Kapitel 4: Der Name und die Nacht
Naëlya
Jeden Morgen verbot ich mir zu weinen.
Ich habe gelernt, zuzuschlagen, bevor ich denke.
Zu lügen, bevor ich antworte.
Zu überleben, bevor ich existiere.
Als ich Kael ein Jahr später wiedertraf, fragte er mich nach meinem Namen.
Ich sah ihm direkt in die Augen. Ich hatte weder Schwester noch Kindheit mehr. Nur diesen Stich im Herzen.
— Ich bin die, die du am Leben gelassen hast.
Er lächelte. Dieses seltsame Lächeln, fast sanft, fast stolz.
Und nannte mich Naëlya.
Die Gegenwart riecht nach Leder und Feuer.
Das Leder seiner Handschuhe, die er gerade langsam auf den Couchtisch gelegt hat. Das Feuer des Kamins, das im Schatten knistert und die Steine mit einem bewegten Halo leckt. Das Licht tanzt an den Wänden wie ein uralter Atem, und ich spüre noch das Echo der Ketten an meinen Handgelenken, aber sie drücken nicht mehr.
Heute Abend drohen die Wände nicht. Sie umschließen. Schützen. Halten.
Heute Abend bin ich keine Beute. Und er, Kael, ist nicht mein Wärter.
Er ist da, ein paar Schritte entfernt. Still. Mit freiem Oberkörper, die Arme verschränkt. Seine Haut trägt die Geschichte dessen, was er getan hat, um zu überleben: vernarbte Schnitte, alte Einschusslöcher, Küsse von Klingen und Flammen. Er verbirgt nichts. Er ist sein eigenes Trümmerfeld. Und doch steht er aufrecht.
Er sieht mich an, als würde er einen Riss im Stein betrachten. Mit der Angst, sich ihm zu nähern. Mit dem Verlangen, darin zu verschwinden.
Ich sollte Angst haben.
Aber ich friere von ihm, habe keine Angst vor ihm.
— Du hast dich nicht verändert, murmle ich.
Ich weiß nicht, ob es ein Vorwurf oder ein Gebet ist. Er kommt langsam näher. In seinen Bewegungen gibt es keine Bedrohung. Nur diese dumpfe, fast tierische Dichte, die dem Sturm vorausgeht. Sein Blick hat nicht mehr die gleiche eisige Gewalt wie früher. Er ist dunkler, ruhiger. Vielleicht gefährlicher. Denn er zweifelt.
— Und du hast alles verbrannt.
Seine Stimme ist tief. Sie durchdringt mich wie eine Klinge, die in einer zu engen Scheide vergessen wurde.
Ich senke den Blick. Meine Finger zittern, ganz leicht. Nicht aus Angst. Aus Vorfreude. Aus Erinnerung. Aus dem, was er aus mir gemacht hat. Aus dem, was ich danach aus mir gemacht habe. Aus Blut. Aus Schweiß. Aus Schreien. Aus Entscheidungen.
Ich bin nicht mehr das Mädchen, das in der Käfig schrie.
Ich bin die, die ihre Gitterstäbe schmelzen ließ.
Ich bin die Überlebende.
Die Waffe, die er ungewollt geschmiedet hat.
— Bereust du? frage ich.
Ein Schweigen. Lang. Dicht. Dann seine Antwort, ruhig, fast müde:
— Nein. Aber ich erinnere mich.
Ich komme näher. Meine Schritte sind langsam, gedämpft. Ich habe Angst, dass der Moment zerbricht. Dass das Licht sich umkehrt. Dass alles wieder Schmerz wird.
Aber heute Abend gibt es nur diesen Raum. Diese Wände. Diese zu dichte Wärme. Und diesen Atem zwischen uns. Wie ein Faden. Eine Spannung. Ein Warten.
Ich hebe die Hand. Ich berühre seine Brust. Die Narbe quer über sein Schlüsselbein. Ich kenne sie. Ich habe gesehen, wie sie entstand. Ich habe die Klinge gesehen. Ich habe das Blut gesehen, das für mich floss. Er zittert. Kael zittert nie.
Also lächle ich.
Und ich murmle:
— Willst du wissen, was aus mir geworden ist?
Er nickt langsam. Sein Kiefer ist angespannt. Sein Atem tiefer.
Ich trete einen Schritt zurück. Mein Blick bleibt in seinem. Ich öffne die Schlaufe meines Gürtels. Der Stoff fällt sanft an meinen Hüften, eine stille Berührung. Ich ziehe jedes Teil langsam, sorgfältig aus. Er sagt nichts. Aber seine Augen verschlingen mich.
Ich bin nackt. Aber ich bin nicht verletzlich.
Ich bin präsent.
Ganz.
Lebendig.
— Das ist, was aus mir geworden ist, Kael.
Er kommt näher. Er hebt eine Hand. Seine Finger streichen über meine Wange. Sein Daumen streift meine Schläfe. Eine fast zärtliche Geste. Fast verboten.
— Du bist schön in deinem Zorn, sagt er mit rauer Stimme.
Ich packe ihn am Nacken. Ziehe ihn zu mir. Unsere Lippen prallen aufeinander. Beißen. Fordern sich. Es ist kein Kuss. Es ist eine Kollision. Es ist rau, zerfetzt, brutal. Es ist keine Erklärung. Es ist eine Rache.
Wir fallen auf das Bett. Das Holz knarrt unter unserem Gewicht. Die Decken verheddern sich um uns. Sein Körper gegen meinen. Seine Wärme. Sein Geruch. Sein Atem an meinem Hals.
Er berührt mich, wie man ein verbotenes Buch liest. Zuerst langsam. Mit dieser fiebrigen Neugier. Mit dem Wunsch, zu verstehen, was er verloren hat. Was er zerbrochen hat. Dann schneller. Stärker. Als wollte er mich von innen her neu erschaffen. Mich umschreiben.
Ich stöhne gegen seinen Mund. Er grunzt in meinem Nacken. Er nimmt mich, wie man ein geschuldetes Gut verlangt. Er besitzt mich, wie man versucht, sich zu reparieren.
Und ich lasse es geschehen.
Weil ich auch vergessen muss.
Weil ich auch mich erinnern muss.
Jede Bewegung ist ein lautloser Schrei. Eine Erinnerung, die blutet. Eine Angst, die wir ausspucken. Er gibt mir alles, was er ist. Ich gebe ihm alles, was ich bin.
Und dann kommt dieser schwebende Moment. Der, in dem unsere Körper sich anspannen, brechen, vermischen. Keine Wut mehr. Keine Scham mehr. Nur wir. Brennend. Lebendig. Verflochten.
Ich bin nicht mehr die Überlebende.
Ich bin Frau.
Ich bin Feuer.
Ich bin die Nacht.
Und als am frühen Morgen das Licht die Steinwände streift und sein Arm um meine Taille liegt, bewege ich mich nicht. Ich atme. Langsam.
Er schläft. Oder er tut so.
Ich weiß es.
Er hat mir etwas gestohlen, das wertvoller ist als mein Zorn.
Er hat mir meinen Namen zurückgegeben.
Und ich werde ihn ihm nie wiedergeben.
