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Kapitel 3: Die Fangzähne und der Riss

Naëlya

Vor Kael, vor den goldenen Ketten und den gravierten Platten, gab es die Kälte. Die der Berge. Die, die bis auf die Knochen beißt und dich dümmer oder stärker macht. Ich hatte mich entschieden zu überleben. Die Kälte verhandelt nicht. Sie nimmt. Sie reißt. Und sie hat mir alles beigebracht.

Ich war in einem Dorf geboren, das wie eine Narbe an der Klippe hing. Dort oben ist die Luft härter als das Brot, und die Herzen trockener als die gefrorene Erde. Die Traditionen wurden wie Flüche weitergegeben, die Blicke wie Urteile. Die Frauen schwiegen. Die Männer schlugen. So war die Regel. Und diejenigen, die sie vergaßen, verschwanden.

Mein Vater war kein Monster. Er war schlimmer: Er war geliebt. Er sprach mit süßen Worten, aber die Augen sagten etwas anderes. Er beobachtete dich, ohne dich jemals anzusehen. Eine absolute Autorität, die sich als Zärtlichkeit verkleidete. Ein respektierter Tyrann. Wenn er eine Hand auf dich legte, war es, um eine unsichtbare, aber dauerhafte Markierung zu hinterlassen.

Und meine Schwester… Liora. Sie war ein Jahr älter. Ein Licht in der Nacht. Schön, mutig, sanfter als ich. Sie hatte dieses Licht, das nichts zu erlöschen schien. Sie sprach mit den verlassenen Kindern, teilte ihr Brot, lächelte die Tiere an. Sie glaubte immer noch, dass man die Dinge ändern konnte, dass ein richtiges Wort mehr wert war als ein Faustschlag.

Ich wusste es schon.

Die Welt versteht nur eine Sprache: das Feuer oder die Klinge.

In der Nacht, als alles kippen sollte, fiel der Schnee dicht. Er bedeckte die Dächer und die Körper mit derselben Indifferenz. Ich erinnere mich an das Knacken des Holzes unter meinen barfuß Füßen, an den Biss des Windes auf meinen Wangen, an den Geruch von Metall und Angst. Diese tierische, instinktive Angst, die immer der Jagd vorausgeht.

Sie kamen.

Männer in Schwarz. Markiert. Kiefer tätowiert bis zum Hals. Sie sprachen fast nicht. Sie brauchten keine Worte. Ihr Schweigen war ihre Waffe. Der Zirkus nannte sie die Fangzähne. Sie töteten nicht. Sie entnahmen. Sie spürten den Wert in der Haut, die Wut in den Knochen, die Elektrizität im Blick. Menschenjäger.

Ich sah zu, wie sie meine Schwester mitnahmen.

Sie wehrte sich. Sie biss. Kratzte. Flehte.

Sie schrie meinen Namen wie ein Seil, das an den Rand des Abgrunds geworfen wird. Ich hörte sie ihre Stimme bis zur Heiserkeit ausstoßen. Und mein Vater… Mein Vater saß einfach da. Aufrecht. Die Hände gefaltet. Als würde er die Szene segnen.

Als wüsste er es.

Als hätte er unsere Leben gegen seinen Frieden eingetauscht.

Ich trat aus meinem Versteck. Mein Herz schlug so laut, dass ich glaubte, es würde mich verraten. Der Schnee fror bis in meine Seele. Aber ich wankte nicht.

Ich folgte ihnen. Barfuß in der Nacht. Die Wut als Mantel.

Ich tötete den ersten mit einem Stein. Brutal. Viszeral. Ich hatte nicht nachgedacht. Ich hatte einfach geschlagen. Immer wieder. Bis ich das warme Blut zwischen meinen gefrorenen Fingern spüren konnte. Es war keine Rache. Es war ein Schrei. Ein Instinkt. Eine Fraktur.

Sie packten mich vor dem zweiten Schlag.

Ich erinnere mich an ihre Blicke. Keine Wut. Keine Überraschung.

Sondern Amüsement.

Sie lächelten.

— Zwei zum Preis von einer, hatte einer von ihnen gesagt. Schwestern. Das begeistert das Publikum.

Und da verstand ich.

Ich war kein Opfer.

Ich war eine Ware.

Sie sperrten uns in einen Käfig aus Eisen, in die Eingeweide eines Wagens, der von blinden Tieren gezogen wurde. Tagelang. Der Boden rollte unter uns wie ein krankes Bauch. Der Hunger ließ uns delirieren. Die Kälte fraß an uns. Das Stroh stach wie Nadeln. Liora zitterte. Ich starrte an die Decke, ohne die Augen zu blinzeln.

Ich zählte alles.

Die Schläge meines Herzens.

Die Atemzüge um mich herum.

Die Stunden ohne Schreie.

Die unhörbaren Gebete.

Der Name des Zirkus kam zurück, zwischen Flüstern und Flüchen. Ein Ort ohne Himmel. Ohne Götter. Ohne Rückkehr.

Als wir dort eingetreten sind, glaubte ich, die Welt hätte sich umgedreht. Der Boden war schwarz. Die Luft roch nach verbranntem Eisen, Leder, menschlicher Angst. Tätowierte, vernarbte Körper, halb nackt. Schreie. Stöhne. Zu hohe Lachen, um ehrlich zu sein. Wir wurden in eine Grube gestoßen. Eine Art Auswahl. Dutzende von Kindern. Jugendliche. Einige zusammengekauert. Andere mit leerem Blick. Alle im Voraus gebrochen.

Dort sah ich ihn.

Kael.

Groß. Unbeweglich. Umgeben von Wachen, aber allein. Sein Blick suchte nichts. Er wählte aus. Wie ein Künstler eine Leinwand auswählt.

Er beobachtete uns lange.

Dann zeigte er mit zwei Fingern.

Auf mich.

Nicht auf Liora.

Ich schrie. Flehte. Weinte, dass er auch meine Schwester mitnehmen sollte. Dass er uns nicht trennen sollte. Dass er sie nicht den Tiefen überlassen sollte. Ich hätte alles gegeben. Alles verraten.

Er sah mich nur an.

— Eine Flamme auf einmal, hatte er gesagt. Die andere wird von allein erlöschen.

Und er drehte sich um.

Ich habe sie nie wieder gesehen.

Sie schickten sie zurück in die Unterwelt. Und mich warfen sie in die Arena.

Nicht um zu kämpfen.

Um zu schweigen.

Um zu gehorchen.

Um zu leiden.

In der ersten Nacht ließen sie mich allein in einem dunklen Raum. Mit einer Schüssel abgestandenem Wasser. Jeder Geräusch ließ mich zusammenzucken. Ich wartete, dass sie kamen. Mich schnitt. Mich nahmen. Mich zerbrachen. Aber nichts. Nur das Warten. Und die Stille.

Am nächsten Tag sperrten sie mich mit einem anderen Mädchen ein. Sie sprach nicht. Sie kratzte mir sofort ins Gesicht, als ich näher kam. Ich erwiderte. Wir schrien wie Tiere. Dann trennten sie uns.

Es war nur ein Test.

Jeden Tag ein anderes Gesicht. Eine andere Falle. Ein anderer Spiegel.

Jede Nacht träumte ich von Liora.

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