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Kapitel 5

Irgendwann nach Mitternacht klickte endlich das Türschloss.

Elena bewegte sich nicht vom Sofa. Im Wohnzimmer brannte nur eine einzige Wandlampe – ein dünnes, kaltes Licht.

Dante stolperte herein. Der Alkoholgeruch kam zuerst – als hätte man ihn gerade aus irgendeiner lauten, schmutzigen Bar gefischt.

Noch bevor sie sich zurücklehnen konnte, griff er nach ihrer Taille und zog sie an sich.

Sein Atem war heiß an ihrem Hals. Seine Worte lallten, als würde er eine Entschuldigung zerkauen und wieder ausspucken.

„Elena … sei nicht böse … es ist meine Schuld. Gib mir die Schuld. Schlag mich, schrei mich an, was du willst …“

„Lass mich los.“

Sie stieß ihn zweimal weg, ihre Stimme eiskalt.

Doch er war zu betrunken, um zu stehen. Sein ganzes Gewicht sackte auf sie herab und zog sie mit nach unten.

Sie konnte ihn nicht abschütteln.

Also hörte sie auf, es zu versuchen, und ließ ihn einfach an sich hängen.

Ein paar Minuten später wurde sein Atem ruhiger.

Dante war eingeschlafen.

Elena sah auf sein Gesicht hinunter.

Früher hatte er nach Geschäftsreisen auch so reagiert – kam nach Hause und fiel sofort auf sie.

Aber selbst mit geschlossenen Augen tastete er dann noch nach ihrer Hand, murmelte „Ich habe dich vermisst“ und zog sie enger an sich.

Sie schloss die Augen. Für einen Moment meinte sie fast, den alten Rhythmus seines Herzens zu hören – jung, ehrlich, nur auf sie ausgerichtet.

Wann war alles so geworden?

Der Schmerz zog sich hart in ihrer Brust zusammen, als würde jemand ihr Herz packen und auswringen.

Sie konnte es nicht rechtzeitig aufhalten.

Eine Träne fiel auf seine Wange.

Das weckte ihn.

Er blinzelte zu ihr hinauf, seine Pupillen verschwommen, und wischte unbeholfen über ihr Gesicht.

„Schatz… wein nicht … was ist los?“

Noch bevor sie antworten konnte, beugte er sich vor und küsste den Augenwinkel.

Diese betrunkene Zärtlichkeit fühlte sich an wie eine Lüge.

„Bist du sauer, weil ich den Jahrestag nicht richtig gefeiert habe? Ich … ich mache es morgen wieder gut … den besten …“

Seine Stimme brach mitten im Satz ab.

Dann sackte er gegen ihre Schulter und schlief wieder ein.

Elena nahm kein Wort davon ernst.

Doch am nächsten Morgen, erinnerte er sich.

Nachdem er sich gewaschen hatte, trat er hinter sie, legte die Arme um ihre Taille und flüsterte ihr ins Ohr, als hätte er ein Geheimnis.

„Heute Abend kochst du nicht. Ich habe ein privates Restaurant reserviert. Wir feiern unseren Jahrestag noch einmal.“

Elena faltete gerade eine Decke. Ihre Finger hielten inne.

„Ich habe heute Abend Arbeit. Vielleicht schaffe ich es nicht.“

Dante erstarrte für einen Moment – dann lachte er.

Doch in diesem Lachen lag etwas. Eine kleine, beiläufige Verachtung, die ihm selbst gar nicht auffiel.

„Was für Arbeit?“

„Du bist doch Hausfrau. Welche Arbeit soll das sein?“

Elena hielt die Hand noch immer in der Luft. Ihre Fingerspitzen wurden langsam blass.

Sie senkte den Blick.

Nach ein paar Sekunden sagte sie nur leise:

„In Ordnung.“

Am Abend erschien sie trotzdem.

Das Restaurant befand sich in einem privaten Club in Manhattan – kein Schild, nur eine Metalltür und Sicherheitsleute, die jeden ansahen, als wäre er eine Bedrohung.

Dicker Teppich. Große Glasfenster. Draußen lag das nächtliche New York wie ein kaltes Netz aus Lichtern.

Elena hatte sich gerade gesetzt, als die Tür aufging.

Bianca kam herein, hob leicht den Rocksaum an und lächelte süß – wie eine polierte Klinge.

„Dante, Elena, hallo! Ich bin da!“

Elena sah Dante an, die Stirn leicht gerunzelt.

Dante erklärte hastig, als hätte er Angst, sie könnte nein sagen.

„Bianca hat sich wegen des Familienessens schuldig gefühlt. Sie wollte sich persönlich entschuldigen. Also habe ich sie mitgebracht.“

Entschuldigen?

Doch Bianca hielt keine Sekunde den Mund.

Sie beschwerte sich, dass die Desserts hier nicht so gut seien wie „an dem Ort, den du letztes Mal gekauft hast“.

Sie zog alte Erinnerungen hervor – private Witze, kleine Anspielungen, die nur sie beide verstanden.

Sie schmollte so lange, bis Dante ihr Essen servierte.

Sie schob ihm ihre Tasse hin, damit er ihr Wasser einschenkte.

Und Dante ließ alles mit sich machen.

Er bemerkte nicht einmal, dass Elena zwischen ihrem Gelächter wie ein stiller Stein saß.

„Dante, hast du nicht gesagt, es gibt eine Überraschung?“ Bianca blinzelte. „Versteck sie nicht. Ich will sie auch sehen!“

Dante sah auf die Uhr und lächelte, als wüsste er genau, was gleich passieren würde.

Dann—

boom.

Blaue Feuerwerkskörper explodierten draußen vor dem Fenster.

Kaltes Licht flutete den Raum. Alles sah plötzlich aus wie eine Beerdigung.

Eine Explosion. Dann noch eine. Bald war der Himmel voller blauer Funken.

„Oh mein Gott – blau! Meine Lieblingsfarbe!“ Bianca strahlte wie ein Kind.

Dann nahm sie Dantes Handy vom Tisch, legte den Finger auf und entsperrte es.

Als gehöre es ihr.

Sie machte Selfies mit dem Feuerwerk, postete eine Story, bewegte sich ganz selbstverständlich.

Elena starrte.

Als sie und Dante frisch zusammen gewesen waren, hatte sie einmal vorgeschlagen, ihre Passwörter zu teilen, ihre Fingerabdrücke zu registrieren.

Dante war damals sofort eiskalt geworden.

„Elena. Mein Handy ist meine Privatsphäre. Ich mag es nicht, wenn andere es anfassen.“

„Alles andere gebe ich dir. Aber diese eine Sache, respektiere sie.“

Das war das erste Mal gewesen, dass er so hart mit ihr gesprochen hatte.

Danach hatte sie diese Grenze nie wieder überschritten.

Sie war sogar stolz auf sich gewesen, weil sie so „verständnisvoll“ war.

Und jetzt, war diese sogenannte Privatsphäre

Biancas Spielzeug.

Elena verlor den Appetit. Sie schob das Essen auf dem Teller hin und her, legte schließlich die Stäbchen weg.

Sie wollte nur, dass dieser Abend vorbei war.

Dann fiel Biancas Blick auf den Ring an Elenas linker Hand.

Ihre Augen leuchteten auf wie bei jemandem, der Beute entdeckt.

„Elena, dein Ring ist so schön. Darf ich ihn sehen?“

Dante lächelte. „Bianca, hör auf zu spielen, das ist der Ring deiner Schwester.“

„Natürlich.“

Elena unterbrach ihn.

Ohne zu zögern.

Sie zog den Ring ab und reichte ihn Bianca.

Dante erstarrte.

Er erinnerte sich noch daran, wie er diesen Ring für seinen Heiratsantrag gekauft hatte.

Elena hatte ihn wie einen Schatz behandelt. Selbst beim Duschen hatte sie ihn nie abgenommen.

Und jetzt gab sie ihn einfach her – als wäre er ein altes Schmuckstück, das ihr nichts bedeutete.

Bianca strahlte, als hätte sie etwas gewonnen. Sie steckte ihn an, betrachtete ihn und spielte die neidische Bewunderung.

„Ach … wann bekomme ich wohl so einen Ring?“

Elena sah sie an, hob leicht die Augenbraue. Ihre Stimme war ruhig – als würde sie über das Wetter sprechen.

„Wenn er dir gefällt, behalte ihn.“

Dann fügte sie gelassen hinzu, jedes Wort scharf wie eine Klinge:

„Solange es dich nicht stört, dass er … gebraucht ist.“

Die Luft im Raum erstarrte.

Biancas Lächeln gefror. Ihre Finger zitterten, der Ring wäre fast heruntergefallen.

Auch Dantes Gesichtsausdruck veränderte sich – seine Stirn zog sich zusammen, als würde er Elenas scharfe Seite zum ersten Mal sehen.

Elena stand auf und griff nach ihrer Tasche.

„Mir geht es nicht gut. Ich gehe nach Hause.“

Sie ließ ihnen keine Zeit zu reagieren und ging einfach hinaus.

Kaum hatte sie den Eingang des Clubs erreicht, hörte sie schnelle Schritte hinter sich.

„Elena!“

Dante packte ihr Handgelenk. Seine Stimme war tief und verärgert.

„Was sollte das eben?“

„Du gibst Bianca deinen Ring und sagst so etwas – hast du das absichtlich gemacht?“

Elena zog ihr Handgelenk frei, zuckte mit den Schultern, ihre Augen leer.

„Ich habe genau das gemeint, was ich gesagt habe.“

„Wenn er ihr gefällt, kann sie ihn haben.“

Dante sah sie an.

Dieses seltsame Gefühl, das ihn schon seit dem Krankenhaus verfolgte, kroch wieder hoch.

Aber Elena weinte nicht. Sie tobte nicht. Sie brach nicht zusammen.

Sie sah aus, als wäre es ihr wirklich egal.

Und genau dieses „egal“ brachte ihn mehr aus der Fassung als jeder Streit.

Er fand keinen richtigen Grund, um wütend zu werden. Also atmete er tief durch und zwang seine Stimme, ruhiger zu klingen.

„Wenn du dich nicht gut fühlst, geh nach Hause und ruh dich aus.“

„Warte hier. Ich bringe Bianca nach Hause und komme zurück, um dich abzuholen.“

„Nein.“

Elena hob das Kinn und sah zum Nachthimmel.

„Bring sie nach Hause. Ich gehe allein.“

„Elena!“

Er verlor schließlich die Geduld.

„Seit ich aufgewacht bin, machst du ständig diese seltsamen Bemerkungen. Worüber bist du überhaupt wütend?!“

Elena spürte, wie ihr Herz schwer wurde.

Sie sah ihn an—diese Augen, die sie früher angeschaut hatten, als wäre sie seine ganze Welt—

und jetzt lag darin nur noch kalte Ungeduld.

Er war derjenige, der betrog.

Und doch stand er dort, als wäre sie das Problem.

Elena schüttelte den Kopf, ihre Stimme leise.

„Ich bin nicht wütend.“

„Ich möchte nur allein nach Hause gehen.“

Dantes Stirn zog sich zusammen, als wolle er etwas zerdrücken.

Doch sie gab ihm nichts, woran er sich festhalten konnte.

Also hob er nur die Hand, drehte sich um und ging zurück in den Club.

„Na gut. Wie du willst.“

Der Wind schlug Elena ins Gesicht.

Sie rieb sich die Hände, die bereits rot vor Kälte waren – dann fiel ihr plötzlich etwas ein:

Der Ring war noch bei Bianca.

Unbewusst blieb sie stehen und blickte zum Fenster im zweiten Stock hinauf.

Hinter dem Vorhang näherten sich zwei Schatten.

Bianca legte beide Arme um Dantes Nacken.

Und Dante stieß sie nicht weg.

Er beugte sich hinunter und küsste sie zurück—

leidenschaftlich.

Als würden sie feiern.

Elenas Magen verkrampfte sich.

Sie beugte sich vor und würgte, bis ihr Tränen aus den Augen liefen.

Dann richtete sie sich auf, wischte sich den Mund ab und ging allein nach Hause.

Dieser Ring.

Diese sechsjährige falsche Ehe.

Und dieser Mann, den sie mehr als zehn Jahre lang geliebt hatte—

Sie wollte nichts davon mehr.

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