Kapitel 5 — Die Seide und das Blut
Alba
Ich schlafe nicht.
Nicht wirklich.
Ich liege auf dem Rücken, die Augen weit offen in der Dunkelheit, und höre der Stille zu. Eine dichte Stille, beladen mit zu vielen unausgesprochenen Dingen. Mein Körper ist unbeweglich, aber mein Geist dreht sich, wendet sich, zerreißt sich. Ich habe nicht einmal versucht, in diesem Bett einzuschlafen, das nicht meins ist, in diesem Zimmer, das nach seinem Parfum und Asche riecht. Ich habe mich einfach in eine raue Decke gewickelt, auf diesem zu engen Sofa, wie eine Überlebende, die nach dem Sturm wachsam bleibt.
Der Ball verfolgt mich noch immer.
Seine Blicke.
Seine Befehle.
Sein Territorium.
All diese Menschen, gebadet in Lust und Blut, wo jedes Lächeln eine Klinge verbirgt und jedes Glas Champagner vergiftet sein könnte. Ich glaubte zu wissen, was mich erwartet. Ich war bereit, ihr Spiel zu spielen. Ich dachte, ich könnte dieses Kleid als Rüstung nutzen. Aber ich lag falsch. Ich habe ihren Appetit unterschätzt. Ihre Gewalt. Ich habe Sandro unterschätzt.
Er hat mir eine Krone aus Feuer auf den Kopf gesetzt und will nun, dass ich herrsche.
Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich den Thron will.
Langsam richte ich mich auf, die Muskeln angespannt, schmerzhaft. Es fühlt sich an, als hätte jeder Teil meines Körpers einen unsichtbaren Schlag erlitten. Ich gehe geräuschlos durch die Suite und schlüpfe ins Badezimmer. Das eiskalte Wasser weckt mich kaum, aber es wäscht die Maske des Abends ab. Ich hebe den Kopf. Mein Spiegelbild starrt mich wie eine Fremde an.
Die roten Abdrücke auf meiner Haut scheinen zu schreien. Die Blicke, die auf mir ruhen, die Hände, die meinen Taillengürtel streicheln, als wäre ich ein Opfer. Und ich habe sie gewähren lassen. Weil ich strahlen musste. Schön sein musste. Strategisch sein musste.
Aber das alles war nur eine Falle.
— Du spielst, Alba, murmle ich, aber welches Spiel? Und mit welchen Regeln?
Ich gehe barfuß hinaus, das satinierte Kleid zerknittert zwischen meinen Fingern. Ich gehe zurück ins Zimmer. Er schläft. Oder tut zumindest so.
Sandro schläft nie wirklich.
Seine nackte Brust hebt sich langsam im gedämpften Licht. Sein offenes Hemd zeigt die goldene Haut, die klaren Konturen seiner Muskeln, die unauffälligen Narben eines Lebens in Krieg. Er ist ruhig. Angeblich verletzbar. Doch selbst im Schlaf atmet er Macht.
Und ich kann nicht anders, als ihn anzustarren.
Ihn zu nähern.
Die Wärme zu spüren, die von ihm ausgeht.
Ich könnte ihn töten. Hier. Jetzt.
Ich könnte es tun. Ich könnte ihn loswerden und vielleicht dieser Macht entfliehen, die keinen Namen hat.
Aber ich bleibe bewegungslos, festgefroren von etwas anderem.
Der Faszination.
Der Zweifel.
Der Wut auch.
Ich setze mich still an den Rand des Bettes. Ich starre ihn an.
— Du verwandelst mich, Sandro, sage ich mit leiser Stimme. Du weißt, was du tust. Du ziehst mich ins Dunkle. Du willst, dass ich wie du bin.
Ein Atemzug.
Eine Antwort, die die Dunkelheit durchdringt.
— Ich will, dass du in dieser Welt überlebst. Und dafür musst du ein Biest werden.
Ich zucke nicht zusammen. Ich wusste, dass er mir zuhört. Dass er nur auf ein Wort gewartet hat, um aus dem Schatten hervorzuspringen.
— Also willst du mir das nehmen, was mir noch menschlich bleibt?
— Nein. Ich will, dass du es als Waffe benutzt.
Er richtet sich langsam auf. Wie ein Raubtier, das aus seinem Bau tritt. Seine Augen treffen meine, dunkel, tief, scharf. Er lächelt nicht. Noch nicht. Er wartet. Er schleicht.
— Morgen ändert sich alles, sagt er. Dein Name ist heute Abend herumgegangen. Sie haben dein Gesicht gesehen. Sie haben deine Stimme erkannt. Sie werden suchen. Sie werden graben. Du kannst nicht mehr ein Schatten sein.
Ich höre ihm zu, ohne mich zu bewegen. Ich fühle bereits, wie sich die Falle schließt.
— Und du? murmle ich. Was willst du in all dem sein? Mein Wärter? Mein Mentor? Mein Liebhaber?
Ein Lächeln gleitet über seine Lippen. Eiskalt. Grausam.
— Ich bin derjenige, der dich aufrecht hält, wenn alles zerbricht.
Ich lache. Ein kurzes, freudloses Lachen. Zerbrochen.
— Welche edle Erklärung, Sandro. Und was willst du im Gegenzug? Meine Seele? Mein Blut?
Er streckt die Hand aus. Sein Kontakt ist brennend. Er streichelt die nackte Haut meines Arms, zieht eine unsichtbare Linie über meine Vene.
— Ich will, dass du stärker bist als ich.
Ich starre ihn an, verblüfft.
Ist das ein Segen? Eine Bedrohung?
Oder ein Wunsch, der dazu bestimmt ist, alles zu verbrennen, was er berührt?
Er steht auf, macht einen Schritt auf mich zu. Sein Körper überragt mich, aber sein Blick lässt mir den ganzen Raum. Er bietet mir einen Thron aus Dornen an, und er ist bereit, sich zu knien, wenn ich es verlange.
— Morgen wird es ein Abendessen geben, sagt er. Bei den Marchesi. Dein Vater wird da sein. Und dein Bruder.
Ich erstarre.
Der Name meines Bruders ist eine Verbrennung.
Die Erinnerung an meine Mutter ein Gift.
Ich schließe die Augen. Zu viele Stimmen. Zu viel Asche.
— Willst du, dass ich dein Trophäe noch einmal bin? sage ich bitter.
— Nein. Ich will, dass du ihren Platz einnimmst. Dass du ihnen Angst machst. Dass du ihnen zeigst, dass das Blut, das in deinen Adern fließt, nicht dazu bestimmt ist, zu gehorchen.
Ich hebe den Blick zu ihm. Mein Herz schlägt schneller. Nicht aus Angst. Aus Wut. Aus Instinkt.
— Einverstanden. Aber unter einer einzigen Bedingung.
Er wartet, die Arme verschränkt.
— Ich wähle das Kleid.
Sein Blick erhellt sich. Ein Blitz durchzuckt seine Pupillen.
Er nickt.
— Lass sie sehen, was ich entfesselt habe. Nicht das, was ich geformt habe.
Ich stehe auf, umgehe das Bett, gehe ganz nah an ihm vorbei. Ich spüre seinen Atem. Seinen Körper. Seine Wärme. Er bewegt sich nicht. Er wartet, dass ich zurückweiche.
Aber ich werde nicht mehr zurückweichen.
— Gute Nacht, Sandro, murmle ich, während ich ihn mit den Lippen streife.
Er gleitet seine Worte in meinen Nacken, wie ein Versprechen.
— Es ist schon Morgen.
Ich verlasse das Zimmer. Ohne einen Blick zurück.
Denn wenn er mich jetzt sieht, wird er wissen.
Er wird wissen, dass sich etwas verändert hat.
Ich bin keine Überlebende mehr.
Ich bin der Sturm, der kommt.
Und ich habe vor, die Morgenröte bluten zu lassen.
Sandro
Sie glaubt, mich herauszufordern.
Sie denkt, sie hätte die Wahl.
Sie denkt, sie könnte mir noch entkommen.
Aber was ich in ihren Augen heute Abend lese, ist schlimmer als Hass.
Es ist das Erwachen.
Sie bricht nicht zusammen. Sie erhebt sich.
Sie wächst in der Asche, die ich zu besitzen glaubte.
Ich wollte sie an den Rand treiben. Ich wollte die Ketten ihrer Vergangenheit, ihrer Familie, ihrer Illusionen zerbrechen. Aber das hatte ich nicht vorhergesehen.
Ich hatte nicht vorausgesehen… dass sie mich überstrahlen würde.
Sie wird das werden, was ich nicht sein kann.
Eine Königin. Ein Feuer, das ohne Rechtfertigung verzehrt.
Und vielleicht, wenn sie mich nicht vorher tötet…
…werde ich sie schließlich in die Flammen folgen.
