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Kapitel 5

|The Fray - You Found Me|

⊏Megan⊐

Ich schickte meiner Mutter eine Nachricht, in der ich ihr erzählte, dass ich für meinen Aufsatz eine Eins bekommen hatte und schickte ihr die Adresse des Restaurants in dem Christina und ich in etwa drei Stunden Cyril treffen würden. Frisch geduscht saß ich auf meinem Bett und beendete gerade einen Aufsatz für die Schule. Als ich ihn endlich fertig geschrieben hatte klappte ich meinen Laptop zu. Es war ein altes und schweres Modell, aber ich war glücklich einen Computer zu besitzen.

Eine Weile las ich ein halbangefangenes Buch, das ich vermutlich nicht zu Ende lesen würde und klappte es nach einiger Zeit zu. Mein Handy klingelte und You Found Me von The Fray erfüllte den ganzen Raum. Einen Moment ließ ich es einfach neben mir liegen und lauschte dem Lied. Dann erinnerte ich mich daran das mich tatsächlich jemand anrief. Schnell griff ich nach dem Handy und sah das es Christina war. "Megan?", fragte die mir bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung, "Warum hast du so lange gebraucht?" Ich rollte mich auf den Bauch und antwortete: "Sorry mein Handy war noch im Bad." "Achso, dann darf ich annehmen das du soweit fertig bist?" Ein kurzes Schweigen, dann seufzte ich. "So gut wie, ich muss nur noch ein Outfit suchen.", murmelte ich beiläufig. Christina machte ein empörtes Geräusch bevor sie tatsächlich den Inhalt meines Kleiderschranks aus dem Gedächtnis aufzuzählen begann. Meine Klamotten waren nicht gerade die normalsten. Ich besaß ein paar Crop Tops, darunter auch eines mit Leoprint. Außerdem ein paar zu kleine Jeans und eine weite schwarze Strickhose. Die gleiche Hose war einen Montag später heruntergesetzt worden und hatte sie ebenfalls in Beige gekauft.

Weiter hatte ich ein Fable für bunte Haarspangen und schöne Ohrringe.

Manchmal lieh mir meine Mutter eine Halskette oder ein Armband, wenn sie der Meinung war es nicht mehr zu brauchen.

"Wie wäre es mit der schwarzen Bluse?", fragte Christina schließlich und ich überlegte kurz. "Einverstanden."

|Take Me To Church - Hozier|

⊏Noah⊐

Als ich noch jünger war fragte ich meinen Vater einmal wieso wir sterben müssen. Er erklärte mir, dass alles vergänglich sei, dass wir Menschen dazu neigen würden, das Leben als selbstverständlich zu sehen. Der Tod war also Gottes Erinnerung an uns, das alles ein Ende fand.

Sieben Jahre später dachte ich oft über den Sinn des Lebens nach und dessen Ende, -die Engstirnigen unter euch halten mich jetzt bestimmt für Suizidgefährdet-, doch ich liebte mein Leben. Mister Wittaker, mein alter Literaturlehrer hatte mich einmal gefragt was meine größte Angst sei. Ich sagte ihm, dass ich nicht vergessen werden wollte, "Ein Leben in dem man nichts erreicht hat, nichts geleistet hat ist sinnlos. Ich möchte kein solches Leben führen, ich möchte das sich die Leute an mich erinnern." Danach hatte er eine lange Zeit geschwiegen. Vermutlich war er überrascht, dass ich ihm überhaupt geantwortet hatte. Ich behielt meine Gedanken lieber für mich.

Meine Gedichte waren da die Ausnahme.

"Hast du schon eine Ahnung was deinem Leben einen Sinn geben soll?" Ich hatte ihm nicht geantwortet. Doch am nächsten Morgen legte ich ihm eines meiner Gedichte auf das Pult. Mister Wittaker war so ziemlich der einzige Lehrer hier an dieser Schule den ich tatsächlich respektierte. Aus diesem Grund schaffte ich meinen Traum jemanden anzuvertrauen. "Ich schreibe." Ich schloss die Augen und schluckte.

"Ich .. es hilft mir mich zu sammeln. Mich zu konzentrieren, auf eine unglaubliche Weise." Er hatte mich einen Moment gemustert, sein Blick nicht zu deuten. Dann hatte er das Blatt in die Hand genommen und begonnen zu lesen.

Nach diesem Tag brachte ich ihm regelmäßig von mir verfasste Gedichte. Bis zu dem Tag an dem mein Vater starb. Das war vor etwa zwei Monaten. Ich ging einen Monat nicht in die Schule- natürlich versuchte mich jeder dazu zu überreden doch ich wollte nicht. Nicht zuletzt hatte ich Angst davor, was Mister Wittaker von mir denken würde wenn ich ihn traf. Wäre es Mitleid oder Enttäuschung, die sich in seinen Augen spiegeln würde?

Jetzt war ich 18 Stunden und 21 Minuten von dem einzigen Menschen entfernt, mit dem ich reden wollte. Ich hatte mich von meinem ehemaligen Literaturlehrer verabschiedet. Er stand am Tag des Umzuges vor meiner Haustür und meine Mutter ließ ihn herein. Joshua T. Wittaker war eine imposante Erscheinung. Dunkelbraunes, kurzes Haar und einen Meter neunundachtzig groß, er stand in krassem Kontrast zu meiner 1,67 Meter großen Mutter. Ich hatte meine eins vierundachtzig von meinem Vater geerbt.

Meine Mutter ließ ihn eintreten und Mister Wittaker sah sich um. Als er mich entdeckte lächelte er. Mein Herz verspottete mich indem es so laut schlug das es jeder im Raum hören musste. Wir gingen in mein Zimmer und mein ehemaliger Lehrer ließ sich auf meinem Schreibtischstuhl nieder. Ich blieb stehen und beobachtete wie er alles in sich aufnahm. Dann richtete sich sein Blick auf mich und er lächelte.

Wir sprachen fast zwei Stunden, wurden nur unterbrochen von meiner Mutter die doch tatsächlich mit einem Teller voll Kekse im Türrahmen erschien, ihn wortlos vor Mister Wittaker auf dem Schreibtisch abstellte und meine Schulter drückte, bevor sie verschwand. Ich blickte ihr nach und meinte dann: "Seit dem-...", ein Räuspern, "-seit dem Tod meines Vaters habe ich keinen Stift mehr in die Hand genommen."

Meine Beichte schwebte im Raum.

"Man muss nichts aufschreiben wenn man genügend Gedanken hat." Er sah mich so durchdringend an das ich den Kopf abwandte. Dann reichte er mir ein Blatt Papier. Darauf stand in geschmeidiger, geschwungener Schrift eine Telefonnummer.

Bis heute hatte ich ihn nur zwei mal kontaktiert. An dem Tag, an dem ich die erste Unterrichtsstunde in kreativem Schreiben hatte und etwa vier Tage später, um ihm mein bisher ehrlichstes Gedicht vorzulesen.

Es hatte mich ein unglaubliches Maß dann Überwindung gekostet, denn Mister Wittaker hatte darauf bestanden, dass ich es ihm vorlas.

Es handelte von kleinen Jungen mit kaputten Seelen in großen Körpern und zu vielen Gedanken.

|Spotlight - Lil Peep, Marshmello|

⊏Noah⊐

Ich saß am Küchentisch und schrieb einen Aufsatz über Emily Jane Brontës Sturmhöhe. In Kalifornien hatten wir das Buch bei Mister Wittaker durchgenommen. Ich mochte es, mir gefiel Heathclifs aufbrausende Natur, sein leidenschaftliches Wesen. Zudem war ich der Meinung das einem ein wichtiger Teil seiner Allgemeinbildung fehlte, sollte man es nicht geschafft haben, diesen Weltklassiker zu lesen. Damals stieß das Buch auf Empörung.

Verständlich? Durchaus. Brontë ging gewiss ein Risiko mit solch einem unkonventionellen Roman ein noch dazu als Frau. Was vermutlich auch der Grund war, weshalb sie es unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichte. Natürlich flog sie auf.

Ein Blick auf die Uhr an der Wand sagte mir das ich noch etwa eine Stunde hatte, bis wir uns im Caprista treffen würden. Das Caprista lockte die unterschiedlichsten Besucher an: Biker, Studenten, junge Pärchen, Einzelgänger. Auch ich hatte dort schon den einen oder anderen Abend verbracht.

-

Als ich aus meinem Auto stieg regnete es. Ich war nicht überrascht, trotzdem sank meine Laune etwas. Wenn es nach mir ginge wäre ich überhaupt nicht hier. Der Regen prasselte unersättlich auf mich nieder als wollte auch er mich zu gehen bewegen. Obwohl es nicht einmal eine Minute dauerte, um über den Parkplatz das Restaurant zu erreichen war ich bei meiner Ankunft ziemlich durchnässt. Vor der Tür blieb ich kurz stehen und strich mir ein paar Wassertropfen aus dem Gesicht. Beim Eintreten schlug mir ein Schwall stickiger Wärme und der Geruch nach fettigem Essen entgegen. Ich strich meinen Mantel glatt und sah mich nach Cyril um.

Das Caprista war ein Familiengeschäft, das von einem Sohn an den anderen weitergegeben wurde. So ging das etwa drei Generationen bis es erstmals an die einzige Tochter vererbt wurde. Die jetzige Besitzerin hieß Annabell und war zwei Jahre älter als ich. Sie und ich verstanden uns gut und es war auch schon zu der einen oder anderen unverbindlichen Nacht gekommen. Sie wusste das nie mehr daraus entstehen würde.

Zu meiner Freude war sie nicht beleidigt. Frauen, die dachten sie könnten mich ändern konnte ich nicht leiden. Am Anfang stellten sie sich verständnisvoll und erzählten mir sie seien sowieso auf nichts Festes aus. Als ich es dann nach einer Zeit beendete reagierten sie alle gleich.

Annabell hingegen war nicht auf diese Art an mir interessiert. Ich sah sie am Tresen stehen und ging auf sie zu während ich mich nochmals nach Cyril umsah. Das Restaurant platzte fast aus allen Nähten. Sie entdeckte mich und breitete die Arme aus während sie auf mich zukam. "Noah!" Sie rief es so laut das es vermutlich auch Cyril mitbekommen haben musste.

Wiederwillig nahm ich die Hände aus den Manteltaschen und trat ebenfalls ein Stück vor. Sie zog mich in eine kurze Umarmung bevor sie mich eine Armesbreite von sich wegstreckte und mich eingehend musterte. Dann lächelte sie und meinte: "Wie geht's dir?" Ich betrachtete sie einen Moment bevor ich kurz angebunden erwiderte: "Gut und dir?"

Sie fing sofort an sich bei mir über ihre Arbeit zu beschweren. Irgendetwas mit einer Angestellten die sie eng umschlungen mit einem Kunden auf der Personaltoilette vorgefunden hatte. Ich sagte nichts, sondern ließ sie einfach reden. Anna mochte es, wenn man ihr zuhörte. Oft redete sie und ich ließ es einfach über mich ergehen. Ich weiß. Ich kann ein ziemliches Arschloch sein. Etwas anderes habe ich auch nie behauptet.

Dann sah ich Cyril auf uns zukommen, Anna rückte kein Stück von mir ab und es kümmerte mich nicht wirklich. "Hey Mann, hier steckst du also", sein vielsagender Blick in Annabells Richtung sagte mehr als tausend Worte. "Lass uns zum Tisch gehen", sagte ich trocken und setzte mich in Bewegung.

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