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4. Kapitel, Kat

Matthew und Brenda kehrten schon früh am nächsten Morgen zurück.

Aus geröteten, müden Gesichtern winkten sie mir zu, während ich auf dem Sofa saß, eines der Romane aus der Bibliothek las und die Ruhe genoss.

Ich freute mich sehr, sie wiederzusehen und noch mehr, sie wieder in meiner Nähe zu wissen.

Es war doch ein wenig komisch gewesen, in ihrem Haus zu sein, wenn sie nicht da waren.

Da war es auch kein Unterschied, dass sie mich nicht gänzlich allein gelassen hatten.

Die beiden Brüder waren ja auch hier gewesen.

"Kat! Ist alles hier gut verlaufen?"

In ihrer Stimme schwang ein kleines bisschen mütterliche Besorgnis mit.

Ich nickte und streckte grinsend meinen Daumen in die Höhe.

Klagen konnte ich ja nun wirklich nicht.

"Hallo Brenda! Ja, alles gut soweit.

Wie geht es Ihnen?", fragte ich sie erfreut zurück.

Brenda sah auf einmal ziemlich erschrocken aus und sie verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.

Danach warf sie einen für mich schwer zu deutenden Blick auf Matthew, der seine vollen, grauen Augenbrauen erstaunt nach oben hob.

Beinahe glaubte ich, etwas Falsches gesagt zu haben oder das meine Körpersprache ein falsches Bild gesendet haben musste.

Schließlich war ich in Familiendingen erst noch in der Ausbildung.

Hätte ich sie umarmen sollen?

Erwartete sie das von mir?

Dazu fühlte ich mich noch nicht bereit.

Gerade als ich meinen Mund öffnen wollte, machte Brenda plötzlich einen unerwartet flinken Satz nach vorne.

Ich riss nun erschrockener als Brenda es noch vor wenigen Sekunden war meine Augen auf, für mehr blieb keine Zeit.

Sie traf mich absolut unvorbereitet.

"Ihnen? Ich bin DU für dich!"

Und schon schmiss sie mir ein Kissen an den Kopf.

Lachend warf ich eines zurück, doch trotz des Jetlags - und die jüngste war sie auch nicht mehr - wich sie geschickt aus.

Zu meinem Unglück traf das Kissen Matthew's Hinterkopf und gespielt zornig warf er es mit mehr Feuer, als ich es ihm zugetraut hätte, zurück.

"In eure Streitereien will ich nicht verwickelt werden! Ich bin die neutrale Schweiz!"

"Und warum werfen SIE mich dann ab?"

"Na warte!"

Er bäumte sich wie ein Bär auf, ich brüllte "ANGRIFF!"

und schon flogen die Kissen durch die Luft.

Und ich über die Couch.

"Autsch!"

Matthew's schallend lautes lachen mischte sich mit dem Brendas und meinem quieken.

"WAS IST DENN IN EUCH GEFAHREN!"

Ethan stand lediglich in pinken Shorts bekleidet im Türrahmen und blickte ungläubig auf die Situation vor uns.

Seine Haare waren vom schlaf noch immer ganz verwuschelt und standen in alle Richtungen ab.

Als er schließlich die Situation begriff, fing auch er schallend an zu lachen und mir fiel auf, wie ähnlich es doch dem von Matthew war, obgleich er nicht sein biologischer Vater war.

Dennoch waren sie sich sehr ähnlich.

"Erst legst du dich mit Amma an, dann mit meinen Eltern. Du bringst definitiv wieder Leben in die Bude hinein.", entgegnete Matthew und ging zu mir, um mir aufzuhelfen.

"Was war mit Amma?" lachte Brenda und bewarf Ethan mit einem Kissen, welches sie noch in der Hand behalten hatte.

Er fing es jedoch galant auf und warf es zurück auf das Sofa.

"Erzähl ich dir später, Mum."

Als ich später frisch geduscht die Küche betrat, hatte Amma wieder einmal gezaubert.

Lauter bunt gefüllte Schüsseln mit verschiedenen Aufstrichen, eine Käse- sowie eine Wurstplatte, sogar ein Obstteller befand sich auf der Theke.

"Amma! Wer soll denn so viel essen?"

"Du kennen die Jungen nicht" lachte sie und zwinkerte mir zu.

Heute trug sie ein langes, blau gemustertes Kleid und dazu einen passenden blauen Turban.

Mehrere bunte Halsketten klimperten auf ihrem Dekolleté.

Manche von den Perlen schimmerten, wenn das Licht durch sie durchbrach.

"Ich helfe dir." Kurzerhand packte ich eine der Platten und folgte Amma, die sich das riesige Brotkörbchen geschnappt hatte, in das Esszimmer.

Es war in Weiß gehalten, hatte aber schicke, goldene Akzente.

Pampasgras stand in einer schicken hohen Tonvase, welche mit Blattgold verziert war, in jeder Ecke des langen Raumes.

Ein ebenso langer Spiegel zierte die weiße Wand. Er steckte in einem modernen, goldenen Ramen.

Am besten gefiel mir die goldene Lampe, welche ein frohes, warmes Licht spendete und wohl ein Designerstück zu sein schien.

Dies schließ ich daraus, dass sie so aussah, wie ein perfekter Ast.

Ich platzierte die Platte auf die Tischmitte und innerhalb weniger Minuten war der Tisch voll.

"Danke für deine Hilfe." Amma lächelte mich warm an. Ich winkte jedoch ab.

"Keine große Sache. Ich gehe mal die anderen holen."

Erst klopfte ich am Arbeitszimmer an, welches sich auch unten befand und streckte meinen Kopf durch die Tür.

"Matthew? Brenda?"

Ich sah riesige, gefüllte Bücherregale, die sich bis zu der Zimmerdecke streckten.

Der Tisch stand genau in der hinteren Mitte und wurde von zwei Stehlampen beleuchtet.

In einer der Ecken neben der Tür befand sich eine kleine Bar und ein rotes Ledersofa.

Dadurch, dass die Wände in einem hellen Beige gestrichen waren, wirkte es dennoch sehr einladend und passend.

Man merkte, dass es Matthew's reich war.

Sogar der gelbe Teppich verlieh dem Raum einen gewissen Flair.

Rechts, neben einem Uhrenkasten, sah ich eine weitere Tür.

"Matthew?", fragte ich nochmal und plötzlich hörten die Geräusche auf.

Ein Stuhl wurde umgeworfen.

Die Stimmen verschwanden.

Eine gewisse Spannung lag in der Luft und das dumpfe Gefühl von Hektik traf mich.

Irgendwas stimmte hier nicht, alarmierte mich mein Bauchgefühl.

Ich drückte mit Schwung die Türklinke herunter und fand mich plötzlich in einem weiteren Raum mit lauter Modellen wieder, indem auch ein etwas gehetzter Matthew stand und eine Frau, die ich zuvor noch nie hier gesehen hatte.

Sie schien sehr überrascht zu sein, eine ihrer Haarsträhnen hatte sich wirr um ihr verschwitztes Gesicht gelegt und ihre schlanken, manikürten Finger nestelten an dem letzten Blusenknopf herum.

Ihre Strumpfhose hatte eine Laufmasche und ihr Rock schien leicht verschoben.

Ich betete zu Gott, dass die Situation nicht so war wie sie sich mir gerade darstellte, denn ich mochte Matthew sowie Brenda sehr gerne.

Zwischen zwei Menschen und Gewissensbissen wollte ich nicht stehen.

Leider legte ich auf mein Bauchgefühl schon immer großen Verlass und es schien sich zu bestätigen.

So stand ich erstmal wie angewurzelt mit aufgeklapptem Mund da und wusste nicht recht, was ich sagen sollte.

"Kat."

Matthew hob beschwichtigend seine Hände, blieb aber dann still, wie als wüsste er nicht, was er mir erklären sollte.

Oder wollte.

Meine Bestätigung.

Natürlich -beziehungsprobleme gingen mich nichts an, aber das hier war starker Tobak.

Es widerstrebte mir, es einfach so stehenzulassen.

"Matthew. Du brauchst mir nichts zu erklären."

Ich machte eine ausladende Armbewegung.

"Die Situation hier erklärt alles.

Ich werde Brenda nichts sagen, das ist nicht mein Job.", und dann zorniger, "sondern deiner!"

Dann machte ich einen Schritt auf ihn zu. Sein schlechtes Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Er wandte den Blick in Richtung Boden.

Drohend hob ich einen Finger.

"Aber ich sage dir trotzdem das ich es ganz schön Scheiße finde.

Brenda ist so eine tolle, herzliche Frau.

Ihr habt eine Familie. Wenn du sie nicht mehr liebst, dann gib ihr die Chance neu glücklich zu werden."

Dann deutete ich auf die verstummte Frau neben mir, die verloren aussah.

"Aber nicht so."

Dann wandte ich mich um und wirbelte aus der Tür heraus.

"Und übrigens: Das Essen ist fertig."

Nachdem ich Ethan Bescheid gegeben hatte, dem ich nicht in die Augen sehen konnte vor schlechtem Gewissen, suchte ich Noan auf.

Ich drückte die schwere Türklinke herunter und staunte nicht schlecht.

Noan's Zimmer hatte ich immer anders vor Augen gehabt, eher in einem freundlichen grün.

Doch ich musste feststellen, mich geirrt zu haben.

Sein Zimmer war definitiv das Dunkelste in diesem Haus:

Die Wände waren schwarz gemalt, doch nicht eintönig.

Eher so, wie als hätte er sie in tiefschwarze Wassermalfarbe getunkt, welche dann herunter geronnen wäre und dieses einzigartige Muster erschuf.

Ein riesiges, schwarzes Koloss von Bett stand in der Zimmermitte.

Es war jedoch nicht eckig, sondern Ei-förmig und hatte ein schwarzes Eisengestell.

An der linken Wand befand sich noch ein riesiger Flachbildfernseher und als ich hereintrat, merkte ich, dass sich eine riesige Schreibtischplatte statt Fensterbank bis zu der Balkontüre erstreckte.

Dennoch wirkte es überraschend freundlich und gemütlich, vermutlich dank der Fotografien, die ich erst jetzt im Nachhinein bemerkte.

Bis auf die Zimmertür und ein bisschen schwarze Farbe hingen überall Bilder, manche aus dem Automaten, andere aus dem Drucker, aber auch sehr viele Polaroid.

Ich trat näher und musste lächeln, als ich ein Foto von Ethan und Noan im Kindesalter sah, einer blondhaarig, der andere dunkelhaarig, aber beide den gleichen entschlossenen und stolzen Blick.

Sie hielten angespitzte Stöcke in den Armen und hatten jeder einen schwarzen Strich unter den Augen; eine Kriegsbemalung, wie ich dachte.

Ein anderes zeigte sie ausgelassen beim Feiern, offensichtlich waren sie den geröteten, kleinen Augen nach betrunken.

Ein weiterer Hinweis zeigten die Bierflaschen in ihren Händen.

Komischerweise trugen sie Blumenketten um den Hals.

Prustend ging ich die Wand entlang und blieb ab und an kurz stehen, wenn mir ein Foto ins Auge sprang, dann stand ich vor der leeren Wand mit zwei Türen.

Ich hörte ein leises Plätschern hinter einer von ihnen und als ich sie öffnete, erbot sich mir ein durchaus sehr schöner Anblick. Noan duschte und hatte mir den muskulösen Rücken zugedreht.

Das Wasser rann die Muskelbahnen auf die schönste Art und Weise zusammen, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte.

Naja... Hatte ich ja genau genommen auch nicht.

Aber das hier war tausendmal besser als im Film, ach was, millionenfach.

Und heilige Scheiße..

Hatte der ein schönes Hinterteil.

Warte, was?

Ich quiekte auf.

Er war nackt!

Natürlich war er nackt!

OH MEIN GOTT!

"KAT?"

"ESSEN IST FERTIG!" Brüllte ich und stürmte aus der Tür hinaus.

Schnell ließ ich sie in die Angel fallen.

Meine Lektion, immer erst abzuwarten bevor ich Türen öffnete, hatte ich heute definitiv gelernt.

Als ich schließlich Brenda suchte, konnte ich sie nirgends finden.

Ich machte mich also wieder auf dem Weg zu Amma, die in der Zwischenzeit die Küche blitzblank geputzt hatte.

Sie lächelte mich an.

"Alles okay?"

Obwohl nichts okay war, nickte ich schnell.

Ich wollte es mir nicht anmerken lassen.

"Okay, my friend. Essen wir."

Am Tisch herrschte ein seltsames Schweigen.

Matthew und ich stocherten in unserem Essen herum, Noan war gar nicht erst da und Ethan, Amma und Brenda versuchten mit einfachen Themen die Stimmung aufzulockern, was jedoch nicht gelang.

Ab und an konnte ich mich zu einem lächeln in Ethan's oder Amma's Richtung durchdringen, doch Brenda konnte ich nicht in die Augen sehen.

Dafür war mein schlechtes Gewissen zu groß.

Als wir schließlich alle unsere Portionen gegessen hatten und satt waren, räumte ich schnell meinen Teller und das Besteck ab und lief schnurstracks die Treppe hoch und in mein Zimmer.

Als ich die Türe schloss, ließ ich mich einen Moment dagegen sinken und atmete tief ein und aus.

Ich hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen und stand auf.

Schnell ging ich zum Bett und warf die Laken um.

Irgendwann hielt ich es schließlich in den Händen und wählte zitternd die Nummer von Amy.

Nach dem ersten Klingeln hob sie ab.

"Was ist passiert?", klang ihre vertraute, energische Stimme durch das Gerät und sofort fühlte ich mich wohler.

Wie sehr ich sie doch vermisste..

"Hast du Zeit für ein langes Gespräch?"

"Für dich immer."

Dann begann ich zu erzählen

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