Was die Schatten verbergen
Kapitel 4: Was die Schatten verbergen
Isis
Ich bleibe regungslos, als wäre ich in einer unsichtbaren Blase eingefroren. Der Atem stockt, das Herz schlägt in einem dumpfen Rhythmus, den ich nicht beruhigen kann.
Die ganze Welt scheint um mich herum stehen geblieben zu sein, die Geräusche verblassen, die Farben verblassen. Nur diese Stimme schwingt mit, klar, tief, unvergesslich.
Sein.
Isis…
Ich spüre, wie sich meine Muskeln anspannen, dann setze ich mich langsam auf, als würde ich aus einem langen Schlaf oder aus einem zu tiefen Tauchgang erwachen. Meine Augen durchsuchen den Raum, jede Ecke, jeden Schatten.
Nichts. Das Wohnzimmer ist leer. Dennoch spüre ich es.
Er ist da. Nicht wirklich hier, aber so nah, dass sein Atem durch die Wände dringen konnte.
Nah genug, um meinen Namen zu flüstern.
Nah genug, um durch die Ritzen der Realität zu schlüpfen.
—Isis?
Leilas Stimme reißt mich plötzlich aus dieser Trance. Besorgt legt sie den Kopf schief und versucht, meinem Blick zu begegnen.
— Hast du etwas gehört?
Ich nicke, unfähig, ein einziges Wort zu formen. Meine Kehle ist zugeschnürt, meine Lippen zittern.
Sie erstarrt, ihre Augen weiten sich.
— Ist er zurückgekommen?
Ich antworte nicht, meine Augen starren in seine.
Sie versteht, ohne dass ich ein Wort sage.
Ich sehe, wie sich die Spannung in seinen Schultern aufbaut und wie seine Hand nach seinem Telefon greift.
Ich halte ihn mit einer eindringlichen Geste auf.
- Nein. Rufen Sie niemanden an.
Sie starrt mich an, Angst in ihrem Blick.
– Isis, du kannst damit nicht allein sein. Wenn es echt ist... wenn er dir folgt...
– Er will mir nichts Böses tun.
Ich spüre ihren durchdringenden Blick auf mir, als würde sie versuchen, meine Seele zu erforschen.
– Du hast gerade gesagt, dass er gefährlich ist.
Ich schaue nach unten und schäme mich für meine eigene Verwirrung.
- Ich weiß. Aber... er macht mir keine Angst. Nicht wirklich.
Leila schüttelt den Kopf, murmelt ein unverständliches Wort, als wollte sie ihre dunklen Gedanken vertreiben.
Sie steht auf, geht aufgeregt durch den Raum.
Then she stops, takes a deep breath.
„Okay“, sagte sie schließlich, „du brauchst etwas Luft. Um rauszugehen. Um etwas anderes als deine Wände und deine Kaffeemaschine zu sehen. Wir gehen zu Fuß.“
- Zu Fuß gehen?
- Ja. Aufleuchten. Nimm eine Jacke. Lassen Sie Ihr Telefon. Nur du und ich.
Ich habe nicht die Kraft, mich zu weigern.
Also stehe ich auf, schnappe mir einen alten Mantel vom Eingang und wir gehen raus.
Der Himmel ist niedrig, grau und schwer von diesem bevorstehenden Regen, der meine Zweifel wegwaschen zu wollen scheint.
Der Wind streicht mir in den Nacken und trägt einen chaotischen Tanz durch meine Haare.
Ich habe das seltsame Gefühl, dass er auch mich berührt.
Jeder Schritt kommt mir anders vor. Als hätte die Stadt ihre Struktur verändert.
Die Welt ist unschärfer geworden. Langsamer. Oder vielleicht bin ich derjenige, der schwankt.
Leila spricht, versucht, die Normalität zurückzubringen.
Sie erzählt mir von ihrem kleinen Ärger im Büro, einem Lied, das sie liebt, und davon, wie ihre Mutter bereits Weihnachten organisiert, als würde die Zeit zu schnell vergehen.
Ich tue so, als würde ich zuhören, meine Gedanken sind woanders, gefangen in diesem wachsenden Gefühl, beobachtet und verfolgt zu werden.
Ein Geräusch hinter einer Ecke erschreckt mich. Ich drehe mich schnell um, aber da ist nichts. Nur ein umgestürzter Mülleimer, ein totes Blatt, das auf dem Boden tanzt.
Ich atme tief ein und versuche mir einzureden, dass es nur meine Einbildung ist.
Plötzlich bleibt Leila stehen.
- Schau dir an.
Ich schaue auf und mir stockt der Atem.
Wir stehen vor der alten Nachbarschaftsbuchhandlung, die seit Monaten geschlossen ist. Doch hinter dem staubigen Fenster pulsiert ein sanftes, flackerndes Licht.
„Das ist nicht normal“, sagte sie.
Ich nähere mich, eine Hand gegen das kalte Fenster gelehnt.
Und dort, im Schatten, hinten im Laden, sehe ich ihn.
Ihn.
Still sitzen. Seine tiefen, dunklen Augen sind auf mich gerichtet.
Er bewegt sich nicht. Nicht blinzeln.
Ich trete einen Schritt zurück und gerate in Panik.
— Leila…
Aber sie sieht nichts.
- Was ? Was siehst du?
– Er ist da.
Sie blickt stirnrunzelnd aus dem Fenster.
– Isis… da ist niemand.
Ich drehe meinen Kopf, um ihn noch einmal anzusehen.
Er ist verschwunden.
Nur ein leerer Stuhl, über den ein tanzender Schatten hinwegfegt.
Aber die Luft ist aufgeladen. Eine elektrische Spannung umhüllt mich, schwer, wie ein dicker Schleier, der auf meiner Brust liegt.
Er war da.
Er ist da.
Leila nimmt sanft meinen Arm, ihre Augen voller Sorge.
- Aufleuchten. Wir gehen zurück. Das reicht für heute.
Ich folge ihr ohne Widerstand, mein Herz klopft zu heftig, mein Blick ist geradeaus gerichtet.
Aber in meinem Kopf schwingt eine Stimme mit, ein eindringliches Echo.
Du hast mich gesehen.
Du erkennst mich.
Sie sind bereit.
Ich balle meine Fäuste und versuche, dieses Gefühl des Eindringens, der Bedrohung zu vertreiben. Aber er ist stärker als ich.
Dann drängt sich mir zum ersten Mal ein Name auf, klar, voller Geheimnisse.
Ich weiß nicht, ob er es war, der es mir zuflüsterte, oder ob ich es schon immer wusste, irgendwo in meiner Erinnerung vergraben.
Aber ich flüstere, ohne wirklich zu verstehen warum:
– Ashar.
Leila erstarrt, bleich.
- Was ?
Ich schaue ihr direkt in die Augen.
– Ich glaube … ich glaube, das ist sein Name.
Eine eisige Kälte durchströmt den Raum.
Und tief im Inneren weiß ich, dass dies erst der Anfang ist.
Als wir zur Wohnung zurückgehen, beleuchtet das Licht der Straßenlaternen seltsame Formen im zunehmenden Nebel.
Ich spüre, wie sein unsichtbarer Blick immer noch auf mir lastet, eine bedrückende und doch vertraute Präsenz, als würde dieser Name – Ashar – eine Tür zu einer Vergangenheit öffnen, die ich nicht fassen kann, zu einer Zukunft, die ich bereits fürchte.
Leila versucht, das Schweigen zu brechen, das zwischen uns herrscht.
– Glaubst du wirklich, dass er für dich da ist?
Ich weiß nicht, was ich antworten soll.
Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich Angst habe. Aber das ist es nicht.
Es ist etwas anderes. Eine Mischung aus Faszination und Angst, ein im Schatten verborgenes Versprechen.
„Ich muss mehr wissen“, flüsterte ich.
Sie ergreift meine Hand und schließt für einen Moment die Augen.
– Dann machen wir es gemeinsam.
Ich drücke seine Hand, ein wenig beruhigt, aber tief in meinem Inneren beginnt ein Wirbelwind aus Schatten in mich einzudringen, bereit, alles zu verschlingen, was ich zu wissen glaubte.
Ashar. Ein Name, der wie eine kalte Flamme brennt.
Und ich habe das Gefühl, dass mein Leben nie wieder das gleiche sein wird.
