Bibliothek
Deutsch
Kapitel
Einstellungen

3. Kapitel, Kat

Am nächsten Morgen stand ich schon mit der Sonne auf und schlich mich auf Zehenspitzen in das angrenzende Badezimmer, wo ich entsetzt feststellen musste, dass mein Aussehen dem einer Vogelscheuche glich, die schon eine Weile auf einem Feld die Krähen verscheuchte.

Ich sah fürchterlich zerrupft aus, und

ein klein wenig fühlte ich mich auch so.

Ich putzte mir meine Zähne mit ein wenig Pfefferminzzahnpasta, bändigte meine erdbeerblonden Haare mit einer Bürste, die die Haare überraschend gut entwirrte und machte zudem ein Peeling in meinem Gesicht.

Sogar eine kleine Maske legte ich mir für wenige Minuten auf, die ich mit einer Menge anderer in meinem gut bestückten Badezimmerkasten vorfand, unter dem sich unter anderem auch Wattepads, Ohrenstäbchen, Abschminktücher und all er Kram befand.

Danach fühlte ich mich schon viel besser, beinahe menschlich und stieg langsam die Treppen hinunter.

Dabei bemühte ich mich möglichst leise wie ein Kätzchen zu sein, da ich nicht wusste, wie lange die anderen für gewöhnlich schliefen.

Ich vermutete, dass die Jungs auf jeden Fall Langschläfer waren, Brenda und Matthew wirkten beide dafür zu beschäftigt.

Die erste Nacht verlief erschreckend gut, bis auf das, dass ich Amy schrecklich vermisste.

Normalerweise würde ihr Lachen durch das Haus schallen, doch hier war es im Vergleich dazu mucksmäuschenstill.

Ich nahm mir fest vor, sie später anzurufen.

Überraschend leise schlich ich mich in Richtung Küche und vernahm einen köstlichen Duft.

War das etwa Rührei?

Oh man, roch das vielleicht lecker.

Wer auch immer das von ihnen zubereitet hatte, man konnte schon am bloßen Geruch erkennen, dass er sein Handwerk beherrschte.

Ich ging schnurstracks auf die Küche zu und wurde nicht enttäuscht- eine riesige Portion dampfendes Rührei thronte vor meinen Augen in einer Pfanne.

Daneben stand eine Kanne frisch gepresster Orangensaft sowie ein Obstsalat.

Das Wasser lief mir förmlich im Mund zusammen.

Was, wenn ich davon aber nichts nehmen durfte?

Einer der Jungs oder Brenda, vielleicht sogar Matthew selbst hatte sich das eventuell gekocht, und wie doof sähe es wohl aus, würde ich ihnen ihr Essen wegfuttern?

Auf einen schlechten Eindruck wollte ich verzichten.

Ein Müsli oder so tat es schließlich auch.

Entschlossen schnappte ich mir ein kleines Höckerchen und durchstöberte die Regale.

"WAS MACHEN DU HIER?"

Ich wirbelte herum und fiel dabei schmerzhaft auf meinen Hintern.

Die Fliesen waren weitaus rutschiger als gedacht und härter, als sie aussahen.

Ein Schmerz durchfuhr mein bestes Hinterteil, doch der herumfuchtelnde Besen vor meinem Gesicht forderte meine vollste Aufmerksamkeit.

Er attackierte mich aus vollen Zügen.

"HAUEN DU AB! ETHAN! NOAN!"

"HIIIIILFEEEEE! EIN BESEN ATTACKIERT MICH!"

Ich brüllte aus vollem Hals heraus und versuchte irgendwie, mein Gesicht vor dem Besen zu schützen.

Von oben ertönte ein Gepolter und ein verdatterter Ethan sowie ein völlig verschlafener Noan standen im Türrahmen.

Als sie unseren Kampf sahen, lachten sie lauthals los.

Der Besen vor meinem Gesicht stoppte und ich bemerkte mit erschrecken, dass meine Nasenspitze beinahe die Borsten berührte.

"Hallo? STOOOOP!", brüllte ich aus vollem Hals und fixierte noch immer die dreckigen Borsten.

"Amma! Amma!"

Lachend nahm Ethan den Besen weg und ich erkannte eine schwer atmende Frau, welche erschrocken auf mich hinunter sah.

Ich blickte genauso erschrocken und verwirrt zurück.

In diesem Moment löste sich ein Band aus dem bunten Turban der Afrikanerin und ich konnte nicht anders als zu lachen.

Sie lachte mit mir mit und streckte mir ihre Hand entgegen, die ich schließlich lächelnd annahm.

"Mum und Dad sind ihre Pflegeeltern.

Das ist Kat. Kat, das ist Amma."

"Hallo. Bitte, lassen Sie sich mehr bezahlen. Einen Einbrecher erledigen Sie mit links!"

"Sagst du du zu mir. Und Ja, ich werde verlangen mehr." dann ohne lachen,

"Sorry.. So sorry."

Ich winkte ab.

Dann fiel mein Blick auf Noan.

Seine Augen ruhten auf mir und ich bekam eine Gänsehaut, selten hatte ich mich jemals so gefühlt.

Ich stand einfach nur da und konnte meine Augen nicht abwenden.

Ihm schien es gleich zu gehen.

Ich schluckte und zwang mich allmählich dazu, wegzusehen.

Hoffentlich hatte es niemand bemerkt.

Ethan unterhielt sich jedoch angeregt mit Amma und analysierte den Besen-Kampf, der sich da eben zwischen uns zugetragen hatte.

Plötzlich spürte ich hinter mir ein Kribbeln und eine Wärme, wie ich es noch nie in meinem Leben gespürt hatte und schnell drehte ich mich um.

Blau. Grün.

Seine Augen blickten aufmerksam in meine, nicht weniger als zwanzig Zentimeter entfernt.

"Das war sehr amüsant anzusehen, KAT."

Dann ging er wieder und ließ mich mit den beiden allein.

"Hey Kat, magst du vielleicht Rühreier?"

Begeistert nickte ich, schnappte mir einen Teller und nahm mir vor, nicht mehr an Noan zu denken, was mir eher schlecht vor recht gelang.

Nach dem köstlichen Essen - Amma hatte ganze Arbeit geleistet - verzog ich mich zurück in mein Zimmer.

Dort zog ich mir einen grauen Jogginganzug an, band mir einen Messi-Dutt, schnappte mir mein Lieblingsbuch und verzog mich in den Garten, der eher einem kleineren Park glich.

Dort ging ich eine Weile spazieren und genoss die verschieden farbigen Blumen, die überall in dem großen Garten sprießten.

Vielleicht würde ich mir ja mal in der Bibliothek ein Buch über Pflanzen schnappen und herausfinden, welche wo blühten und wie sie hießen, sie trocknen und dann in ein Album kleben und diese dann mit dem dazugehörigen Namen zu versehen.

Mal sehen.

Ich ging den Teich entlang und lauschte dem Konzert der Frösche, erfreute mich über die in der Sonne schimmernden Libellen und das Summen der Bienen.

Am Teich war ein Insektenhotel aufgebaut worden und eine Naturwiese angebracht, die mithilfe einer kleinen Brücke gut sichtbar war.

Die Schmetterlinge, die sich hier tummelten, waren unglaublich.

Gelbe, blaue, Rotbraune, grüne..

Begeistert sah ich ihrem Treiben ein wenig zu und genoss die Sonne, deren Licht sich in dem Teich brach.

Ich ging schließlich noch immer beeindruckt weiter

und entdeckte eine versteckte Bank unter einer Trauerweide, deren lange Äste sanft den Boden streichelten.

Sofort huschte ich durch diese hindurch und setzte mich auf die einladende Sitzgelegenheit, die tatsächlich weitaus gemütlicher war, als gedacht.

Bevor ich mein Buch aufschlug, genoss ich kurz das leise Plätschern von Wasser und das Konzert der Frösche.

Dann begann ich zu lesen und versank in einer anderen Welt, ganz weit weg, fernab von jener, die wir kennen.

In einer Welt, in der Zeit und Raum keine Rolle mehr spielten.

Es gab nur noch mich und diese Geschichte, die mich schon nach dem ersten Satz in ihrem Bann zog.

Diese Bücher hatte ich meistens am liebsten, denn wenn mich der erste Satz schon nicht packte, würde es der Rest des Buches auch nicht gerade tun.

Ich spreche da aus mehrfacher eigener Erfahrung.

Aber dennoch liebte ich die Literatur und all ihre Facetten.

Vielleicht würde ich ja selbst einmal ein Buch schreiben, wer weiß.

"Du scheinst Bücher zu lieben."

Erschrocken fuhr ich zusammen und mein Herz blieb stehen.

Noan.

Ich hatte ihn nicht kommen hören und der Schreck saß mir in den Knochen.

"Ich wollte dich nicht erschrecken.", entgegnete er leise und suchte meinen Blick, wie als hätte er gerade meine Gedanken gelesen.

"Schon okay.", entgegnete ich und klappte mein Buch zu.

Ruhig wartete ich ab.

Noan mied mich die meiste Zeit, und überhaupt hatten wir noch nie ein längeres Gespräch geführt.

Und irgendwie war ich in seiner Anwesenheit furchtbar nervös und befangen; ich kannte mich so nicht.

Noan kannte ich jedoch noch viel weniger.

Ich konnte nicht einmal sagen, ob er mich leiden konnte.

Ehrlich gesagt ging ich sogar stark davon aus, dass es so sein musste.

Er seufzte.

"Ich hab nichts gegen dich, Kat."

War er jetzt Edward Cullen im falschen Jahrhundert, oder was?

Oder ich war einfach zu offensichtlich zu lesen.

Ich sollte dringend mal an meiner Durchsichtigkeit arbeiten.

Statt einer Antwort zuckte ich deshalb einfach mit den Schultern und blickte auf den Boden.

Irgendwie hatte ich das mulmige Gefühl, dass das hier ein unangenehmes Gespräch werden könnte und auf diese war ich nicht vorbereitet.

"Glaub mir, Kat."

Ich blickte auf.

"Warum?", entgegnete ich leise.

"Warum sollte ich dir das Glauben?"

"Weil du tief in dir drin weißt, dass ich dich gar nicht mal so übel finde, wie du denkst."

Ich schluckte und starrte ihn an.

War er noch ganz bei sinnen?

"Vertrau mir."

Die nächste Aussage, die mich verdattert blinzeln ließ.

Jemanden zu vertrauen erforderte ein gewisses Maß an Symphatie, und Punkte hatte er nicht allzu viele davon bei mir gemacht.

Obwohl er gerade gesagt hatte, dass er mich gar nicht mal so übel fand, wie auch immer ich das zu verstehen hatte.

Eigentlich sollte ich ihn sogar unter die Minusgrenze deponieren.

Ich sollte.

Ich wollte.

Aber er hatte diese verflixten Augen, die mich mal wieder in den Bann zogen und so jede Art von Grenze zu verblassen schienen.

Wieder einmal fragte ich mich, wie es erlaubt sein kann, solche Augen zu besitzen.

Und dann auch noch diese zwei Farben, Waldgrün und Ozeanblau...

Noan lächelte mich noch einmal kurz schief an und drehte sich dann um.

"Bis dann, Kat.", murmelte er noch schnell in meine Richtung, dann war er hinter den langen Ästen verschwunden und ich blieb allein zurück, nach der wohl peinlichsten und unangenehmsten Unterhaltung meines bisherigen Lebens.

Wenn er wirklich Gedanken lesen und meine letzten hören konnte..

Ja dann war ich im Arsch.

Über den Unfug in meinem Kopf musste ich selbst lachen und entschied mich dafür, das Buch an einem anderen Tag zu Ende zu lesen.

Den Garten verließ ich so, wie ich ihn betreten hatte und machte mir in der Küche erst einmal ein Käsebrot.

Gegen Abend traf ich einen in Tshirt und Boxershorts bekleideten Ethan im Wohnzimmer, der sich irgendeine Serie auf diesen einen Streamingdienst von der Werbung ansah.

"Kat!", rief er erfreut, als er mich registrierte und stopfte sich dann beinahe mechanisch eine Handvoll Popcorn in seinen Mund.

"Haf fu "fer Walf" schon gesehen?", kaute er mir vor und leicht angewidert blickte ich auf das heraus fallende Popcorn.

Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob er Wald oder Wolf gemeint hatte, verneinte ich.

"Nein. Ich vermute, das wird sich jetzt ändern?"

Er klopfte als Antwort auf den freien Platz neben sich, auf dem sich Gott sei Dank nicht ein Krümel seines zuvor aus gespucktem Popcorns befand und leichtfüßig kletterte ich einfach über die Couch herüber.

Dann sank ich in die weichen Polster.

Der Blondschopf streckte mir die Schüssel entgegen und ich kostete ein paar, die ich jedoch am liebsten wieder ausgespuckt hätte.

Gott, war das widerlich.

"Was zum... Die sind ja salzig!"

Wenn es etwas gab, dass ich auf dieser Erde nicht verstand, dann war es salziges Popcorn.

"Natürlich! Was sollen die sonst sein?", gab Ethan sich entsetzt.

"Süß?"

Verständnislos schüttelte er den Kopf und sein Mund verzog sich etwas.

"Popcorn ist man salzig, Kat.", beharrte er auf seiner Meinung und gab sich dabei stur wie ein Esel.

"Nein, süß."

"Du bist süß."

Ich spürte, wie das Blut in meinen Wangen hochkroch.

Noch nie zuvor hatte jemand mit mir so offensichtlich geflirtet.

Verlegen, aber auch geschmeichelt wand ich mich wieder dem Bildschirm zu und war froh, dass er keine Antwort zu erwarten schien.

Und unter uns gesagt: Ich mochte Ethan.

Er war so der Typ, den jede Frau haben wollte:

Er hatte ein wundervolles Charisma, wusste zudem genau, was er wollte, sah überdurchschnittlich gut aus und er hatte Humor.

Das pure Gesamtpaket, oder?

Aber gleichzeitig überlegte ich, ob mir das nicht zu viel wäre, einen so perfekten Freund zu haben.

Einen, neben dem ich verblasste und nicht aufblühen konnte.

In Ethan würde ich vielleicht einen tollen Freund, wenn nicht sogar einen Bruder finden.

Aber die Liebe.. Auf die konnte ich sowieso erst einmal verzichten.

Laden Sie die App herunter, um die Belohnung zu erhalten
Scannen Sie den QR-Code, um die Hinovel-App herunterzuladen.