Bibliothek
Deutsch
Kapitel
Einstellungen

Kapitel 4 — Die Zähne hinter dem Rot

Alba

Die Tür schlägt hinter uns zu, ein scharfer Klang, der den gedämpften Schleier der luxuriösen Suite zerreißt. Eine unsichtbare Blase platzt und entlässt die eiskalte Luft einer raueren Realität.

Keine Blitze mehr. Keine Musik. Keine drückenden Blicke.

Nur er. Nur ich. Und dieser Ball aus Wut, der dumpf in meinem Hals grollt, bereit zu explodieren.

Ich gehe in die Mitte des Raumes, die Absätze schlagen mit der Regelmäßigkeit eines Kriegstrommels auf den Boden. Jeder Schritt lässt meine Entschlossenheit vibrieren, jede Bewegung ist eine stille Herausforderung.

Meine Hände zittern. Ich greife nach meinen Ohrringen feine weiße Perlen und reiße sie ab. Sie rollen über den Boden, prallen dumpf gegen den glänzenden Parkett. Dann ziehe ich an der Halskette, die meinen Hals eng umschließt. Sie gibt mit einem knackenden Geräusch nach, die Perlen verstreuen sich, wertvolle Splitter, die zurückgelassen werden, unbedeutend.

Ich will nichts mehr, was mich an diese auferlegte Fassade erinnert. Diese Nacht, diese Maskerade.

— Das war dein Plan? Ich warte nicht, bis er sich umdreht. Mich als Hure zu verkleiden, um vor meinem Vater zu posieren?

Die Stille dient ihm als Rüstung. Dann höre ich seine Schritte, langsam, bedacht, die in dem riesigen Raum wie die Schritte eines Räubers widerhallen. Sein Schatten dehnt sich aus, kommt näher.

— Es war für sie, antwortet er schließlich, die Stimme leise, fast rau. Nicht für dich. Du hast dich selbst verkleidet. Du hast deine Rolle perfekt gespielt.

Ich drehe mich um, das Gesicht hart wie eine Eismaske, und sehe ihm direkt in die Augen.

— Ich spiele nicht. Ich überlebe.

Ein bitteres Lächeln gleitet über seine Lippen. Langsam löst er seinen Krawattenknoten, öffnet einen Knopf seines Hemdes und zeigt die blasse, straffe Haut eines Mannes, der zu viele unsichtbare Kämpfe trägt.

— Überlebe besser. Denn in dieser Welt, Alba, bedeutet Überleben, zu schweigen. Zu lächeln. Zu beißen, wenn nötig.

Ich verschränke die Arme, herausfordernd.

— Und du? Lächelst du, während dein Imperium auf seinen Fundamenten verfault?

Sein Blick wird zu einer Klinge aus Stahl.

— Pass auf, was du sagst.

— Oder was? Wirst du mich schlagen? So wie dein Vater es mit deiner Mutter getan hat?

Eine Stille fällt. Eine schwere, drückende Stille. Meine Worte hallen wie Kugeln wider. Ich habe das Ziel getroffen.

Plötzlich steht er vor mir, mit einer Geschwindigkeit, die mir den Atem raubt. Seine feste Hand greift mein Handgelenk. Nicht stark genug, um weh zu tun, nur genug, um sein Revier zu markieren.

— Ich bin nicht mein Vater.

Ich schlucke, die Augen auf seinen Blick gerichtet.

— Dann hör auf, dich wie er zu verhalten.

Unsere Atemzüge vermischen sich. Die Luft wird elektrisch, brennend, aufgeladen mit all dem, was nicht gesagt wurde, mit all dieser Verbitterung und dem zurückgehaltenen Verlangen. Er lässt meine Hand sanft los, fast mit Bedauern.

— Was willst du, Alba? Soll ich mich entschuldigen? Soll ich dir Blumen schenken? Diese Welt funktioniert nicht mit Reue. Glaubst du, dein Vater hätte sein Glas erhoben, wenn ich dich nicht zur Königin gemacht hätte?

Ich hasse diese Worte. Ich hasse, dass sie meine Überzeugungen ins Wanken bringen.

Ich hasse dieses Kleid, diesen Abend, dieses grausame Spiel, das er um meinen Namen begonnen hat.

— Du hast mich gedemütigt, flüstere ich.

Er kommt näher, greift mein Kinn. Zwingt mich, ihn anzusehen. Sein Blick durchbohrt, sucht nach etwas, das ich ihm verweigere.

— Willst du die Wahrheit? Heute Abend haben sie dich für unterwürfig gehalten. Aber sie haben gespürt. Alle. Dass du es nicht warst. Und das hat ihnen Angst gemacht.

Ich spüre, wie meine Knie weich werden, aber es ist nicht die Angst. Es ist die Wut, das Feuer, der verletzte Stolz.

— Ich bin nicht dein Trophäe.

— Du bist meine Waffe.

Seine Lippen streifen meine Wange. Langsam. Vorsichtig. Wie ein Versprechen oder ein Fluch.

— Und wenn du es akzeptierst, Alba… können wir sie beide zerquetschen.

Ich schließe die Augen. Nur für einen Moment. Um zu atmen. Um nicht dieser Versuchung der gefährlichen Fusion nachzugeben, dieser Idee von geteilter Macht.

Als ich sie wieder öffne, ist er da, zu nah.

— Ich gehöre dir nicht, Sandro. Weder dein Bauer noch deine Waffe. Und sicher nicht deine Königin.

Ich weiche zurück, reiße mich von seiner Wärme, seiner Stimme los.

Aber er lacht nicht. Er lächelt nicht einmal.

Er sieht mich an, als wäre ich bereits auf dem Thron.

Sandro

Sie hasst mich. Ich sehe es. Ich spüre es. Und doch…

Sie war noch nie so schön, wie wenn sie mich herausfordert.

Der Ball hat gewirkt. Die Alten haben nachgegeben. Die Allianzen zeichnen sich ab. Aber die wahre Eroberung ist sie.

Alba Valente.

Ein Feuer unter Kontrolle. Ein langsames Gift. Und ich bin bereit, mich zu vergiften, wenn es sein muss.

Ich schenke mir ein Glas ein, setze mich im Schatten des Salons. Die Suite ist riesig, luxuriös, still. Aber ich sehe nur sie, die auf und ab geht, die vor Anspannung zittert, die mich so sehr hasst, wie sie sich selbst dafür hasst, dass sie diesen Ball überlebt hat, ohne nachzugeben.

Sie zieht das Kleid mit einem scharfen Ruck aus. Sie steht da, in Unterwäsche, ohne Scham, ohne Zurückhaltung, erneut herausfordernd.

Ich beobachte sie. Jeder Muskel angespannt. Jedes Blinzeln. Jeder brennende Atemzug.

— Ich werde dich töten, flüstert sie, leise, gefährlich.

Ich lächle. Langsam. Ehrlich.

— Das erwarte ich auch von dir.

Ich erhebe mein Glas auf ihren Namen.

Auf ihren Zorn.

Auf ihre unsichtbare Krone.

Auf die Königin, die ich im Schatten forme.

Alba

Ich entferne mich, aber das Gewicht seiner Augen auf mir lässt mich nicht frei atmen. Dieses Spiel verbrennt mich, aber ich weigere mich, loszulassen.

Ich gehe zum Fenster, schaue auf die Stadt hinunter. Alles wirkt friedlich, schlafend. Aber hier, hinter diesen Mauern, wütet ein anderer Kampf.

Sandro kommt sanft näher, legt eine Hand auf meine Schulter. Ich bewege mich nicht.

— Denkst du, du kannst mir entkommen?

— Ich versuche nicht, dir zu entkommen.

— Also was?

Ich balle die Fäuste.

— Ich versuche, dich zu besiegen.

Sein Lächeln wird grausam.

— Du weißt nicht, was das bedeutet. Noch nicht.

Ich drehe mich um, herausfordernd.

— Ich werde es lernen.

Eine Stille breitet sich aus, schwer von Versprechungen und Drohungen.

Er kommt wieder näher, schiebt mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.

— Du bist nicht bereit, Alba.

Ich werfe ihm einen brennenden Blick zu.

— Ich werde niemals bereit sein für das, was ich fähig bin zu tun.

Sandro

Sie fordert mich heraus, provoziert mich, und das ist es, was mir den Kopf verdreht.

— Also zeig es mir.

Ich gehe hinter sie, lege meine Hände auf ihre Hüften.

Sie spannt sich an, wehrt sich fast, aber sie schiebt mich nicht weg.

— Ich mache es bereits.

Unsere Atemzüge verweben sich. Feuer und Eis.

Macht ist ein gefährliches Spiel. Aber mit ihr brenne ich stärker als je zuvor.

Laden Sie die App herunter, um die Belohnung zu erhalten
Scannen Sie den QR-Code, um die Hinovel-App herunterzuladen.