3
Lea
Ich ducke mich erschrocken und kann dem Football, der nach mir geworfen wurde, im letzten Moment ausweichen. Das Haus von Kappa Tau Phi ist hell erleuchtet und auf dem Balkon und im Vorgarten tummeln sich eine Menge Studenten, lachen und brüllen sich gegenseitig Beleidigungen zu, von denen die meisten hoffentlich nicht ernst gemeint sind. Es ist ein schönes Backsteinhaus mit einem Balkon in der ersten Etage und einer kleinen Veranda unten. Auch hier hängt eine Fahne mit dem Maskottchen der Uni vom Geländer des Balkons.
Im Vorgarten stehen mehrere Grüppchen und als wir den Weg entlangkommen, sehen sie uns alle an. Ich habe das Gefühl, sie sehen nur mich an und bekomme ganz zittrige Knie. Mein Herz rast heftig, ich war noch nie eine große Partygängerin, was wohl auch an meinen Erfahrungen mit Ians Freunden liegt. Viele meiner Freundinnen vermieden Partys und Alkohol, um nicht in Versuchung zu geraten, den Pakt zu brechen. Ein wenig war das auch mein Grund, aber es gab noch einen anderen. Meine Angst.
»Ian Ward scheint es auf dich abgesehen zu haben«, meint Mandy, eine von meinen neuen Verbindungsschwestern lächelnd, aber den Ausdruck in ihrem Gesicht kenne ich viel zu gut, um nicht zu bemerken, dass ihre Begeisterung nicht echt ist. Ich habe ihn viele Jahre in der Highschool gesehen. Ich versteife mich, ich will einen schlechten Start mit meinen Schwestern gerne vermeiden. Besonders da Ian absolut kein Interesse an mir hat. Er hat den Ball aus Hass nach mir geworfen, um mich zu verletzen, nicht, weil er in irgendeiner Weise Interesse an mir hat.
»Wir waren nicht gerade befreundet«, werfe ich eilig ein, als ich Mandys verführerisches Lächeln bemerke, das sie Ian zuwirft, während wir an ihm vorbei in das Verbindungshaus gehen, aus dem uns laute Technomusik, alkoholgeschwängerte Luft und Gelächter entgegenschlagen. Die Lüge dreht mir den Magen um, aber Lügen ist etwas, das ich in den letzten Jahren perfektioniert habe, obwohl ich es hasse, und ich will mein Zusammenleben mit meinen neuen Schwestern nicht unnötig kompliziert machen. Außerdem bin ich froh, wenn ich Ian nicht sehen muss. Eigentlich wäre es mir lieber, ich müsste ihm gar nicht begegnen.
Besser wäre natürlich, ich müsste gar nicht erst auf diese Party, aber meine Verbindung nimmt es offensichtlich mit den Regeln sehr ernst. Für die Omega Phi Alpha ist die Partnerschaft zwischen den Sportlern und ihrer eigenen Verbindung scheinbar eine der wichtigsten Traditionen überhaupt. Nur zu erwähnen, dass ich lieber nicht mitkommen möchte, hat mir eine Menge lautes Gekreische und einstimmige Entrüstung und die Androhung von Strafe eingebracht.
Ich habe also schon am ersten Tag auf dem Campus lernen müssen, was es bedeutet, in einer Schwesternschaft zu sein. Eine Schwesternschaft, auf die ich gern verzichtet hätte, aber meine Chancen auf eine Profikarriere als Cheerleader sind deutlich größer mit einer Verbindung im Rücken, die mich stärkt und die schon über wichtige Kontakte verfügt. Und ich will jede Chance nutzen, will dass sich mein Training gelohnt hat, all die Arbeit, die Wettkämpfe. Ich brauche das hier, weil es mir dabei hilft, mich sicher zu fühlen. Es gibt mir Halt und bringt mich vielleicht weit weg von Ian und River Falls. Ich kann ihn nicht ewig von seinem Zuhause fernhalten.
»Oh man, ich hoffe, das ist nur Wasser, das sie hier verdampfen«, stößt Liz aus und hakt sich bei mir unter. »Letztes Jahr hat irgendein Spaßvogel Drogen in die Nebelmaschine gegeben. Die Party ist total aus dem Ruder gelaufen. Danach hätte die Verwaltung die Bruderschaft fast verboten. Dass es sie noch gibt, haben sie nur dem Einfluss einiger sehr berühmter, älterer Mitglieder zu verdanken.«
Mein Nicken ist nur beiläufig, denn eigentlich interessiert mich Tratsch wenig, besonders wenn es um die Dinge geht, die Ian in den Jahren angestellt hat, in denen er nicht in meiner Nähe war.
Ich lasse mich von Liz in das Wohnzimmer des Hauses ziehen, wo alle Möbel an die Wände geschoben worden sind, um in der Mitte Platz für eine Tanzflächen zu schaffen. Ein paar Gäste tanzen schon, ein leicht bekleidetes Mädchen sogar auf dem Tisch, aber die meisten anderen sitzen oder stehen in Gruppen um die Tanzfläche herum und halten rote Plastikbecher in ihren Händen.
»Kontrolliert hier niemand das Alter?«, hake ich verwundert nach, nur die älteren Semester dürften schon 21 Jahre alt sein und somit berechtigt, Alkohol zu trinken.
»Es kommt vor, aber das passiert so selten, dass wir die meiste Zeit ohne Angst vor Konsequenzen feiern können. Willst du auch ein Bier?« Liz’ Gesicht drückt aus, dass ihre Frage eigentlich keine Frage ist, also nicke ich und folge ihr in die kleine Küche, in der vor der Kochinsel ein Fass steht, auf dem gerade jemand einen Handstand macht und einen Schlauch, an dem sich ein kleiner Zapfhahn befindet, zwischen seine Lippen gehalten bekommt. Alle um ihn herum grölen und fordern ihn auf zu trinken, dann applaudieren sie. Derselbe Zapfhahn wird benutzt, um Bier in rote Becher zu geben, von denen einer dann in meinen Händen landet. Mit einem verbissenen Lächeln nehme ich einen Schluck, nachdem Liz mit mir angestoßen hat, und versuche, das Schütteln zu unterdrücken, das über meinen Körper hinwegrollen will. Ich habe dem Geschmack von Bier noch nie etwas abgewinnen können. Fremden Bakterien auch nicht. Ich trinke auch nur, um nicht schon am ersten Tag als Sonderling abgestempelt zu werden. Wahrscheinlich werde ich den ganzen Abend an diesem einen Becher nippen und mich daran festhalten, als hinge mein Leben davon ab.
Ich folge Liz wieder zurück in das Wohnzimmer und bleibe dann neben ihr vor einer Wand stehen. Die meisten Wände sind mit Fotos von Sportlern in lila-gelben Uniformen geschmückt, mit Wimpeln und Fahnen und Gruppenbildern. Ich suche in der Menge nach Gesichtern, die mir vielleicht bekannt vorkommen, vielleicht weil ich hoffe, noch jemanden aus River Falls hier zu treffen, aber alle im Raum sind Fremde. Wahrscheinlich auch besser so, denn es gibt ein paar Leute aus River Falls, die möchte ich noch viel weniger hier haben als Ian. Trotzdem, selbst mit meinen Verbindungsschwestern fühle ich mich hier fehl am Platz.
Liz steht neben mir und schaut sich angespannt um, wahrscheinlich wartet sie auf Ian. Ich wundere mich, dass er sie bisher noch nicht einmal begrüßt hat. Er scheint noch immer draußen zu sein. Sind sie schon so lange fest zusammen, dass sie nicht mehr jede Sekunde zusammen verbringen wollen? Oder ist es nur Ian, der wenig Interesse an Liz zu haben scheint? Oder geht er Liz aus dem Weg, weil ich mit ihr hier stehe? Eigentlich sollte ich gar nicht darüber nachdenken, was genau zwischen den beiden läuft und was nicht und wie Ian zu ihrer Beziehung steht, das alles sollte mich überhaupt nicht interessieren.
Liz ist genau wie ich mit ihren Eltern erst vor wenigen Jahren aus Mexiko in die USA gekommen. Sie ist sehr hübsch und hat langes, volles Haar. Als ich sie heute Nachmittag kennengelernt habe, war ich für mehrere Sekunden wie erstarrt und konnte nicht glauben, dass Ian ausgerechnet mit ihr zusammen ist. Mit jemanden, der spricht wie ich, die gleiche Haarfarbe hat und die gleiche Augenfarbe. Seither versuche ich mir einzureden, dass das nur Zufall ist. Aber eine leise Stimme in meinem Kopf will glauben, dass es das nicht ist.
Nervös nippe ich an meinem Becher, ignoriere die Gänsehaut auf meinen Armen, die der bittere Geschmack auslöst, und versuche mich zumindest etwas zu entspannen. Aber es fällt mir nicht leicht, all die Fremden um mich herum auszublenden. Die Blicke, die sie mir zuwerfen, ihre Nähe und die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Ich brauche dringend eine Ablenkung, bevor meine Gedanken noch mehr Kreise ziehen können. Was macht man sonst auf so einer Party, außer herumstehen, beobachten und trinken?
»Lass uns tanzen«, schlage ich Liz unvermittelt vor. Ich will nicht länger hier stehen und mich fühlen, als gehöre ich nicht hierher, also muss ich mich mit irgendetwas beschäftigen. Tanzen ist ein guter Weg, um mich abzulenken. Das ist es schon immer. Tanzen ist wie Medizin für mich.
»Aber trink erst deinen Becher aus, lass den niemals irgendwo stehen. Könnte sein, dass ich paranoid und überängstlich bin, aber man weiß ja nie.«
Ich nicke bedächtig. »Idioten gibt es überall.« Trevor Warren ist so ein Idiot.
Ich nehme Liz’ Hand und führe sie auf die recht leere Tanzfläche. Wenn ich tanze, bin ich in der Lage, alles um mich herum auszublenden. Schon nach den ersten Takten beginne ich mich zu entspannen, und nach ein paar weiteren Takten bemerke ich die Blicke meiner Mitstudenten gar nicht mehr. Ich schwinge die Hüften, albere mit Liz herum und freue mich, als sich noch drei weitere meiner neuen Schwestern zu uns auf die Tanzfläche gesellen. Jede von uns führt ein paar Moves vor, dann tanzen wir wieder zusammen, bewegen uns mal schnell, mal langsam, mal aufreizend und mal albern, bis ich völlig verschwitzt und außer Atem nach einem weiteren Schluck Bier lechze.
»Ich hol mir nur noch was zu trinken«, rufe ich über die Musik hinweg und greife mir an die Kehle, um den Mädchen zu signalisieren, dass ich innerlich vor Durst vertrockne. Ich schiebe mich über die mittlerweile recht volle Tanzfläche und in die Küche, wo mir jemand, der nur eine Jeansshorts anhat, ansonsten nichts, einen der roten Becher mit Bier füllt. Ich schwitze so sehr, dass ich wahrscheinlich nicht gerade der tollste Anblick bin, aber das scheint ihn nicht zu stören, denn er mustert mich ungeniert, dann grinst er anzüglich.
»Ich bin Chris«, stellt er sich mir vor und lässt seine Brustmuskeln zucken, so dass mein Blick gezwungen wird, über seinen durchtrainierten Oberkörper zu wandern.
»Welche der beiden ist Chris?«, hake ich wenig interessiert nach und zeige auf die zwei tanzenden Brustwarzen vor meinem Gesicht. Mag ja sein, dass Chris denkt, das würde auf das andere Geschlecht in irgendeiner Weise anregend wirken, aber das ist einfach nur lächerlich. Zumindest glaube ich, dass es lächerlich ist, für ein anderes Mädchen ist es das vielleicht nicht. Ich sehe über die Schulter zurück, aber ich bin wirklich allein mit ihm in der Küche, und das bekommt mir gar nicht gut. Obwohl wir nur durch einen Tresen von den anderen im Wohnzimmer getrennt sind.
»Komm näher und frag sie selbst.« Er grinst breit. Der trübe Blick aus seinen hellblauen Augen verrät mir, dass er schon vor einer Weile angefangen hat zu feiern. Wahrscheinlich sollte ich ihm seine platten Sprüche nicht einmal übelnehmen, gut möglich, dass die nüchterne Version dieses Typen eine viel angenehmere ist. Aber ich kann nicht wirklich aus meiner Haut, denn sein Verhalten erinnert mich sehr an Ian. Ian hat auch immer versucht, so cool und hart wie möglich rüberzukommen, aber das war nicht das Gesicht, das er mir gezeigt hat. Diesen Ian kannten nur seine Freunde, die Teammitglieder und die Mädchen, die er unbedingt in seinem Bett haben wollte. Mir hat er eine ganz andere Version gezeigt, eine fürsorgliche, freundliche Version. Bis zu diesem Tag, an dem ich ihn enttäuscht habe.
»Dann verzichte ich lieber auf eine Bekanntschaft«, werfe ich ein und trinke von meinem Bier, verziehe das Gesicht und wende mich ab. Ich verlasse die Küche und beschließe, mich hinter dem Haus umzusehen, vielleicht finde ich ja einen Weg, um mich unauffällig hier rauszuschleichen, aber so weit komme ich gar nicht, jemand schiebt sich mir in den Weg und lässt meinen Puls panisch rasen, weil ich nicht vorbereitet war. Ich habe meine Deckung fallenlassen.
»Du bist also eine von den neuen Omegas«, stellt er gedehnt fest und mustert mich mit einem breiten bewundernden Lächeln.
Ich sehe in das stoppelige Gesicht eines sehr großen, sehr schlanken Manns, und fühle mich unbehaglich, aber ich bringe ein Nicken zustande.
»Bin ich, oder werde ich sein.« Ich mache einen Schritt zurück, um Abstand zwischen mich und ihn zu bringen. Ich kann nicht gut damit umgehen, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Besonders zwischen dem anderen Geschlecht und mir habe ich gern etwas mehr Abstand, weil Nähe mich stark verunsichert und ich das Gefühl habe, nicht genug Luft zu bekommen. Trotzdem entgeht mir nicht, dass er gut aussehend ist, auf eine grobe Art, die die Narbe in seiner Augenbraue noch unterstreicht.
»Ich habe dich tanzen sehen. Mir gefallen deine Augen und dein Hintern.«
Ich verziehe das Gesicht und versteife mich innerlich. Flirtet man so mit einem Mädchen auf dem College? Direkt und anzüglich, ohne Umwege zu nehmen? So wird mir die Situation noch unangenehmer und ich möchte mich ihr gern entziehen. Aber er steht so zwischen mir und dem Hinterausgang, dass ich nicht an ihm vorbeikommen würde, ohne ihn berühren zu müssen.
»Das war ein Spaß«, sagt er jetzt grinsend. Wahrscheinlich hat er mir angesehen, wie unwohl ich mich fühle.
»Wenn du es ernst meinst, dann solltest du nicht mit den schlimmsten Anmachsprüchen der Welt kommen«, werfe ich fast schon trotzig ein.
»Ich weiß«, sagt er und lehnt sich mit einer Schulter gegen die Wand neben uns und verschränkt die Arme vor der breiten Brust. Eine Strähne seiner hellen Haare rutscht ihm ins Auge und er pustet sie einfach weg.
»Warum hast du es dann getan? Hast du dir dadurch schlechtere Chancen ausgerechnet oder wolltest du mich verärgern, sogar verletzen?«
»Kann ein Typ, den du gar nicht kennst, dich denn verletzen?«, will er jetzt mit einem freundlichen Lächeln wissen. »Tut mir leid, manchmal bin ich ein Idiot. Aber eigentlich wollte ich nur deine Reaktion prüfen.«
»Meine Reaktion?«, hake ich unverständlich nach und mustere den großgewachsenen Mann mit den breiten Schultern, dessen Körperbau keine Frage offen lässt, er ist ein Sportler, mit jeder Zelle seines Körpers. Und er legt Wert auf sein Äußeres, seine blonden Haare sind kurz und gepflegt, er trägt ein Polohemd und schwarze Stoffhosen, beides sieht sehr teuer aus.
Er verzieht das Gesicht zu einem Grinsen, dem ich entnehmen kann, dass ihm die Antwort unangenehm ist. »Ich trenne so die Spreu vom Weizen. Mädchen, die auf so einen billigen Spruch eingehen, sind meist Mädchen, die sich nicht für mich als Person interessieren, sondern nur für den erfolgreichen Sportler.«
Ich versuche mich an einem Lächeln. »Verstehe«, sage ich und entspanne mich etwas. »Was hättest du gemacht, wenn ich dich wegen dieses Spruchs einfach stehengelassen hätte und dir nicht die Chance gegeben hätte, dich zu erklären?«
Er beugt sich etwas zu mir nach unten. »Dann wäre das wirklich blöd für mich gewesen, denn ich glaube, du bist ein tolles Mädchen, das ich gern näher kennenlernen würde. Wie heißt du?«
Ich versuche, mir meine Angst vor dieser unangenehmen Nähe nicht anmerken zu lassen, trete aber möglichst unauffällig einen winzigen Schritt zurück. »Lea«, antworte ich und zupfe am Rand meines Bechers herum, um meine Nervosität etwas zu unterdrücken. Ich fühle mich zwar nicht mehr so unbehaglich, aber die Nervosität wird mich nie verlassen. Sie sitzt immer auf meiner Schulter, wie ein kleines, orange leuchtendes Warnsignal.
»Ich bin Ryan, schön dich kennenzulernen.« Er hält mir seine Hand hin und ich lege meine kurz hinein. Als wir uns berühren, erfasst mich ein Schauer, der sich durch meinen Körper rollt. Ich versuche, ihn zu ignorieren und mich darauf zu konzentrieren, dass ich mir selbst geschworen habe, es ernsthaft zu versuchen. Mit allen Konsequenzen, dazu gehören nicht nur Partys, sondern auch Männer und Körperkontakt, Flirten und Spaß haben.
»Nett, dich kennenzulernen«, sage ich und setze noch ein Lächeln auf. Ich hoffe, es wirkt ehrlich und nicht so verkrampft, wie ich mich fühle, während er noch immer meine Hand hält, die ich ihm jetzt entziehe.
»Woher kommst du?«, will er wissen und schiebt die Hände in seine Taschen.
Früher hätte ich ihm wahrscheinlich das geantwortet: »Gestern wusste ich es noch, aber dann habe ich dich und deine Anmache getroffen und jetzt weiß ich es nicht mehr, weil dein wahnsinnig intelligenter Spruch mir glatt das Gehirn weggeblasen hat.« Aber bevor ich nach Steven Points aufgebrochen bin, habe ich nicht nur mir, sondern auch meiner Mutter versprechen müssen, wenigstens zu versuchen, meine Zeit auf dem College zu genießen und aufzuhören, mir ein soziales Leben zu verbieten. Ich muss mich daran immer wieder erinnern, aber ich werde es schaffen. Einen Schritt nach dem anderen. Raus aus der Gefangenschaft.
Ich atme tief ein und sammle die Kraft, die ich brauche, um ein normales Gespräch mit Ryan führen zu können. Ich schaffe das, sage ich mir selbst. Wir reden nur. Du hast früher schon mit Jungs gesprochen. Auch danach hast du es getan. Einen Augenblick kämpfe ich damit, die Worte, die sich in meinem Kopf längst zusammengefügt haben, über meine Lippen zu bekommen, aber ein weiterer tiefer Atemzug lässt sie dann endlich frei. Das heißt nicht, dass ich vergessen habe, dass ich mich gerade so nahe vor einem Mann befinde, aber es heißt, ich habe einen Schritt über meine innere Blockade getan und jeden Moment könnte ich wieder rückwärts stolpern und in dieses Loch fallen, das ein paar Wochen nach dem Ende der Freundschaft mit Ian den Super-GAU eingeleitet hat. »Woher kommst du denn?«
»Wisconsin.«
»So ein Zufall, da komme ich auch her. Woher genau?« Ich trinke meinen Becher leer und zerdrücke ihn in meiner Hand. Mehr werde ich nicht trinken, auch dann nicht, wenn jemand mich darum bittet.
»Randolph, in der Nähe vom Beaver Damm.«
»River Falls«, sage ich und sehe Ryan erstaunt an.
»Dann könnten wir zu Thanksgiving erst zu dir fahren und dann zu mir«, schlägt er grinsend vor.
»Und wir könnten auch gleich heiraten«, entgegne ich sarkastisch, weil er gleich einen solchen Vorschlag macht. Man nimmt doch nur jemanden zu Thanksgiving mit nach Hause, wenn man vor hat, ihn seiner Familie vorzustellen. Was bedeuten würde, man mag diesen Menschen sehr. Oder sieht Ryan das vielleicht lockerer? Ich kann es auf keinen Fall so sehen. Zumal ich ohnehin Probleme habe, Menschen an mich heranzulassen. Ich versuche es, manchmal lasse ich es sogar so aussehen, als könnte ich es, aber meistens bin ich lieber für mich allein. Mir fällt es schwer zu vertrauen. Früher war das anders. Und weil das früher anders war, bin ich zumindest eine gute Schauspielerin und dazu in der Lage, diese Rolle einzunehmen, die jeder von mir erwartet.
»Zuvor sollten wir noch Sex haben. Wir sollten wissen, ob wir zusammenpassen.« Er leckt sich über die Lippen und lässt seinen Blick über meinen Körper gleiten. Ich reibe mir fröstelnd über die Arme. Bis eben lief es doch ganz gut, womit habe ich ihn dazu gebracht, das Gespräch in die völlig falsche Richtung zu bringen?
Ich will mich gerade mit einer Entschuldigung aus der Situation befreien, als sich jemand neben mich stellt.
»Passt ihr ganz bestimmt nicht.«
Ich erstarre. Ich habe Ians Stimme sofort erkannt und bin mir nicht einmal sicher, weshalb ich mehr in Schockstarre verfalle, wegen Ian oder dem, was und wie er es gesagt hat. Es liegt so viel Verachtung in seiner Stimme, dass mein Puls sich sofort beschleunigt und ich mir wünsche, nicht hier zu sein. Aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Auch wenn es mir nicht gefällt, ich muss mich dieser Situation stellen. Ich muss lernen, mit Ian zurechtzukommen, trotz allem, was zwischen uns vorgefallen ist. Und wahrscheinlich ist es das Beste, wenn ich nicht mehr den Kopf einziehe und mich vor ihm in Sicherheit bringe. Vielleicht ist er hier am College genauso allein, wie ich es immer gewesen bin. Seine Freunde sind nicht hier, vielleicht gibt es hier niemanden, der ihn unterstützt, wenn er sich mir gegenüber miserabel benimmt. Und selbst wenn doch, es wird Zeit, die Angst abzulegen und aus meiner Ecke zu kriechen. Nein, nicht kriechen: mit hoch erhobenem Kopf schreiten.
Wenn es nur so einfach wäre. Nichts fällt mir so schwer, wie Ians Nähe zu ignorieren, die Dinge, die passiert sind, zu vergessen oder das rasende Herz in meinem Körper zu überhören. So tun, als wäre man locker, entspannt und unbeeindruckt, wenn der Mensch neben dir steht, der dir mal alles bedeutet hat und der jetzt der Mensch ist, den du von allen am meisten nicht in deiner Nähe haben willst, ist unmöglich.
»Ian«, sage ich abfällig und meine Stimme droht zu versagen, aber ein tiefer Atemzug hilft mir dabei, meine Emotionen unter Kontrolle zu bringen. »Ehrlich gesagt habe ich mich schon gefragt, wo du die ganze Zeit gesteckt hast.«
Ian bleibt nahe vor mir stehen, nahe genug, dass ich sein würziges Aftershave riechen kann. Als der bekannte Geruch mir in die Nase steigt, krampft sich mein Magen zusammen. Ian zieht eine Augenbraue hoch, dann reibt er sich über sein scharf geschnittenes, sehr markantes Kinn und legt den Kopf schief. »Genau hier?«, sagt er leise.
»Das habe ich befürchtet. Dabei hast du doch eine Freundin, die schon den ganzen Abend auf dich wartet«, sage ich und nicke zu Liz hin, die ein paar Schritte entfernt an einer Wand lehnt und uns beobachtet. Ich lächle, als er widerwillig das Gesicht verzieht. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für einen Rückzug. Ich schiebe mich an Ian vorbei und setze meinen Weg nach draußen in den Garten der Verbindung fort, ohne mich noch einmal umzusehen. Aber das muss ich auch nicht, denn ich kann die Blicke in meinem Rücken spüren, die mir folgen. Ich werde nur noch ein paar Minuten bleiben und mich dann von dieser Party stehlen, bevor mir der Schädel platzt vor Unbehagen.
Der Garten ist nicht weniger überfüllt als das Haus, was vielleicht auch daran liegt, dass er nicht besonders groß ist. Jemand ruft meinen Namen und als ich mich umsehe, entdecke ich meine neue Mitbewohnerin, die mir hektisch zuwinkt. Ich atme die lauwarme Abendluft ein und schließe für einen Augenblick meine Augen, bevor ich zu Penny rübergehe, die sich mit zwei anderen Mädchen unterhält. Ich würde viel lieber noch einen Berg Kleidung bügeln, als länger auf dieser Party zu bleiben, aber ich muss mich wenigstens etwas bemühen. Für mich. Und weil es zu meinen Aufgaben in dieser Verbindung gehört. Schluss mit dem Einsiedlerleben. Ich will endlich wieder Leben!
Ian
»Ihr kennt euch also?«, meint Ryan mit einem teuflischen Lächeln.
Ich kenne dieses Lächeln mittlerweile gut und weiß, dass Leas Verhalten ihn eher noch angestachelt als abgehalten hat. Sie hat seinen Jagdtrieb aktiviert. Eigentlich sollte mir das egal sein, aber Lea war mir noch nie egal. Weil sie mir gehört, aber weder sie noch sonst irgendjemand weiß das. Nur ich weiß, dass sie schon immer mir gehört hat, selbst dann, wenn ich sie brutal von mir weggestoßen habe, weil ich ihre Nähe nicht länger ertragen konnte.
In den letzten beiden Jahren bin ich wegen ihr nicht ein einziges Mal nach Hause gefahren, weil ich wusste, dass sie dort sein würde. Ich hätte es nicht ertragen, sie zu sehen. Und jetzt ist sie hier und noch immer zerreißt mich ihr Anblick mich in Stücke. Die Eifersucht bohrt noch immer ihren langen Stachel in mein Herz. Ich kann einfach nicht vergessen, was sie mir angetan hat, aber ich kann auch nicht vergessen, was ich für sie empfinde.
»Vergiss es, die ist nichts für dich«, sage ich schlecht gelaunt und nehme einen großen Schluck von meinem Bier, um meinen Unwillen herunterzuspülen, der in mir aufsteigt, wenn ich das Blitzen in Ryans Augen sehe. Ich sehe Lea durch die offene Tür im Garten der Verbindung stehen. Sie hat mir den Rücken zugewandt. Obwohl ich Lea auf die schlimmsten Weisen, die mir eingefallen sind, verletzt habe, sie immer wieder weggestoßen habe und zwei Jahre nicht nach Hause gekommen bin, um nicht wieder in ihrem Netz gefangen zu werden, überrollen mich in diesem Augenblick all die verdrängten Sehnsüchte. Ich will es nicht. Und ich hasse mich dafür, aber es passiert trotzdem. Ich muss sie nur dort stehen sehen und mir wird ganz heiß in der Magengrube. Vor Sehnsucht danach, sie berühren zu dürfen, aber auch aus Wut. Diese Wut auf sie begleitet mich jetzt schon eine ganze Weile und manchmal wünsche ich mir, sie wäre nicht da, dann hätte ich ihr nie wehgetan. Aber sie ist da, vielleicht wird sie das immer sein.
Ryan zieht interessiert eine Augenbraue hoch. »Wenn du das so sagst, klingt das, als wäre sie genau, was ich suche.«
»Du wirst sie nicht ins Bett bekommen«, werfe ich ein, im Wissen, dass Sex genau das ist, was Ryan von einem Mädchen will. Einen schnellen, bedeutungslosen Fick, eine Kerbe mehr in seinem Bettpfosten. Dieser Bettpfosten existiert wirklich.
»Hattet ihr was?«, will Ryan grinsend wissen.
»Nein.«
»Wieso bist du dann eifersüchtig?« Ryan hat sich umgewandt und mustert jetzt auch Leas Rücken. »Die ist ziemlich heiß. An der verbrennt man sich bestimmt den Schwanz«, stellt er lachend fest.
Ich schnaube und mein Puls beschleunigt sich unangenehm, bei den Bildern, die Ryans Aussage in meinem Kopf auslöst; Ryan und Lea im Bett. Wut flammt in meinem Magen auf. Das Letzte, was ich will, ist Lea zwischen Ryans schmierigen Pfoten. Aber wenn er sich erst einmal für ein Mädchen begeistert hat, dann ist es schwer, ihn von ihr wegzubekommen. Andererseits, warum sollte es mich interessieren, was Lea tut? »Dazu musst du erstmal nah genug an sie rankommen, um in sie reinzukommen«, knurre ich trotzdem düster.
»Willst du mir drohen? Du kennst die Regeln, ich bin hier der Präsident, wenn ich sage, ein Mädchen gehört mir, dann gehört sie mir.«
Ich versteife mich, noch bevor mir klar wird, dass mir diese Regel egal ist, wenn es um Lea geht, trotzdem muss ich versuchen, Ryan von ihr abzubringen. Möglichst ohne dass ich die Verbindung verlassen muss, weil ich gegen die Regeln verstoßen habe. »Ich wollte damit nur sagen, dass sie dich nicht ranlassen wird.«
»Wie meinst du das? Ist sie noch Jungfrau?« In Ryans Augen blitzt etwas auf, das mir regelrecht Angst macht.
»Das meinte ich nicht.«
Ryan keucht mit weit aufgerissenen Augen auf. »Lesbisch?«
»Nein, nur nicht das Mädchen, das mit jedem Typen ins Bett steigt.« Zumindest nicht mit mir.
Ryan grinst breit. Er trinkt seinen Becher aus und wischt sich über die Lippen. »Das werden wir noch sehen.«
Ich verziehe verzweifelt das Gesicht. Wie soll ich diesen Idioten von ihr fernhalten? »Besser, du lässt sie einfach in Ruhe.« Ich weiß gar nicht, warum ich sie noch immer beschützen will, sie hat deutlich klargemacht, dass sie das nicht mehr möchte. Also habe ich es gelassen und sie dafür leiden lassen, weil ich nicht ertragen habe, dass sie mich auf Abstand halten wollte. Und jetzt fange ich wieder an? Ja, weil ich nicht anders kann. Der Gedanke, sie mit einem Kerl, der nicht ich bin, hat mich damals schon zerfressen und er tut es noch heute.
»Nie im Leben. Wenn du willst, dass ich mich von ihr fernhalte, wirst du mich schon umbringen müssen.« Auf Ryans Gesicht tritt ein Ausdruck, der mir nicht gefällt, weil ich selten so viel Entschlossenheit in seinem Gesicht gesehen habe. Nur, wenn es um einen Sieg auf dem Spielfeld geht. In diesem Augenblick wird mir klar, dass jedes Wort, das ich in den letzten Minuten mit ihm gewechselt habe, seinen Siegeswillen geweckt hat. Ich schlucke schwer und versuche weiter ruhig zu atmen, damit Ryan nichts von der Panik sieht, die in mir aufsteigt. Ryan ist ein Siegertyp, er wird nicht aufgeben. Und er wird nicht aufgeben, weil ich ihn dazu gebracht habe.
»Ich wette mit dir, dass ich sie noch vor Ende des Semesters im Bett habe.«
»Ich wette nicht«, stoße ich heiser aus. Schon gar nicht um Lea.
»Dann eben ohne dich, fest steht, am Ende des Semesters hatte ich sie im Bett.«
Ich kämpfe gegen jede Mimik in meinem Gesicht an, aber es ist wirklich schwer, die Angst zu unterdrücken, die mich bei der Vorstellung überwältigt, dass Ryan wahr machen könnte, was er eben angedroht hat. Wie kann man einen Spielertypen wie ihn abhalten? Indem man ihm den Kick an der Sache nimmt. Absolutes Desinteresse. Ian, sage ich zu mir selbst, zeig, dass du nicht interessiert bist an einer Wette.
»Mach was du willst«, werfe ich so kühl wie möglich ein und wende mich ab.
»Nicht so schnell«, hält Ryan mich auf. Ich wende mich ihm langsam wieder zu und unterdrücke jegliche Emotion. »Die Kleine ist dir nicht völlig egal, oder?«
Ich runzele verärgert die Stirn. »Wie kommst du darauf?«
»Weil du dir so viel Mühe gibst, mich glauben zu lassen, sie wäre dir egal. Ich bin nicht blöd, Alter.«
Ich schnaube abfällig, innerlich bin ich aber total angespannt. »Mag sein, aber in diesem Punkt irrst du dich«, sage ich und strenge mich an, meinen Tonfall möglichst gleichgültig klingen zu lassen. »Wir kennen uns schon ein paar Jahre. Ihre Mutter hat für meine Familie gearbeitet, das ist alles.« Eigentlich nur die Hälfte.
»Wenn du meinst«, sagt Ryan mit hochgezogener Augenbraue. »Das eben wäre deine Chance gewesen. Ich hab dir zumindest eine gegeben, du hast sie nicht ergriffen. Aber wohl besser so, immerhin hast du eine feste Freundin.«
Ich muss heftig schlucken. Ja, die habe ich und sie ist toll. Ich mag sie. Aber sie ist nicht Lea. Ist sie nie gewesen. Sie war nur das, was Lea am nächsten kam. Ein Mädchen mit mexikanischem Akzent, der mir zumindest kurzzeitig das Gefühl gegeben hat, Lea wäre bei mir.
