Kapitel 5
Die nächsten Tage wurden schlimmer.
Oder besser.
Je nachdem, wen man fragte.
Ich schlief wenig, zeichnete viel und begann, meine Umgebung in Grundrissen, Fluchten und Materialkontrasten zu sehen. Selbst in der U-Bahn starrte ich Wände an und überlegte, wie man mit Licht arbeiten könnte, um die Enge weniger unerquicklich wirken zu lassen.
„Du bist offiziell nicht mehr normal“, stellte Anika fest, als sie an einem Donnerstagabend mit einer Tüte Gebäck vor meiner Wohnungstür stand.
„War ich das jemals?“
„Früher warst du wenigstens auf eine lustige Art kaputt.“
Sie trat ein, zog ihre Schuhe aus und blieb mitten im Wohnzimmer stehen. „Du hast schon wieder überall Pläne.“
„Ich arbeite.“
„Nein, du verwandelst dein Zuhause langsam in einen Außenposten des Wahnsinns.“
Ich grinste nur und schob ein paar Ausdrucke zur Seite, damit sie sich setzen konnte.
Noémie war an dem Abend per Video zugeschaltet, geschniegelt, geschminkt und offensichtlich irgendwo, wo Menschen freiwillig laute Musik ertrugen.
„Also“, sagte sie ohne jede Vorwarnung, „wie heiß ist er auf einer Skala von eins bis Strafrecht?“
„Noémie!“, rief Anika gleichzeitig mit mir.
„Was denn? Ich stelle nur die relevanten Fragen.“
„Er ist nicht—“ Ich brach ab, weil selbst ich nicht wusste, wie ich den Satz sauber beenden sollte.
Nicht mein Typ? Falsch.
Nicht gefährlich? Noch falscher.
Nicht genau die Art Mann, bei der man sich besser fernhielt und trotzdem näher treten wollte? Komplett gelogen.
„Aha“, sagte Noémie mit der Befriedigung einer Frau, die gerade einen Mord gestanden bekommen hatte. „Danke. Mehr musste ich nicht wissen.“
„Du bist unerträglich.“
„Und du bist verloren.“
„Das sagen in letzter Zeit erstaunlich viele Leute.“
Anika zog sich eines der Blätter heran und überflog meine Skizzen. „Das hier ist neu.“
„Ja. Er meinte, mein erster Ansatz sei zu nett.“
„Zu nett? Das ist doch ein Gebäude, kein Haustier.“
„Er meinte, ich hätte Angst vor klaren Entscheidungen.“
Noémie lehnte sich näher an die Kamera. „Oh, das ist definitiv Flirtsprache für Architekten.“
„Oder fachliche Kritik“, murmelte ich.
„Nein“, sagte Anika sofort. „Fachliche Kritik wäre: Das funktioniert statisch nicht. ‚Du hast Angst vor klaren Entscheidungen‘ ist reine Psychologie.“
Ich hasste es, wenn sie recht hatte.
Am Freitagabend saß ich wieder im Atelier, diesmal mit drei anderen Kandidaten im großen Besprechungsraum. Darunter Linda, die mich schon an der Tür so musterte, als hätte ich ihr persönlich die Zukunft gestohlen.
„Du also auch“, sagte sie und setzte sich schräg gegenüber von mir.
„Es sieht ganz so aus.“
„Überrascht mich.“
„Mich auch. Und doch müssen wir beide jetzt damit leben.“
Sie lächelte dünn. „Einige von uns mussten wenigstens nicht extra eingeladen werden.“
Ich sah sie ruhig an. „Einige von uns sollten sich vielleicht mehr mit Entwerfen beschäftigen als mit Spekulationen.“
Bevor sie antworten konnte, ging die Tür auf.
Adrien trat ein, gefolgt von Claire, die ein Tablet und mehrere Mappen trug.
Der Raum veränderte sich sofort. Nicht sichtbar. Nicht greifbar. Aber jeder richtete sich automatisch ein wenig gerader auf.
„Guten Abend“, sagte Claire. „Heute arbeiten wir in Zweierteams. Beobachtet werden Konzept, Kommunikation, Belastbarkeit und Präzision.“
„Vor allem Belastbarkeit“, ergänzte Adrien und ließ den Blick durch den Raum gleiten.
Als er bei mir ankam, hielt er keinen Deut länger inne als bei den anderen.
Trotzdem spürte ich die Stelle.
„Die Teams stehen bereits fest“, sagte Claire und begann Namen vorzulesen.
Natürlich bekam Linda jemanden, den sie mochte.
Natürlich bekam ich den stillsten Menschen im Raum.
Matéo.
Er war blass, klug aussehend und sprach mit einer Stimme, die klang, als entschuldige sie sich dafür, dass sie existierte.
„Hi“, sagte er, als wir uns an unseren Tisch setzten.
„Hi.“
„Ich glaube, ich bin besser in Grundrissen als im Reden.“
„Perfekt. Ich bin besser im Reden als in emotionaler Stabilität.“
Zu meiner Überraschung lachte er.
Die Aufgabe war brutal einfach formuliert und genau deshalb so unerquicklich komplex: innerhalb von neunzig Minuten ein räumliches Konzept für eine verdichtete Mischstruktur entwickeln, inklusive kurzer Begründung und Präsentation.
Matéo und ich fanden erstaunlich schnell einen Rhythmus. Er dachte sauber, ich dachte schnell, und irgendwo in der Mitte entstand etwas Brauchbares.
Bis Linda beschloss, dass sie ihr eigenes Team vernachlässigen und sich in unsere Arbeit einmischen musste.
„Das ist zu ambitioniert“, sagte sie, als sie sich ungefragt über unsere Skizzen beugte. „So etwas scheitert in der Realität an den Übergängen.“
„Danke“, sagte ich trocken. „Wir rufen dich, wenn wir jemanden brauchen, der Probleme benennt, ohne Lösungen zu haben.“
Sie richtete sich auf. „Du bist immer so defensiv.“
„Und du immer so hilfreich.“
„Elise.“
Nur mein Name.
Trotzdem schnitt Adrien damit quer durch den ganzen Raum.
Ich hob den Kopf.
Er stand am anderen Ende des Tisches, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt, und sah nicht Linda an.
Sondern mich.
„Wenn Sie Energie übrig haben, investieren Sie sie in Ihren Entwurf.“
„Sie stand in unserem—“
„Ihr Entwurf.“
Ich biss die Zähne zusammen.
„Ja.“
Sein Blick blieb noch einen Moment auf mir, dann ging er weiter.
Matéo sagte erst etwas, als Adrien außer Hörweite war. „Ich glaube, er mag dich.“
Ich starrte ihn an. „Das war kein Zeichen von Zuneigung.“
„Nicht?“ Er sah kurz in die Richtung, in die Adrien gegangen war. „Dann will ich lieber nie erleben, wie er jemandem gegenüber gleichgültig ist.“
Die restliche Sitzung verlief ohne Katastrophen. Unser Konzept war nicht perfekt, aber stark genug, dass Claire nach der Präsentation anerkennend nickte.
Adrien sagte fast nichts.
Genau das machte mich nervös.
Als die anderen ihre Sachen zusammenpackten, war ich schon halb auf dem Weg zur Tür, als seine Stimme mich wieder einfing.
„Elise. Einen Moment.“
Natürlich.
Claire nahm ihr Tablet und verschwand mit professioneller Gleichgültigkeit aus dem Raum. Linda warf mir auf dem Weg nach draußen einen Blick zu, als hätte sie längst beschlossen, dass ich auf irgendeine Weise unfair gewann.
Dann waren wir allein.
„Sie reagieren zu schnell, wenn man Sie provoziert“, sagte Adrien.
„Sie meinen Linda.“
„Ich meine Sie.“
„Sie provoziert mich absichtlich.“
„Und Sie machen es ihr zu leicht.“
Ich schob meinen Stuhl zurück. „Vielleicht bin ich nicht hier, um mich auch noch psychologisch sezieren zu lassen.“
„Nein“, sagte er ruhig. „Sie sind hier, um besser zu werden. Das ist unangenehmer.“
Ich wollte kontern, aber er kam mir zuvor.
„Ihr Entwurf war gut.“
Die Worte trafen mich so unerwartet, dass ich für einen Moment wirklich nichts sagte.
Er trat näher an den Tisch, stützte die Hand darauf und sah auf die liegengebliebenen Skizzen.
„Sie haben verstanden, wo die Spannung im Raum entstehen muss. Und Sie hören schneller auf Ihr Gespür, wenn Sie nicht gerade damit beschäftigt sind, sich zu verteidigen.“
„Das klingt fast wie ein Lob.“
„Hören Sie auf, alles mit Ironie abzufangen.“
„Vielleicht mag ich Schutzmechanismen.“
Sein Blick hob sich langsam zu meinem.
„Das glaube ich sofort.“
Mir wurde plötzlich sehr bewusst, wie still der Raum war.
Zu still.
„Warum ich?“, fragte ich leiser, als ich wollte.
Seine Miene veränderte sich kaum. Nur seine Augen wurden auf eine Weise undurchsichtiger, die mich sofort aufmerksam machte.
„Was?“
„Warum nehmen Sie sich ausgerechnet mich so vor?“
Lange sagte er nichts.
Dann richtete er sich auf.
„Weil ich ungenutztes Potenzial nicht ausstehen kann.“
Eine Antwort. Und irgendwie auch keine.
Er ging zur Tür, öffnete sie und sah mich noch einmal an. „Montag. Neunzehn Uhr. Seien Sie nicht müde.“
„Ist das eine Bitte?“
„Eine Warnung.“
Diesmal war es sein Mundwinkel, der sich kaum merklich hob.
Ich ging nach Hause mit zitternden Fingern, einem zu schnellen Puls und der absurden Lust, mich auf Montag zu freuen.
