Kapitel 3
"Woran denkst du?", fragte Yannis mich also. "Wie es...nein, gar nicht so wichtig", entschied ich mich um und sprach nichts weiter an. "Ach komm!", meinte er und stupste mich an, also sah ich wütend zu ihm, zum Glück lag mein Pullover über dieser Stelle. Ich nahm meine Tasche zur Hand und ging einfach, ohne noch etwas zu sagen, und ohne auf das rufen nach mir von Yannis zu hören.
***
Der Unterricht endete heute um 13:30 Uhr, also wartete meine Mutter schon auf dem Parkplatz der Schule und wollte mit mir zu meinem Termin fahren, jedoch hielt mich Yannis auf.
"Was gibt's?", fragte ich ihn als er mich darum bat stehen zu bleiben, was ich dann auch tat.
"Die Schule ist fast vorbei und-", Yannis wurde von dem Hupen meiner Mutter unterbrochen. "Wir reden wann anders", sagte ich also zu ihm und stieg zu meiner Mutter ins Auto. "Das hättest du heute nicht tun müssen", sagte ich sofort als sie losfuhr. "Hat doch sonst auch funktioniert", meinte sie.
Sie wusste wie schlimm Yannis' Anwesenheit manchmal für mich sein konnte, also versuchte sie immer eine Lösung zu finden wenn sie vor Ort war.
"Ja, aber heute hatten wir irgendwie nicht wirklich miteinander geredet oder so. Außerdem hätte mich sehr interessiert was er mir zu sagen hatte", argumentierte ich. Meine Mutter entschuldigte sich bei mir, jedoch schüttelte ich ab, ich konnte ihn ja immer noch anschreiben oder morgen fragen.
"Wir sind da", merkte meine Mutter an, als sie auf einen riesigen Parkplatz fuhr und in einer Parklücke parkte.
"Soll ich mit hoch gehen oder soll ich dich später einfach abholen?", fragte meine Mutter mich als ich gerade aussteigen wollte. "Komm später wieder, es langweilt dich bestimmt", meinte ich und stieg aus. "Na gut. Ach...der Name deines Therapeuten ist Steven Kane, wenn sie fragen", merkte sie noch schnell an, bevor ich gehen konnte. Ich nickte nur still, schloss die Tür des Beifahrers und betrat das riesige Gebäude.
"Hallo. Name?", wurde ich an der Rezeption sofort angesprochen. "Jake Pade", nannte ich also meinen Namen und sah die Frau erwartungsvoll an, als sie etwas in ihrem Computer nachsah. "Ja...Jake Pade...17, Termin bei Steven Kane, richtig?", fragte sie und sah mich dann an, ich nickte still.
"Noch einige Minuten, Sie werden gleich aufgerufen", meinte sie, setzte ein lächeln auf und zeigte in die Richtung in welcher sich der Warteraum befand. Diesen Betrag ich dann und setzte mich so weit entfernt von anderen Menschen wie möglich.
"Erster Termin hier?", fragte mich ein anderer Besucher, welcher in der anderen Ecke des Raumes saß und die Hand einer jungen Frau hielt, ich nickte still und sah aus dem Fenster.
"Man merkt es Ihnen an", sagte er, also sah ich kurz wieder zu ihm hin.
"Sehr nervös?", hakte er dann kurz darauf fragend nach. "Was wollen Sie eigentlich von mir?!", fragte ich ihn genervt und sah dann wieder zu ihm. "Tut mir leid", entschuldigte ich mich schnell. "Lassen Sie mich raten : Chiraptophobie und Misanthropie?", fragte er mich. "Misanthropie?", stellte ich ihm eine Gegenfrage und legte meinen Kopf leicht schief. "Fachwort für Menschenhass", klärte er mich knapp auf. "Ist es so offensichtlich?", fragte ich ihn und lachte nervös, während ich mich am Hinterkopf kratzte. "Ja, schon...was noch?", hakte er dann nach und drückte kurz die Hand der jungen Frau etwas fester, sie sah gequält aus. "Das sollte es gewesen sein", nickte ich vor mich hin und zuckte mit den Schultern.
"Jake Pade in Sprechzimmer 1, Steven Kane!", wurde ich durch einen Lautsprecher aufgerufen, also wollte ich losgehen.
"Viel Glück!", wünschte mir der Mann. Ich ignorierte seine letzteren Worte und betrat Sprechzimmer 1.
"Hallo Jake, darf ich dich Jake nennen, ist doch sicherlich kein Problem Ich bin Steven Kane", stellte er sich vor und hielt mir seine Hand hin, weswegen ich ihn skeptisch ansah. "Nur ein kleiner Test", merkte er an und zog seine Hand wieder zurück.
"17, ja? Geboren in Boston...lebt in Stretford, Schüler", murmelte er vor sich hin, während ich weiterhin nickte.
"So...wo drückt der Schuh?", fragte er mich dann.
"Ich vermeide jegliche Art von Berührungen, weswegen sich bei mir auch der Hass gegenüber anderen Menschen bildete, weil sie anfingen mich fertig zu machen und sich von mir fern hielten."
"Okay Jake, woran liegt es, dass du Chiraptophobie hast?"
"Muss ich das sagen?"
"Ich kann mir schlecht etwas für dich ausdenken, nicht wahr?"
"Ich will's nicht sagen!", meinte ich und verschränkte meine Arme vor der Brust.
"Ich kann dir sonst nicht helfen...wieso bist du hier wenn du nicht reden willst?"
"Weil...ich hab's satt provoziert zu werden indem man mich anfasst oder absichtlich näher kommt."
"Ja Jake, dann musst du aber mit mir reden."
"Will ich das denn?"
"Scheint nicht so, nur leider musst du...keine Sorge, hier bleibt alles was du mir sagst auch gefangen, nicht ein Wort reicht nach außen, außer ich bekomme die Erlaubnis von dir."
"Könnten Sie meiner Mutter bitte nicht sagen warum ich so eine Angst vor Berührungen habe?"
"Wenn du das so wünscht, dann bitte. Ach, und du kannst auch du zu mir sagen, dann fällt es dir irgendwann leichter mit mir zu reden", lächelte er und legte sich seinen Notizblock und Stift bereit. "Okay...meine Mutter...nein, fangen wir anders an...ich war noch ziemlich jung, ich weiß nicht mehr wie alt, aber es ist schon lange her...ich hatte Geburtstag und mein Vater war nicht zu Hause, also habe ich mit meiner Mutter...meine Party alleine vorbereitet-", ich setzte zu einer Pause ein, da ich mich so vor dem Grund ekelte.
"Lass dir Zeit Jake, du musst heute nicht alles sagen, es reicht, wenn du schon Mal einen Anfang machst", meinte er, also nickte ich und sprach weiter : "Meine Freunde kamen später also zur Party und wie man das in jungen Jahren eben tut, haben wir verstecken gespielt. Ich hielt es für eine gute Idee mich in meinem Zimmer in meinem Schrank zu verstecken, jedoch kam kurz darauf meine Mutter ins Zimmer. Ich verstehe bis heute nicht warum, aber sie tat es eben...sie sprach mit jemandem, einem Mann, ich dachte mit meinem Vater...aber es war ihr-", ich setzte wieder eine Pause und schloss meine Augen.
"Was ist passiert Jake?", fragte Mister Kane mich interessiert und sah mich fordernd an, als ich meine Augen wieder öffnete.
"Es war ihr Stiefbruder...ich wollte eigentlich meinen Schrank verlassen, jedoch hörte ich mein Bett knarschen und sah nach was war, die Schranktür hatte ich also ein kleines Stück geöffnet, und da waren sie...nackt, alles sichtbar für mich...auf meinem Bett!", wurde ich etwas lauter und spannte meinen Kiefer an. "Ich hab mich so geekelt...ich hab die Schranktür wieder komplett zugemacht und mir die Ohren fest zugehalten...als es dann endlich vorbei war, habe ich weder mein Bett benutzt, noch sonst irgendwas in meinem Zimmer angefasst. Als sie ihren Stiefbruder dann ein paar Tage später wieder zu Besuch hatte, habe ich angefangen ihn zu hassen, ich wechselte kein einziges Wort mehr mit ihm, ich sah ihn nicht Mal an", meinte ich und sah runter.
"Und deine Mutter?", fragte Mister Kane mich, also sah ich fest in seine Augen. "Ich hab sie nicht einmal wieder angefasst und immer wenn sie mir näher kam bin ich nach oben ins Gästebad gerannt und habe mich eingeschlossen...ich ekle mich noch heute vor ihr und ihrem Stiefbruder", sagte ich.
"Du sagtest, du hättest in deinem Zimmer nichts mehr angefasst...wo hast du dann geschlafen?", fragte er mich und schrieb nebenbei noch etwas auf. "Auf dem Boden, vor meinem Schrank", gab ich zu. "Und jetzt?", hakte er nach. "Ich hab meinen Vater angefleht mir ein neues Bett zu kaufen, also habe ich auch ein neues Bett bekommen, mein Zimmer ist jetzt allerdings das eigentliche Gästezimmer, mein altes Zimmer wurde dann zum Gästezimmer, weil ich mich so lange beschwert hatte, bis ich wechseln konnte", klärte ich ihn auf.
"Papa ist jetzt aber auch fast nie mehr Zuhause, ich habe sie Mal über Mama und ihren Stiefbruder reden hören, mein Vater wusste alles und dachte, dass ich bescheid wüsste, weil ich so komisch war seitdem es passiert ist, meine Mutter stritt es jedoch ab, dass ich auch nur einen Hauch von Ahnung haben könnte", fügte ich dann noch hinzu.
"Okay Jake...ich muss dir sagen, dass es uns viele Sitzungen kosten wird, aber ich verspreche dir dir zu helfen. Ich sage nicht, dass du dann anders von deiner Mutter oder ihrem Stiefbruder denken wirst, aber es wird Berührungen erträglicher für dich machen, dafür muss ich jedoch ein Mal testen was Berührungen momentan bei dir auslösen", meinte er, also sah ich ihn mit großen Augen an.
