Kapitel 2: Das Siegel und das Leichentuch
Naëlya
Das Wasser war lau, fast sanft. Zu sanft. Es gleitete über meine Haut wie eine Lüge, wischte das Blut, die Asche und den Schweiß weg, aber nicht das Gedächtnis. Niemals das Gedächtnis.
Ich stand in einem aus Stein gehauenen Becken, im Zentrum eines stillen Raumes, dessen Wände mit schwarzen Tüchern behängt waren. Niedrige Laternen strahlten ein rötliches, gedämpftes Licht aus, das die Kurven meines nackten Körpers mit einer voyeuristischen Hartnäckigkeit liebkoste. Hier gab es keinen Spiegel. Nur verzerrte Reflexionen im trüben Wasser.
Zwei maskierte Frauen wuschen mich mit einer methodischen Langsamkeit. Keine Worte. Nur das Geräusch ihrer Hände, des Stoffes, der über meine Hüften glitt, des Wassers, das tropfenweise entlang meiner Wirbelsäule rann. Sie waren nicht brutal, aber ich fühlte sie auch nicht als menschlich. Sie erinnerten an Bestattungspriesterinnen, die mich für meine Beerdigung einkleideten.
Oder für ein Opfer.
— Lass es geschehen, flüsterte eine von ihnen, ohne mich anzusehen.
Ihre Stimme war sanft. Müde. Als ob sie dieses Ritual seit Jahrhunderten wiederholte. Vielleicht war es wahr.
Ich schloss einen Moment die Augen.
Im Stillen fand ich die Gesichter wieder. Die, die ich getötet hatte. Die, die ich einst geliebt hatte. Meine Schwester, das Feuer in ihren Augen. Mein Vater, der Glanz des Stahls zwischen seinen Zähnen. Der Biss des Schicksals in der Vertiefung meines Bauches.
Man hatte mir alles entrissen.
Und jetzt wuschen sie mich wie ein Opfer.
Der Zorn kam zurück, wie eine schwarze Flut. Ich ließ ihn aufsteigen, durch meine Adern gleiten, meine Muskeln durchfluten. Ich brauchte ihn. Er hielt mich aufrecht, hinderte mich daran, in die Rolle zu zerfließen, die man mir auferlegen wollte: die der Favoritin, des neuen Spielzeugs, des Tieres, das man streichelt, bevor man es an sein Bett fesselt.
Als sie mich mit duftendem Öl einrieben, zitterte ich nicht. Ich war eine Klinge. Und eine Klinge zittert nicht.
Dann kleideten sie mich in ein dunkles, kaum durchscheinendes Tuch, das an meinen Schultern von zwei Obsidian-Clips gehalten wurde. Es reichte bis zu meinen Füßen, deckte aber mehr auf, als es verbarg. Sie schmückten meine Handgelenke mit goldenen Ketten, meine Knöchel mit klingenden Armbändern. Ich sah aus wie eine Zeremonien-Sklavin. Eine Braut für das Schlachtfeld.
— Du bist bereit, sagte die andere Frau. Er erwartet dich.
Ich antwortete nicht.
Ich folgte ihnen.
Der Flur, der zu seinen Gemächern führte, war still. Doch die Wände vibrierten vor einer alten, fast übernatürlichen Energie. Ich spürte die Murmeln unter dem Stein. Vergessene Worte. Erstickte Schreie. Die Seele des Zirkus. Er atmete durch seine Wände, musterte mich. Wog mich.
Die Türen öffneten sich.
Und ich sah ihn.
Kael.
Stehend nahe einer breiten Öffnung, die auf die Unterstadt hinausging. Barfuß auf dem schwarzen Marmor. Der nackte Rücken bedeckt mit sich bewegenden Tätowierungen. Er trug nichts als eine weite Hose und den Schatten.
— Komm rein, sagte er, ohne sich umzudrehen.
Ich blieb im Türrahmen stehen.
Ich wollte seine Stimme mich durchdringen spüren. Sie zähmen. Sie in Stücke zerlegen. Es gab keine Angst. Nur eine Spannung. Eine gespannten Saite zwischen uns, bereit zu reißen oder sich zu verkrümmen.
Er drehte sich um.
Seine Augen glitten langsam über mich. Sie blieben nicht stehen. Sie erfassten. Verschlangen.
Er sagte nichts.
Er kam näher.
Jeder Schritt war ein Schlag in meiner Brust. Er hielt an, nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Sein Atem streifte meinen Schlüsselbein.
— Du trägst den Zorn gut, Naëlya. Er steht dir wie eine Krone. Aber er wird dich schließlich erwürgen.
Ich hielt seinen Blick stand.
— Lass ihn mich erwürgen, sagte ich.
Er lachte. Leise. Langsam.
— Du willst nicht überleben. Deshalb gefällst du dem Zirkus so sehr.
Seine Hand hob sich. Sie blieb einen Atemzug von meiner Wange entfernt. Dann schloss sie sich in der Leere.
— Komm näher.
Ich blieb gerade stehen.
— Du hast mich herbeigerufen. Nicht umgekehrt.
Eine Stille.
Dann, plötzlich, packte er mich am Kinn. Nicht gewaltsam. Fest. Er zwang mich, mein Gesicht zu heben.
— Wenn ich dich zerquetschen wollte, hätte ich es in der Arena getan. Was ich will, ist etwas anderes.
Ich wandte meinen Blick nicht ab. Ich hatte Schlimmeres gesehen. Schlimmeres berührt. Mit Klingen unter der Haut geschlafen.
— Du willst mich besitzen, sagte ich. Du willst, dass ich mich beuge, ohne zu brechen. Dass ich mit Anmut blute.
— Nein, murmelte er. Ich will, dass du langsam verbrennst. Dass du mir gibst, was du allen verweigerst: deine Hingabe. Deine Wahrheit. Nicht deinen Körper. Deinen Abgrund.
Ich spürte einen Schwindel. Eine mentale Falle. Er war nicht nur ein Folterer. Er war ein Rätsel. Eine vergiftete Verführung.
— Und wenn ich dir meine Wahrheit anbiete, was wirst du damit tun? Wirst du sie an deine Wand mit den anderen Trophäen hängen?
Er beugte seine Lippen zu meinem Ohr.
— Ich werde sie in meine Haut eingravieren.
Ein Schauer überlief mich gegen meinen Willen.
Und da verstand ich: Es war nicht nur eine einfache Nacht. Es war ein Pakt. Eine Prüfung. Ein unsichtbares Siegel.
Er streckte die Hand aus.
Ich nahm sie.
Nicht um mich zu unterwerfen.
Sondern um in den Rachen des Wolfes zu treten, mit offenen Augen.
Er führte mich in die Mitte des Raumes. Eine eingravierte Platte war in den Boden eingelassen, umgeben von alten Symbolen. Er ließ mich darauf Platz nehmen.
— Hier beginnt deine Einweihung.
— Ich dachte, die Arena sei eine.
— Nein, murmelte er. Die Arena ist nur eine Auswahl. Hier entscheide ich, was du werden wirst.
Er zog eine feine Klinge aus seinem Gürtel.
Ich rührte mich nicht.
Er ließ sie über seine Handfläche gleiten. Ein Tropfen Blut entglitt ihr.
Dann hielt er mir die Klinge hin.
— Für dich.
Ich nahm sie.
Ich schnitt mich ohne zu zögern.
Unsere beiden Hände vereinten sich. Das Blut vermischte sich.
Und etwas wurde in Gang gesetzt.
Ein uralter Pakt. Eine dunkle Magie. Ein Versprechen.
Ich spürte die Macht des Zirkus unter der Platte fließen. Der Stein pulsierte. Mein Herz ebenfalls.
Kael sah mich an. Intensiver als je zuvor.
— Du gehörst jetzt mir. Aber ich... gehöre auch dir.
Ich erkannte dann, dass dieser Krieg nicht einfach eine Unterwerfung sein würde.
Es würde eine langsame Besitznahme sein.
Wechselseitig.
Und dass am Ende des Weges... nur Asche bleiben würde.
