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Kapitel 2

Meine Nägel gruben sich in die bereits wunden Stellen meiner Handflächen, als Kael Lyras Namen wie eine beschwörende Litanei stöhnte. In meiner Lunge brannte die Luft wie Feuer.

Und gerade als ich dachte, mein Hass könne nicht tiefer sinken, fiel mir ein, was Finn an jenem Morgen gesagt hatte:

„Heute ist also Lyras Geburtstag, oder? Moment ... fällt da nicht auch euer einjähriges Verbundungsjubiläum mit Aria zusammen?“

Sein Lachen klang selbstgefällig.

Kael zögerte keinen Herzschlag.

„Natürlich verbringe ich es mit Lyra. Das tue ich immer. Sie ist der einzige Lichtblick in meinen Nächten.“

Diese Worte trafen mich wie ein körperlicher Schlag. Sie rissen etwas in mir auf, etwas, das bis dahin nur noch notdürftig zusammengehalten hatte.

Ich hatte gerade sein Geschenk eingepackt. Eine Schachtel, an der ich wochenlang gearbeitet hatte. Meine Hände zitterten so sehr, dass sie mir entglitt. Fotos übersäten den Boden - unser gemeinsames Jahr, einfach so auf dem kalten Stein verstreut, eine stumme Anklage.

Und dann begann die Musik. Jenes Lied.

„Das Mondgelübde“.

Kael spielte es jede Nacht, als sei es eine heilige Hymne.

„Dann werde ich sie wohl nur in meinen Träumen heiraten ...“

Wäre ich nicht diejenige gewesen, die man wegwarf, hätte ich es vielleicht tragisch gefunden. Ein Mann, der sich nach dem sehnt, was er nie haben kann.

Aber ich war der Preis für diese Liebe. Die Statistenrolle. Die lebendige Lüge.

Und trotzdem hatte ich mich bemüht.

Ich hatte jede bittere Kräutermischung geschluckt, jeder Heilerin zugehört, die über Mondtränke und Fruchtbarkeitsriten raunte. Ich hatte meinen Körper und meinen Geist für dieses Band geopfert.

Kael hatte mir früher sanft das Gesicht gestreichelt, seine Augen waren stets voll eines tiefen Mitleids, das er geschickt als Zuneigung tarnte.

„Aria, ich habe dir doch gesagt - ich brauche keinen Erben. Ich will nur dich. Du bist alles für mich.“

„Es bricht mir das Herz, dich so leiden zu sehen.“

Er sagte es, als verursache ihm mein Schmerz selbst Qualen.

Aber er ließ mich leiden. Und ich glaubte ihm.

Jetzt blieb mir nur noch ein einziger, stummer Schrei in der Kehle stecken.

Ich raffte die Fotos zusammen und stopfte sie wie etwas Widerwärtiges in den Mülleimer, bevor ich aus dem Bau floh.

Als die Monde längst hinter den Kiefern versunken waren und die Morgendämmerung ihr blasses Silber über den Himmel goss, kehrte Kael zurück.

Ohne seine Stiefel. Ohne ein Wort. Nur ein flüchtiger, kalter Kuss, der meine Wange kaum berührte, dann Stille, als er sich wie immer auf die steinerne Bank im Hauptraum legte.

Hätte ich nicht gehört, was er zu Finn gesagt hatte, hätte ich vielleicht immer noch gedacht, ich sei die Begünstigte in diesem Spiel.

Doch die Illusion war tot. Sie war an ihrer eigenen Verlogenheit erstickt.

Gideon hatte mich verlassen. Kael hatte mich gerettet.

Jetzt wusste ich - Kael war derjenige, der mich von Anfang an ins Verderben gestürzt hatte.

Ich stand auf.

In der vorderen Kammer schlief Kael nicht. Er starrte auf einen flachen, glitzernden Stein in seiner Hand und lächelte in sich hinein.

Er versteckte ihn hastig, als er mich bemerkte.

Ich erwiderte sein Lächeln. Es fühlte sich an, als würde mein Gesicht aus Eis sein.

„Ist das Treffen gut gelaufen?“

Er nickte, seine Augen musterten mich mit dieser unergründlichen, kalten Neugier, die ich nie hatte deuten können.

„Warum bist du wach? Habe ich dir nicht gesagt, du solltest schlafen, bis die Sonne deine Wimpern küsst?“

„Ich habe Hunger.“

Das ließ ihn aufblühen.

„Wusste ich‘s doch. Ich habe Honig-Roggenbrot aus Osttal für dich mitgebracht. Ich stand zwei volle Stunden in der Schlange dafür.“

Doch erst vor wenigen Stunden hatte ich durch das Glas gesehen, wie Lyra genau dieses Brot aß, mit Kael an ihrer Seite.

Das hier? Es war ihre Rest. Die Brosamen vom Tisch einer anderen.

„Ich habe keinen Appetit mehr.“

Ich drehte mich weg.

Er folgte mir in unser Schlafgemach und blieb wie angewurzelt stehen, als er das winzige Hemdchen auf dem Bett erblickte.

„Denkst du wieder an sie?“, fragte er mit gespielter Sanftmut.

„Ich weiß, ich war in letzter Zeit viel unterwegs, aber nach dieser Angelegenheit mit dem Rat suchen wir eine Gedankenheilerin auf. Sag einfach Bescheid, kleines Mondlicht.“

Ich nickte. Er schien zufrieden.

Als er endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war, saß ich allein in der Studierstube unseres Baus.

Vor drei Tagen war eine Einladung des Artisanenrates eingetroffen - einer Elitegilde der Handwerksmeister mit Verbindungen zu den königlichen Handelsrouten. Die Meisterprüfungen fanden nur einmal im Zyklus statt, und der Sieger erhielt nicht nur Gold, sondern auch das Siegel der Eigenständigkeit.

Ich hatte mit der Antwort gezögert. Kael hatte gesagt, ich solle nicht gehen.

Er sagte, er könne nicht schlafen, wenn ich nicht in der Nähe sei.

Aber jetzt? Ich nahm an.

Drei Tage. Dann wäre ich fort.

Am nächsten Morgen öffnete ich eine Schreibtischschublade, die Kael mir gegenüber stets als unberührt bezeichnet hatte.

Darin lagen Reisedokumente - als Ziel stand Meridian. Wo Lyra studierte.

Und darunter ein Bündel Briefe. Hunderte. Über mehr als ein Jahrzehnt datiert.

Kaels Handschrift. Seine Liebe. Seine Treue. Seine Besessenheit.

Nicht für mich. Alles für sie.

Ich hatte ihn so oft gefragt: „Wann hast du angefangen, mich zu lieben?“

Er hatte es immer mit einem abwehrenden Lachen abgetan. „Wir sind doch schon so lange zusammen - warum diese Frage?“

Jetzt hatte ich meine Antwort.

Er hatte mich nie geliebt. Nicht ein einziges Mal, von Anfang an nicht.

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