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4

Ian

»Ey, bring mir noch ein Bier.« Ryans Grinsen zieht sich über das ganze Gesicht, als er mich über die Schulter hinweg ansieht, bevor er sich wieder dem Mädchen zuwendet, das auf seinem Schoß sitzt. Er drückt ihr seine Lippen auf den Hals und knabbert an ihrem Ohr, während sie sich mit ihren Hüften an seinem Schoß reibt, als wären sie allein im Raum. Es ist komisch, bisher hat es mich noch nie gestört, anderen dabei zuzusehen, früher hab ich selbst keine Rücksicht genommen und mit Mädchen rumgemacht, wenn meine Freunde um mich herum waren. Aber jetzt in diesem Moment stört es mich. Liegt es an dem Versprechen, das Ryan mir gegeben hat, dass er etwas mit Lea anfangen will? Dabei will ich gar nicht, dass er etwas mit ihr anfängt, und doch möchte ich ihm in diesem Moment die Fresse polieren, nur allein, weil er Pläne für sich und Lea hat und trotzdem mit anderen Mädchen rummacht. Verdammt, diese Gedanken müssen aus meinem Kopf, sonst drehe ich noch durch. Es ist doch gut so, wenn er weiter macht wie bisher, vielleicht hat er Lea längst wieder vergessen. Die Party ist immerhin ein paar Stunden her. Einer wie Ryan vergisst ein Mädchen doch so schnell, wie er sie interessant gefunden hat. Ich weiß das, ich war selbst so wie er.

Die Kleine heißt Katja und ist gestern nach der Party mit Ryan in seinem Zimmer verschwunden. Als Präsident dieser Verbindung hat er sein eigenes Zimmer und nimmt sich auch sonst einiges mehr raus, als alle anderen dürfen. Ich hasse Ryan. Das habe ich schon am ersten Tag hier, weil er mir vorgeführt hat, was für ein Idiot ich im letzten Jahr in River Falls gewesen bin.

Ich hasse es, dass meine Karriere als Footballspieler von dieser Verbindung abhängt, oder von meinem Vater. Da ich meinem Vater lieber nicht so viel schulde, bleibt mir also nur die Verbindung und die Hoffnung, dass mir die Kontakte meiner Brüder hier die Türen zum Profifootball öffnen. Talent allein reicht nur selten aus. Es braucht auch eine Menge Glück und Beziehungen. Von allein bekommt man gar nichts, das habe ich lernen müssen. Man muss nachhelfen.

»Das nächste Mal frag einen der Füchse«, sage ich düster. Ich halte Ryan eine Flasche vor die Nase und wende mich dann sofort wieder ab.

Ein paar Verbindungsbrüder fluchen laut und schimpfen. Sie werfen mit Popcorn nach der großen Leinwand, auf der wir die meisten Spiele verfolgen. Die Patriots sind gerade drauf und dran, gegen die Falcons zu verlieren, heute ist wohl nicht nur für mich ein schlechter Tag. Ich gehe noch einmal um die Kochinsel herum, die das Wohnzimmer von der Küche trennt, nehme mir eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und lehne mich gegen einen der Küchenschränke. Ich lasse meinen Blick über meine Brüder gleiten, die im Wohnzimmer verteilt die Wiederholung eines älteren Spiels verfolgen, und reibe mir mit der freien Hand über das Kinn.

»Du siehst unzufrieden aus«, meint Hunter und stellt sich neben mich. Hunter ist so ziemlich der Einzige in dieser Verbindung, den ich wirklich mag. Die anderen ticken entweder alle so wie Ryan oder sie versuchen es krampfhaft. Na ja, auch wenn ich es ungern zugebe, Ryan ist ein großartiger Sportler, ein wahres Ausnahmetalent. Alle sehen zu ihm auf, aber leider ist ihm das auch zu Kopf gestiegen.

»Ach nichts«, murre ich. »Nur ein schlechter Tag heute.« Ich hatte gehofft, Lea nicht so schnell über den Weg zu laufen. Zumindest aber hatte ich gehofft, dass ich nach 2 Jahren besser mit meinen Gefühlen für sie klarkommen würde. Aber das tue ich nicht, ich weiß noch immer nicht, ob ich sie hassen oder lieben soll. Das ist ein verdammter Mist. Seit ich von Zuhause weg bin, habe ich kaum noch Kontakt zu meinem Vater, oder sonst irgendjemanden in River Falls. Ich wollte alles hinter mir lassen, damit ich nie wieder an Lea denken muss. Was nie wirklich funktioniert hat, aber mit der Zeit ist es mir besser gegangen, weswegen ich kein Risiko eingehen wollte. Ich hatte den festen Plan, nie mehr zurückzublicken. Und jetzt ist sie hier. Es gibt so viele andere Colleges im Land und sie muss ausgerechnet auf das gehen, an dem ich schon bin. Unsere Verbindungen sind Partner, was bedeutet, ich werde Lea nicht aus dem Weg gehen können. Ich werde ihr ständig begegnen und ich habe keine Ahnung, ob ich das noch zwei Jahre bis zu meinem Abschluss aushalten werde.

Lea. Sie hat mich verletzt. Dann habe ich sie verletzt. Und alles ist noch schlimmer geworden, als ich verstanden habe, was das für Gefühle in mir drin sind, die mich dazu getrieben haben, ihr all diese schlimmen Dinge anzutun. Als Kinder waren wir Freunde gewesen. Und dann wollte sie etwas von mir, das ich ihr unmöglich geben konnte. Aber ich konnte ihr auch nicht sagen, warum ich es ihr nicht geben konnte. Sie wollte ihre Freiheit.

»Zum Familienwochenende, kommt da dein Vater?«, hakt Hunter nach, stößt einen Fluch aus, als die Falcons Punkte machen, und sieht mich dann mit hochgezogener Augenbraue an.

»Ich weiß nicht, gut möglich. Er wird es sich wohl nicht entgehen lassen.«

»Meiner kommt auch«, sagt Hunter mit einem unglücklichen Grinsen. »Ein ganzes Wochenende Belehrungen und Zurechtweisungen.«

»Deiner auch?«, hake ich nach, insgeheim freue ich mich aber. Hunters Vater ist einer der bekanntesten Sportagenten, genau so jemanden muss ich mir warmhalten. So jemanden wie ihn muss ich treffen.

»Ey, Ian«, brüllt Ryan plötzlich.

Hunter verdreht die Augen. »Was hast du dem nur getan?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Vielleicht reicht es, dass ich existiere?«

»Ja?«, antworte ich.

»Ich denke, ich werd Lea um ein Date bitten.« Ryan sieht über die Schulter zurück und grinst breit. Das Mädchen auf seinem Schoß boxt ihm enttäuscht gegen die Schulter und er lacht. »Hast du geglaubt, zwischen uns läuft was?«, will er von ihr wissen.

»Zwischen uns ist letzte Nacht etwas gelaufen«, zischt sie zurück.

»Idiot«, flüstert Hunter und ich nicke bestätigend, meine Hände umklammern die Colaflasche, wenn das Glas nur etwas dünner wäre, würde es wohl zerbrechen. Einen Augenblick lang hat die Vorstellung, wie die Scherben mir tief in die Hände schneiden und Schmerz sich meine Arme hocharbeitet, bis er in meinem Kopf explodiert, etwas Befreiendes.

»Ja und?«, will ich möglichst desinteressiert wissen.

»Ich dachte nur, es interessiert dich vielleicht.«

Ich lache dumpf und ein paar der anderen fallen in das Gelächter mit ein.

»Tut es nicht.« Ich trinke meine Cola aus und stelle die Flasche auf der Kochinsel ab. Ich will Ryan nicht geben, was er will: die Genugtuung, mich wie einen Straßenköter getreten zu haben.

»Na dann stört es dich doch nicht, wenn ich mal rübergehe und höflich nachfrage.« Ryan schiebt das Mädchen von seinem Schoß und steht auf. Er sieht die anderen an, dann wieder mich. »Ian und ich haben nämlich so eine Art Wette am Laufen. Ian glaubt nicht, dass ich eine Chance habe.«

Gelächter.

Ich presse die Lippen fest aufeinander und erwähne nicht, dass ich niemals mit ihm gewettet habe. Je mehr ich zeige, wie verärgert ich bin, desto mehr schüre ich Ryans Interesse, also bleibe ich ganz locker. »Tu einfach, was du nicht lassen kannst.«

Ich muss unbedingt hier weg, bevor ich explodiere und etwas tue, was ich vielleicht für den Rest meines Lebens bereuen könnte. Dem Präsidenten dieser Verbindung eine reinzuhauen, ist eine schlechte Idee. Ich muss an meine Karriere denken. Mit einem breiten Grinsen gehe ich auf die Tür zu. »Ich werd mal sehen, ob Liz heute Nacht ihre Mitbewohnerin los wird. Oder ich widme mich einfach beiden.«

Lea

»Dieses Kleid sieht sehr hübsch aus«, meint Penny und hebt eins von meinen Lieblingskleidern hoch, um es sich vor den Körper zu halten. Es ist ein schlichtes weißes Kleid mit bunten Blumen darauf. Der Rock reicht mir etwa eine Handbreit über die Knie und ist wie eine Glocke geschnitten.

»Das hat meine Mom genäht«, gebe ich zurück und räume die kurzen Jeansshorts in den Schrank, die ich eben aus einer der Kisten genommen habe.

»Deine Mom näht Kleider?«, will Penny erstaunt wissen.

Ich nicke beiläufig. Ich will ungern eingestehen, dass die meisten meiner Kleider von meiner Mutter genäht wurden, weil ich mir die Originale niemals hätte leisten können. Alle in dieser Verbindung glauben, dass meine Mutter als mexikanisches Ex-Model reich sein müsste, aber so ist es nicht. Die Wahrheit ist, ohne Stipendium hätte ich die Uni nie besuchen können. Marios Behinderung und unsere Flucht aus Mexiko in ein Land, von dem wir hofften, dass es besser für Mario sorgen kann, haben unsere letzten Reserven aufgebraucht. Als Haushälterin der Wards hat meine Mutter nie genug verdient, und viel von dem Geld, das sie verdient, brauchen wir für die Behandlung meines Bruders.

»Manchmal«, antworte ich und versuche mein Möglichstes, um mein Gesicht vor Penny zu verbergen, bis ich sicher bin, dass man mir den Schmerz der Erinnerung nicht mehr ansehen kann.

Penny gibt mir das Kleid, damit ich es aufhängen kann, und greift in die nächste Kiste. »Brontë! Ich liebe diese Sammelausgabe? Du auch?«

Ich sehe kurz über die Schulter zurück. »Ja, ich mag es, wie die Farben der einzelnen Bände miteinander harmonisieren.«

»Wo soll ich sie hinstellen?«, will Penny wissen.

Ich sehe mich um. Das Regalbrett über meinem Schreibtisch ist schon voll. Dort habe ich schon die Bilder von meiner Mutter, meinem Bruder und ein paar Wettkämpfen hingestellt. Auf dem Schreibtisch steht bisher nur mein Laptop, das Einzige, das ich neu gekauft habe. Dafür habe ich die ganzen Sommerferien in dem kleinen Café neben der Highschool gearbeitet. »Stell sie doch auf den Schreibtisch«, schlage ich vor.

»Du musst nicht so zurückhaltend sein«, sagt Penny. »Dieses Regal, diese Kommode und sonst auch all das hier«, zeigt Penny, »gehört uns beiden. Du kannst es mitbenutzen.«

Ich lächle verkniffen. »Tut mir leid, ich muss mich erst daran gewöhnen, mit jemandem das Zimmer zu teilen.«

»Kein Problem. Ich stell die Brontës einfach hier auf die Kommode, da machen sie sich gut.«

Ich nicke und greife verlegen nach dem nächsten Kleidungsstück, als ein Kopf mit schwarzer Mähne in der offenen Tür erscheint. »Hey, ich bin Lola, eigentlich Lorelai, aber alle nennen mich nur Lola. Du musst Lea sein.« Das Mädchen lehnt sich gegen den Türrahmen. Sie ist gut einen halben Kopf kleiner als ich, was nicht einfach ist, denn ich schaffe es auch nur auf 1,70 Meter, damit liege ich genau im Grenzbereich für eine Aufnahme in ein Profiteam. Lola hat mit Sicherheit schlechte Karten, aber vielleicht hat sie auch ganz andere Pläne. Nicht alle Cheerleader hoffen auf einen Vertrag.

»Hallo«, begrüße ich das Mädchen. »Wir haben uns gestern schon kurz auf der Party gesehen.

Lola scheint kurz zu überlegen, dann nickt sie. »Stimmt.«

Penny lacht. »Lola ist wie ein Springball. Oder wie jemand, der ständig auf Speed ist. Unglaublich hibbelig, aber auch vergesslich.«

»Ja, das bin ich«, bestätigt sie mit einem genervten Augenrollen. »Aber spätestens, nachdem ich dich das dritte oder vierte Mal gesehen habe, werde ich dich nicht mehr vergessen.

Ich lache. »Dann lass uns das doch gleich erledigen.« Mich mit Frauen in einem Raum aufzuhalten und mit ihnen zu reden, macht mir keine Probleme. Ich kann locker mit ihnen umgehen, obwohl ich in River Falls nicht immer nur gute Erfahrungen gemacht habe, aufgrund meiner Herkunft. Aber Ian hat mich von Anfang an immer in Schutz genommen und jeden in die Schranken gewiesen, der ein schlechtes Wort über mich, meine Aussprache oder Mexiko gesagt hat. So hat unsere Freundschaft damals begonnen. Und ich war nur zu dankbar für seine Hilfe. Vielleicht habe ich deswegen so lange weggesehen, als sein Schutz mich irgendwann immer mehr eingeengt hat.

Ich gehe auf Lola zu, halte ihr die Hand hin und lächle freundlich. »Hallo, ich bin Lea, du musst Lola sein.«

Lola grinst und spielt mit. »Hallo Lea, schön dich kennenzulernen.« Sie ergreift meine Hand, schüttelt sie und lässt sie wieder los.

Ich nehme ihre Hand erneut. »Hallo, mein Name ist Lea. Ich glaub, wir kennen uns schon.«

Penny fängt hinter uns an zu gackern und auch Lola prustet los. »Ah ja, Lea. Ich hab schon von dir gehört«, sagt sie lachend und schüttelt meine Hand noch einmal, während sie nervös von einen auf den anderen Fuß tritt und ihren Körper hin und her schaukelt.

Ich kenne dieses Verhalten von einer meiner Freundinnen, sie ist hyperaktiv, kann nie stillstehen und braucht es, dass immer etwas von ihr in Bewegung ist. Diane muss sich ständig irgendwie bewegen und nichts kann diesen Drang unterdrücken, so sehr Diane es auch versucht. Unterbewusst versucht ihr Körper immer wieder die Kontrolle zu übernehmen und irgendwie herumzuzappeln.

»Bevor ich es vergesse«, meint Lola, »unten vor der Tür wartet jemand auf dich.« Sie zwinkert geheimnisvoll und in der nächsten Sekunde ist sie auch schon wieder verschwunden.

»Lola ist verrückt, aber sehr liebenswert. Außer es geht um Chris, sie ist besessen von ihm. Sie sind jetzt schon eine Weile fest zusammen«, erwähnt Penny breit grinsend. »Ähnlich wie Liz und Ian. Liz kann zur Tigerin werden, wenn es um ihren Freund geht. Auch besessen. Total!«, sagt Penny und verdreht die Augen.

Wer nicht?, will ich am liebsten fragen, aber schlucke den Kommentar runter.

»Ich werd dann wohl mal nachschauen, wer dort unten wartet«, sage ich kleinlaut und hoffe, dass es nicht Ian ist, der beschlossen hat, dort weiterzumachen, wo er in River Falls aufgehört hat, an dem Tag, an dem er die Stadt verlassen hat.

»Mach das, ich bin kein bisschen neugierig«, gibt Penny grinsend zu und betrachtet dann ein weiteres Kleid aus meiner Kiste.

Nachdenklich verlasse ich das Zimmer und gehe die Treppe nach unten, wo ich durch das Milchglas der Tür hindurch eine dunkle schemenhafte Gestalt erkennen kann. Ich hoffe wirklich sehr, dass es nicht Ian ist, denn ich weiß noch immer nicht, wie ich damit umgehen soll, dass ich ihm jetzt wohl oder übel wieder öfter begegnen werde. Aber Lolas Zwinkern … Wer hätte sonst Interesse an mir?

Mit einem heftigen Ziehen im Bauch öffne ich die Tür und atme erleichtert auf, als ich Ryan erkenne. »Ryan«, stoße ich überrascht aus.

»Du erkennst mich also noch, das sehe ich als klaren Punkt für mich«, sagt er mit einem breiten Lächeln und schiebt die Hände in die Taschen seiner Jeans.

Ich versuche mich an einem Lächeln und sehe dann unschlüssig an ihm vorbei, bevor ich nervös antworte: »Ist ja auch erst ein paar Stunden her.« Manchmal wünsche ich mir wirklich, ich hätte mehr Erfahrungen mit Flirten gemacht, aber nach allem, was passiert ist, war der Pakt für mich eine willkommene Ausrede, mich nie wieder mit Männern, und allem was dazu gehört, befassen zu müssen. Nicht erst seit dem Pakt, schon vorher. Vielleicht aus einer Verletzlichkeit heraus, die ich eigentlich nur Ian zusprechen kann. Aber er ist nicht schuld an dem, was ich einmal für ihn empfunden habe, und auch nicht an dem, was mir jetzt dieses Unbehagen einjagt. Und Ryan ist es auch nicht, also versuche ich mich an einem etwas offeneren Lächeln.

»Du bist neu hier, also dachte ich, ich lade dich ein«, setzt Ryan an und seine blassblauen Augen strahlen mich siegesgewiss an.

»Es gibt eine Menge neuer Studentinnen, willst du sie alle einladen?«

»Nur dich«, antwortet Ryan und beugt sich etwas näher zu mir und sieht mir sekundenlang in die Augen, ohne etwas zu sagen, was mich nur noch nervöser macht. Verlegen lächle ich und versuche nicht, meine schweißnassen Handflächen an meiner Hose abzuwischen. Stattdessen entspanne ich mich mit einem tiefen Atemzug und versuche, mich geschmeichelt zu fühlen, weil es doch genau das ist, was zum Leben auf dem College dazugehört.

Ich schlucke hart und löse den Blick, bevor mein Puls noch schneller anfängt zu rasen und ich in Panik verfalle und mich vor ihm zum Gespött mache. Ryan hat etwas verwirrend Gefährliches an sich, was wahrscheinlich an seinen Tattoos liegt und diesem diabolischen Grinsen. Er wirkt wild und unkontrollierbar, was mich verängstigt und zugleich verwirrt, weil es mich so sehr an Ian erinnert. Es macht mich aber auch neugierig auf den Mann, der sich hinter dieser demonstrativen Härte verbirgt.

Trotzdem siegen Zweifel und Unsicherheit wieder. »Ich weiß nicht, wir kennen uns gar nicht, ist es da nicht etwas früh für ein Date?«

Ryan hebt beschwichtigend die Hände und zieht die Augenbrauen hoch. »Kein Date! Nenn es eine Dienstleistung. Das gehört zum Service einer Partnerverbindung.«

Jetzt ziehe ich beide Augenbrauen hoch. »Ah, eine Dienstleistung«, sage ich gespielt staunend. »Was beinhaltet diese Dienstleistung denn?«

Er bedeutet mir, mich neben ihn auf die Hollywoodschaukel auf der Veranda zu setzen, was ich auch tue, weil ich keine Lust habe, vor lauter Nervosität genauso hibbelig zu werden wie Lola. »Das muss ich genauer ausführen«, sagt er, nachdem ich mich neben ihn gesetzt habe. »Natürlich ist es ein Rundumservice. Der Campus ist groß. Und in den Broschüren stehen nur die unwichtigen, langweiligen Sachen. Wusstest du zum Beispiel, dass es auf dem Campus eine Kissing Bridge gibt?«

Ich muss lachen, als Ryan theatralisch einen Bogen in die Luft zeichnet. »Nein, wusste ich nicht.«

»Siehst du! Deswegen der Service unserer Verbindung für eure. Wir zeigen euch all die Geheimnisse, die in keiner Broschüre stehen«, erklärt er und fährt sich mit dem Daumen über sein maskulines Kinn, als eine Fliege sich für eine Sekunde darauf niederlässt. Mir kommt der Gedanke, dass die Fliege einen guten Geschmack hat, denn sie gibt nicht so schnell auf und setzt sich noch einmal kurz auf eine seiner starken Augenbrauen, bevor sie endgültig verschwindet.

»Also?«, will er wissen, ich bin mir nicht einmal sicher, ob er die Fliege wirklich mitbekommen hat.

»Ach so, hmm. Was soll ich dazu sagen? In den nächsten Tagen habe ich einen sehr vollen Terminkalender.«

Ryan schüttelt den Kopf. »Kein Anfänger hat einen vollen Plan, außer er ist ein Streber.«

»Nenn mich Streber.«

»Nein, das geht nicht und das glaube ich dir nicht. Aber weil wir ja Freunde sein wollen, gebe ich dir bis morgen Zeit, dann aber bleibt es nicht nur bei den geheimen Wundern des Campus’, dann musst du im Anschluss auch noch mit mir in das Rules kommen.«

»Das Rules?«, hake ich nach.

»Die Campus-Karaoke-Bar.«

Mein Magen zieht sich nervös zusammen. Ich kenne Ryan nicht und mit Fremden irgendwohin gehen, wo es Alkohol gibt, hat seit Stellas Selbstmord immer einen sehr schlechten Beigeschmack für mich, weswegen ich so etwas lieber meide. »Ich weiß nicht.«

»Wenn es dich beruhigt, wir beide werden nicht allein gehen. Deine Schwestern und meine Brüder werden auch dort sein.« Ryan scheint wirklich ein netter Kerl zu sein. Und ich habe mir vorgenommen, jetzt auf dem College offener für solche Dinge wie Ausgehen und Beziehungen zu sein, aber ich kann noch nicht über meinen Schatten springen. Es ist schwer, meine Ängste abzulegen, auch wenn das der erste Schritt wäre, um nicht länger in der Vergangenheit gefangen zu sein.

»Ich werde darüber nachdenken«, verspreche ich.

»Du bist eine harte Verhandlungspartnerin«, gibt Ryan zu und steht auf, aber in seinem Gesicht kann ich keine Enttäuschung sehen. Vielmehr ist da ein Funken Begeisterung, als würde er meine Gegenwehr zu schätzen wissen. »Ich werde dich morgen wieder fragen.«

»Versprichst du das?«, frage ich ihn, weil ein Teil von mir will, dass er wieder fragt.

»Versprochen.« Ryan verabschiedet sich mit einer Verbeugung und springt dann mit einem Satz über die Brüstung der Veranda. »Bis morgen!«

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