Kapitel 1
Ich habe nicht geschlafen.
Ich saß einfach in der Küche. In einem dünnen Morgenmantel, auf einem harten Hocker, als wäre ich bestraft worden. Mein Rücken war längst taub, meine Beine kalt und steif, aber ich versuchte nicht einmal aufzustehen. Es schien, als würde die Welt endgültig zusammenbrechen, wenn ich mich bewege.
Der Wasserkocher, den ich vor einer Stunde aufgesetzt hatte, war längst abgekühlt. Die Kohlsuppe im Topf, die ich gestern extra für ihn gekocht hatte, blieb unberührt. Er hatte sie nicht einmal probiert. Er war einfach mitten im Abendessen aufgestanden und gegangen. Ohne Erklärungen, ohne sich umzusehen.
In der Küche roch es nach dem Essen von gestern, nach seinen unausgesprochenen Worten und nach einer bitteren Ausweglosigkeit. Er war gegangen, aber die Luft war immer noch schwer, zäh, von ihm durchdrungen. Als wäre Jan nicht nur gegangen, sondern gleichzeitig geblieben. Als wollte er mich mit seiner unsichtbaren Präsenz endgültig brechen.
Auf der Fensterbank stand seine Tasse — groß, blau, mit einem abgesplitterten Henkel. Jeden Morgen trank Jan daraus Kaffee. Er saß seitlich am Tisch, zog ein Bein unter sich, stützte den Ellbogen auf die Kante. Morgens lächelte er nie, er schwieg einfach. Ich goss ihm Kaffee ein, er nickte. Manchmal sagte er leise, fast widerwillig „Danke“. Und ich dachte immer, dass in diesem Wort etwas Besonderes lag, ein Versprechen, Wärme.
Heute Morgen blieb die Tasse leer.
Das Telefon im Zimmer schwieg. Die ganze Nacht hatte ich auf irgendein Zeichen gewartet — eine Nachricht, einen Anruf. Aber Jan war schweigend gegangen und blieb auch in der Ferne still.
Ich ließ den gestrigen Abend immer wieder vor meinem inneren Auge ablaufen. Jan sitzt mir gegenüber, schaut auf den Teller und sagt plötzlich leise, fast beiläufig:
— Ich bin müde. Ich sehe mit dir keine Zukunft.
Ich erstarrte mit dem Löffel in der Hand, mein Herz fiel irgendwohin nach unten. Zuerst glaubte ich es nicht. Dann wollte ich fragen, ob er scherzt, aber meine Zunge wurde schwer. Ich sah nur zu, wie er ruhig aufstand, die Schlüssel nahm und zur Tür hinausging.
Jan ging — und nahm nicht nur die Dinge mit, die in seine Tasche passten, sondern auch unser Leben, mein Leben, unser „Zusammen“. Mir blieb nur die Wohnung — gemietet, fremd, nur noch für drei Wochen bezahlt. Danach muss ich ausziehen, denn ohne ihn schaffe ich es nicht. Mein Gehalt reicht gerade, um „den Monat zu überleben“. Jan hat immer die Miete bezahlt, die Lebensmittel gekauft. Wir haben nicht gespart, nicht an die Zukunft gedacht. „Wir schaffen das schon, Olesja“, sagte er, und ich glaubte ihm. Jetzt haben wir es „geschafft“ — jeder in seine eigene Richtung.
Ich sah auf seinen Mantel, der an der Tür hing. Weich, beige, den er so mochte. Der Knopf war wieder abgerissen — wie oft ich ihn angenäht habe, und er schaffte es trotzdem immer wieder, ihn abzureißen, ständig in Eile. Der Mantel blieb zurück. Wie eine Erinnerung oder ein Hohn.
Vielleicht kommt er zurück?
Dumm.
Er wird nicht zurückkommen.
Ich stand auf und zwang mich, ins Bad zu gehen. Wusch mich mit eiskaltem Wasser. Sah in den Spiegel. Geschwollene Augen von der schlaflosen Nacht, zerzauste Haare, als gehörten sie nicht mir. Das bin also ich. Unsere ganze Liebe, all diese Worte, das Flüstern in der Nacht, das Lachen am Morgen — alles verschwunden, als hätte es nie existiert.
Unter der Brust zog es schmerzhaft. Ich setzte mich auf den Rand der Badewanne, schloss die Augen und fiel plötzlich tief zurück — in eine andere Zeit, einen anderen Sommer.
Damals haben wir uns im Bus kennengelernt. Es war Juli. Eine Hitze, als würde selbst die Luft schmelzen. Der Bus ruckelte, stickig, eng, alle gereizt. Ich hielt eine Tüte mit Tomaten, die meine Mutter morgens aus ihrem Garten gepflückt hatte: „Hausgemacht, süß, solche findest du in Moskau nicht.“ Aber mir war alles egal, ich wollte nur raus, einmal tief Luft holen.
Als er einstieg, zog sich mein Herz seltsam zusammen. Schön, groß, mit leichtem Bartschatten, in einem weißen T-Shirt, das seine gebräunte Haut betonte. Ich senkte sofort den Blick. Solche Männer schauen Frauen wie mich nicht an.
Aber er kam näher, und als ein Platz frei wurde, lächelte er:
— Setz dich, verlier deine Ernte nicht.
Ich setzte mich, bedankte mich unbeholfen. Er stand neben mir, schwieg, dann wurde ein Platz frei und er setzte sich, begann sofort zu reden, als würden wir uns schon lange kennen:
— Bin ich jetzt ein Held? Habe deine Tomaten gerettet und dir den Platz überlassen. Jetzt fehlt nur noch dein Name.
— Olesja, — sagte ich leise, verlegen.
Er lächelte warm, einfach, aufrichtig:
— Und ich bin Jan. Du hast sehr schöne Augen.
Ich wurde unsicher, errötete, aber ich spürte — er sah mich ehrlich an. Und plötzlich wurde es ruhig und leicht. Als würde ich ihn wirklich schon lange kennen.
Dann Kaffee aus dem Automaten am Bahnhof, eine Pirogge für uns beide. Lange Gespräche, leises Lachen. Er schlug vor:
— Lass uns zusammen gehen?
Und ich ging mit ihm. Ohne Fragen, ohne Zweifel. Nur mit Hoffnung und Vertrauen.
Wir mieteten eine Einzimmerwohnung. Kauften Möbel gebraucht, freuten uns über jeden gemeinsamen Tag. Ich glaubte, dass es immer so sein würde. Er strich mir über die Haare, küsste meinen Hals, flüsterte:
— Wir werden alles haben, Olesja. Hauptsache zusammen.
Und ich glaubte ihm. Ich war glücklich.
Ich öffnete die Augen, als hätte mich jemand abrupt in die Realität zurückgestoßen. Mein Herz zog sich wieder schmerzhaft zusammen und klopfte dumpf in meiner Brust. Jetzt, statt des versprochenen Glücks, statt seiner Worte „wir werden alles haben“, habe ich nur noch zweitausendachthundert Rubel auf der Karte. Und noch ein Leben — klein, für alle unsichtbar — ein Leben, das ich um jeden Preis bewahren muss. Ein Leben, von dem Jan nichts weiß. Ein Leben, das er nie kennenlernen wird.
Mein Hals schnürte sich zu, Tränen stiegen wieder in meine Augen. Im Zimmer wurde es plötzlich unerträglich still und kalt, als würden die Wände mich von allen Seiten erdrücken.
Jetzt bin ich wieder allein. Ganz allein.
Allein, wie damals in der Kindheit, wenn ich zu Hause blieb und auf meine Mutter wartete. Allein, wie im College, als ich nach dem Unterricht schwere Kisten im Lager schleppen musste, um irgendwie über den Monat zu kommen. Allein, wie damals vor ihm, als ich dachte, Einsamkeit sei normal, sei für immer.
Und wieder allein. Ohne Unterstützung, ohne seine sicheren Umarmungen, ohne seine Stimme, die sagte, dass wir es schaffen werden. Jetzt muss ich es alleine schaffen.
Wie immer.
