Kapitel 4
|Cry For Love - Harry Hudson|
⊏Megan⊐
Das Geräusch meines Handyweckers ertönte viel zu früh. Einen Moment blieb ich reglos liegen. Mit offenen Augen starrte ich an die Decke meines Zimmers. Heute war Montag. Normalerweise liebte ich Montage- doch ich hatte gerade einmal vier Stunden Schlaf bekommen. Als ich gestern an unserem Haus ankam durchlöcherte mich meine Mutter sofort mit Fragen.
"Wer war alles dabei?" "Wieso bist du alleine gegangen wenn du doch eine Freundin hast die ein Auto besitzt?" "Was ist los?"
Ich hingegen blieb ruhig und erzählte ihr das Christina bei Cyril übernachten wollte und ich deshalb angeboten hatte den Bus zu nehmen. Ich versicherte ihr das meine Freundin vorgeschlagen hatte mich zu fahren und ich abgelehnt hatte, machte ihr weis die Party sei langweilig gewesen und das ich deshalb gegangen war. Auf die Frage ob ich getrunken hatte erntete sie nun doch einen empörten Blick meinerseits. Als ich letztendlich mein Zimmer betrat und meine Tür hinter mir ins Schloss fiel, war meine Ruhe und Gelassenheit wie weggeblasen. Erschöpft sank ich an der Tür nach unten und vergrub das Gesicht in den Händen- versuchte nicht so laut zu schluchzen.
"Ich esse heute mit Christina zu Abend", teilte ich meiner Mutter mit als ich in die Küche trat. Sie saß an dem kleinen viereckigen Tisch den wir als Esstisch benutzten. Ich ging zum Kühlschrank, er war ernüchternd leer. Ein paar Tomaten, eine halbvolle Käsepackung, eine Packung Milch, ein Stück Pizza von vorgestern. Ich nahm die Milch und holte eine Schale. Wenigstens hatten wir eine Packung Cornflakes. Ich setzte mich zu meiner Mutter an den Tisch und begann erst die Milch, dann das Müsli in meine Schale zu füllen.
"Wo geht ihr denn hin?", fragte meine Mutter, sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und umklammerte ihre Tasse mit dem Instantkaffee. "Weiß ich noch nicht, ich frage Christina nachher und schreibe es dir dann." Ich griff nach ihrer Hand. "Wie lange bist du heute in der Arbeit?", fragte ich und betrachtete sie. Ihr Haar hing schlaff an ihr herunter doch ihr Blick war klar. "Spätestens bis um halb zehn", versicherte sie mir und lächelte mich an. Meine andere Hand ballte sich unter dem Tisch zur Faust. Sie arbeitete so hart damit ich einen guten Schulabschluss haben konnte. Ich nickte und aß mein Müsli.
Christinas Mercedes stand bereits auf der andren Straßenseite als ich unser Haus verließ. Ich schluckte und versuchte nicht stehen zu bleiben- oder umzudrehen und auf den Bus zu warten. Den Blick auf die Straße gerichtet stieg ich ein. Eine Weile saßen wir einfach nur schweigend da, dann wandte sich Christina zu mir. "Was war gestern mit dir los?", ich wich ihren Blick aus. "Es gab zuhause einen Notfall", log ich und fühlte mich augenblicklich mies. "Ist alles okay?" Ich presste meine Zähne aufeinander. "Ja alles wieder okay, mach dir keine Sorgen. Was habt ihr gestern noch so gemacht?" Sie sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. "Versuchst du gerade das Thema zu wechseln?"
"Naja wie auch immer, als du gegangen bist war es sowieso so gut wie zu Ende und da ich nicht mehr fahren wollte hat Cyril angeboten das ich bei ihm übernachte." Ich starrte sie an, dann breitete sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus und ich konnte nicht anders als mit den Augenbrauen zu wackeln. "Ach so war das also." Christina errötete tatsächlich. "Oh mein Gott Christina!" Jetzt musste sie doch lächeln, es war dieses unausstehlich verträumte- verliebte Lächeln. Cyril war wirklich ein netter Kerl. "Ich freue mich für euch!"
|HIGHEST IN THE ROOM - Travis Scott|
⊏Noah⊐
"...also können dadurch, wie ihr sicherlich wisst, einzelne Merkmale des Phänotyps verändert werden", erklärte Mrs Kent dem Teil der Klasse die nicht schlief oder am Handy seinen eigenen Beschäftigungen nachging. "Die somatische Mutation hat Auswirkungen auf die Zellen des Organismus, in denen...", ich unterdrückte ein Gähnen und trat gegen Cyrils Schienbein. Dieser war gerade dabei in eine Fantasiewelt abzudriften und sah mich genervt an. Wenn ich nicht schlafen konnte, sollte er es auch nicht tun.
Schnell warf ich ihm einen gespielt unschuldigen Blick zu und wandte mich wieder meinen Notizen zu, an deren Rand mein unvollendetes Muster aus Kreisen und Strichen prangte. Eine Hand unters Kinn gestützt versuchte ich dem Unterricht zu folgen, das Ergebnis war ein Blatt voller überflüssiger Notizen und ein hartnäckiges Pochen meines Kopfes.
Während ich zusah wie alle anderen Personen auf den Ausgang zustürmten schlenderte ich gemächlich in Richtung Tür. "Hey, Noah warte kurz." Cyril holte mich ein und rieb sich kurz über die Augen. "Willst du heute Abend was mit mir und Christina essen gehen?" Langsam hob ich sarkastisch eine Augenbraue. "Das wird lustig vertrau mir, Christina hat gesagt sie bringt eine Freundin mit." Bei mir schrillten Alarmglocken und ich sah ihn noch genervter an. "Ach jetzt schau nicht so Noah!" Zum Glück klingelte es in diesem Moment.
"Also dann", war meine Antwort und ich hob lässig eine Hand zum Abschied. Die zwei silbernen Ringe glänzten im Licht der Lampe über uns. "Noah.. komm schon alter überleg es dir", rief er mir hinterher als ich im Strom verschwand und noch: "Okay" antwortete. Während ich mir einen Weg durch die an mir vorbeieilenden Schüler bahnte vergrub ich meine Hände in den Taschen meiner Jacke. Zumindest hatte ich jetzt kreatives Schreiben. Der Gedanke ließ meine schlechte Laune verschwinden und ich beschleunigte mein Tempo etwas.
Nachdem ich auch die letzte Unterrichtsstunde- Wirtschaftspsychologie, abgesessen hatte ging ich auf direktem Weg über den Campus. Mein Blick wanderte gen Himmel und ich blinzelte. Es war tatsächlich sonnig, zwar peitschte mir der Wind um die Ohren aber immerhin.
Mein Handy begann zu klingeln als ich gerade in mein Auto eingestiegen war. Ich verdrehte die Augen als ich Cyrils Name auf dem Display las. Das Klingeln erfüllte den kleinen Raum doch ich startete erst den Wagen bevor ich den Anruf annahm. "Also, was ist jetzt mit heute Abend?", ich seufzte und lehnte meinen Kopf an den Sitz. "Meinetwegen", kam meine Antwort einen Moment später. Normalerweise hieß nein bei mir auch wirklich nein. Ich war nicht die Art von Person die ihre Meinung allzu schnell änderte.
"Super, ach übrigens Penelope hat mich heute angequatscht. Sie wollte tatsächlich wissen ob ich bei dir ein gutes Wort für sie einlegen könnte. Voll ätzend, legst du sie jetzt endlich flach oder wie lange muss ich das noch mitansehen?" Er benahm sich als wäre sie ein Territorium, ich hatte mir nicht gewünscht von ihr angehimmelt zu werden. Ich hatte doch keine Flagge in sie gerammt. Wenn es nach mir ging würde ich in absehbarer Zeit überhaupt nichts in sie rammen. Der vulgäre Gedanke verhüllte die Wahrheit nur notdürftig. "Solange es mir nicht in den Kram passt will ich sie nicht einmal in meiner Nähe haben. Ich kann ihr Getue nicht abhaben."
Ich holte eine Zigarettenschachtel aus meinem Handschuhfach heraus und steckte mir eine Zigarette in den Mund. Gemächlich zündete ich sie and und inhalierte den Rauch bevor ich ihn aus dem heruntergelassenen Fester blies. Noch ein Gegensatz bei mir. Ich war der gutaussehende Streber der rauchte. Hin und wieder.
"Ja okay alter aber dann sag du ihr das doch und lasst mich außenvor." "Du denkst das habe ich noch nicht getan? Ich habe ihr bei so gut wie jeder sich mir bietenden Gelegenheit gesagt sie solle sich von mir fernhalten", brachte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Ohne ein weiteres Wort legte ich auf.
Gerade als ich den Motor startete sah ich ein Mädchen den Weg vom Campus hinab gehen. Etwas an ihr ließ mich innehalten und ein zweites Mal hinsehen. Ich kannte sie. Sie war Christinas Freundin. Megan. Mein Blick folgte ihr als sie den schmalen Weg verließ und auf den Parkplatz zusteuerte. Sie trug eine knielange schwarze Jeans die ihr zwei Nummern zu klein war und eine dunkelblaue Bluse. Waren das tatsächlich Rüschen? Ich kniff die Augen zusammen. Megan betrat den Parkplatz und sah sich suchend um. Hatte sie vergessen wo ihr Auto stand?
Ich wusste nicht weshalb ich mich überhaut dafür interessierte. Sie stellte sich direkt neben mein Auto und tippte ungeduldig mit der Fußspitze auf den Asphalt. Sah sich ein zweites Mal um. Sie wartete anscheinend auf jemanden. Gerade als ich das dachte streifte ihr Blick mein Auto. Ich war mir nicht sicher ob sie mich gesehen hatte jedoch starrte sie direkt in meine Augen. Langsam hob ich meine Hand- natürlich nicht um ihr zu winken, sondern um noch einen Zug von meiner inzwischen fast heruntergebrannten Zigarette zu nehmen.
Megan kniff die Augen zusammen und betrachtete mein Auto- ein schwarzer Mercedes- bevor sie den Blick abwandte. Mit laufendem Motor beobachtete ich sie und fragte mich warum ich nicht einfach ausparkte und losfuhr. Da tauchte Christina auf der anderen Seite des Parkplatzes auf. Die beiden winkten sich zu und Christina überquerte den Weg und umarmte Megan.
Sie wechselten ein paar Worte und Megan lachte. Ich konnte nicht anders als sie anzustarren, sie strahlte geradezu. Dann fiel ihr Blick auf mich. Ich riss mich von ihr los und fuhr aus der Parklücke ohne nochmals einen Blick zu riskieren. Der inzwischen fast abgebrannte Stummel der Zigarette steckte zwischen meinen Lippen als ich auf die Straße abbog. Ich warf ihn aus dem immer noch offenen Fenster.
