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Kapitel 3 — Der Ball der Schlangen

Alba

Ich bin nicht bereit.

Nicht, um dieses zu enge, zu rote, zu… weibliche Kleid anzuziehen. Nicht, um den Satin gegen meine nackte Haut zu spüren, als wäre es eine Erinnerung daran, dass man mir meine Waffen entrissen hat. Nicht, um den Blicken standzuhalten. Nicht, um an seinem Arm zu gehen wie eine Trophäe, die man in einer Vitrine aus Fleisch und Lügen zur Schau stellt.

— Heb das Kinn, murmelt er hinter mir. Du bist keine Dienerin. Du bist die zukünftige Königin.

Ich kreuze meinen eigenen Blick im Spiegel. Die Lippen geschminkt wie Blut. Der Blick mit Kohl geschwärzt. Die Haare hochgesteckt, um den Hals zu zeigen.

Ein Opfer.

Er hat mich in eine verdammte giftige Puppe verwandelt. Schön. Glänzend. Und leer.

Ich beiße die Zähne zusammen. Wenn er denkt, ein paar Perlen um meinen Hals würden den Hass, der mich zerfrisst, auslöschen, irrt er sich. Dieser Gala ist seine Bühne. Seine verdammte Maskerade.

Und ich bin der Preis.

Das Auto hält vor einem riesigen Privatpalast. Zwei Löwenstatuen bewachen den Eingang, so unbeweglich wie mein Gesicht. Die Blitze knipsen bereits. Die Objektive lauern uns wie Gewehre auf. Er steigt zuerst aus, dominant, elegant, gefährlich. Schwarzer Anzug. Brennender Blick. Er reicht mir seine Hand.

Ich nehme sie nicht. Ich steige alleine aus.

Der Teppich ist rot wie mein Kleid. Rot wie das Blut, das sie vergossen haben. Rot wie die Wut, die in mir wohnt.

Die Flüstereien beginnen sofort. Ich fühle sie zwischen den Marmorsäulen schlüpfen, zwischen den stillen Kellnern und den Gläsern Champagner hindurch.

— Ist sie die Polizistin? Er hat es wirklich getan… Eine Valente. Schön wie der Tod.

Ich höre sie alle. Gut gekleidete Geier. Auftragskiller in Anzügen, die grinsen, während sie Champagner mit Blutgeschmack genießen. Einige beobachten mich mit kalter Herablassung, andere mit lüsterner Neugier. Und wieder andere, seltener, mit verborgenem Schrecken.

Sandro greift sanft nach meinem Handgelenk. Eine kontrollierte Geste. Ein gemessener Druck.

Sein Lächeln gehört einem König. Sein Griff, dem eines Gefängniswärters.

— Geh an meiner Seite, Alba. Oder ich ziehe dich mit.

Ich gehe. Nicht für ihn. Für mich. Für meinen Stolz. Um ihnen zu beweisen, dass ich keine Puppe bin, sondern eine Klinge. Scharf. Schneidend. Tödlich.

Der Saal ist ein Theater aus Luxus und Korruption. Goldverzierungen, Kristalllüster, Violinen im Hintergrund. Einwegspiegel. Gestohlene Kunstwerke. Alte Wandteppiche, durchtränkt von Stille und Geheimnissen. Jeder Gast ist ein Schachstück in einem Spiel, das mich übersteigt.

Und in der Mitte… ich.

Wir werden angekündigt.

„Herr Sandro De Santis und seine Verlobte, Alba Valente.“

Verlobte. Das Wort hallt wie ein Fallbeil. Eine Beleidigung, die in der Luft hängt.

Ich unterdrücke einen Brechreiz. Mein Herz schlägt zu schnell. Zu laut.

Aber ich gebe nicht nach. Ich bin eine Valente, verdammte Axt.

Ich richte die Schultern auf. Meine Absätze klacken gegen den Marmor. Jeder Schritt ist eine Kriegserklärung.

Sandro

Sie ist atemberaubend. Wild. Wütend.

Jeder Schritt, den sie macht, ist eine Beleidigung für diejenigen, die sie unterwürfig sehen wollen. Und doch ist sie hier. An meiner Seite. Gebunden durch ihr eigenes Blut.

Und was sie nicht weiß, ist, dass sie mehr entfacht, als sie skandalisiert.

Die Paten nähern sich. Die Clanführer. Die Älteren. Die Jüngeren. Alle wollen meine Eroberung abtasten, ihre Gefügigkeit testen, nach einer Schwachstelle suchen.

— Eine Polizistin, hm? fragt einer mit einem Grinsen. Ich hoffe, sie kann ihre Zunge halten.

— Sie kann mehr als das, antwortet ein anderer kichernd. Die Valente hatten schon immer einen nützlichen Mund.

Ich lächle. Scharf.

— Meine Herren, ich rate Ihnen, meine Frau nicht zu unterschätzen. Sie beißt.

Und sie wird beißen, das weiß ich. Sie wird sogar verschlingen. Die Schwächsten, die Arroganten, die Dummen. Sie hat ihr eigenes Potenzial noch nicht erkannt. Aber ich schon.

Ich fange die Blicke ein. Einige begehren sie. Andere beurteilen sie. Einige fürchten sie. Und nur einer hasst sie mit einem uralten Feuer.

Alba

Ich balle die Faust. Stark genug, dass meine Nägel in meine Handfläche graben. Ich habe Lust, ihnen vor die Füße zu spucken. Ein Glas Champagner ins Gesicht des ersten zu schleudern, der es wagt, etwas zu sagen.

Aber ich bleibe aufrecht. Würdevoll.

Ich bin im feindlichen Gebiet. Jeder Fehltritt wäre ein Festmahl für diese Schlangen.

Dann küsst er mich.

Ein langsamer Kuss. Gezielt. Berechnet.

Er will, dass ich mich füge. Dass ich die gehorsame Gefährtin bin.

Ich widerstehe. Eine Sekunde. Zwei. Mein Atem prallt auf seinen. Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb wie ein eingesperrtes Tier.

Dann gebe ich nach. Aus Stolz. Aus Strategie. Aus Herausforderung.

Weil ich ihm die Demütigung nicht schenken will.

Ich erwidere den Kuss. Nur genug, um ihm zu glauben, dass er gewinnt. Nur genug, damit sie alle zweifeln, wer hier wen manipuliert.

Als sich unsere Lippen trennen, breitet sich eine dichte Stille um uns herum aus. Als hätte jeder den Atem angehalten.

Sandro

Sie hat mich geküsst. Sie hat mich herausgefordert.

Sie hat mich erregt wie nie zuvor.

Sie denkt, sie manipuliert mich? Sie hat keine Ahnung, welches Feuer sie entfacht.

Aber sie ist nicht diejenige, die mich heute Abend beunruhigt.

Es ist der Mann am Ende des Saales.

Alba

Mein Blut gefriert.

Massimo Valente.

Mein Erzeuger. Mein Verräter.

Er ist hier. Vollkommen ruhig. Als würde er eine Oper besuchen. Sein Blick durchbohrt mich, aber es ist sein Lächeln, das mich schreien lassen will. Dieser kleine zufriedene Schmunzler. Als hätte er mich geformt, mir geschenkt, gezähmt.

Er hebt sein Glas. Zu meinen Ehren.

Ich fühle, wie sich meine Eingeweide verkrampfen. Meine Beine wackeln.

Aber Sandro schiebt seine Hand in meinen nackten Rücken und flüstert mir ins Ohr:

— Bleib aufrecht. Zeig ihnen, dass du mein bist. Keine Schwäche. Eine Bedrohung.

Ich hasse ihn. Wegen seiner Stimme. Wegen seiner Richtigkeit.

Ich hasse ihn noch mehr, weil sein Kontakt mich verbrennt.

Also lächle ich. Zum ersten Mal.

Ein Lächeln einer Wölfin. Einer verdammten Löwin.

Und jeder sieht es.

Die Gerüchte ändern ihren Ton.

— Sie wird ihn verschlingen. Sie ist es, vor der er sich letztendlich fürchten muss.

Ich drücke Sandros Hand. Nicht wie eine Geliebte. Wie eine Feindin. Ein Versprechen.

Eine stille Kriegserklärung.

Sie glauben, mich gefesselt zu haben.

Aber sie haben gerade die schlimmste Version von mir geweckt.

Und wenn ich heute Abend mit dem Teufel tanzen muss…

Dann soll er mir folgen.

Denn ich habe mein letztes Wort noch nicht gesagt.

Denn dieser Ball ist nicht nur der der Schlangen.

Es ist der Ball meiner Wiedergeburt.

Und ich habe vor, eine Krone zu Fall zu bringen.

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