Kapitel 4
In der Woche darauf begann die Auswahlrunde offiziell.
Das hieß in der Praxis: zu wenig Schlaf, zu viel Kaffee, permanent vibrierende Gruppen-Chats und das Gefühl, dass jeder am IPESG plötzlich so tat, als wäre er für Größeres bestimmt.
Ich eingeschlossen.
„Du siehst aus, als hättest du mit deinen Buntstiften Krieg geführt“, sagte Anika, als sie sich mit ihrem Tablett mir gegenüber in die Mensa setzte.
Ich hob kaum den Blick. „Das sind keine Buntstifte.“
„Stimmt. Buntstifte wären entspannter.“
Neben meinem Tablett lagen drei Ausdrucke, zwei Skizzenrollen und mein Handy, auf dessen Display seit einer halben Stunde dieselbe E-Mail geöffnet war: die endgültige Aufgabenstellung für Runde zwei.
Atelier Kessler. Arbeitsgruppe B. Acht Teilnehmer.
Acht.
Von ursprünglich fast vierzig.
Ich hatte die Liste bestimmt schon zwanzigmal gelesen, nur um sicherzugehen, dass mein Name nicht plötzlich verschwunden war.
„Du bist weitergekommen“, sagte Anika und stahl mir eine Pommes. „Du darfst jetzt offiziell arrogant werden.“
„Noch nicht. Vielleicht werfen sie mich in der nächsten Runde direkt wieder raus.“
„Oder vielleicht bist du endlich mal gut und gewöhnst dich besser schon daran.“
Ich wollte etwas erwidern, als sich ein Schatten über unseren Tisch legte.
„Ist hier noch frei?“
Sébastien.
Er trug wie immer diesen Ausdruck von geschniegelt und entspannt, der auf mich wirkte, als hätte irgendjemand Charme in ein Hemd gepackt. Hübsch, problemlos, ungefährlich.
„Kommt drauf an“, sagte Anika. „Bist du anstrengend?“
„Nur manchmal.“
„Dann setzt dich.“
Er setzte sich neben Anika, sah die Unterlagen vor mir und hob eine Braue. „Atelier Kessler.“
„Leider ja“, murmelte ich.
„Leider?“ Er lachte leise. „Fast der ganze Jahrgang würde für einen Platz dort lügen, betrügen und kleinere Verbrechen begehen.“
„Dann bin ich vielleicht nur bescheidener als der Rest.“
„Nein“, sagte er, und seine Augen blieben einen Tick zu lang auf mir liegen. „Du bist nur nervös.“
Bevor ich darauf reagieren konnte, vibrierte mein Handy.
Unbekannte Nummer, dachte ich im ersten Moment. Dann fiel mir die schwarze Karte in meinem Portemonnaie ein.
Adrien.
Ich nahm sofort ab, obwohl ich mir geschworen hatte, genau das nie so auffällig zu tun.
„Ja?“
Am anderen Ende herrschte einen Moment Stille, als hätte er erst registrieren müssen, dass ich tatsächlich rangegangen war.
„Kommen Sie heute zehn Minuten früher.“
Kein Hallo. Natürlich nicht.
„Guten Tag wäre ein guter Einstieg gewesen.“
„Zehn Minuten früher, Elise.“
„Warum?“
„Weil ich es sage.“
Ich schloss für einen Moment die Augen. Sébastien und Anika beobachteten mich mit der Aufmerksamkeit von Menschen, die Blut im Wasser rochen.
„Sie sind unmöglich.“
„Und Sie sind pünktlich. Wir ergänzen uns also hervorragend.“
Dann legte er auf.
Ich starrte mein Handy an.
„Also“, sagte Anika mit viel zu unschuldiger Stimme, „wer war das?“
„Niemand.“
„Niemand befiehlt dir, zehn Minuten früher irgendwo zu erscheinen“, sagte Sébastien trocken.
„Stimmt“, sagte ich und schob das Handy in meine Tasche. „Ein besonders kontrollierender Niemand vielleicht.“
Anika grinste so breit, dass ich am liebsten mein Tablett nach ihr geworfen hätte.
Am Abend stand ich um 17:50 Uhr im Atelier.
Natürlich.
Die Frau am Empfang warf mir beim Vorbeigehen einen Blick zu, der irgendwo zwischen Mitleid und Belustigung lag.
„Er wartet im Modellraum.“
„Natürlich tut er das.“
„Sie werden sich dran gewöhnen müssen.“
„Das halte ich für eine Drohung.“
„Nein“, sagte sie gelassen. „Für eine Prognose.“
Der Modellraum lag diesmal am Ende eines anderen Flurs. Als ich die Tür öffnete, traf mich zuerst der Geruch: Karton, Holzstaub, Kleber, frisches Papier. Dann das Licht. Hell, präzise, fast klinisch. Auf langen Tischen standen Arbeitsmodelle in verschiedenen Maßstäben, Materialproben, Cutter, Metalllineale, Werkzeuge.
Und mittendrin Adrien.
Er stand mit leicht hochgekrempelten Ärmeln über einem Modell, ein Skalpell in der Hand, vollkommen konzentriert. Er bemerkte mich erst, als ich die Tür hinter mir schloss.
Dann hob er den Blick.
Nur den Blick.
Es reichte.
„Sie sind da.“
„So ist das mit Befehlen.“
„Bitten funktionieren bei Ihnen nicht.“
„Haben Sie es denn je versucht?“
Ein flüchtiges Lächeln glitt über sein Gesicht. „Nein.“
Er legte das Skalpell beiseite und kam langsam um den Tisch herum. Heute wirkte er nicht strenger als sonst. Eher… schärfer. Als wäre seine Aufmerksamkeit voll auf mich gerichtet und alles andere nur Kulisse.
„Kommen Sie.“
Ich trat näher an den Tisch.
Vor uns stand ein Modell des Bestandsgebäudes aus der Aufgabe. Nicht perfekt, eher roh, aber beeindruckend. Einige Wände waren herausnehmbar, verschiedene Lichtstudien lagen daneben, daneben wiederum eine Reihe kleiner Volumenkörper aus hellem Schaumstoff.
„Wer hat das gebaut?“, fragte ich.
„Mein Team.“
„Das beruhigt mich. Ich dachte kurz, Sie erwarten, dass Erstsemester sowas nebenbei aus dem Ärmel schütteln.“
„Von Erstsemestern erwarte ich vor allem Ehrgeiz.“
Er nahm einen der Volumenkörper und setzte ihn an eine Stelle im Modell, die ich aus meiner Skizze kannte.
„Ihre Idee von letzter Woche“, sagte er.
Ich trat automatisch näher heran. „Das ist nicht exakt meine Idee.“
„Nein. Aber sie beginnt dort.“
Er erklärte mir in wenigen Sätzen, wie man aus einem starken konzeptionellen Kern etwas bauen konnte, das tatsächlich tragfähig war. Es war das erste Mal, dass ich ihn so reden hörte: nicht nur wertend, nicht nur fordernd, sondern präzise erklärend. Jede Bemerkung traf. Jede. Und jede machte mein Denken besser.
„Sie hören gut zu“, sagte er irgendwann.
„Ich mag es nur nicht, wenn jemand recht hat.“
„Dann wird diese Zusammenarbeit anstrengend für Sie.“
„Nur für mich?“
Er sah kurz zu mir. „Nein.“
Das Wort hing eigenartig weich zwischen uns.
Ich hätte den Moment wahrscheinlich ignoriert, wenn nicht genau dann die Tür aufgegangen wäre.
„Adrien, hast du—“
Eine Frau blieb abrupt stehen.
Sie war wunderschön. Auf eine kühle, kontrollierte Art. Dunkelblauer Hosenanzug, rote Lippen, dunkles Haar, Blick wie poliertes Glas.
Ihre Augen wanderten von ihm zu mir, zum Modell, wieder zurück zu ihm.
„Ah“, sagte sie schließlich. „Du bist also beschäftigt.“
Nicht eifersüchtig. Nicht verletzlich. Eher… messend.
Adrien veränderte nicht einmal die Haltung. „Claire. Das ist Elise Van Aarden. Kandidatin für Runde zwei.“
„Natürlich“, sagte Claire und lächelte mich an. Das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Freut mich.“
„Ebenso.“
Sie trat näher an den Tisch, musterte kurz die Unterlagen und schob dann ganz selbstverständlich eine Mappe zu Adrien.
„Die Zahlen vom Projekt in Lausanne. Ich brauche deine Freigabe.“
Er nickte nur und blätterte die ersten Seiten durch.
Ich wusste sofort, was ich zu tun hatte. Rückzug. Diskret. Unsichtbar. Aber bevor ich einen Schritt machen konnte, sagte Claire, ohne mich anzusehen:
„Bleib ruhig. Wenn Adrien jemanden in den Modellraum lässt, ist das ohnehin schon fast eine Auszeichnung.“
Ich wusste nicht, ob das nett gemeint war.
Vermutlich nicht.
Adrien unterschrieb zwei Seiten, gab ihr die Mappe zurück und sah sie an. „War’s das?“
„Für den Moment.“ Ihr Blick glitt noch einmal über mich. „Viel Erfolg, Elise.“
Dann ging sie.
Die Tür fiel ins Schloss.
Ich sah Adrien an. „War das Ihre Freundin?“
Er hob den Kopf. „Nein.“
„Ihre Ex-Freundin?“
„Auch nein.“
„Das klang nicht besonders überzeugt.“
„Claire ist Geschäftspartnerin.“
„Und sonst nichts?“
Sein Blick wurde ruhiger. Gefährlich ruhig.
„Sind Sie eifersüchtig?“
„Ganz bestimmt nicht.“
„Schade.“
Ich verschränkte die Arme. „Sie genießen das viel zu sehr.“
„Sie stellen die falschen Fragen.“
„Dann beantworten Sie eben gar keine.“
„Das ist korrekt.“
Ich starrte ihn an.
Er starrte zurück.
Und zu meinem eigenen Ärger spürte ich, wie dieses unausstehliche Knistern wieder durch meinen ganzen Körper lief.
„Arbeiten wir weiter?“, fragte er ruhig.
„Unbedingt“, sagte ich, obwohl mein Puls längst anderes behauptete.
Als ich später das Atelier verließ, hatte ich neue Gedanken im Kopf, Kleber an den Fingern und das sehr unangenehme Gefühl, mich auf etwas einzulassen, das mir gefährlich werden konnte.
Noch unangenehmer war nur die Erkenntnis, dass ich längst nicht mehr sicher war, ob ich das überhaupt verhindern wollte.
