Der Name, den er nicht sagt
Kapitel 3: Der Name, den er nicht sagt
Isis, Leila
Der Morgen ist grau. Wieder.
Aber dieses Mal zwinge ich mich, die Fensterläden zu öffnen. Das Tageslicht, auch wenn es blass ist, ist ein Schutzschild gegen den Schatten, der mich zwei Nächte lang verfolgt hat. Ich habe schlecht geschlafen. Oder vielleicht habe ich überhaupt nicht geschlafen. Ich habe gewartet. Lass ihn zurückkommen. Lass ihn zuschlagen. Lass ihn noch einmal meinen Namen flüstern.
Aber nichts. Die Stille.
Und dieses Schweigen ist schlimmer.
Denn es sieht nach Warten aus.
Weil es die Illusion vermittelt, dass alles normal ist, wenn nichts mehr ist.
Ich gehe in die Küche, einen heißen Kaffee in der Hand. Meine Finger klammern sich an die Tasse, als könnte sie mich in dieser Welt festhalten. Meine Augen sind rot. Gesten zu mechanisch. Und vor allem dieser Kloß im Hals, der mich am Schlucken hindert. Ich kann nicht einmal den Kaffee schmecken. Er ist bitter. Wie alles.
Ich möchte nicht darüber nachdenken.
Aber das ist alles, was ich tue.
Er ist da. Überall.
In meinen Gedanken.
In meiner Haut.
In diesem Luftstoß, der den Vorhang zum Beben bringt.
Also sende ich eine Nachricht.
Aufleuchten. Ich muss mit dir reden. Dringend.
Leila antwortet in weniger als einer Minute.
Ich komme. 20 Minuten. Hältst du durch?
NEIN.
Aber ich antworte trotzdem:
Ja.
Als sie ankommt, klopft sie kaum. Sie tritt ein, als ob sie die Dringlichkeit bereits spürt. Sie hat noch nicht einmal ihren Mantel ausgezogen, als sie mich umarmt. Lange. Stark. Sie spürt die Kälte, die Außenwelt, die normale Welt. Derjenige, der so weit von mir entfernt zu sein scheint.
„Du wirst mir Angst machen“, flüstert sie gegen mein Haar. Du siehst aus wie in einem Horrorfilm, Isis.
Ich lache. Es ist kurz, trocken, fast schmerzhaft.
– Ich fühle mich wie einer. Oder um eines zu erleben.
Sie löst sich leicht von mir, starrt mich an und nickt dann, als wollte sie sagen, dass ich zuhöre.
Wir sitzen auf dem Sofa. Ich zittere. Sie merkt es sofort. Seine Augen verdunkeln sich. Sie nimmt meine Hände in ihre und reibt sie sanft.
- Erzählen. Erzähl mir alles.
Ich starre einen Moment lang auf die Wand. Dieser feste Punkt, der mir hilft, nicht zu wackeln. Dann spreche ich.
Ich erzähle alles. Der Traum. Der Atem an meiner Wange. Das Flüstern meines Namens. Schweißgebadet aufwachen. Das Gefühl, verfolgt zu werden. Die Bibliothek. Die Stille. Das goldene Licht, das mich nicht mehr beruhigt. Dann... er.
Ich spreche langsam. Denn jedes Wort kostet mich. Denn die Erinnerungen sind noch zu brennend. Wie seine Anwesenheit.
Sie hört mir zu, ohne etwas zu sagen. Nicht ein einziges Mal unterbricht sie mich. Nicht ein einziges Mal hält sie mich für verrückt. Sie nickt nur manchmal. Seine Finger spannen sich ein wenig, wenn ich über den Kontakt spreche, die Wärme auf meiner Haut, seine Augen, die voller Dinge zu sein schienen, die er nicht sagte.
Wenn ich fertig bin, fühle ich mich leer. Das Innere nach Außen gekehrt zu haben. Und doch ist es keine Erleichterung. Eher wie eine Nacktheit.
Leila bleibt regungslos. Sein Gesicht verschloss sich.
— Glaubst du, das ist ein Klartraum? fragt sie schließlich mit zögernder Stimme.
Ich schüttle den Kopf.
- Nein. Ich habe es gesehen. Ich habe es berührt. Er hat mit mir gesprochen. Er wartete auf mich. Und ... er kannte meinen Namen.
Sie runzelt die Stirn.
— Du kennst ihn nicht?
– Habe es noch nie gesehen. Noch nie davon gehört. Und doch habe ich den Eindruck, dass ich ihn schon ewig kenne.
Sie steht auf und geht auf und ab, ihre Schritte hallen in der angespannten Stille des Raumes wider. Ich sehe, dass sie versucht, nicht in Panik um mich zu geraten. Ich erkenne die Art und Weise, wie sie langsam und tief atmet, wenn sie versucht, rational zu bleiben.
– Und Sie sagen, er hätte gesagt: „Das hätte nicht passieren dürfen“?
- Ja.
Sie dreht sich wieder zu mir um, ihr Blick ist dunkel.
– Isis… Glaubst du an das Schicksal?
Ich runzele die Stirn.
– Soll mich das beruhigen?
- Nein. Aber ich frage mich, ob dieser Typ... nicht nur ein Mensch ist.
Ein Schauer durchläuft mich. Ich stehe aufrechter.
– Nicht menschlich?
Sie setzt sich langsam hin, ihr Blick ist ernst.
— Du hast dich schon immer zu seltsamen Dingen hingezogen gefühlt. Menschen, Träume, Zufälle ... Vielleicht ist das nur der logische nächste Schritt.
Ich möchte protestieren. Aber etwas in mir weiß, dass sie Recht hat. Ich habe es immer gespürt. Die Dinge sind mir entgangen. Gefühle. Visionen. Eindrücke, die ich nicht benennen konnte.
— Für einen übernatürlichen Wahnsinn ist es doch noch ein wenig zu früh, nicht wahr?
- Vielleicht. Aber das ist mir lieber als die Vorstellung, dass du den Verstand verlierst.
Ich lächle schwach. Dieses Lächeln, das mit Erschöpfung einhergeht.
— Danke, das beruhigt mich.
Es herrscht Stille. Dicht. Schwer. Sogar das Ticken der Uhr scheint stehen geblieben zu sein.
Dann fügt sie hinzu:
— Soll ich heute Nacht bei dir übernachten?
Ich schüttle den Kopf.
- Nein. Ich muss sehen, ob er zurückkommt.
Sie starrt mich an. Lange.
– Isis. Willst du, dass er zurückkommt?
Ich antworte nicht.
Denn die Wahrheit ist: Ja.
Ja, ich möchte.
Ich möchte ihn wiedersehen. Ich möchte diese brennende Berührung wieder spüren. Ich möchte verstehen, warum er mich anstarrt, als hätte er schon immer nach mir gesucht. Warum scheint es so nah zu sein? So traurig. So gefährlich.
Ich möchte wissen, was er über mich weiß, was ich noch nicht weiß.
—Isis…
— Ich bin nicht verrückt, Leila.
- Nein. Nur...markiert.
Sie drückt mich an sich. Stärker als zuvor. Als wollte sie mich vor einem unsichtbaren Feind beschützen.
Und in seiner Schulterbeuge, in einem Atemzug, den nur ich höre, dringt eine Stimme durch mich. Eine tiefe Stimme. Entfernt. Kommt von woanders.
Isis…
Ich friere.
Und ich weiß.
Er hat mich gefunden. Auch hier. Sogar jetzt.
Er wird mich nie wieder verlassen.
Und ich weiß noch nicht, ob ich zittern soll...
…oder Schaudern.
