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Die unsichtbare Frau

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Zusammenfassung

Einsam sitzt Aria am erlöschenden Feuer und starrt auf den Mondband-Runenstein - einst heiliges Symbol ihrer Verbindung, jetzt nur noch Kaels Werkzeug, um Lügen zu schmieden. Seine Ausrede für den versäumten Jahrestag lässt ihren Magen sich verkrampfen. Doch dann erinnert sie sich an die Gerüchte über die Dämmerwind-Taverne und ihre „durchsichtigen Kammern“. Wände, die von außen durchsichtig sind. Eine perverse Bühne für die dunkelsten Geheimnisse des Adels. Sie zahlt, schleicht sich in den Beobachtungsgang. Und sie findet sie. Lyra, in durchscheinender Seide auf Kaels Schoß. Sie flüstert ihm etwas zu. Er stöhnt. Seine Hände an ihr sind gierig, wild - voll einer Leidenschaft, die er Aria nie gezeigt hat. Aria sieht durch das Glas jedes Detail. Jedes Stöhnen, das grelles Mondfeuer an den Wänden entfacht. Doch ihr Blick trifft plötzlich den eines anderen Zuschauers - einen, der sie erkennt. Und schließlich ihr eigener Blick, der sich in Lyras triumphierenden Augen spiegelt. In dieser Sekunde des schamlosen Bloßgestelltseins zerbricht etwas in Aria. Und etwas anderes, Dunkleres, beginnt zu kriechen. Was folgt, ist kein Schmerz. Es ist ein Plan. Die durchsichtigen Wände haben ihr die Wahrheit gezeigt. Jetzt wird Aria sie nutzen, um diejenigen einzumauern, die sie einst darin gefangen hielten.

VerraträchenscheidenAlphaWerwolfmodernDrei

Kapitel 1

Einsam sitzt Aria am erlöschenden Feuer und starrt auf den Mondband-Runenstein - einst heiliges Symbol ihrer Verbindung, jetzt nur noch Kaels Werkzeug, um Lügen zu schmieden. Seine Ausrede für den versäumten Jahrestag lässt ihren Magen sich verkrampfen.

Doch dann erinnert sie sich an die Gerüchte über die Dämmerwind-Taverne und ihre „durchsichtigen Kammern“. Wände, die von außen durchsichtig sind. Eine perverse Bühne für die dunkelsten Geheimnisse des Adels.

Sie zahlt, schleicht sich in den Beobachtungsgang.

Und sie findet sie. Lyra, in durchscheinender Seide auf Kaels Schoß. Sie flüstert ihm etwas zu. Er stöhnt. Seine Hände an ihr sind gierig, wild - voll einer Leidenschaft, die er Aria nie gezeigt hat.

Aria sieht durch das Glas jedes Detail. Jedes Stöhnen, das grelles Mondfeuer an den Wänden entfacht.

Doch ihr Blick trifft plötzlich den eines anderen Zuschauers - einen, der sie erkennt. Und schließlich ihr eigener Blick, der sich in Lyras triumphierenden Augen spiegelt.

In dieser Sekunde des schamlosen Bloßgestelltseins zerbricht etwas in Aria. Und etwas anderes, Dunkleres, beginnt zu kriechen.

Was folgt, ist kein Schmerz. Es ist ein Plan.

Die durchsichtigen Wände haben ihr die Wahrheit gezeigt. Jetzt wird Aria sie nutzen, um diejenigen einzumauern, die sie einst darin gefangen hielten.

*****

Ich saß allein am verglühenden Feuer. Mein Blick hing an dem kalten Mondband-Runenstein, der nichts mehr war als ein stumpfes Stück Gestein in meiner Hand. Ein heiliges Versprechen, das Kael zu einer billigen Lüge gemacht hatte.

Ein trübes Glimmen durchzog ihn. Dann seine Stimme.

„Schatz?“ Kaels Ton klang angestrengt beiläufig. „Die Alten haben mich für heute Abend befohlen. Unser Tag muss warten.“

Ich starrte auf den Stein, als könne ich aus seiner glatten Oberfläche eine Wahrheit herauspressen.

Sekunden später pulsierte er erneut. Zu hastig. Zu vertraut mit dieser Täuschung.

„Es tut mir aufrichtig leid. Ich werde alles wieder gutmachen, mein Herz. Wirklich.“

Mein Magen verkrampfte sich zu einem eisigen Knoten. Ich wusste, was sein „Wiedergutmachen“ bedeutete. Seine flüchtigen Berührungen. Seine pflichtschuldigen Küsse. Sein Körper, der meinem stets fern blieb, als berühre er etwas Zerbrechliches, das ihm gleich zerspringen würde. Der bloße Gedanke ließ mich erschaudern.

Ich riss die Verbindung ab, mit einer Kehle, die sich wie zugeschnürt anfühlte.

Da fiel mir ein, was Finn mir heute Morgen beiläufig hingelegt hatte.

„Die Dämmerwind-Taverne.“

Diese üble Spelunke. Ein Ort für Wölfe von Stand, die ihre dunkelsten Gelüste ausleben wollten, ohne dass Geheimnisse übrig blieben. So glaubten sie zumindest.

Doch was die meisten nicht wussten: Einige der Zimmer dort waren aus Einweg-Spiegelglas - von außen durchsichtig wie eine Fensterscheibe, von innen undurchdringlich wie blanker Stein.

Die „durchsichtigen Kammern“. Ein perverser, elitärer Nervenkitzel. Gemacht, um zu demütigen. Um zu erniedrigen. Um das Opfer gefügig zu machen.

Ich bestach einen Tavernenwächter mit einer blanken Platinmünze und glitt in den Beobachtungsgang. Hinter einem unscheinbaren Wandteppich fand ich den schmalen Spalt. Und ich fand sie.

Lyra.

Sie war in einen violetten, durchscheinenden Seidenschal gehüllt, der mehr verhieß als verdeckte. Ihre Kurven wirkten fett unter dem gedämpften Licht. Ihre Schenkel lagen breit über Kaels Schoß, als sei dies ihr rechtmäßiger Thron.

Eine Hand spielte lässig mit seinem Kragen, die andere wanderte seine Brust hinab, tiefer, bis dorthin, wo sein Atem stockte.

Seine Ohren liefen glutrot an. Sein Atem ging schneller, unregelmäßig.

Er begehrte sie. Er machte nicht einmal den Versuch, es zu verbergen.

Und dann beugte sie sich vor - langsam, voller Absicht - und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Kael stöhnte auf.

Seine Finger gruben sich in ihre Hüften. Sein Kiefer stand hart wie gemeißelt.

„Du solltest mich wirklich nicht so reizen“, brachte er heiser heraus.

„Dann hindere mich doch daran“, flüsterte sie und rieb sich mit einer langsamen, quälenden Bewegung an ihm.

Er tat es.

Er warf sie gegen die mit Kristall besetzte Chaiselongue. Ihre Beine schlangen sich mit der trügerischen Anmut einer Schlange um ihn. Ihre Körper verschmolzen in einer gierigen, hungrigen Bewegung - mit einer rohen Leidenschaft, die er mir gegenüber stets hinter einer Maske der Vorsicht versteckt hatte.

Von meinem Versteck aus sah ich alles. Jedes verräterische Zucken. Jedes nach Luft schnappen. Jedes abgehackte, schamlos preisgegebene Stöhnen.

Einer von Kaels Brüdern im Rudel - zweifellos einer der Eingeweihten zu diesem ‚feierlichen Anlass‘ - warf einen Blick zum Beobachtungsfenster, sein Mund verzog sich zu einem wissenden, schnöden Grinsen, bevor er sich abwandte.

Sie wussten es. Sie alle wussten es.

Kael vergrub sein Gesicht in Lyras Hals und sog ihren Duft ein wie ein Verdurstender an einer vergifteten Quelle. Seine Stimme bebte gegen ihre schweißfeuchte Haut.

„Tut er das auch? Gideon? Berührt er dich so?“

Lyra lächelte langsam, boshaft, und bog sich ihm entgegen. „Willst du das wirklich hören?“

Kael erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Dann barst seine mühsam gewahrte Kontrolle.

„Es tut mir leid“, knurrte er. „Aber du gehörst jetzt mir. Nur mir.“

Kleider wurden zerrissen. Nicht ausgezogen, mit animalischer Gewalt zerrissen. Seine Krallen fuhren die Nähte ihres Kleides hinunter, als hätte er diese Geste tausendmal im stillen Kämmerlein seines Hasses geübt.

Die Lichter in der durchsichtigen Kammer waren geräuschempfindlich. Jeder Laut, jedes verlegene Stöhnen oder schamlose Aufschreien, ließ das Glas in einem grellen, gespenstischen Mondfeuer aufflammen.

Und das Licht erlosch nicht. Es flackerte und loderte, ein stummer, schamloser Zeuge ihrer Vereinigung.

Ich saß erstarrt im dunklen Gang, mein eigenes Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich meinen Herzschlag zu hören glaubte. Ich sah meinem Gefährten zu, wie er eine andere Frau in Besitz nahm, als sei sie seine Erlösung. Als bete er zu einer lebendigen Göttin.

Er bewegte sich mit einer verzweifelten, unersättlichen Gier, als sei sie die Antwort auf jedes Leeren in seiner Seele.

Und ich? Ich erinnerte mich an seine Berührungen - immer behutsam, immer distanziert, als fürchte er, mich zu beschmutzen.

„Ich will dir nicht wehtun“, hatte er mir immer geflüstert, sich zurückziehend, bevor die Wärme zwischen uns überhaupt Zeit hatte, sich zu entfalten. „Ich liebe dich zu sehr, um grob zu sein.“

Lügner.

Er war nicht behutsam. Er war gleichgültig.

Die ganze Zeit über hatte er gewartet - auf dies. Und nun hatte er es.

Hinter dem gläsernen Vorhang bog sich Lyras Rücken, ein angespannter Bogen der Hingabe, als Kael härter in sie stieß.

„Sag es mir“, keuchte er. „Sag, dass du mich willst.“

„Ich habe dich immer gewollt“, stöhnte sie, ihre Worte zerschmolzen zu einem einzigen, heißen Hauch. „Nur dich.“

Kael stieß ein knurrendes Geräusch aus und küsste sie, als stürze er sich in einen Abgrund, aus dem es keine Rückkehr gab.

Meine Nägel gruben sich so tief in meine Handflächen, dass ich das dumpfe Stechen des eigenen Blutes spürte. Meine Sicht verschwamm.

Irgendwo in der tiefsten Finsternis meiner Brust, dort, wo früher etwas Zartes gekeimt hatte, gab es einen Ton wie von brechendem Eis.

Und durch diesen klaffenden Spalt kroch etwas Dunkles, Kaltes, Fremdes hervor.