Das Flüstern unter der Haut
Kapitel 2: Das Flüstern unter der Haut
Isis
Am nächsten Tag scheint alles verschwommen zu sein.
Als wäre die Nacht nie zu Ende gegangen. Als ob der Traum in den Morgen versunken wäre und sich wie eine zweite Haut an mich schmiegte.
Ich wache erschrocken auf, mein Herz klopft, das Laken klebt an meiner schweißnassen Haut. Die Luft ist schwer, gesättigt, fast nicht atembar. Ich bleibe einen Moment regungslos stehen und starre an die Decke, ohne sofort zu verstehen, wo ich bin. Mein Körper ist da, aber mein Geist ... woanders. Gefangener einer Erinnerung, die keine ist.
Ein Traum.
Ich möchte glauben, dass es ein Traum war.
Aber meine Hände zittern immer noch. Meine Lippen auch.
Und ich spüre immer noch seinen Atem an meiner Wange.
Ein warmer, lebendiger Atemzug, den man nicht vergessen kann.
Ich stehe langsam auf, als würde jede meiner Bewegungen durch dichten Nebel erfolgen. Meine Muskeln sind taub. Mein Magen drehte sich um. Ich esse nicht. Ich trinke nicht. Ich öffne die Fensterläden nicht. Ich gehe direkt ins Badezimmer. Der Spiegel gibt mir ein blasses, ringförmiges, fast fremdartiges Bild.
Das Wasser fließt. Heiß. Dann brennt es. Ich möchte, dass es über meine Haut kratzt und dieses Gefühl der eingedämmten Hitze, der schwebenden Spannung und der unsichtbaren Präsenz, die an mir haftet, auslöscht. Aber nichts geht weg.
Er sagte mir meinen Namen.
Isis.
Ich habe ihn noch nie gesehen. Noch nie davon gehört.
Und doch... er wusste es.
Ich bleibe lange unter der Dusche. Zu lang. Am Ende tut mir das Wasser weh, aber ich stelle den Strahl nicht sofort ab. Es ist, als hätte ich Angst, dass die Stille noch mehr Lärm machen wird.
Ich kleide mich wie jeden Tag. Schwarzer Pullover, Jeans, langer Mantel. Nichts Bemerkenswertes. Nichts sichtbar. Außer vielleicht diesem Fieber in meinen Fingern, dieser Anspannung in meinem Nacken, dieser unsichtbaren Warnung, die mir wie ein Schatten folgt.
Auf der Straße scheint alles von Unwirklichkeit geprägt zu sein.
Der Nebel ist niedrig, dicht und schmutzig. Es zerfrisst die Umrisse von Gebäuden, verschluckt Geräusche und dämpft Schritte. Die Gesichter, denen ich begegne, haben keine Augen. Nur eilige, gleichgültige Silhouetten.
Ich gehe, ohne wirklich zu sehen. Ich gehe dorthin, wohin mich meine Füße tragen, und kann mich nicht erinnern, ob ich meine Tasche, meine Schlüssel oder auch nur meine üblichen Schuhe mitgenommen habe. Meine Gedanken sind woanders.
Die Bilder von gestern verfolgen mich.
Seine Silhouette.
Sein Blick.
Diese tiefe Stimme, sanft und schneidend zugleich.
Und plötzlich läuft mir ein Schauer über den Rücken.
Ich höre auf.
Ich schaue hinter mich.
Person.
Aber ich spüre dieses eisige Brennen in meinem Nacken.
Wieder.
In der Bibliothek tue ich so, als wäre ich dort. Ich sortiere die Bücher. Nun... ich versuche es. Meine Hände kooperieren nicht. Die Bände rutschen mir durch die Finger. Ich verwechsele die Etiketten. Ich stelle ein Biologiebuch wieder in die Rubrik „Alte Mythen“ ein. Niemand korrigiert mich. Die Leute schauen mich an. Ein wenig. Aber wir sagen nichts.
Meine Einsamkeit wird hier respektiert.
Es ist eine unausgesprochene Regel. Eine unsichtbare Grenze.
Aber heute erwürgt mich diese Einsamkeit. Sie sperrt mich ein. Es klebt wie eine Last auf meiner Haut. Wie eine Verurteilung.
Der Tag erstreckt sich endlos.
Wenn die Nacht hereinbricht, bleibe ich immer noch.
Die Lichter gehen nach und nach aus.
Den letzten behalte ich. Der im Hinterzimmer. Die Lampe mit goldenem Schirm. Es beleuchtet alte Zauberbücher, zerknitterte Seiten und beschädigte Einbände. Normalerweise beruhigt mich dieses Licht.
Aber nicht heute Abend.
Heute Nacht zittert sie.
Oder vielleicht bin ich es.
Ich rutsche gegen die Wand. Der Boden knarrt unter mir, protestiert lautlos. Ich schließe meine Augen.
Und ich höre es.
Keine Stimme.
Ein Atemzug.
Ein fast unhörbares Flüstern.
Aber ich erkenne es.
Isis.
Ich öffne plötzlich meine Augen.
Die Stille bedrückt mich. Die Leere packt mich.
Ich springe auf. Hol schnell meine Sachen ab. Meine Hände zittern. Mein Atem ist kurz. Die zwischen meinen Fingern gequetschten Tasten taten weh. Aber dieser Schmerz ist das einzig Wahre. Der Einzige, der mich noch an den Boden fesselt.
Ich gehe raus.
Die Straße ist leer.
Aber anders.
Alles scheint… zu ruhig.
Der Wind weht nicht.
Kein Motorengeräusch, kein eiliger Schritt, nicht einmal eine Katze.
Es ist, als ob die Welt den Atem anhält.
Und ich behalte meine.
Ich biege um die Ecke.
Und ich sehe es.
An eine Wand gelehnt, eine vergessene Zigarette zwischen den Fingern. Er raucht nicht. Er wartet.
Immer noch derselbe schwarze Mantel. Dieses unordentliche Haar. Dieser unmögliche Blick. Verbrennung. Verstörend.
Er lächelt nicht.
Diesmal nicht.
— Bist du mir gefolgt?
Meine Stimme ist heiser. Unsicher. Ein Flüstern, das kaum hörbarer ist als das von zuvor.
Er reagiert nicht sofort.
Dann zerdrückt er langsam seine Zigarette zwischen seinen Fingern.
- Nein. Ich habe auf dich gewartet.
Mein Hals schnürt sich zu. Ich mache einen Schritt zurück. Er löst sich ohne Abrupt davon.
- Wofür ? Wer bist du ?
Er nähert sich. Langsam. Ein Schritt. Dann noch einer.
Mit jedem Herzschlag habe ich das Gefühl, dass die Welt dichter wird. Schmaler. Elektrischer.
Aber ich bewege mich nicht.
Keine Bewegung.
– Du hast etwas verändert. Letzte Nacht.
Seine Stimme ist leise. Fast weh.
Als wäre er sauer auf mich. Oder als würde er mir eine zu schwere Wahrheit sagen.
-Worüber redest du?
Er bleibt direkt vor mir stehen. Sein Blick sucht meinen.
Ich fühle mich ausgesetzt. Von innen geschält.
Und ich weiß, dass er nach etwas sucht. Eine Antwort, die ich vielleicht nicht habe.
„Das hätte nicht passieren dürfen“, flüstert er.
Ich runzele die Stirn.
– Was dann? Was sollte nicht...
Aber meine Stimme bricht.
Er nähert sich seiner Hand. Sanft. Sehr sanft.
Seine Finger streifen mein Handgelenk.
Ich springe. Nicht aus Angst.
Wegen der Hitze.
Seine Haut an meiner ist eine Explosion. Eine Welle. Eine Resonanz.
Und auch er zuckt zusammen.
— Dieser Link... Das ist nicht normal.
Ich möchte reden. Fragen. Vielleicht schreien. Aber über meine Lippen kamen keine Worte. Meine Gedanken gehen im Tumult unter.
Er zieht seine Hand zurück. Als ob der Kontakt ihn verbrannt hätte.
—Wer bist du wirklich, Isis?
Sein Blick ist immer noch suchend. Tiefer. Weiter weg.
Und ich möchte die gleiche Frage stellen.
Aber ich sage etwas anderes.
– Wirst du mir weh tun?
Er antwortet nicht.
Er kommt wieder näher.
Sein Atem streicht über meine Wange, genau wie letzte Nacht. Wie im Traum.
– Ich weiß es noch nicht.
Und ohne ein weiteres Wort wendet er sich ab.
Er geht davon, mit einem schnellen, geschmeidigen, fast unwirklichen Schritt.
Und verschwindet im Schatten einer Gasse.
Ich bleibe allein. Wieder.
Aber leerer. Zerbrechlicher.
Weil ich schon spüre, dass er mir etwas genommen hat. Etwas Unsichtbares, aber Lebenswichtiges. Und ich werde wieder danach suchen. Morgen. Oder übermorgen. Oder genau in dieser Nacht.
Ich bin nicht mehr allein.
Mir folgt eine Verbrennung.
Ein Flüstern unter der Haut.
Und tief in meinem Inneren weiß ich, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor.
