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Kapitel 1

„Elise Van Aarden! Wenn du in fünf Minuten nicht unten bist, fährst du ohne Frühstück los!“

Meine Mutter hatte diese Stimme drauf, die selbst durch zwei geschlossene Türen und eine viel zu heiße Dusche schnitt. Ich fuhr hoch, riss die Augen auf und griff blind nach meinem Handy.

8:45 Uhr.

„Verdammt.“

Der erste Tag des neuen Semesters, und ich hatte es schon geschafft, ihn zu ruinieren.

Ich sprang unter die Dusche, wusch mir in Rekordzeit die Haare, zog mir das erstbeste halbwegs saubere Outfit über und band meine noch feuchten Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Als ich endlich die Treppe hinunterrannte, zeigte die Uhr 8:58.

Nicht perfekt. Aber auch nicht völlig verloren.

Unten roch es nach Toast, Kaffee und der angespannten Höflichkeit, die seit der Hochzeit meiner Mutter mit Hugo wie ein dritter Mitbewohner in diesem Haus lebte.

„Morgen“, murmelte ich und griff nach einer Scheibe Toast.

„Du hast heute doch diese Einführungsveranstaltung an der Fakultät, oder?“, fragte meine Mutter.

„Ja. Die mit dem Kooperationsprojekt.“

Hugo sah von seiner Tasse auf. „Das in Zusammenarbeit mit Atelier Kessler?“

Allein der Name sagte mir nichts, aber der Ton, in dem er ihn aussprach, klang nach Geld, Einfluss und Männern, die es gewohnt waren, dass Räume verstummten, sobald sie sie betraten.

„Anscheinend“, sagte ich.

„Dann solltest du nicht zu spät kommen“, meinte er.

Ich biss in meinen Toast und verkniff mir die Antwort. Zwischen Hugo und mir war Waffenstillstand schon das Höchste der Gefühle.

„Ich fahre dich“, sagte er stattdessen.

Natürlich tat er das.

Zwanzig Minuten später stieg ich vor dem Gebäude der Architekturfakultät aus, murmelte ein knappes „Danke“ und schlug die Wagentür zu, bevor er noch etwas sagen konnte.

Der Hörsaal war bereits fast voll.

Zu voll.

Ich drückte die Klinke hinunter, schlüpfte hinein und erstarrte, als ausgerechnet in diesem Moment eine tiefe Stimme durch den Raum schnitt.

„Wenn man zu spät kommt, sollte man wenigstens unauffällig sein.“

Ein paar Leute lachten. Ich blieb wie angewurzelt stehen.

Vorne, neben der Leinwand, stand ein Mann in dunkelgrauem Mantel, die Hände locker in den Hosentaschen, den Blick direkt auf mich gerichtet. Groß. Ruhig. Unerquicklich gut aussehend.

Und ganz offensichtlich nicht in der Stimmung, Verspätungen charmant zu finden.

„Setzen Sie sich“, sagte er dann.

Der Ton war nicht laut. Nicht einmal scharf. Genau das machte ihn schlimmer.

Ich suchte mir hastig einen freien Platz in der ersten Reihe, setzte mich und versuchte, meinen Puls wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Gut“, sagte der Mann vorn. „Dann können wir anfangen.“

Er griff nach der Fernbedienung, und auf der Leinwand erschien das Logo eines Genfer Architekturbüros.

ATELIER KESSLER.

„Mein Name ist Adrien Kessler. Einige von Ihnen werden in den nächsten Monaten mit meinem Team arbeiten. Andere werden vorher aussortiert.“

Im Raum wurde es still.

Neben mir ließ jemand hörbar die Luft einziehen.

Er sprach weiter, sachlich, präzise, ohne ein einziges überflüssiges Wort. Es ging um einen Auswahlworkshop, um Entwürfe, Belastbarkeit, Teamarbeit und darum, dass Talent nichts wert war, wenn man unter Druck einknickte.

Ich hätte mitschreiben sollen.

Stattdessen starrte ich ihn an.

Nicht, weil ich wollte.

Sondern weil seine Stimme so ruhig war, dass man gar nicht merkte, wie hart jedes einzelne Wort eigentlich war.

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