Kapitel 6
|I'm Not an Angel - Halestorm|
⊏Megan⊐
Ich fühlte mich komplett fehl am Platz während ich Cristina und Cyril dabei zusah wie sie unaufhaltsam mit einander flirteten. Würde ich jetzt unter den Tisch sehen, läge seine Hand mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf ihrem Oberschenkel, ohne Frage. Doch ich riss mich zusammen und studierte scheinbar konzentriert die Speisekarte ohne wirklich etwas zu lesen. Aus den Boxen in der Wand drang I'm Not an Angel von Halestorm und ich tippte gedankenverloren im Takt mit dem Zeigefinger auf den Tisch.
Als Cyril plötzlich aufstand und verschwand sah ich ihm verwirrt hinterher. Vielleicht musste er auf die Toilette. "Ist alles okay?" Cristina sah schulbewusst zu mir herüber. Ich zuckte nur mit den Achseln. "Klar mach dir keinen Kopf", ich lächelte sie an und sah wieder auf die Speisekarte hinunter. Einen Moment später tauchte Cyril auf und setzte sich wieder neben Christina. Als ich aufsah blickte ich in grüne Augen. Noah stand an unserem Tisch und zog seinen schwarzen Mantel aus.
Verwirrt sah ich Christina an. Sie beugte sich zu mir. "Weißt du noch das ich Cyril gebeten habe jemanden mitzubringen?" Ich sah sie einen Augenblick lang geschockt an und wandte mich wieder meiner Speisekarte zu, wenn ich so weitermachte konnte ich das Ding gleich auswendig aus dem Gedächtnis aufsagen. "Noah, Megan, ihr kennt euch von der Party oder?"
Noah nickte lediglich. "Ja", meinte ich so neutral wie möglich. Dann trat eine Frau an unseren Tisch. Sie hatte lange blonde Haare, große braune Rehaugen und einen Nasenring. "Hey..", begrüßte sie uns. "Was darf es denn sein?", mir entging nicht das sie eher mit Noah sprach als uns zu beachten. Cyril sah von einem zum anderen und grinste wie blöd.
"Für mich nur einen Kaffee danke", war sein einziger trockener Kommentar auf ihr flirten. "Ich hätte gerne den Salat und eine Weinschorle", mischte sich jetzt Christina ein und lächelte höflich. Der Blick der Frau wich keine Sekunde von Noah. Er hingegen hatte sein Handy hervorgeholt und tippte darauf herum. Ich bestellte letztendlich ein Wasser und Pommes und Cyril einen Burger und ein Bier.
Die Bedienung verschwand, nicht ohne nochmals einen Blick auf Noah zu werfen. Sobald sie weg war beugte sich Cyril über den Tisch und betrachtete Noah als würde er ein Rätzel lösen. Noah hingegen war immer noch auf sein Handy fixiert. Nach einer weiteren Minute steckte er es weg und sah auf.
Unsere Blicke begegneten sich und er sah mich skeptisch an. "Was ist eigentlich dein Hauptfach", fragte er überraschender Weise. "Psychologie", antwortete ich ihm. "Und deins?" Ich vermutete das es etwas wie Literatur sein musste wenn er etwas für Poesie übrig hatte, was Cyril neulich angedeutet hatte, fragte aber trotzdem. Er sah nicht aus wie der typische Philosophie Student, ganz und gar nicht. Er hätte eher als Modell für Kunststudenten durchgehen können. Markantes Kinn, hohe Wangenknochen, gerade Nase und dichte Wimpern, nicht zu schweigen von seinen Augen.
"Klassische und Moderne Literaturwissenschaft", klärte er mich auf und warf nochmals einen kurzen Blick auf sein Handy. Jetzt lief Wonderwall von Oasis und ich konnte nicht anders, als im Tackt mit dem Kopf zu nicken. Noah, dem das nicht zu entgehen schien, hob eine Augenbraue, die Augen immer noch auf seinem Telefon. Ich verkniff mir ein Kommentar und tat so als hätte ich es nicht bemerkt. Als mein eigenes Handy vibrierte kramte ich es aus der Tasche und wischte über das Display.
Christina hatte mir eine Nachricht geschickt. Noah ist voll heiß oder? Entgeistert starrte ich erst die Nachricht an und dann Christina. Diese zuckte nur mit den Schultern, zwinkerte mir zu und warf ihr Haar über die Schulter.
Kommentarlos legte ich das Handy auf den Tisch. Die Bedienung kehrte mit unseren Getränken zurück und fing gleich wieder an Noah schöne Augen zu machen. Dieser unterhielt sich jedoch gerade mit Cyril und schenkte ihr keine Beachtung.
|Message Man - Twenty One Pilots|
⊏Noah⊐
Vor einem Jahr stellte uns Mister Wittaker eine ziemlich klischeehafte Aufgabe. Wir sollten über einen festgelegten Zeitraum ein Tagebuch führen. Seine Anweisungen waren einfach und schlicht- und doch so schwierig. Wir sollten unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche und Ängste niederschreiben. "Vor allem letzteres ist ungemein wichtig", hatte er erläutert. "Das einzige Versprechen, dass ich Ihnen abnehmen werde ist absolute Ehrlichkeit."
Jemand hatte- wie ein trotziges Kind- in gereiztem Tonfall gefragt was der Sinn hinter alledem sei.
Mister Wittaker hatte ihn lange angesehen und dann geantwortet: "Ihr sollt lernen euch euren Ängsten zu stellen und nicht vor ihnen zu fliehen. Denn so werdet ihr ihnen nie entkommen, ganz gleich wie schnell ihr lauft. Sie holen euch immer irgendwann ein und dann ist es zu spät."
"Ich werde es nicht überprüfen", hatte er gesagt und vermutlich war sich die Mehrzahl der Schüler in diesem Kurs bis heute noch nicht über ihre eigenen Schwächen, ihre eigenen Ängste im Klaren. Ich kannte meine Ängste ganz genau, oft genug ging ich sie im Kopf durch während ich so tat, als würde ich einer Person zuhören.
Gemächlich nippte ich an meinem Kaffee. Manchmal glaubte ich das ich etwa zu siebzig Prozent aus Koffein bestand. Ja natürlich, Kindern wurde nachgesagt sie sollten auf Koffein verzichten gerade am Abend. Doch ich litt seit vier Jahren unter etwas wie einer Schlafstörung. Oft schlief ich ganze Nächte lang nicht und war dann für ein Wochenende nicht mehr zu gebrauchen weil mein Körper den versäumten Schlaf nachholen musste.
Kaffee half mir dabei nicht den Verstand zu verlieren.
Inzwischen hatte Madison bemerkt das mich die neue Bedienung etwas zu offensichtlich anstarrte und verzog den Mund. Sie lehnte am Tresen und warf mir herausfordernde Blicke zu. Ich ignorierte sie. Was konnte ich dafür wenn sie mich angaffte als wäre ich Wasser in der Wüste.
Als ich einen Blick auf Cyril warf grinste er wissend. Ich hatte ihm von Madison erzählt, wenn auch nur teilweise freiwillig. Als ich ihn genervt ansah wurde sein Grinsen breiter. "Willst du vielleicht etwas sagen?", fragte ich geradeheraus. Mir entging nicht das Megan und Christina ihr Gespräch unterbrachen. "Nein, ich amüsiere mich nur, das ist alles", ich schnaubte und hob meine Tasse wieder an die Lippen.
Inzwischen lief Stupid Love von Jason Derulo und innerlich verdrehte ich die Augen. Als Literaturstudent wurde eigentlich fast von mir erwartet das ich an die einzig wahre Liebe glaubte- dem war auch so. Aber inzwischen hatte ich begriffen das unser Leben nicht nur daraus bestand jemanden zu finden mit dem man es verbringen wollte, wirklich zu leben war anstrengend. Aber verdammt, es war die Mühe allemal wert.
Mein Blick heftete sich auf Megan. Ihre braunen Haare fielen über ihren Rücken wie Seide. Diese Beobachtung schob ich auf den Poeten in mir- ganz klar, was auch sonst. Ihre Haltung war angespannt und sie wirkte nicht gerade froh darüber hier zu sein. Vermutlich hatte Christina sie mit hier her geschleift. Mir fiel auf das sie sich immer wieder im Lokal umsah und unruhig auf ihrem Stuhl hin- und her rutschte als wollte sie prüfen ob nicht gerade eine Bedienung mit ihrem Essen auf sie zukam. Oder als würde sie gleich aufstehen und aus dem Lokal stürmen.
|American Money - BØRNS|
⊏Megan⊐
Unser Essen kam als ich gerade von der Toilette zurückkehrte.
Ich roch Speck und fettige Pommes und beschleunigte meine Schritte. Als ich an meinem Platz ankam, setzte ich mich auf meinen Stuhl neben Noah und blickte auf das Essen. Auf Cyrils Teller türmte sich ein Berg von einem Burger, Christinas Wahl hingegen war auf einen großen gemischten Salatteller gefallen, über den sie bereits hergefallen war, ehe ich den Tisch erreicht hatte. Vor Noah stand nur eine weitere Tasse Kaffee.
Nachdenklich runzelte ich die Stirn während ich begann die frittierten Kartoffeln auf meine Gabel zu spießen. Als ich sie mir in den Mund schob fragte Christina gerade: "Willst du nicht auch etwas essen Noah?" Unwillkürlich sahen alle am Tisch auf den nicht vorhandenen Teller vor ihm.
Ein Anflug von Belustigung huschte über Noahs Züge als er nur mit den Schultern zuckte. "Danke ich bin versorgt", wie zum Beweis hob er die Tasse in die Luft und nahm einen Schluck. Christina verzog den Mund und meinte: "Cyril gibt dir bestimmt etwas von seinem Burger ab", Cyril machte ein entsetztes Gesicht, nickte dann aber schnell. "Klar man."
Noah schüttelte bloß den Kopf. "Ne lass mal. Ich habe keinen Hunger", gab er von sich und ich betrachtete ihn. "Wieso nicht?" Christina sah ihn fragend an. "Weil eben."
Noah lehnte sich in seinem Stuhl zurück und holte wieder sein Handy hervor. Als broken von lovelytheband aus den Boxen drang versank ich in Gedanken.
Ich war immer noch auf das Lied konzentriert als mein Handy klingelte. Ein Blick auf das Display verriet mir das es Cameron war. Mit einem genervten Geräusch lehnte ich den Anruf ab. Zum Glück hatte ich mein Handy vorher auf stumm gestellt denn ich war nicht gerade erpicht darauf das the Fray durch das ganze Lokal drang.
Als ich Christinas fragendem Blick begegnete nickte ich lediglich. "Er hat sich die letzten zwei Tage nicht mehr gemeldet. Ich dachte er hätte es endlich aufgegeben", meine Stimme klang nebensächlich, ich hatte keine Gefühle für Cameron gehabt. Ja, wir waren für meine Verhältnisse lange ein Paar- fast drei Monate- aber ich liebte ihn nicht. So war es eben, ich konnte nicht einfach auf einen Knopf drücken und plötzlich empfand ich etwas für ihn. Er verstand das offenbar nicht.
Das Essen verlief genauso wie ich befürchtet hatte. Cyril und Christina flirteten ausnahmslos die ganze Zeit mit einander, Noah ignorierte sie gänzlich und war überwiegend am Handy. Ich saß da und verlor mich in der Musik. Ab und an aß ich etwas von meinen Pommes, inzwischen waren sie kalt, doch das machte mir nichts aus.
