Kapitel 3
Ich bügelte das Hemdchen nicht. Ich griff einfach nach dem Ersten, was mir in die Finger kam - einem dunkelgrauen Wollkleid, das Kael immer gehasst hatte - und verließ den Bau.
Eine der diensttuenden Mägde murmelte, als ich vorbeiging: „Da kocht aber jemand mächtig Zorn im Blut. Das Kleid hat sie seit der letzten Frostzeit nicht mehr angerührt.“
Sie hatte recht.
Ich sattelte die Stute selbst. Ohne Wachen. Ohne Ehrengeleit. Nur ich und der dicke, weiße Morgennebel, der sich über den nördlichen Bergpfad zum Klansaal kräuselte.
Ich sah den Wagen erst, als es zu spät war.
Er schoss von einem tiefer gelegenen Weg - ohne Wappen, ohne Warnruf. Meine Stute scheute. Ich riss an den Zügeln, die Welt kippte zur Seite.
Aufprall.
Für einen Herzschlag war ich nicht mehr hier.
Ich war zurück in dieser verfluchten Erinnerung - vor einem Jahr - in weißen Pelzen und mit den Seidenbändern der Verbindung geschmückt, auf dem Weg zur heiligen Lichtung, um mich mit Gideon zu vermählen.
Und dann - ein markerschütterndes Krachen.
Metall, Blut, Feuer.
Der Schmerz, der mich zu zerreißen schien, das warme Rinnen von Blut, das meine Schenkel und den weißen Stoff durchnässte, der Geruch von Kiefernnadeln, Eisen und unermesslichem Verlust.
Der Welpe, den ich niemals in meinen Armen halten durfte.
Ein grelles Bremsgeräusch riss mich in die Gegenwart zurück. Mein ganzer Körper zitterte, als ich nach Luft schnappte, jeder Muskel bebte wie im Fieber.
Ich fummelte nach meinem Mondstein-Kommunikator.
Keine Antwort. Wieder keine. Immer noch nichts.
Dann, durch den dünner werdenden Nebel, fuhr eine glatte, mit Obsidian verzierte Kutsche vorbei.
Kaels. Ich erkannte sie unter Tausenden.
Im Fond sah ich ihn. Und Lyra.
Ihre Arme lagen um seinen Hals. Seine Lippen auf ihren. Ihr Kopf fiel zurück, ihr Hals lag schutzlos frei. Kaels Mund folgte dieser Einladung.
Dann glitt sie unter die Sitzbank, und Kaels Hände hielten sie nicht auf. Im Gegenteil, sie verschwanden mit ihr.
Ich starrte. Erstarrt. Wieder blutete ich innerlich. Immer wieder.
Ein vorbeireitender Patrouillenreiter bemerkte meine verletzte Stute und half, mich zur Hütte der Heilerin zu geleiten.
„Leichte Gehirnerschütterung“, stellte die Heilerin fest. „Nichts ist gebrochen. Ruh dich hier aus, bis der Schwindel nachlässt.“
Ich lag schweigend da, kalter Lehm unter meinem Rücken, der Stich des Verrats war lauter in meinen Ohren als das eigene, rasende Pochen meines Herzens.
Gegen Abend kehrte Kael in den Bau zurück.
Er stürmte herein wie der besorgte, perfekte Gefährte, sein Gesicht eine Maske tiefster Anteilnahme.
„Warum hast du nicht sofort nach mir geschickt? Ich war mit den Alten völlig überhäuft, ich habe erst später davon erfahren.“
Er hielt einen kleinen Samtbeutel hin, seine Hand zitterte leicht, doch sein Blick war fest auf mich gerichtet, als prüfe er meine Reaktion.
Drinnen: ein Oppenhym-Blaukern-Kristall.
„Dein Lieblingsstein. Der seltenste aus dem Gewölbe. Ich habe ihn für dich beansprucht, sobald er ankam.“
Seine Hand griff nach meiner.
In diesem Moment roch ich es. Parfüm. Nicht meins. Süßlich, aufdringlich, fremd.
Kael wusste, dass ich auf Duftstoffe reagierte - schon immer. Jahre lang hatte er sich sogar den schwächsten Hauch abgewaschen, bevor er mich berührte.
Doch diesmal hatte er sich nicht die Mühe gemacht.
Zu sehr mit sich selbst zufrieden, nahm ich an.
Ich lächelte müde.
„Es ist schon in Ordnung. Du hattest einen anstrengenden Tag.“
In dieser Nacht, als er im Bett nach mir griff, drehte ich mich zur Seite.
„Mein Kopf brummt immer noch.“
Er bestand nicht darauf. Er tat es nie. Er begehrte mich nie genug, um darauf zu bestehen.
Am nächsten Tag verkündete er, es gebe ein gesellschaftliches Treffen.
„Komm mit. Die Mondschatten-Ältesten werden dort sein. Es wird dir guttun.“
Ich hatte nicht erwartet, Lyra dort zu sehen.
Sie erspähte mich sofort und eilte herbei, ihre Augen glitzerten auf unnatürliche Weise, als hätte sie gerade Zwiebeln geschnitten.
„Aria ... du meine Güte, geht es dir gut? Ich habe gehört, du suchst Fruchtbarkeitsheilerinnen auf den ganzen nördlichen Inseln auf ... Hat es denn gewirkt?“
Ihre Stimme sank. Gerade so tief, dass die umstehende Menge jedes Wort aufschnappen konnte.
Eiswasser schoss durch meine Adern.
Eine betretene Stille breitete sich im Saal aus.
Jeder kannte die Geschichte. Wie ich am Tag meiner Verbindung blutend zusammengebrochen war.
Wie Gideon mich noch vor Einbruch der Dunkelheit verließ und Lyra heiratete.
Wie Kael mir in seiner gekränkten Wut eine noch prächtigere Zeremonie ausrichtete, nur um Gideons zu übertrumpfen.
Lyra schniefte erneut, ihre Augen weit aufgerissen in theatralischem Schuldbewusstsein.
„Ich hätte damals einfach wegbleiben sollen ... Wenn ich nicht zurückgekommen wäre, hätte Gideon dich nie verlassen. Es tut mir so furchtbar leid.“
„Ich wollte auch nicht gleich ein Kind ... aber Gideon ... er konnte einfach nicht widerstehen.“
Galle stieg mir bitter in den Rachen.
Ich wandte mich ab, mein gesamter Körper war von einem feinen, wütenden Zittern befallen.
Lyra trat näher.
Ihre Augen funkelten mit einer grausamen, triumphierenden Hoffnung.
Das Geflüster hinter uns schwoll an wie eine drohende Sturmflut.
