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Kapitel 3

Lisa

Der Abend hätte perfekt werden sollen.

Zumindest hatte ich ihn mir so vorgestellt.

Eine gemütliche Pizzeria mit Katja und ein paar Mädchen aus dem Team. Endlich entspannen. Über unsere eigenen Dinge reden. Über Blasen an den Füßen jammern, über Bewegungen lachen, die wir bis zum Erbrechen geübt hatten. Einfach abschalten.

Keine reichen Schnösel.

Keine Show.

Kein Dronow.

Der Plan zerplatzte in dem Moment, als sein schwarzer Geländewagen um die Ecke verschwand und seine königliche Hoheit mitsamt seinem Hofstaat davonbrachte.

Die Luft gehörte wieder uns.

Doch sein giftiger Nachgeschmack blieb.

Meine Teamkolleginnen redeten über nichts anderes.

„Du kannst dir das gar nicht vorstellen, Lisa! Er ist einfach so ... direkt!“, schwärmte Mascha und verteilte geschmolzenen Mozzarella über ihren Teller. Ihre Augen glänzten wie Goldmünzen. „Er hat uns persönlich eingeladen! Auf eine Yacht! Das ist doch ein ganz anderes Niveau!“

„Ja, das Niveau einer Drama-Queen vielleicht“, murmelte ich und brach ein Stück von meiner Vier-Käse-Pizza ab.

Mein Appetit war längst verschwunden.

„Mascha, er hat nicht dich persönlich eingeladen. Er hat einen Köder in die Menge geworfen wie einen Knochen vor einen Haufen Hunde. Und ihr seid alle schwanzwedelnd hinterhergelaufen.“

Am Tisch entstand eine peinliche Stille.

Unter dem Tisch trat Katja gegen mein Schienbein.

„Ach komm, Lisa ...“, begann sie.

„Was denn?“, unterbrach ich sie. „Er hat sich nicht einmal eure Namen gemerkt. ›Mädels‹, ›Schönheiten‹ ... Das ist doch erniedrigend.“

„Deinen Namen hat er sich aber gemerkt.“

Sweta, die Ruhigste aus unserem Team, sagte es leise, aber glasklar.

Sie sah mich nicht vorwurfsvoll an.

Eher neugierig.

„Er hat die ganze Zeit nur mit dir gesprochen. Mit Nachnamen. Ihr habt dort gestanden, als wärt ihr in eurer eigenen kleinen Welt.“

Eine unangenehme Gänsehaut lief mir über den Rücken.

Sie hatte es bemerkt.

Sie hatten es alle bemerkt.

Diese seltsame elektrische Blase zwischen uns.

Seinen Blick.

Sein gefährliches Flüstern.

„Er spricht nur mit mir, weil ich die Einzige bin, die bei seiner Aufmerksamkeit nicht in Ohnmacht fällt“, sagte ich scharf und nahm einen Schluck Cola.

Sie war warm.

Und widerlich süß.

„Für ihn ist das eine Herausforderung. Wie ein neues Spielzeug, das nicht funktionieren will. Sobald er bekommt, was er will, verliert er das Interesse. Und das wisst ihr genauso gut wie ich.“

„Oder vielleicht hat er einfach endlich mal ein Mädchen getroffen, bei dem er sich anstrengen muss?“, gab Mascha nicht auf. „Das ist doch romantisch! Wie in den Filmen! Der Prinz und die Widerspenstige!“

Ich schnaubte so laut, dass ich mich beinahe verschluckte.

„Ein Prinz? Mascha, er ist kein Prinz. Er ist ein verwöhntes Kind im Körper eines erwachsenen Mannes, das gewohnt ist, alles kaufen zu können, was es haben will. Und ich habe nicht vor, sein nächster Einkauf zu werden. Ende der Diskussion.“

Meine Stimme klang härter, als ich beabsichtigt hatte.

Fast wütend.

Vielleicht wollte ich sie überzeugen.

Vor allem aber mich selbst.

Denn tief in mir brannte immer noch etwas.

Die Erinnerung an seinen Blick.

Daran, wie nah er gekommen war.

An den Geruch seines teuren Parfüms, vermischt mit Schweiß.

Um diese Gedanken zu ersticken, griff ich nach meinem Handy.

Und bereute es sofort.

Auf dem Bildschirm erschien eine neue Nachricht.

Von ihm.

„Gib es zu. Du provozierst mich absichtlich, damit ich auf dich aufmerksam werde. Hat funktioniert. Zufrieden?“

Das Blut schoss mir in den Kopf.

Fast hätte ich das Telefon fallen lassen.

Die Dreistigkeit dieses Menschen kannte wirklich keine Grenzen.

Glaubte er tatsächlich, die Welt drehe sich um ihn?

Dass jede meiner Bemerkungen nur ein Schrei nach seiner Aufmerksamkeit war?

Meine Finger zitterten vor Wut.

Ich tippte die Antwort so schnell, dass ich die Tasten kaum traf.

„Dronow, das Einzige, was ich von dir möchte, ist, dass du aus meinem Blickfeld verschwindest. Am besten für immer. Ich hoffe auf dein vernünftiges Urteilsvermögen.“

Senden.

Sofort drehte ich das Handy um und legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch.

Als wäre es glühende Kohle.

Mein Herz raste.

Lächerlich.

Vollkommen lächerlich.

„Lisa, alles okay?“

Katja beugte sich zu mir.

Besorgnis stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Du bist knallrot.“

„Nichts“, murmelte ich und griff wieder nach meinem Glas. Meine Hand zitterte. „Ich musste nur gerade an seine arrogante Visage denken. Das geht auf die Nerven.“

Unter dem Tisch vibrierte mein Handy.

Einmal.

Kurz.

Er hatte geantwortet.

Mir wurde regelrecht schlecht.

Was konnte er jetzt noch geschrieben haben?

Welche Frechheit diesmal?

Ich hielt es keine Minute aus.

Unter dem Vorwand, zur Toilette zu müssen, schnappte ich mir das Handy und verschwand in den hinteren Teil des Restaurants.

In einer Kabine angekommen, lehnte ich die Stirn gegen die kühle Tür und öffnete die Nachricht.

„Vernunft gehört nicht zu meinen Stärken. Hartnäckigkeit dagegen schon. Viel Glück dabei, mich zu ignorieren. Es wird dir nicht gelingen.“

Ein leises Stöhnen entfuhr mir.

Vor Hilflosigkeit.

Er würde nicht aufgeben.

Er betrachtete das Ganze als Spiel.

Ich wollte ihm etwas schreiben.

Etwas Langes.

Etwas Giftiges.

Etwas, das sein Ego in tausend Stücke zerlegen würde.

Doch die Worte wollten nicht kommen.

In meinem Kopf herrschte Chaos.

Wut.

Genervtheit.

Und ...

noch etwas anderes.

Eine gefährliche, schmerzhafte Neugier.

Stattdessen verließ ich den Chat und blockierte seine Nummer.

Kindisch.

Nutzlos.

Wir gingen auf dieselbe Hochschule.

Wir liefen uns ständig über den Weg.

Aber für einen Moment gab mir diese kleine Geste das Gefühl von Kontrolle.

Als hätte ich eine Tür zwischen uns zugeschlagen.

Ich atmete tief durch und kehrte zu den anderen zurück.

Mit einer Maske aus Gleichgültigkeit.

Der Abend war endgültig ruiniert.

Ich lächelte über Witze.

Nickte an den richtigen Stellen.

Doch ich hörte kaum, worüber überhaupt gesprochen wurde.

Meine Gedanken hingen an seinem Namen.

An seinen Nachrichten.

An den Worten, die wie Feuer in meiner Tasche brannten.

Als wir uns schließlich verabschiedeten und ich allein zur Bushaltestelle ging, fiel die Einsamkeit mit voller Wucht über mich her.

Die Stadt lebte.

Neonschilder blinkten.

Autos rauschten vorbei.

Menschen lachten.

Doch ich fühlte mich wie hinter Glas.

Als säße ich in einem Aquarium, abgeschnitten von all dem Lärm und Leben.

In einer Welt aus meinen eigenen Gedanken.

In einem Punkt hatte er recht.

Ihn zu ignorieren war unmöglich.

Er war zu präsent.

Zu laut.

Zu auffällig.

Zu überall.

Wie eine Granate, die man in den stillen Sumpf meines geordneten Lebens geworfen hatte.

Zuhause wartete die übliche Routine auf mich.

Duschen.

Haarmaske.

Trainingspläne für den nächsten Tag.

Normalerweise beruhigte mich das.

Heute half nichts.

Ich wälzte mich im Bett hin und her.

Vor meinem inneren Auge erschien immer wieder sein selbstzufriedenes Gesicht.

Sein Grinsen.

Und seine Worte.

„Es wird dir nicht gelingen.“

Er glaubte wirklich, er könnte mich brechen?

Mit seinem Geld.

Mit seiner Arroganz.

Mit seinem Status.

Glaubte er ernsthaft, ich wäre wie all die anderen Mädchen, die sich für ein paar charmante Blicke zu seinen Füßen werfen würden?

Ein heißer, brennender Wunsch, ihm das Gegenteil zu beweisen, erfüllte mich bis in die Fingerspitzen.

Ja.

Er hatte auf mich aufmerksam gemacht.

Aber nicht so, wie er dachte.

Nicht als Objekt seiner Begierde.

Sondern als Gegnerin.

Eine Gegnerin, die es wert war, ernst genommen zu werden.

Und ich hatte vor, diesen Krieg zu gewinnen.

Der Plan entstand augenblicklich.

Klar.

Kühl.

Berechnend.

Ich würde nicht weglaufen.

Mich nicht verstecken.

Und ihn schon gar nicht ignorieren.

Das würde seinen Jagdinstinkt nur noch mehr anstacheln.

Ich würde einfach weitermachen wie bisher.

Besser sein.

Beim Training.

Im Studium.

Überall.

Ich würde so hell strahlen, dass sein selbstgefälliges Grinsen daneben verblasste.

Er sollte mich ansehen und begreifen, dass es Dinge gab, die man mit Geld nicht kaufen konnte.

Disziplin.

Talent.

Und echte Stärke.

Mit diesem Entschluss kehrte endlich Ruhe ein.

Der Morgen begann mit Regen.

Kaltem, hartnäckigem Herbstregen.

Er passte perfekt zu meiner Stimmung.

Konzentriert.

Entschlossen.

Ohne jede Spur von Leichtsinn.

Wie immer war ich die Erste im Trainingssaal.

Der Raum lag still und leer vor mir.

Es roch nach Reinigungsmitteln und dem erkalteten Schweiß des Vortags.

Allein begann ich mein Aufwärmprogramm.

Begleitet vom gleichmäßigen Trommeln der Regentropfen auf dem Glasdach.

Jede Bewegung war präzise.

Kontrolliert.

Bewusst.

Ich trainierte nicht länger nur für die nächste Choreografie.

Ich bereitete mich auf einen Kampf vor.

Nach und nach trafen die anderen ein.

Die meisten sahen mitgenommen aus.

Einige vermieden meinen Blick.

Offenbar hatte die Yachtparty ihre Spuren hinterlassen.

„Na, Mädels?“, fragte ich, während ich meine Oberschenkelmuskulatur dehnte. „Hat euch das Königreich der reichen Schnösel gefallen?“

Katja war blass.

Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen.

Sie schüttelte nur den Kopf.

„Es war ... laut. Viel Show. Viel Angeberei. Und Dronow saß den ganzen Abend in irgendeiner Ecke mit seinem Handy. Sah aus wie eine Gewitterwolke. Hat allen die Stimmung verdorben.“

Etwas in mir zuckte.

Eine kleine, unangenehme Funkenwelle der Zufriedenheit.

Also hatte die Blockierung funktioniert.

Er hatte mir nicht mehr schreiben können.

Er hatte dagesessen und sich geärgert.

Gut.

„Schade, dass er die Stimmung ruiniert hat“, sagte ich vollkommen ohne Mitgefühl. „Genug Erholung. Wer gestern feiern konnte, kann heute auch arbeiten. Wir machen das komplette Programm von Anfang bis Ende. Und ich will Feuer in euren Augen sehen, kein Katergefühl. Verstanden?“

Ein kollektives Stöhnen ging durch die Reihen.

Doch sie stellten sich auf.

Sie fürchteten mein Training mehr als ihren Kater.

Genau richtig.

Die Einheit wurde hart.

Brutal hart.

Ich trieb sie an ihre Grenzen.

Keine Pausen.

Keine Ausreden.

Keine Gnade.

Ich ließ sie Bewegungen wiederholen.

Noch einmal.

Und noch einmal.

Bis jede Sequenz perfekt saß.

Auch ich arbeitete bis zur Erschöpfung.

Meine Muskeln brannten.

Mein Hals war trocken.

Wir mussten makellos sein.

Ich musste makellos sein.

Und dann öffnete sich die Tür.

Wieder.

Auf der Schwelle erschien die Basketballmannschaft.

Allen voran er.

Dronow.

Er sah anders aus.

Nicht erschöpft wie meine Mädchen.

Nicht verkatert.

Sondern gesammelt.

Konzentriert.

Sein Blick fand mich sofort.

Als hätte er einen eingebauten Radar.

Und diesmal lag keine Belustigung darin.

Kein Spott.

Nur kühles Interesse.

Ich tat so, als würde ich ihn nicht bemerken.

Gab den Mädchen Anweisungen für das Stretching.

Doch er ging nicht weiter.

Nicht in die Umkleide.

Er lehnte sich an die Wand.

Und beobachtete.

Einfach nur beobachtete.

Mich.

Seine Teamkollegen tuschelten und lachten.

Er ignorierte sie.

Und das war tausendmal schlimmer als jede seiner provokanten Bemerkungen.

Diese Stille.

Dieser unablässige Blick.

Schwer.

Geduldig.

Er hatte meine Entscheidung gespürt.

Und er nahm die Herausforderung an.

Ich fühlte seinen Blick überall.

Wenn ich mich vorbeugte.

Wenn ich die Arme hob.

Wenn ich mein Haarband richtete.

Es machte mich wahnsinnig.

Aber ich ließ mir nichts anmerken.

Ich lächelte.

Scherzte mit den Mädchen.

Korrigierte Bewegungen.

Ich spielte die perfekte Kapitänin.

Die Sonne des Teams.

Das Vorbild.

Während sich tief in meinem Inneren alles zusammenzog.

Er beobachtete mich wie ein Raubtier seine Beute.

Wartend.

Berechnend.

Als das Training endlich vorbei war und wir unsere Sachen zusammenpackten, stieß er sich von der Wand ab.

Langsam kam er auf mich zu.

Die Gespräche im Saal verstummten.

Alle warteten.

Auf die Fortsetzung der gestrigen Vorstellung.

Er blieb direkt vor mir stehen.

Viel zu nah.

Schon wieder.

„Blockiert?“, fragte er leise.

Nur für mich hörbar.

Ich hob den Blick und setzte eine unschuldige Miene auf.

„Tut mir leid. Ich rede nicht mit Leuten, die mich nerven. Spart Zeit und Nerven.“

Die Mundwinkel zuckten.

Er mochte das.

Natürlich mochte er das.

„Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden, Sokolowa.“

„Nur wenn man ein verwöhnter Rich-Boy ist, der glaubt, ihm gehöre die Welt.“

Ich zog meine Jacke über die Schultern.

Er lachte.

Kurz.

Lautlos.

„Na schön. Dann spielen wir eben Schweigen. Mal sehen, wie lange du durchhältst.“

Er drehte sich um.

Ging zurück zu seinen Leuten.

Doch bevor er verschwand, blieb er noch einmal stehen.

Und sagte laut genug für den ganzen Saal:

„Übrigens. Starkes Training heute. Man sieht, dass dem Captain sein Team wirklich wichtig ist. Respekt.“

Dann ging er.

Und ließ mich vollkommen sprachlos zurück.

Begleitet vom verwirrten Schweigen meines Teams.

Verdammt.

Das war genial gewesen.

Er hatte keinen Streit gesucht.

Keine Provokation.

Keine Konfrontation.

Er hatte mich öffentlich gelobt.

So getan, als hätte es die Auseinandersetzung vom Vortag nie gegeben.

Mit einem einzigen Satz hatte er mir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Ich stand da und umklammerte den Gurt meiner Sporttasche.

Er war gut.

Verflucht gut.

Aber ich war besser.

Langsam richtete ich mich auf.

Sah meine Mädchen an.

Und sagte vollkommen ruhig:

„Was glotzt ihr so? Ab in die Vorlesungen. Wer zu spät kommt, macht morgen zehn zusätzliche Sprünge.“

Sofort setzte Bewegung ein.

Beschwerden.

Seufzer.

Gelächter.

Alles wie immer.

Ich verließ die Halle als Erste.

Mit erhobenem Kopf.

Und trotzdem hatte ich das Gefühl, seinen Blick im Rücken zu spüren.

Selbst durch Wände hindurch.

Er glaubte, er könnte mich mit Komplimenten brechen?

Mich auf seine Seite ziehen?

Nein.

Ganz sicher nicht.

Du hast gerade einen Krieg erklärt, Dronow.

Und ich nehme die Herausforderung an.

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