5
Lea
»Einen Karamell-Latte mit entrahmter Milch«, zähle ich auf und stelle einen der Pappbecher, die ich auf dem Tablett auf meinem Arm balanciere vor Penny auf den Tisch. »Einen Café au lait für Lola und einen Haselnuss-Karamell-Latte für Nelly. Und der ist für mich.« Ich drücke jeder meiner Schwestern noch einen Muffin in die Hand, dann ziehe ich mir einen Stuhl am Tisch zurück und setze mich auch. Fuchs zu sein in einer Verbindung voller junger Frauen habe ich mir nicht halb so aufwendig vorgestellt, wie es sich jetzt herausstellt. Die Mädchen haben eigentlich jede Minute, in der ich nicht in einem Kurs feststecke, irgendwelche Wünsche, die ich oder einer der anderen fünf Füchse erledigen müssen.
»In 30 Minuten beginnt dein Kurs bei Mrs. Walters«, stöhnt Penny und wirft mir einen bedauernden Blick zu.
Ich habe schon einiges über meine neue Professorin gehört. Sie soll streng sein, sehr konservativ und hat sehr engstirnige Ansichten, was ihren Fachbereich betrifft. Am liebsten hätte sie es wohl, dass all ihre Studenten grundsätzlich ihrer Meinung sind. Offensichtlich gibt sie wohl nur gute Noten, wenn man ihr nach dem Mund redet. Mein Magen krampft sich schon bei der Vorstellung zusammen, ich darf Thesen nicht hinterfragen. Dabei geht es in der Philosophie doch genau darum: Man versucht die Dinge mit dem eigenen Verstand zu begreifen und sie zu hinterfragen.
Ich seufze. »Ich hoffe noch immer, dass du übertreibst.«
Penny schüttelt den Kopf. »Ich wäre fast durchgefallen, erst als ich begriffen habe, wie die Walters tickt und alles genau so wiedergegeben habe, wie sie es vorgetragen hat, konnte ich meine Note verbessern.«
»Zumindest weißt du jetzt, worauf es ankommt im Kurs«, stellt Lola fest.
Ich nicke und mustere dann nachdenklich Penny. Penny und ich teilen uns jetzt seit drei Tagen ein Zimmer im Verbindungshaus und mittlerweile habe ich auch alle anderen Mädchen kennengelernt. Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt, in einem Haus voller Mädchen zu wohnen, aber bisher fühlt es sich eher wie eine nicht enden wollende Pyjamaparty an.
Ich habe den Pakt eigentlich nie hinterfragt, aber seit ich hier auf dem College bin und er in meinem Leben keine Rolle mehr spielen sollte, denke ich oft über die Dinge nach, die die meisten von uns sich verwehrt haben. Solche Sachen wie: Kinobesuche mit Jungs, erste, zweite und dritte Dates, Fummeln in irgendwelchen dunklen Ecken. Und in meinem Leben sogar Dinge wie den ersten Kuss. Ich bin noch nie geküsst worden und weiß nicht, wie sich das anfühlt. Aber eigentlich ist der Pakt für mich nur eine willkommene Ausrede gewesen, mich eben nicht mit all diesen Dingen beschäftigen zu müssen. Mir ist die Einhaltung also leicht gefallen. Aber wie ist das für meine Freundinnen gewesen? Wie haben sie sich damit gefühlt, all das nicht haben zu können? Vielleicht haben wir uns mit dem Pakt nur selbst gegeißelt und gar nicht die Jungs, die wir damit treffen wollten.
Jetzt sehe ich jeden Tag meine Verbindungsschwestern mit ihren festen Freunden oder flüchtigen Beziehungen und werde das Gefühl nicht los, wir hätten zu viel verpasst, das eigentlich zum Leben eines jungen Menschen dazugehört. Zumindest meine Freundinnen haben zu viel verpasst. Ich habe es genau so gewollt, weil ich erst lernen musste, klarzukommen und meine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen.
Ich trinke meinen Kaffee aus und sehe auf die Uhr an der Wand direkt hinter Lola. »Drückt mir die Daumen«, sage ich und springe mit einem mulmigen Gefühl im Magen auf.
»Tun wir. Und heute Abend hilfst du uns dabei die Party vorzubereiten.«
Ich zögere mitten in der Bewegung, eben wollte ich mich nach meiner Tasche bücken, jetzt werfe ich Penny einen fragenden Blick zu. »Was für eine Party?«
»Wir geben jedes Jahr am 3. Wochenende eine Party für Kappa Tau. Sie sind unsere Brüder. So heißen wir ihre Füchse willkommen«, erklärt Penny.
»Ich hatte keine Ahnung. Ist das nicht auch das Wochenende, an dem der Elternbesuchstag ist?«, frage ich überrascht. Eine Party bedeutet viel Arbeit und ich wollte mich eigentlich für einen Job bewerben. Etwas, das ich an den Abenden machen kann. Ich brauche dringend etwas Geld, um mich zu versorgen. Ich möchte meine Mutter entlasten. Sie würde mir jeden Cent schicken, den sie sich vom Mund absparen kann, aber das kann ich nicht annehmen. Ich kann ihr diese zusätzliche Belastung nicht zumuten. Aber wenn es jedes Wochenende irgendwo eine Party gibt, an der ich teilnehmen muss, wie soll ich das alles dann hinbekommen: Lernen, Hausaufgaben, einen Job und meine Aufgaben als Fuchs und Verbindungsmitglied?
Penny grinst. »Keine Sorge, es ist nur am Anfang so stressig.«
Ich nicke hoffnungsvoll, kann es mir aber im Augenblick nicht vorstellen. Die Mädchen genießen es viel zu sehr, mich mit Arbeiten einzudecken. »Also dann«, sage ich trotzdem möglichst locker, nehme meine Tasche und verlasse das Café. Erst als ich draußen bin, lasse ich das Lächeln aus meinem Gesicht gleiten und stöhne leise auf. Ich will nicht, dass jemand mitbekommt, was wirklich in mir vorgeht und wie sehr ich mich Sorge. Das sind Dinge, die ich schon immer mit mir selbst ausgemacht habe. Der Gedanke, dass andere wüssten, wie schwer es mir fällt, mir das alles hier leisten zu können, fühlt sich unangenehm an. Ich hätte deutlich weniger Miete zahlen müssen, wenn ich in einem der Wohnheime gewohnt hätte. Aber das hätte meine Chancen auf einen Platz im Stammteam auch deutlich gemindert. Also muss ich versuchen, die höheren Kosten auf andere Weise zu bewältigen. Ich brauche diesen Job. Ich muss versuchen, mir die Abende freizuschaufeln.
Ich hole tief Luft und versuche, mich zu entspannen. Der Campus ist um diese Zeit am Vormittag wie ein lebendes, atmendes Wesen. Alle bewegen sich eilig in die eine oder andere Richtung, die Augen auf ihre Wege gerichtet als gäbe es nichts Wichtigeres, als ihr Ziel. Wie Ameisen, die geschäftig über gewohnte Wege krabbeln und nichts anderes um sich herum wahrnehmen.
Ich betrete die Nelson Hall, ein unscheinbares hellbraunes Backsteingebäude mit weißen Fenstern, und laufe dann zielstrebig den Gang runter. Laut Pennys Beschreibung befindet sich der Kursraum ganz am Ende der unteren Etage. Vor der Tür stehen schon einige Studenten und unterhalten sich, da der Raum aber geöffnet ist, gehe ich einfach rein, sehe mich kurz nach einem freien Platz um und setze mich dann möglichst in die Mitte, aber nicht zu weit nach vorn. Wenn Mrs. Walters eine so unangenehme Professorin ist, dann will ich ungern zu nah unter ihrer Nase sitzen, das sorgt nur dafür, dass ich mich zu sehr unter Druck gesetzt fühle.
Ich lege meine Materialien bereit, während sich der Raum langsam füllt. Ich schreibe meiner Mutter eine kurze Nachricht, in der nur steht, dass es mir gut geht, dann schalte ich mein Handy aus und stecke es weg. Als ich wieder aufsehe, nimmt gerade jemand neben mir Platz.
»Also, darf ich dir den Campus zeigen?«, will Ryan mit einem breiten Lächeln wissen und sortiert seine Arbeitsmaterialien auf den Tisch, dann sieht er mich neugierig abwartend an, als gäbe es nichts Wichtigeres als meine Antwort auf seine Frage.
»Ich habe noch nicht darüber nachgedacht«, sage ich und zucke möglichst desinteressiert mit den Schultern, setze aber ein Lächeln auf, das ihm verdeutlichen soll, dass ich mir einen Scherz erlaube. Eigentlich habe ich keine Zeit für Dates, aber Dates sind Teil des Versprechens, das ich mir selbst gegeben habe. Ein Versprechen, das ich einhalten muss, wenn ich irgendwann ein normales Leben führen will. Wenn ich über die Vergangenheit hinwegkommen will. Trotzdem fühle ich mich hin- und hergerissen, denn der Drang, einen Job zu finden ist im Moment deutlich größer. Aber geht es mir wirklich um den Job oder will ich ihn nur als Ausrede hernehmen, um mich nicht meinem Problem stellen zu müssen? Einen Schritt nach dem anderen, rufe ich mir mein Mantra ins Gedächtnis. Du hast es dir geschworen.»Hast du noch immer Zweifel, weil wir uns noch nicht kennen? Dabei habe ich ein vertrauenswürdiges Gesicht, findest du nicht auch?«
Ich wiege gespielt abschätzend den Kopf hin und her und versuche mit einem vorsichtigen Lächeln, meine Unsicherheit und den rasenden Puls zu überspielen. Mein Körper kribbelt auf der Seite, die Ryan zugewandt ist, als wolle er mich vor einem heraufziehenden Unwetter warnen. Nicht jeder Mann ist gefährlich, rede ich mir Mut zu und versuche, möglichst ruhig zu atmen. Ich bereue es, dass ich nicht schon vor Monaten angefangen habe, mich wieder mehr aus meinem Schneckenhaus heraus zu trauen, dann würde es mir jetzt vielleicht einfacher fallen.
»Das könnte nur Fassade sein. Wer weiß schon, was hinter diesem Gesicht wirklich vor sich geht«, sage ich und bin froh, dass meine Stimme mitspielt bei meinem Versuch, entspannt und locker zu wirken.
»Dann arbeiten wir doch einfach an dem Kennenlernen. Du warst also mit Ian auf der Highschool? Du, Cheerleader, und er, Quarterback. Habt ihr das Klischee erfüllt?«
»Wenn du wissen willst, ob Ian und ich ein Paar waren? Waren wir nicht.«
Er lächelt. »Dann steht er einem Date also nicht im Weg?«
Ich presse die Lippen zusammen. Es gab eine Zeit, da hat Ian jedem Date im Weg gestanden. Jetzt steh ich nur noch mir selbst im Weg. Und das muss aufhören. Ich will, dass es aufhört, weil es mir das Gefühl gibt, unvollständig zu sein. »Ich denke nicht.«
»Du denkst nicht?« Ryan lacht auf und beugt sich etwas näher zu mir, bis ich den Geruch seines Aftershaves wahrnehmen kann, das angenehm nach feuchtem Waldboden riecht und gut zu ihm passt. Genauso wie das hellblaue Hemd mit dem lässig offenen Kragen, das er trägt. »Das klingt nicht, als wärst du dir sicher.«
Mein Puls beschleunigt sich. »Nein, so war das nicht gemeint.« Ich schüttle den Kopf. Ich muss mir eingestehen, dass Ryan mich nervös macht, und dass es in meinem Magen ganz schön kribbelt, bei dem Gedanken etwas mit ihm zu unternehmen. Ich fühle, wie meine Entschlusskraft schwindet und ich kurz davorstehe, das Handtuch zu werfen und mich wieder zu verkriechen. Schaffe ich es, mit ihm allein zu sein, Zeit mit ihm zu verbringen, vielleicht irgendwo, wo es nur uns gibt? Ich fühle mich überfordert, aber ich will nicht vor mir selbst in die Knie gehen.
»Also gut, zeig mir den Campus und die Karaoke Bar. Aber bleiben wir dabei und nennen es nicht Date«, sage ich unsicher und beiße mir nervös auf die Unterlippe. Es nicht Date zu nennen, beflügelt mich durch die Hoffnung, dass ich ohne ein richtiges Date auch keine Grenzen überwinden muss, die ich noch nicht überwinden kann, was heißt, ich würde mich weiter auf einigermaßen sicherem Terrain bewegen.
Ich lasse meinen Blick durch den Kursraum gleiten, nur um Ryan nicht ansehen zu müssen, weil mich sonst der Mut vollends verlassen würde, und zucke erschrocken zusammen, als ich Ian entdecke. Er sitzt vor uns, hat sich uns zugewandt und beobachtet uns mit leicht zusammengekniffenen Augen. Als er bemerkt, dass ich ihn ansehe, hält er meinem Blick einfach stand und mir wird ganz heiß. Mein Herz rast so schnell, dass mir ganz schwindlig wird. Wie habe ich diese Augen vermisst, diesen harten Blick und dieses wunderschöne Gesicht. Das wird mir erst jetzt in diesem Moment klar. Nicht schon auf der Party, wo der Schock, ihn wiederzusehen, einfach noch zu tief saß, sondern jetzt, wo ich mich an den Gedanken gewöhnen konnte, dass er wieder in meinem Leben ist, wenn auch flüchtig. Ich sauge jeden Millimeter seines Gesichts auf und vergleiche es in meinen Gedanken mit meinen Erinnerungen. Sein Bartwuchs scheint dichter zu sein. Obwohl Ian dunkelblond ist, wirkt der Schatten auf seinen Wangen dunkel. Sein Kinn wirkt markanter und der Ausdruck in seinen Augen härter. Und dann denke ich verwundert: Ian hat Philosophie belegt?
»Dann nennen wir es eben nicht Date. Wir gehen einfach zusammen in die Bar. Ich zeig dir, wo auf dem Campus man hingehen kann, wenn man abends noch Lust auf ein wenig Spaß hat. Ein Freundschaftsdienst.«
Ryans Stimme lässt mich zusammenzucken. Wie lange haben Ian und ich uns angestarrt? Ich löse meinen Blick von Ian. »Ein Freundschaftsdienst also? Da kann ich natürlich nicht Nein sagen«, sage ich mechanisch, weil mein Kopf noch mit Ian beschäftigt ist.
»Nein, kannst du wirklich nicht«, sagt Ryan und zwinkert mir zu. Dieses Zwinkern beherrscht er wirklich gut. Es wirkt aufregend sexy und herausfordernd zugleich. Wahrscheinlich lässt es jedes Mädchenherz Luftsprünge machen, meins rast vor Panik, gut dass er keine Ahnung davon hat, dass ich Angst vor dem habe, was wir tun wollen. Auch wenn es kein Date ist, nur ein Spaziergang über den Campus, wo es Menschen gibt. »Also am Freitag?«
»Kann ich dich wegen eines Termins anrufen? Ich werde wahrscheinlich das ganze Wochenende mit der Party im Haus beschäftigt sein.«
Ryan seufzt und rümpft die Nase. »Das harte Schicksal eines Fuchses.«
Ich sehe nach vorn zum Pult, als sich eine kleine füllige Frau vor das Schreibpult stellt, die Arme vor der Brust verschränkt und die Studenten mit einem harten Blick fixiert. »Mein Name ist Mrs. Walters, ein paar von euch kennen mich schon.«
»Dann rufst du mich an.« Er nimmt einen Stift aus seiner Mappe, zieht sich meinen Ordner heran und schreibt seine Telefonnummer auf den Umschlag. »Ruf an«, sagt er noch einmal ernst.
Ich hauche ein leises »Okay«. Ich möchte nicht schon in der ersten Vorlesung bei Mrs. Walters negativ auffallen. Die Frau hat kaum begonnen, da macht sie schon ein so grimmiges Gesicht, dass ich nervös auf meinem Stuhl herumrutsche. Ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was Mrs. Walters sagt, aber meine Gedanken schweifen immer wieder zu Ryan ab und dem prickelnden Gefühl, das seine Nähe in mir auslöst. Jeder Zentimeter meiner Haut auf der Seite, die ihm zugewandt ist, scheint unter Strom zu stehen. Der Gedanke, mit ihm auszugehen macht mir wirklich zu schaffen. Langsam bereue ich es, dass ich mir dieses Versprechen auferlegt habe. Aber ich will nicht feige sein.
Mein Blick gleitet zu Ians dunkelblondem Hinterkopf weiter vorn, was mich nicht unbedingt ruhiger werden lässt. Würde es mir genauso schwerfallen, mit ihm auszugehen? Irgendwann kannten wir uns einmal sehr gut, wussten, was der andere gern mochte und was nicht. Ian mochte es, zum See zu gehen, sich in die Autoreifenschaukel zu setzen, weit über das Wasser zu schwingen und sich dann fallen zu lassen. Er mochte es damals überhaupt nicht, wenn Mädchen aufgesetzt und herausgeputzt waren. Das änderte sich, als er 16 wurde und Sue Conner mit nach Hause brachte, sich mit ihr im Pool vergnügte und mich plötzlich für alles Mögliche für zu jung hielt: für seine Partys, dafür, mit ihm und seinen Freunden ins Kino zu gehen und auch dafür, mit allen an den See zu fahren. Irgendwann wusste ich nicht einmal mehr, ob ich ihn überhaupt jemals gekannt habe.
Kurz bevor er 17 geworden ist und ich 15, hat er sich noch einmal verändert. Plötzlich habe ich nur noch gemerkt, dass wir mal Freunde waren, wenn er einen Jungen verprügelt hat, nur weil er mir zu nahe gekommen ist. Er hat sich noch öfter bei uns zu Hause mit seinen Freunden und Mädchen getroffen. Und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich ihm egal geworden bin. Außer es ging darum, seinen Freunden zu verbieten, sich mit mir zu verabreden. Oder sie zu verprügeln, wenn sie mich bemerkt haben.
Als Mrs. Walters die Vorlesung beendet, springt Ryan neben mir sofort auf und reißt mich damit brutal aus meinen Gedanken. Die erste Vorlesung ist vorbei und ich habe nicht viel mitbekommen, weil ich lieber über Ian nachgedacht habe. Ich muss mir unbedingt die Aufzeichnungen von jemanden besorgen. Vorzugsweise nicht von Ian oder Ryan. Ich sehe mich langsam um, in der Hoffnung, dass mir ein Gesicht bekannt vorkommt, aber es gibt niemanden hier, den ich sonst noch kenne. Vielleicht sollte ich Penny fragen, was sie zum heutigen Thema noch hat. Ich hoffe sehr, sie hat noch Unterlagen.
»Ruf an«, erinnert mich Ryan und ich sehe nickend zu ihm auf, noch immer nicht ganz im Hier und Jetzt. Bevor er den Hörsaal verlässt, dreht er sich an der Tür noch einmal um, auf dem Gesicht ein breites Lächeln. »Bis bald, Lea.«
»Bis irgendwann«, murmle ich, packe meine Sachen zusammen und bemerke gerade noch den wütenden Blick, den Ian mir zuwirft, als ich hochsehe. »So sieht er dich doch immer an«, flüstere ich leise und füge ein gedankliches Schulterzucken hinzu. Es hat sich nichts geändert.
Ian
Genervt springe ich auf und versuche, mich nicht nach Lea umzusehen, aber als ich Ryan rufen höre, dass sie ihn anrufen soll, huscht mein Blick doch zu Lea hin, die Ryan gerade mit einem Lächeln antwortet. Ein Lächeln, das mir einen eifersüchtigen Stich versetzt, denn als Lea mich das letzte Mal so angelächelt hat, da war sie kaum älter als 16.
»Du knüpfst also schon Freundschaften«, sage ich möglichst ruhig zu ihr, während ich sie dabei beobachte, wie sie ihre Sachen in ihre Tasche packt.
Sie wirft mir einen verwirrten Blick zu, presst die Lippen aufeinander und schüttelt abfällig den Kopf, wahrscheinlich, weil das eben der erste nicht hasserfüllte oder herabwürdigende Satz war, den ich seit sehr langer Zeit zu ihr gesagt habe. Diese dunklen Augen, wie fast schwarze Seen, die mich jetzt ansehen, verfolgen mich sogar bis in meine Träume. Ich habe mich geirrt, Liz’ Augen sind lange nicht so tief und schmerzerfüllt wie Leas. Mit diesem Blick bedenkt sie mich schon seit Jahren und ich habe noch immer nicht rausfinden können, wohin das Leuchten verschwunden ist. Hat sie es wegen mir verloren?
»Du musst nicht auf mich aufpassen, ich komme allein klar«, murmelt sie, schnappt sich ihre Tasche und schiebt sich zwischen den Stuhlreihen hervor.
»Habe ich nicht vor, darüber waren wir uns doch schon in River Falls einig«, sage ich abfällig und folge ihr. Als ich das sage, spüre ich wieder diese Enttäuschung und Verletzung, wie nach unserem Streit damals hinter der Sporthalle, als sie unsere Freundschaft gekündigt hat, weil sie rausgefunden hat, dass ich jedem Kerl der Schule nahegelegt habe, sich lieber nicht mit ihr zu verabreden, wenn er sich nicht mit mir anlegen möchte.
»Warum folgst du mir dann?«
Ich schnaube. »Zufällig gibt es nur einen Weg aus dem Hörsaal.«
Sie bleibt abrupt stehen und wendet sich zu mir um. »Den Hörsaal haben wir schon verlassen. Du könntest in diese, diese oder diese Richtung gehen«, sagt sie ungeduldig und weist die Gänge hinunter.
Ich grinse sie breit an, weil ich merke, wie sehr es ihr missfällt, dass ich neben ihr herlaufe. Sie versteckt noch immer ihr Gesicht hinter ihren Haaren, wenn sie ihre Gedanken und Gefühle vor mir verbergen will. »Tut mir leid, aber ich muss in diese Richtung, weil dort der Ausgang ist.«
Lea stößt frustriert die Luft aus, sieht zu mir auf und verdreht die Augen. »Wir sind keine Freunde mehr.«
Ich laufe stur weiter neben ihr her und zucke die Achseln. »Ist mir aufgefallen. Du willst also mit Ryan ausgehen?«
»Das geht dich nichts an.« Zielstrebig verlässt sie die Hall, eilt vor mir die Stufen vor dem Eingang nach unten und bleibt dann vor einer der Informationstafeln stehen, die es überall auf dem Campus gibt.
Ich stelle mich neben sie und betrachte die feinen Züge ihres Gesichts. Ihre winzige Nase fand ich schon immer faszinierend, genau wie ihre offenen Augen, die selbst im Zorn nie wirklich böse wirken, nur traurig.
»Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe«, stößt sie plötzlich hervor, ohne den Blick von den vielen bunten Zetteln zu nehmen, dann greift sie nach einem kleinen gelben Streifen Papier und reißt ihn von einem Aushang.
»Wie du willst«, sage ich und kann den Zorn nicht ganz unterdrücken.
»Sucht ihr beide einen Job?«, will Ryan in dem Moment wissen, in dem ich mich gerade abwenden will, und schiebt sich zwischen uns, als gehöre er dorthin.
Ich stöhne genervt auf. »Warst du nicht eben auf dem Weg irgendwohin?«
Ryan grinst zufrieden. »Dann hab ich euch hier stehen sehen und war neugierig.«
»Wir haben uns nur unterhalten«, werfe ich ein.
Lea sieht uns beide flüchtig an, dann beschäftigt sie sich wieder mit den Aushängen und reißt einen weiteren Zettel mit einer Telefonnummer ab.
»Du musst sie alle abreißen, dann kann sich niemand anderer mehr bewerben und der Job gehört dir«, schlägt Ryan vor.
Ich muss ein Grinsen hinter meiner Hand verbergen, weil sich Ryans Chancen bei Lea eben deutlich gemindert, wenn nicht sogar in Luft aufgelöst haben. Lea ist eine Gerechtigkeitsfanatikerin, sie hasst es, wenn anderen Menschen Unrecht angetan wird. Mit seinem Vorschlag hat Ryan sich nicht gerade Pluspunkte gesichert. Sie starrt ihn mit hochgezogenen Augenbrauen entrüstet an und ich muss die Schultern anspannen, damit ich nicht lachen muss.
»Das wäre nicht richtig«, wirft sie ernst ein und ich halte verzweifelt die Luft an, um nicht loszuprusten bei Ryans verwirrtem Gesichtsausdruck. »Jeder sollte die gleiche Chance haben. Wenn ich den Job nicht auf die ehrliche Art bekomme, dann habe ich ihn nicht verdient«, klärt sie ihn auf.
Ich wende mich mit einem gemurmelten »Bis später« ab und eile davon, bevor ich mich nicht mehr zurückhalten kann, auch wenn ich den Rest dieses Gesprächs sehr gern miterlebt hätte. Erst als ich einige Schritte entfernt bin, lasse ich das Lachen aus mir herausbrechen.
»Warum lachst du?«, will Oliver wissen, der plötzlich neben mir auftaucht.
»Nichts Wichtiges«, gebe ich zurück und blinzle die Tränen aus meinen Augen.
»Bist du heute Abend mit dabei?«
»Mit dabei?«, hake ich nach und sehe meinen Verbindungsbruder verwundert von der Seite an. Für heute Abend stand eigentlich nichts auf dem Plan, weswegen ich gedacht habe, ich könnte einfach mal entspannen nach meiner Schicht im Café oder ein wenig Zeit mit Liz verbringen.
»Karaokebar.«
Ich rümpfe die Nase. »Ist das Pflicht?«
Wir laufen den Schotterweg im kleinen Park in der Mitte des Campus’ entlang, links von uns macht eine Gruppe Mädchen Gymnastik, rechts von uns sitzen ein paar Typen und amüsieren sich über die Mädchen. Sie werfen eine leere Coladose nach mir und Oliver, als wir an ihnen vorbeilaufen und ihnen kurz die Sicht auf die Mädchen versperren. Da Oliver die Typen ignoriert, tue ich es auch und gehe einfach weiter, obwohl mich die Dose an der Schulter getroffen hat.
»Keine Pflicht, aber du weißt doch, wie Ryan ist, wenn wir nicht alle an allen Veranstaltungen teilnehmen.«
Ich verziehe missmutig das Gesicht. »Mal sehen, ob Liz Lust hat, wenn nicht, dann hat Ryan Pech gehabt.«
