin? Wehrlos?«, spotte ich und machte ihm wahrscheinlich gerade ein schlechtes Gewissen.

   »Kathryn! Er hat es geschafft ein Mädchen zu vergewaltigen, trotz ihrer heftigen Wehr.« sagte er verzweifelt, was seine Augen widerspiegelten.

   »Dieses Mädchen«, begann ich aufgebracht, »war sehr jung und unwissend! Ich bin zweiundzwanzig und weiß mich richtig zu wehren!« Dean fuhr sich verzweifelt durch die Haare. »Und außerdem wird es nie soweit kommen.«

   »Kath-«

   »Nein, Keith. Mach dich jetzt wieder an deine Arbeit.«, befahl ich ihm. Er war zwar der Sohn des Chefs, aber ich war die Abteilungsleiterin und diese Etage war sozusagen meine.

   Geschlagen und doch unzufrieden nickte er und verschwand ohne ein weiteres Wort. Als die Tür ins Schloss fiel, sackte ich zusammen und vergrub meine Hände in den Haaren, bevor ich mir mit diesen über mein Gesicht strich. Warum machen sich alle so viele Gedanken?

   Ich setzte mich wieder auf meinen Schreibtischstuhl und fuhr meinen Computer hoch, wo ich dann meine Arbeit zum Gestalten der einzelnen Seiten unserer Zeitschrift weiterführte.

   Jede Woche brachten wir ein neues Magazin zu unserer Mode heraus und das Cover, was ich immer gestaltete, sollte jedes Mal mit anderen Farben und Models bedruckt sein. Heute arbeitete ich aber genau so wie gestern auch schon an den einzelnen Seiten des Magazins, da ich die Arbeit für eine krankgeschriebene Mitarbeiterin übernahm und das Cover sowieso schon fast fertig war. Dean arbeitete mit der Krankgeschriebenen - Stina West - zusammen in dieser Abteilung und somit half ich auch ihm bei seiner Arbeit.

   Als ich mit ihrem Teil fertig war, holte ich meine Wasserflasche heraus und trank einen Schluck, als es schon wieder an meiner Tür klopfte. Ich packte die Flasche weg und bat die Person herein.

   »Ms. Cooper, guten Tag.« Eine zierliche Frau kam herein, aber ich erinnerte mich nicht an ihren Namen, da sie noch relativ neu war.

   »Guten Tag, Ms.-« Ich stockte.

   »Carter.«, half sie mir lächelnd auf die Sprünge. Carter. Ich prägte mir ihren Namen ein.

   »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich sie höflich.

   »Ich muss Unterlagen kopieren, aber ich glaube der Drucker spinnt.«, sagte sie schüchtern und strich sich ihre hellblonden Haare hinters Ohr.

   »Ich komme sofort in Ihr Büro, Ms. Carter.« Sie nickte und verschwand wieder.

   Meinen Computer schaltete ich aus und bewegte mich aus meinem Büro in den Flur. Ich schaute zum Aufzug und sah gerade, wie sich die Türen des Fahrstuhls vor Mr. Whittmore schlossen, aber er war nicht alleine dort drin. Neben ihm stand eine Person, ein Mann, der größer war als er und breite Schultern hatte. Ich sah ihn nur von hinten, aber er hatte auf alle Fälle nicht die passende Kleidung für ein solches Unternehmen an, denn er trug eine einfache Jeans und ein enges weißes T-Shirt, welches sich um seinen muskulösen Rücken spannte.

   Ich schüttelte meinen Kopf von diesen Gedanken frei, als sich die Fahrstuhltüren nun endgültig schlossen und ging zu Ms. Carters Büro. Die Tür war offen, da sie mich schon erwartete, also trat ich hinein und ging auf den Drucker zu, an dem sie schon stand. Ich half ihr beim Kopieren und es stellte sich heraus, dass der Drucker nur einen Papierstau hatte. Wie hatte Ms. Carter es in dieses Unternehmen geschafft, ohne so etwas erkennen und beheben zu können?

 

  »Tut mir leid, was ich gesagt habe. Ich wollte dich nicht irgendwie angreifen oder so.«, murmelte Blair, als ich mich von ihr verabschieden wollte.

   »Schon okay.«, sagte ich, obwohl ich es immer noch nicht okay fand. »Lass uns das vergessen.«

   Sie ging um den Informationstresen herum und nahm mich in ihren Arm. »Ich hab dich lieb, Kat.«

   »Ich dich auch.«, sagte ich.

   »Schönen Feierabend!« rief sie mir noch zu, als ich mich auf den Ausgang zubewegte.

   »Danke, den wünsche ich dir auch.«, drehte ich mich zu ihr um.

   »Ich muss noch etwas länger arbeiten.«, lachte sie.

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