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6

Lea

»Und? Wie war dein erster Tag?«, will Penny wissen, als ich das gemeinsame Zimmer betrete. Penny sitzt an ihrem Schreibtisch und kaut auf einem Stift herum. Vor ihr steht ihr Laptop. Offensichtlich arbeitet sie gerade an einer Excel-Tabelle. Ihrem genervten Gesichtsausdruck kann ich entnehmen, dass es wohl nicht so gut läuft.

»War ganz in Ordnung. Wir reden gleich«, verspreche ich, krame mein Handy aus der Tasche und setze mich auf den Rand meines Betts. »Ich will nur kurz hier anrufen, bevor die Stelle weg ist.«

»Du willst dich auf einen Job bewerben?«, will Penny erstaunt wissen und wendet sich neugierig weiter zu mir um.

»Am Nachmittag 3 Stunden«, sage ich und winke mit dem kleinen gelben Zettel.

»Wenn ich es nicht selbst verstehen würde, würde ich dich jetzt fragen, wie du das alles schaffen willst, bei all den Aufgaben als Fuchs, die auf dich zukommen werden.«

Ich presse die Lippen fest aufeinander und schlucke schwer. »Das muss ich, ich brauche das Geld. Meine Mutter kann es sich nicht leisten, mich zu unterstützen.«

Penny lächelt. »Ich versuche, dir den Rücken freizuhalten, indem ich dafür sorge, dass die Mädchen sich auf die anderen Füchse konzentrieren.«

Ich werfe der offenen Tür einen kurzen Blick zu, als ich jemanden nach mir rufen höre. »Ich bin hier oben«, antworte ich wenig begeistert. Wer weiß, wessen Wäsche ich jetzt wieder bügeln soll. Ich sehe Penny an. »Also sollte ich Ryan gar nicht erst anrufen? Er will mir den Campus zeigen.« Wenn schon mein Job zum Problem werden könnte, was ist dann erst mit Dates? Darf ich überhaupt meine Freizeit für mich selbst verplanen?

»Ryan? Den Campus zeigen?«, will Liz wissen, als sie in der Tür erscheint. »Habe ich das richtig gehört?«

»Hast du.« Ich beiße mir unsicher auf die Unterlippe und mustere Liz aufmerksam. Immer wenn ich sie sehe, spüre ich so einen Kloß in meinem Magen wachsen, weil ich ständig daran denken muss, dass sie Ians Freundin ist. Früher hat es mich auch gestört, Ian mit anderen Mädchen zu sehen, aber bei Liz fühlt es sich nochmal ganz anders an. Viel schmerzhafter. Weil er richtig mit ihr zusammen ist. Nicht so wie früher, als er jedes Mädchen nur benutzt hat.

»Das kannst du vergessen, Frischlinge dürfen keine Dates mit den Brüdern haben«, sagt plötzlich Katja, schiebt sich neben Liz in den Türrahmen und runzelt die Stirn, während sie mich aufmerksam mustert. Ihr Blick huscht für eine Sekunde fast schon drohend zu Penny, bevor sie sich wieder an mich wendet. »So sind unsere Regeln.«

»Weiß Ryan davon nichts?«, hake ich verwundert nach und sehe Penny hilfesuchend an. »Ich hatte keine Ahnung.«

Katja zuckt nur mit den Schultern. »Unten ist eine Vase kaputtgegangen, würdest du das bitte aufräumen?«

»Ich komme gleich«, sage ich und seufze innerlich. Wo ist der Spaß auf dem College, von dem alle immer reden? Bisher habe ich nur Verpflichtungen.

Katja wendet sich kommentarlos ab und zieht Liz mit sich, die mir zumindest noch ein bedauerndes Lächeln zuwirft.

»Zumindest habe ich dann genug Zeit für meine Vorbereitungen«, sage ich kleinlaut. Eigentlich habe ich mich sogar schon darauf gefreut, mir von Ryan den Campus zeigen zu lassen. Ich habe den halben Nachmittag damit verbracht, mich seelisch darauf vorzubereiten und war jetzt endlich soweit, es auch tatsächlich durchzuziehen, nicht ohne ein wenig stolz auf mich zu sein, weil ich es wirklich wagen wollte. Ich wollte gern mehr über die Dinge erfahren, die nicht in den Broschüren stehen. Mir von Ryan den Campus zeigen zu lassen, wäre perfekt dafür gewesen, zumindest haben mir diese Gedanken den Mut gegeben, den ich brauche.

»Katja erzählt Müll. Diese Regel gibt es nicht, sie sieht es nur nicht gern, wenn die Neuen bessere Dates abbekommen als sie. Du musst dich nicht nach ihr richten, auch dein Dasein als Fuchs hat seine Grenzen.« Penny steht auf und tritt in den Flur raus, dann höre ich, dass sie sich mit jemanden unterhält, kurz darauf kommt sie zurück ins Zimmer, schließt die Tür hinter sich und setzt sich an ihren Schreibtisch.

»Die Vase ist nicht mehr dein Problem. Ruf schon endlich wegen deines Jobs an.«

»Das klang doch gut«, meint Penny, nachdem ich aufgelegt habe, schiebt ihren Stift wieder zwischen ihre Lippen und kaut weiter darauf herum.

»Ich soll morgen Probearbeiten, aber die Chefin klang begeistert, weil ich schon zu Hause in einem Cafè gearbeitet habe. Es könnte also wirklich klappen.«

»Das freut mich für dich. Die wenigsten finden so schnell einen Job. Ich drück dir die Daumen. Lass ein paar Tassen fallen, du weißt ja, Scherben bringen Glück«, schlägt Penny lächelnd vor.

Ich stehe vom Bett auf und öffne meine Kommode, dann ziehe ich ein Shirt hervor und halte es mir vor den Oberkörper. »Was denkst du, wird Ryan mir zeigen?«

»Eigentlich gibt es da gar nicht so viel. Die üblichen Pärchenplätze wahrscheinlich. Zieh einfach an, worin du dich wohl fühlst.« Sie legt den Kopf schief und mustert das einfache Shirt, das ich ausgesucht habe. »Nicht zu wohl. Vergiss nicht, du repräsentierst eine Omega. Wir sehen immer aus …«

»… als wären wir bereit für eine Party in einem teuren Club«, beende ich und verdrehe die Augen, dann falle ich in Pennys Lachen ein. Ich lege das Shirt zurück, gehe zum Kleiderschrank, den ich mir mit Penny teile und nehme ein schlichtes, aber sexy schwarzes Kleid heraus. »Besser?«

»Viel besser.« Penny nickt zufrieden, dann kaut sie wieder auf ihrem Stift herum. Als sie meinen Blick bemerkt, grinst sie verlegen. »Ich gewöhne mir eben das Rauchen ab. Eine blöde Angewohnheit, das erste Jahr war stressig und irgendwie hatte ich gedacht, rauchen würde es einfacher machen. Macht es nicht.«

»Ich knabbere an den Nägeln, auch nicht besser«, gestehe ich. »Wenn ich nervös bin oder Langeweile habe, dann knabbere ich, deswegen trage ich diese künstlichen Nägel, die wahrscheinlich auch bald nicht mehr toll aussehen werden. Ich kann es mir einfach nicht abgewöhnen.«

Penny wirft einen kurzen Blick auf meine Acrylnägel. »Vielleicht finden wir zusammen etwas Besseres, worauf wir herumkauen können?«

Ich lache laut auf und muss an Sultan denken, den Rottweilermischling, den Ian als Kind hatte. »Hundekauknochen.«

»Hmm, ja. Die schmecken wenigstens nach etwas.«

Ich lege das Kleid auf mein Bett und setze mich daneben, dann lasse ich meinen Blick durch das Zimmer streifen und lächle zufrieden. Zumindest mit diesem Zimmer und Penny als Mitbewohnerin habe ich es nicht schlecht getroffen. Ich mag Penny schon jetzt ganz gern, weil sie herrlich unkompliziert zu sein scheint. Ich habe nicht das Gefühl, mich bei ihr ständig beweisen, immer nur nett und freundlich sein zu müssen, und auch nicht perfekt. Ganz anders ist das bei Mina, der Präsidentin der Verbindung. Sie ist extrem kalt mir gegenüber, immer streng und fordert von allen Mädchen, dass sie immer perfekt sein sollen, denn die Mädchen präsentieren die Verbindung und die Verbindung ist alles. In Minas Nähe fühle ich mich, als wäre ich nur eine Puppe, die herumgeschoben wird und funktionieren muss. Ich habe schon jetzt Angst vor dem ersten Training, denn Mina ist auch der Kapitän des Teams.

»Und wie lief dein erster Tag mit dem Philosophie-Drachen?«, will Penny wissen, während sie etwas auf einem Schreibblock anstreicht, bevor sie wieder zu mir aufsieht.

Eine Sekunde betrachte ich nachdenklich ihre lockige Mähne, dann zucke ich mit den Schultern und verdrehe die Augen. »Irgendwie habe ich nicht viel mitbekommen, Ryan hat mich zu sehr abgelenkt.« Und Ian, aber davon erzähle ich ihr nichts. »Er hat sich neben mich gesetzt und mich fast die ganze Lesung über von einem Date überzeugen wollen.«

»Nun, das hat er ja offensichtlich geschafft«, sagt Penny grinsend.

»Wir nennen es nicht Date«, gestehe ich. »Es ist eine Dienstleistung unter Freunden.«

»Nenn es, wie du möchtest. Du kannst meine Notizen durchsehen, ich hab alles aufgehoben.«

»Danke«, stoße ich erleichtert aus. »Wahrscheinlich rettest du mir das Leben.«

»Wozu wäre ich sonst da?«

Ian

Nachdem ich den Wassertank der Kaffeemaschine aufgefüllt habe, stelle ich einige Tassen verkehrt herum auf die Wärmeplatte der Maschine und schalte sie an, um die erste Kanne frischen Kaffee durchlaufen zu lassen. Danach beginne ich damit, Muffins, Cupcakes und Donuts in die Auslage der Theke zu räumen und Servietten in die Halter zu sortieren. Seit über einem Jahr arbeite ich jetzt am frühen Abend in diesem Café, anfangs erzwungen, weil mein Vater sich geweigert hat, mich weiter finanziell zu unterstützen, wenn ich nicht einmal mehr an den Feiertagen nach Hause komme. Mittlerweile fühle ich mich zumindest nicht mehr gezwungen und hasse meinen Vater nicht mehr ganz so sehr, dafür, dass ich mir durch seine Weigerung Geld dazuverdienen muss.

Gerade als ich die Serviettenhalter auf die Tische aufteilen möchte, öffnet sich die Vordertür des Cafés, obwohl das Schild hinter der Scheibe jedem deutlich zeigt, dass wir noch immer geschlossen haben. Ich hebe den Blick, mehrere gefüllte Halter in meinen Armen, und erstarre mitten in der Bewegung. Lea. Was macht sie hier? Mein Blick gleitet über das schwarze Kleid, das sie trägt. Sie sieht aus, als wolle sie ausgehen, zugleich ist sie so geschockt, mich zu sehen, dass sie wohl nicht vorhatte, mit mir auszugehen. Aber viel weiter kann ich im Moment nicht nachdenken, weil ich einzig diese erdrückende Wut auf sie spüre, immer dann, wenn ich sie sehe oder an sie denke, weil mich die Erinnerungen wie ein Orkan überwältigen.

»Hast du das Lesen verlernt, seit ich River Falls verlassen habe«, fahre ich Lea an, die mich erschrocken anstarrt und ganz vergessen hat, die Tür wieder zu schließen. »Dein geistiger Verfall muss demnach ziemlich schnell vonstattengehen, früher hast du immer irgendein Buch bei dir gehabt.«

»Ich kann noch immer lesen«, knurrt sie mich mit zusammengekniffenen Augen an, schließt jetzt endlich die Tür und tritt weiter in das Café. Sie sieht sich kurz um, dann landet ihr Blick auf meinen beladenen Armen und sie legt verwirrt den Kopf schief.

»Dann solltest du verstehen, was geschlossen heißt«, werfe ich ihr harsch an den Kopf, ohne auf die Frage einzugehen, die ihr regelrecht ins Gesicht geschrieben steht. Du arbeitest hier? Aber egal wie wütend ich auch immer sofort bin, wenn ich sie sehe, ein Blick auf sie und ich wünsche mir, es würden nicht all diese Dinge zwischen uns stehen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir uns so lange Zeit nicht gesehen haben, aber ich bin mir sicher, dass sie noch viel heißer geworden ist. Sie hat Kurven bekommen, die da früher nicht waren und das schwarze Kleid, das sie trägt, verbirgt überhaupt nichts. Es zeichnet ihre Silhouette perfekt nach und umschmeichelt ihren noch viel weiblicher gewordenen Körper. Sie ist verdammt heiß und das macht mich nur noch wütender.

»Wie wäre es, wenn du einfach wieder verschwindest?«

»Ich verstehe, was geschlossen bedeutet, aber da ich ab heute hier arbeite, gilt das Schild nicht für mich«, gibt sie schnippisch zurück und ignoriert, was ich sonst noch gesagt habe. »Wo ist Mrs. Carter?«

Sie arbeitet hier? Ich schließe die Augen und unterdrücke das verzweifelte Stöhnen, das sich meine Kehle hocharbeiten will. Mrs. Carter hat mich darüber informiert, dass ich heute jemanden anlernen soll, aber sie hat mir nicht gesagt, wen. Warum hätte sie das auch tun sollen? Dieses Café gehört ihr und ich bin hier nur angestellt. Und trotzdem bin ich alles andere als glücklich mit dieser Entwicklung. Lea und ich Seite an Seite, zusammen in diesem kleinen Café, für Stunden. Das ist einfach keine gute Sache. Ich atme zitternd ein und gegen die aufsteigende Verzweiflung an.

»Sie ist nicht hier, ist sie die meiste Zeit nicht, nur für den Papierkram. Du musst wohl mit mir vorliebnehmen.« Auch wenn mir das so wenig gefällt wie dir. Ich starre auf meine Arme runter, in denen ich noch immer die Servietten halte. Ich komme mir vor wie der letzte Trottel, so wie ich hier stehe und versuche, mit meinen Gefühlen klarzukommen.

Leas Lippen öffnen sich, als wolle sie etwas sagen, dann überlegt sie es sich wohl anders. Sie presst die Lippen fest aufeinander und schnaubt leise. »Wieso arbeitest du hier?«, will sie wissen und versucht nicht einmal, ihre Enttäuschung zu verbergen.

»Wieso willst du hier arbeiten?«, entgegne ich, komme um den Verkaufstresen herum und beginne, die Serviettenhalter zu verteilen, ohne sie weiter zu beachten. Aber ich spüre ihre Anwesenheit trotzdem mit jeder Faser meines Herzens, das sich schmerzhaft zusammenzieht und dieses alte Lied singt, das es schon vor Jahren gesungen hat: Du willst sie. Du willst sie. Aber du kannst sie nicht haben.

»Weil ich das Geld brauche, das weißt du.« Sie verschränkt die Arme vor der Brust, als ich zu ihr hinsehe, dann weicht sie meinem Blick aus und sieht sich im Raum um, als hätte sie das nicht vorhin schon getan, als sie reinkam. Diese nervöse, zornige Stimmung zwischen uns überträgt sich auf den ganzen Raum, habe ich das Gefühl und hoffe insgeheim, dass davon die Sahne auf den Cupcakes nicht schlecht wird.

»Genau deswegen tue ich das hier auch.« Ich stelle die letzten Servietten auf den Tisch, dann bleibe ich vor Lea stehen. Sie war nie besonders groß, weswegen sie zu mir nach oben sehen muss. Ich weiß nicht, ob ich es früher schon genossen habe, so auf sie hinab zu starren, aber in diesem Augenblick fühle ich mich nicht nur überlegen, sondern auch erregt von der Tatsache, dass sie mir so völlig unterlegen scheint. Und das, obwohl ich weiß, wenn es um ihre innere Stärke geht, dann ist diese Frau mir kein bisschen unterlegen.

»Seit wann musst du Geld dazuverdienen? Zahlt Daddy nicht mehr all die Partys?«, meint sie, verzieht das Gesicht, als würde ich riechen wie jemand, der seit Wochen nicht geduscht hat, und geht zwei Schritte rückwärts und dann um die Theke herum. »Wo kann ich mich umziehen?«

»Daddy zahlt nicht mehr, weil ich seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause war. Wegen dir«, füge ich an, gehe an ihr vorbei und ignoriere den erschrockenen Ausdruck in ihrem Gesicht. Ich gehe den schmalen Gang hinter der Theke entlang. Hier hinten befinden sich das Büro, die Küche, das Lager und die Umkleideräume mit einer Dusche und einer Toilette. Das Kunden-WC ist vorn im Gastbereich. Weder das WC hier hinten noch das vorn putze ich besonders gern. An die Arbeit im Service habe ich mich im Laufe des letzten Jahres aber gewöhnt. Auch wenn Kellnern nie mein Traumberuf war. Aber es fühlt sich gut an, etwas zu tun, das sinnvoll ist. Sinnvoller als das Leben, das ich früher geführt habe.

»Hier«, sage ich und zeige in die Umkleide. »Es gibt nur eine für uns alle, aber eigentlich sollte das kaum ein Problem sein. Keiner von uns muss sich hier nackt ausziehen, um diesen Job zu erledigen.« Ich nehme die kleine Schürze, die Karen für die neue Bedienung bereitgelegt hat und halte sie vor Lea hoch. Es ist eine dieser weißen Servierschürzen, die man aus alten Filmen kennt. So wie das ganze Café ist auch diese Schürze ein bisschen Vintage. Aber ich habe nicht wirklich ein Auge dafür. Ganz anders als Lea, sie steht auf all diesen alten Kram. Zumindest stand sie mal drauf: alte Filme mit Elvis und Audrey Hepburn oder Musik von Marilyn Monroe. Alles Kram, mit dem ich nichts anfangen konnte, den ich mir aber mit ihr zusammen angetan habe, weil wir Freunde waren.

Wofür ich aber ein Auge habe, ist die Schürze an Leas Körper, als diese sie sich umbindet. Verdammt, ich hätte mir den einen oder anderen Porno nicht reinziehen sollen, denn dieser Anblick ist zu viel. Nur allein durch diese Schürze ist Leas Aussehen noch einmal um ein paar hundert Grad heißer geworden. Ich räuspere mich und gehe zurück hinter die Theke.

»Die Kasse«, sage ich zu ihr und lege eine Hand flach auf das Gerät.

»Ich weiß, wie das funktioniert. Nenn mir nur meine Kassierernummer.«

»Woher weißt du das?«, frage ich sie verdutzt.

»Ich hab bei Ella’s gearbeitet im letzten Jahr.«

Ella’s ist das kleine Café an der Main Street in River Falls, in dem wir beide als Kinder jeden Tag einen Cupcake gegessen haben. Eigentlich geht jedes Kind im Ort andauernd in das Café, weil es so etwas wie der Heilige Gral im sonst eher langweiligen River Falls ist.

»Neben der Arbeit für meinen Vater?«

»Du warst weg, es gab nicht mehr jeden Tag leere Flaschen und liegengebliebene Höschen wegzuräumen.«

Erwischt. Ich ignoriere es trotzdem, weil ich nicht gern daran erinnert werde, wie unfair ich sie damals behandelt habe.

Ich tippe ihre Nummer ein und öffne die Kasse. »Die Toiletten gehören auch dazu. Bevor wir am Abend gehen, muss alles geputzt werden.«

Lea zieht erstaunt ihre Augenbrauen hoch. »Du putzt Toiletten?«

Ich stelle mich ganz nah vor sie, dann lege ich meine Wange gegen ihre und freue mich, als sie sich versteift und zitternd ausatmet. »Du solltest wirklich nicht hier sein«, flüstere ich.

»Das sagtest du schon vor ein paar Tagen und ich bin noch immer hier«, antwortet sie und schiebt mich ein Stück von sich.

»Ich weiß, und ich meine es noch immer so.«

»Du wirst mich nicht vertreiben.«

»Du meinst so wie du mich?«

Sie schluckt heftig, dann steigt Hitze in ihr Gesicht, und wendet sie sich von mir ab. Ich gehe zur Tür und drehe das Schild um. In den nächsten Stunden reden wir kaum miteinander. Hier und da fragt sie mich mal etwas, das ich ihr dann mit knappen Worten erkläre, ansonsten vermeiden wir beide, die Umstände für uns noch schwieriger zu machen. Immer, wenn ich glaube, dass sie es nicht bemerkt, beobachte ich sie und versuche, jede Bewegung, jedes Lächeln und jedes Stirnrunzeln in mich aufzusaugen, um all die Bilder in meinem Kopf von ihr, die ich in den letzten Jahren verloren habe, wieder aufzufrischen. Es fühlt sich beängstigend und zugleich unwirklich an, dass sie hier ist. Nah genug, dass ich sie berühren könnte, aber noch immer viel zu weit entfernt, um zu vergessen.

»Du gehst also mit Ryan aus«, sage ich kurz bevor wir schließen zu ihr und nicke zur Eingangstür, wo Ryan neben seinem SUV steht und ungeduldig zu uns rein sieht.

Sie wischt gerade einen Tisch ab, sieht auf und folgt meinem Blick, dann nickt sie. »Ich wüsste nicht, was dich das angeht.« Ihre Stimme klingt, als müsste sie sich vor mir verteidigen.

»Du hast recht, geht mich nichts an«, werfe ich ein, wende mich von ihr ab und fange an, die Stühle auf die Tische zu stellen, damit ich den Boden wischen kann. Es ist komisch, ich habe mir schon seit sehr vielen Monaten keine Gedanken mehr darüber gemacht, dass ich hier arbeite. Aber mit ihr hier, fühlt es sich wieder komisch an. Ich habe plötzlich wieder das Gefühl, dass das hier nicht ich bin. Dass sie mir dieses Gefühl gibt, macht mich wütend, denn natürlich bin ich das hier. Ich bin nicht mehr der Typ von damals, der immer nur Spaß wollte, ohne etwas dafür tun zu müssen. Der immer nur hart und cool rüberkommen wollte. Aber ich bin noch immer der Typ, der diese Frau trotz allem, was zwischen uns vorgefallen ist, noch immer nicht vergessen kann. Der sie noch immer liebt und sich nicht von ihr befreien kann. Und jetzt geht sie mit Ryan aus und ich kann nichts dagegen unternehmen, denn sie hat mir schon vor Jahren deutlich gemacht, dass sie nicht mehr will, dass ich mich in ihr Leben einmische. Und das hat uns erst an diesen Punkt geführt, an dem wir uns kaum noch in die Augen sehen können. Also werde ich den Teufel tun und ihr dazwischenfunken. Sie ist alt genug, um zu wissen, was sie tut.

»Mach die Toiletten«, befehle ich ihr trotzdem mit hartem Tonfall, als ich ihren Blick auf Ryan bemerke. Ich muss mir auf irgendeine Weise Luft machen. Es ist der gleiche Tonfall, mit dem ich ihr auch befohlen habe, meinen Dreck aufzuräumen, meine Freunde und all die bedeutungslosen Ficks zu bedienen. Und in ihren Augen sehe ich, dass auch sie das begriffen hat. Keiner von uns beiden hat vergessen. Muss sie ihn so ansehen? So als wäre er ein netter Kerl, der nur die besten Absichten hat? »Beweg deinen verdammten Hintern etwas schneller.«

»Wie du befiehlst«, sagt sie. Und diese Worte klingen genauso wie damals, wenn ich sie meinen Dreck habe aufräumen lassen.

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