Kapitel 2
Nach der Präsentation strömten alle gleichzeitig aus dem Hörsaal, als hätte jemand ein Startsignal gegeben. Stimmen, Schritte, Taschen, Parfüm, das Kratzen von Stuhlbeinen über den Boden – für einen Moment verschwamm alles zu einem einzigen Lärmteppich.
Ich blieb noch sitzen.
Nicht, weil ich so begeistert von der Veranstaltung gewesen wäre. Sondern weil ich das Gefühl hatte, mich zu blamieren, sobald ich aufstand und an ihm vorbeimusste.
„Du willst da jetzt nicht ernsthaft festwachsen, oder?“
Ich drehte den Kopf. Anika ließ sich neben mich auf den freien Platz fallen und grinste mich an.
„Ich denke nach.“
„Über Architektur?“
„Nein.“
„Über ihn?“
Ich warf ihr einen trockenen Blick zu. „Du bist unerträglich.“
„Und ich liege richtig.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, vibrierte ihr Handy. Sie warf einen Blick aufs Display, verzog das Gesicht und sprang wieder auf.
„Ich muss los. Meine Gruppe wartet schon unten. Aber wenn du nachher so tust, als wäre dieser Adrien Kessler dir völlig egal, dann glaub ich dir kein Wort.“
„Verschwinde.“
„Sehr gern.“ Sie beugte sich noch einmal zu mir herunter. „Und Elise? Versuch heute ausnahmsweise, niemanden gegen dich aufzubringen.“
Zu spät, dachte ich.
Als ich endlich aufstand, war der Hörsaal fast leer. Nur ein paar Leute standen noch vorn an der Leinwand und diskutierten über Auswahlkriterien und Bewerbungsfristen. Ich stopfte mein Notizbuch in die Tasche und wollte gerade gehen, als ich seine Stimme hörte.
„Elise Van Aarden.“
Ich blieb stehen.
Natürlich kannte er meinen Namen. Wahrscheinlich hatte er längst die Teilnehmerliste im Kopf. Das passte zu ihm. Zu dieser Art Mann, die alles bemerkte und nichts vergaß.
Langsam drehte ich mich um.
Adrien Kessler stand noch immer vorne am Pult, die Unterlagen in der Hand, den Mantel inzwischen über einen Stuhl gelegt. Ohne den Mantel wirkte er noch größer. Noch direkter. Noch gefährlicher.
„Ja?“
„Einen Moment.“
Kein Bitte. Kein Zögern. Nur diese ruhige Selbstverständlichkeit, die automatisch wie ein Befehl klang.
Die letzten Leute verließen den Saal. Als die Tür ins Schloss fiel, war es plötzlich still. Zu still.
Ich ging die Stufen hinunter, nicht zu schnell, nicht zu langsam, und blieb in einigem Abstand vor ihm stehen.
„Sie sind heute spät gekommen“, sagte er.
„Das ist mir auch aufgefallen.“
Sein Blick glitt kurz über mein Gesicht. Fast unmerklich hob sich ein Mundwinkel.
„Gut. Dann haben Sie wenigstens ein funktionierendes Zeitgefühl. Das ist mehr, als man von manchen anderen behaupten kann.“
„War das schon alles?“
„Nein.“
Er legte die Unterlagen beiseite und zog stattdessen eine Mappe hervor. Meine Mappe.
Ich erkannte sie sofort an dem dunklen Fleck in der rechten Ecke, den ich mir letzte Woche mit Kaffee ruiniert hatte.
„Woher haben Sie die?“
„Aus dem Stapel mit den eingereichten Vorarbeiten.“
„Sie haben sich meine Zeichnungen angesehen?“
„Dafür wurden sie eingereicht.“
Ich hasste die Tatsache, dass er mit jedem Satz recht hatte.
Er schlug die Mappe auf, blätterte zwei Seiten weiter und drehte sie so, dass ich meine Skizzen sehen konnte. Fassadenstudien. Raumschnitte. Linien, die ich nachts gezeichnet hatte, wenn ich nicht schlafen konnte.
„Sie haben ein gutes Auge für Proportionen“, sagte er.
Ich sagte nichts.
„Und ein deutlich besseres Gefühl für Spannung im Raum, als Ihre Unterlagen vermuten lassen.“
Das überraschte mich genug, dass ich ihn ansah.
„Das klingt fast wie ein Kompliment.“
„Fast“, sagte er trocken. „Der Rest ist problematisch.“
Da war es.
Ich verschränkte die Arme. „Natürlich.“
„Sie arbeiten unsauber an den Übergängen, verlieren sich zu früh im Detail und ruinieren starke Ideen, weil Sie ihnen nicht genug vertrauen.“
Mit jedem Wort traf er einen Punkt, den ich selbst längst kannte und trotzdem nicht hören wollte.
„Danke für die Zerstörung meines Selbstwertgefühls.“
„Wer bei ehrlicher Kritik zusammenbricht, hat in meinem Projekt ohnehin nichts verloren.“
„Vielleicht will ich gar nicht in Ihr Projekt.“
Diesmal sah er mich eine Spur länger an. Nicht überrascht. Eher, als würde er prüfen, ob ich log.
„Doch“, sagte er schließlich.
Ich lachte leise auf. „Ganz schön überzeugt von sich selbst.“
„Nein. Von Ihnen.“
Der Satz traf mich unerwartet hart.
Nicht romantisch. Nicht schmeichelhaft. Eher wie ein sauber gesetzter Schnitt. Präzise genug, um tiefer zu gehen, als mir lieb war.
„Sie sind zu gut, um mittelmäßig zu bleiben“, fuhr er fort. „Und gleichzeitig zu bequem, um von allein besser zu werden. Eine unerquicklich schlechte Kombination.“
„Sie kennen mich überhaupt nicht.“
„Ich kenne den Typ Mensch, der Talent hat und es hinter Trotz versteckt.“
Ich spürte, wie mir die Hitze in den Nacken stieg. „Vielleicht verstecke ich es nicht. Vielleicht habe ich einfach keine Lust, mich von jemandem herumkommandieren zu lassen.“
„Dann wird es Ihnen im Berufsleben schwerfallen.“
„Ich komme schon zurecht.“
„Nein“, sagte er ruhig. „Im Moment kommen Sie gerade so durch.“
Stille.
Ich hasste ihn gerade. Und noch mehr hasste ich, dass ein Teil von mir wusste, dass er recht hatte.
Er schloss die Mappe und hielt sie mir hin. Als ich danach griff, ließ er sie erst im letzten Moment los.
„Nächste Woche beginnt die erste Auswahlrunde für das Atelier-Projekt“, sagte er. „Kleine Teams. Hoher Zeitdruck. Echte Bauaufgabe. Ich nehme nur Leute, die belastbar sind.“
„Und?“
„Und ich will sehen, ob Sie mehr können, als zu spät kommen und schlagfertige Antworten geben.“
„Das klingt fast wie eine Herausforderung.“
„Das ist eine.“
Er zog ein Blatt aus einer anderen Mappe und legte es auf das Pult. Kein Vertrag. Kein Unsinn. Nur ein sauber formulierter Zeitplan mit Terminen, Anforderungen und einem Hinweis auf ein verpflichtendes Einführungsgespräch.
„Morgen. Achtzehn Uhr. Atelier Kessler, Rue de—“ Er tippte mit zwei Fingern auf die Adresse. „Wenn Sie wirklich Architektur machen wollen und nicht nur so tun als ob, sind Sie pünktlich.“
Ich betrachtete das Blatt, ohne es sofort zu nehmen.
„Und wenn nicht?“
„Dann sparen wir beide Zeit.“
„Sie sind immer so charmant?“
„Nur, wenn ich Potenzial sehe.“
Wieder dieser Blick. Ruhig, fest, kaum zu lesen.
Ich nahm das Blatt an mich. „Sie haben eine merkwürdige Art, Menschen zu motivieren.“
„Und Sie eine merkwürdige Art, Anerkennung mit Angriffen zu verwechseln.“
„Vielleicht, weil beides bei Ihnen ähnlich klingt.“
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas.
Dann hob er leicht das Kinn, als hätte er innerlich einen Punkt gesetzt.
„Morgen. Achtzehn Uhr, Elise.“
Es war das erste Mal, dass er meinen Vornamen sagte, ohne Nachnamen, ohne Distanz.
Zu nah, dachte ich sofort.
Gefährlich nah.
Ich stopfte das Blatt in meine Tasche. „Ich werde darüber nachdenken.“
„Nein“, sagte er. „Werden Sie nicht. Entweder Sie kommen oder Sie kommen nicht.“
Ich wollte kontern. Wirklich. Aber ich brachte nichts hervor, das nicht halb so scharf geklungen hätte, wie ich es gern gehabt hätte.
Also drehte ich mich nur um und ging zur Tür.
„Und Elise?“
Meine Hand lag schon auf der Klinke.
„Was?“
„Wenn Sie morgen auftauchen, dann nicht, um mich zu beeindrucken.“
Ich drehte mich halb zu ihm um.
Sein Blick ruhte noch immer auf mir, unerträglich ruhig.
„Kommen Sie, um gut zu sein.“
Draußen auf dem Flur atmete ich erst wieder richtig.
Mein Herz schlug zu schnell. Nicht wie nach einem Flirt. Nicht wie nach einem Streit.
Eher wie nach etwas, das gefährlich werden konnte, wenn man sich zu nah heranwagte.
Anika wartete unten an den Stufen auf mich. Sobald sie mich sah, riss sie die Augen auf.
„Was ist denn mit dir passiert? Du siehst aus, als wärst du gerade gleichzeitig beleidigt, fasziniert und kurz vorm Mord.“
„Er ist unmöglich.“
„Aha.“
„Arrogant.“
„Mhm.“
„Kontrollierend.“
„Klingt teuer.“
Ich stöhnte auf. „Anika.“
Sie hakte sich grinsend bei mir unter, während wir nach draußen gingen. „Also gut. Was wollte Mister Eisblick?“
Ich zögerte kurz.
Dann zog ich das Blatt aus der Tasche und hielt es ihr hin.
Sie überflog es und blieb abrupt stehen. „Moment. Das ist die Einladung zur Auswahlrunde? Die bekommen doch nur die Leute, die er direkt anspricht.“
„Dann hat er mich eben direkt angesprochen.“
Anika sah mich an, dann wieder das Papier, dann wieder mich.
„Elise“, sagte sie langsam. „Entweder hasst dieser Mann dich jetzt schon, oder du bist genau sein Typ Mensch.“
Ich nahm ihr das Blatt wieder ab.
„Ich fürchte“, murmelte ich, „beides.“
