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Kapitel 3

Den ganzen nächsten Tag redete ich mir ein, dass ich nicht hingehen würde.

Zwischen Vorlesungen, halbfertigen Skizzen, einem viel zu bitteren Automatenkaffee und Anikas unerträglich neugierigen Blicken wiederholte ich mir immer wieder dasselbe: Ich schuldete Adrien Kessler gar nichts. Kein Erscheinen, keine Erklärung, keinen Beweis dafür, dass ich „mehr konnte“.

Und trotzdem stand ich um zehn vor sechs vor dem Gebäude des Atelier Kessler.

Natürlich tat ich das.

Das Haus lag in einer ruhigen Straße unweit des Zentrums, in einem dieser Viertel, in denen selbst die Fensterrahmen nach Geld aussahen. Keine protzige Fassade, kein übertriebenes Schild, kein Versuch, Eindruck zu schinden. Genau das machte es noch einschüchternder. Wer so wenig beweisen musste, hatte längst gewonnen.

Ich blieb einen Moment vor der Glasfront stehen und sah mein Spiegelbild an.

Schwarze Hose. Dunkler Rollkragenpullover. Haare zusammengebunden. Dezentes Make-up, obwohl ich mir eingeredet hatte, es nur getan zu haben, um müde auszusehen und nicht völlig zerstört. Ganz bestimmt nicht, weil Adrien Kessler mich sehen würde.

„Lächerlich“, murmelte ich und drückte die Tür auf.

Drinnen war es warm, still und gefährlich elegant.

Sichtbeton, dunkles Holz, matte Metallflächen, große Modelle auf Podesten, Pläne an den Wänden, Licht, das jedes Detail absichtlich aussehen ließ. Nichts wirkte zufällig. Nicht einmal die Luft. Es roch nach Papier, Kaffee und diesem sauberen, teuren Duft von Räumen, in denen Entscheidungen getroffen wurden.

Hinter einem Empfangstresen saß eine Frau mit strengem Dutt und einer Brille, die so teuer aussah, dass ich mich automatisch schlechter angezogen fühlte.

„Ja?“

„Ich habe… einen Termin. Für die Auswahlrunde. Mit Adrien Kessler.“

Sie musterte mich kurz, dann tippte sie etwas in ihren Computer.

„Name?“

„Elise Van Aarden.“

Ihr Blick wanderte noch einmal zum Bildschirm. Dann nickte sie. „Dritter Stock. Letzte Tür links. Er wartet nicht gern.“

„Das hab ich bereits gemerkt.“

Zum ersten Mal hob sich ein winziger Anflug von Belustigung in ihrem Gesicht. „Dann lernen Sie schnell.“

Der Aufzug war mir zu langsam, also nahm ich die Treppe. Nicht aus sportlichem Ehrgeiz, sondern weil ich Bewegung brauchte, bevor ich da oben in einen Raum ging, in dem dieser Mann schon wieder aussehen würde, als hätte er jede Sekunde meines Tages im Voraus kalkuliert.

Im dritten Stock war es stiller als unten. Der Flur war breiter, die Türen dunkler, die Atmosphäre konzentrierter. Ich ging bis zur letzten Tür links und klopfte.

„Herein.“

Natürlich nicht einmal ein „Ja“ oder „Bitte“. Einfach nur ein einziges Wort, als gehöre der Raum, die Zeit und vermutlich auch die Luft darin ihm.

Ich drückte die Tür auf und trat ein.

Adrien stand am Fenster, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen ein paar Ausdrucke. Heute trug er kein Sakko, nur ein dunkles Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Das machte ihn nicht weniger kontrolliert. Nur gefährlicher. Nahbarer auf eine Weise, die einem nicht guttat.

Er drehte sich zu mir um, ließ den Blick einmal ruhig über mich gleiten und sah mir dann direkt in die Augen.

„Pünktlich.“

„Ich wollte Ihnen keinen Anlass geben, sich bestätigt zu fühlen.“

„Schade“, sagte er trocken. „Dabei steht Ihnen Vernunft erstaunlich gut.“

Ich schloss die Tür hinter mir. „Sie sind also privat auch so?“

„Effizient? Ja.“

„Ich meinte anstrengend.“

Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über seinen Mund.

„Setzen Sie sich.“

Diesmal klang es weniger nach Befehl und mehr nach Routine. Was es irgendwie nur schlimmer machte.

Ich setzte mich an den großen Tisch in der Mitte des Raums. Darauf lagen Pläne, Materialproben, zwei Architekturmagazine, ein Tablet und ein Modell aus hellem Karton, dessen Präzision fast schon beleidigend war.

Adrien legte die Ausdrucke vor mir ab. Es waren Fotografien eines Grundstücks, Grundrisse eines Bestandsgebäudes und eine kurze Projektbeschreibung.

„Was ist das?“

„Ihre Aufgabe.“

Ich sah auf. „Jetzt sofort?“

„Sie hatten doch hoffentlich nicht erwartet, dass ich Small Talk mache und Ihnen dann aus Nettigkeit einen Platz im Projekt schenke.“

„Gott bewahre.“

„Eben.“

Er zog einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches zurück und setzte sich mir gegenüber. Nicht zu nah. Nicht zu weit. Gerade so, dass ich mir seiner Präsenz in jeder Sekunde bewusst war.

„Lesen Sie.“

Also las ich.

Ein innerstädtisches Bestandsgebäude in Genf. Teilweise denkmalgeschützt. Umnutzung. Mischnutzung mit Arbeits- und Wohnbereichen. Schwierige Lichtverhältnisse. Begrenzte Eingriffsmöglichkeiten in die tragende Struktur.

Mit jedem Satz wurde ich wacher.

Das war kein fiktischer Uni-Fall. Kein pädagogisch weichgespültes Übungsprojekt. Das hier war kompliziert. Echt. Und genau die Art Aufgabe, bei der ich entweder komplett untergehen oder endlich zeigen konnte, dass ich mehr war als mittelmäßig.

„Und?“, fragte Adrien.

Ich legte die Blätter langsam auf den Tisch. „Das ist interessant.“

„Interessant ist ein schwaches Wort.“

„Fein. Dann eben reizvoll.“

„Besser.“

Ich lehnte mich zurück und sah noch einmal auf die Fotos. „Das Licht ist das eigentliche Problem. Nicht die Fläche.“

„Erklären Sie.“

Ich wusste nicht, ob ich seine Stimme mehr mochte, wenn sie kalt war oder wenn sie sich minimal senkte, so wie jetzt. Konzentriert. Wach. Fast neugierig.

„Wenn man versucht, das Gebäude über klassische Offenheit zu retten, verliert man den Charakter. Man muss mit den dunklen Zonen arbeiten, nicht gegen sie. Übergänge schaffen. Verdichtung. Kontrast.“

„Weiter.“

Ich griff nach einem Bleistift, der auf dem Tisch lag, und zog das Blatt mit dem Grundriss zu mir heran.

„Hier“, sagte ich und markierte die zentrale Achse. „Wenn man den Eingangsbereich nicht als Verteiler, sondern als Druckpunkt liest, kann man Bewegung erzwingen. Nicht mit Gewalt, sondern mit Blickführung.“

Er sagte nichts.

Ich redete weiter. Zu schnell wahrscheinlich. Zu engagiert ganz sicher.

„Und dort hinten, an der Nordseite… wenn man die privaten Bereiche nicht versteckt, sondern staffelt, wirkt die Enge gewollt. Fast intim. Aber dafür müsste man im Zentrum Luft schaffen. Sonst erstickt alles.“

Als ich endlich aufsah, lag sein Blick schon auf mir.

Nicht auf der Zeichnung. Auf mir.

Zu lange.

Einen Moment sagte keiner von uns etwas.

Dann lehnte er sich langsam zurück. „Sie denken schneller, als Sie zeichnen.“

Ich blinzelte. „Ist das Kritik?“

„Feststellung.“

„Und eine schlechte?“

„Nicht unbedingt.“ Seine Finger tippten einmal leicht gegen den Tisch. „Aber Sie zweifeln an sich, sobald Sie etwas wirklich gut können. Dann verstecken Sie sich hinter Ironie oder Trotz.“

„Sie tun schon wieder so, als hätten Sie mich durchschaut.“

„Habe ich das nicht?“

Ich hasste diese Frage.

Nicht, weil sie arrogant war.

Sondern weil ich nicht sicher war, ob ich sie ehrlich verneinen konnte.

Ich legte den Stift hin. „Sie analysieren Menschen gern, oder?“

„Nur die, die mich interessieren.“

Da war sie wieder. Diese Art Satz, die auf dem Papier harmlos wirken würde und aus seinem Mund trotzdem zu direkt klang.

Ich senkte den Blick auf die Pläne, obwohl ich spürte, wie mein Puls nach oben ging. „Das klingt fast wie ein Flirt.“

„Dann hören Sie zu wenig auf Tonlagen.“

Ich hob den Kopf wieder. „Und was höre ich Ihrer Meinung nach gerade?“

Er stand auf.

Langsam. Ruhig. Ohne Hast.

Er umrundete den Tisch und blieb neben mir stehen. Nicht so nah, dass es unangebracht gewesen wäre. Aber nah genug, dass ich seinen Duft wahrnahm – etwas Dunkles, Warmes, Sauberes, das mir sofort zu sehr auffiel.

Er beugte sich leicht über die Pläne, stützte eine Hand neben meinem Blatt ab und zeigte auf die markierte Achse.

„Ich höre“, sagte er ruhig, „dass Sie gut sind. Und dass Sie es nicht gewohnt sind, dass jemand Ihnen das sagt, ohne gleichzeitig etwas von Ihnen zu wollen.“

Seine Stimme war nah.

Viel zu nah.

„Und wollen Sie nichts von mir?“, fragte ich, bevor ich mich bremsen konnte.

Stille.

Ein Atemzug.

Noch einer.

Dann richtete er sich wieder auf.

„Doch“, sagte er.

Ich drehte den Kopf zu ihm.

Sein Blick war unergründlich ruhig.

„Ich will Leistung. Verlässlichkeit. Konzentration. Und dass Sie aufhören, sich kleiner zu machen, als Sie sind.“

Der Moment kippte. Nicht ganz. Aber genug, damit ich wieder Luft bekam.

Ich lachte leise, mehr aus Übersprung als aus echter Belustigung. „Sie haben wirklich ein Talent dafür, einen völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen.“

„Das wird Ihnen im Projekt nützen.“

„Oder Ihnen Spaß machen?“

Diesmal lächelte er tatsächlich. Nicht offen. Nicht freundlich. Eher wie jemand, der etwas Interessantes entdeckt hatte und noch nicht sicher war, was er damit anfangen würde.

„Beides schließt sich nicht aus.“

Ich hätte etwas Schlagfertiges sagen sollen. Stattdessen fragte ich: „Und was passiert jetzt?“

„Jetzt arbeiten Sie.“

Er schob mir einen leeren Bogen Papier zu.

„Dreißig Minuten. Erste Konzeptidee. Keine Perfektion. Nur Denken.“

„Sie machen Witze.“

„Selten.“

Ich sah erst das Papier an, dann ihn. „Und Sie bleiben die ganze Zeit hier und sehen mir dabei zu?“

„Wenn Sie davon nervös werden, ist das ein nützlicher Teil der Übung.“

„Unfassbar.“

„Beginnen Sie.“

Also begann ich.

Die ersten Minuten waren die Hölle. Nicht, weil ich keine Idee hatte – sondern weil ich zu viele hatte und jede einzelne unter seinem Blick plötzlich unzureichend wirkte. Ich skizzierte, strich durch, setzte neu an, drehte das Blatt, fluchte leise, ignorierte seinen Blick und war mir dabei jeder Sekunde bewusst, dass er noch immer da war.

Doch irgendwann passierte das, was immer passierte, wenn ich tief genug in eine Aufgabe fiel: Der Rest der Welt wurde leiser.

Die Lichtachse. Die Verdichtung. Die Schwelle zwischen öffentlich und privat. Der Druck im Eingang. Die Entlastung im Inneren. Ich zog Linien, schob Volumen, dachte in Schnitten, in Blicken, in Wegen.

Als ich fertig war, legte ich den Stift weg und atmete aus.

Adrien nahm das Blatt an sich.

Er sagte lange nichts.

Viel zu lange.

Dann legte er es wieder vor mich hin.

„Chaotisch.“

„Danke auch.“

„Unsauber.“

„Sie sind wirklich konsequent unerquicklich.“

„Aber gut.“

Ich sah ihn an.

Er erwiderte den Blick ohne jede Regung.

„Sehr gut, wenn man bedenkt, dass Sie unter Druck gearbeitet haben und sich die ganze Zeit halb dagegen gewehrt haben, überhaupt hier zu sein.“

Etwas zog sich in meinem Brustkorb zusammen. Stolz vielleicht. Erleichterung. Oder etwas deutlich Dümmeres.

„Heißt das, ich bin dabei?“

„Das heißt, dass Sie eine zweite Einladung bekommen.“

„Sie können auch einfach Ja sagen, wissen Sie?“

„Wo bliebe dann der pädagogische Wert?“

„Sie sind nicht mein Lehrer.“

Der Satz hing kurz zwischen uns.

Zu kurz.

Zu scharf.

Sein Blick wurde einen Hauch dunkler, ohne wirklich kälter zu werden. „Nein“, sagte er schließlich. „Das bin ich nicht.“

Komisch, wie zwei völlig harmlose Wörter plötzlich schwerer sein konnten als alles, was davor gefallen war.

Er zog eine schmale schwarze Karte aus einer Lederhülle und legte sie vor mich.

Adrien Kessler

Directeur associé

Atelier Kessler

Darunter seine direkte Nummer.

„Sie bekommen morgen die Unterlagen für die nächste Runde. Falls Sie absagen wollen, tun Sie es heute. Nicht fünf Minuten vorher.“

Ich nahm die Karte, drehte sie zwischen den Fingern und steckte sie schließlich ein.

„Und wenn ich zusage?“

„Dann fangen wir an, ernsthaft zu arbeiten.“

„Das klingt beinahe wie eine Drohung.“

„Dann haben Sie zu viel Fantasie.“

Ich stand auf. „Oder genau genug.“

Er trat zur Tür und hielt sie mir auf. Eine höfliche Geste, die bei ihm trotzdem nie weich wirkte.

Als ich an ihm vorbeiging, spürte ich seinen Blick an mir, ruhig, aufmerksam, viel zu bewusst.

„Elise.“

Ich blieb stehen, ohne mich sofort umzudrehen. „Ja?“

„Tragen Sie beim nächsten Mal Ihre Haare offen.“

Jetzt drehte ich mich doch zu ihm um.

„Wie bitte?“

Er lehnte an der Tür, eine Hand locker an der Klinke, als hätte er gerade nichts Ungewöhnliches gesagt.

„Der Zopf lässt Sie strenger wirken, als Sie sind.“

„Und wenn mir genau das gefällt?“

„Dann“, sagte er ruhig, „bin ich gespannt, wie Sie aussehen, wenn Ihnen etwas egal ist.“

Bevor ich antworten konnte, schloss er die Tür.

Einfach so.

Ich stand einen Moment auf dem Flur, die schwarze Karte in der Handtasche, den Puls irgendwo zwischen Wut und etwas, das ich vernünftigerweise nicht benennen sollte.

Unten vor dem Gebäude blieb ich in der kalten Abendluft stehen und zog mein Handy heraus.

Anika hob beim zweiten Klingeln ab.

„Na? Lebst du noch?“

„Leider ja.“

„Das heißt?“

Ich ging langsam die Straße entlang. „Das heißt, er ist noch arroganter, als ich dachte.“

„Und?“

„Noch kontrollierter.“

„Und?“

„Und wahrscheinlich unerträglich brillant.“

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.

Dann sagte Anika mit hörbarer Genugtuung: „Du bist verloren.“

Ich sah über die Straße zurück zur Glasfront des Ateliers, hinter der alles ruhig und makellos wirkte.

„Nein“, sagte ich leise.

Aber selbst ich glaubte mir nicht ganz.

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