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2

2010

Lea

Mit einem nervös verkniffenen Gesicht parke ich meinen kleinen Subaru auf einem der Kurzzeitparkplätze vor dem Mädchenwohnheim auf dem Campus der Steven Points University in Wisconsin. Ich sehe an dem vierstöckigen Gebäude aus der Gründerzeit nach oben und beobachte dann minutenlang die Studenten, die die Stufen zum Gebäude hoch- und wieder runterlaufen. In ein paar Tagen beginnt das Semester, für mich das erste überhaupt an einem College. Ich werde zum ersten Mal, seit wir in die USA gekommen, sind außerhalb von River Falls leben, wenn auch nicht so weit weg von zu Hause, wie ich es mir gewünscht hätte. Und leider schon gar nicht weit genug weg von Ian, aber wahrscheinlich ist dieser Campus groß genug, damit ich ihn nie sehen werde. Zumindest nicht sofort. Leider ist dieses College das einzige, das mir ein Teilstipendium gegeben hat. Außerdem bin ich als ehemaliges Mitglied des West River Falls Cheerleader Teams hier am College nicht ganz unbekannt und mein Platz im hiesigen Team ist schon längst in trockenen Tüchern.

Ich lasse meinen Blick weiter zum kleineren Haus neben dem Mädchenwohnheim gleiten: das Verbindungshaus des UWSP Cheer Dance Teams. Dort werde ich wohnen. Ein weißes Haus mit zwei Etagen und einem großen Balkon, von dem ein lila Banner hängt, auf dem der Kopf eines gelben Hundes abgebildet ist - das Maskottchen der Pointers, der Footballmannschaft des Colleges. Ians Mannschaft. Wahrscheinlich werde ich ihm doch viel eher begegnen, als mir lieb ist. Das wird mir in diesem Moment bewusst, als ich das Banner der Mannschaft am Haus meiner Schwesternschaft hängen sehe. Dieser Gedanke ist schon seit einiger Zeit da, aber ich habe ihn immer verdrängt, weil ich sonst wahrscheinlich jetzt nicht hier stehen würde. Aber das hier ist nun mal meine einzige Chance auf einen Collegeabschluss, und darauf, es irgendwann vielleicht in das Cheerleader-Team einer NFL Mannschaft zu schaffen. Ohne dieses Stipendium könnte ich mir ein College nicht einmal leisten. Die Therapien meines Bruders verschlingen zu viel Geld.

»Also dann«, versuche ich mir Mut zu machen. Obwohl ich schon dankbar bin, dass ich die Bewerbungsphase in der Verbindung überspringen darf, weil ich das Vorauswahlverfahren letztes Jahr gewonnen habe, habe ich noch immer Magengrummeln, wenn ich daran denke, dass ich in diesem Haus mit Mädchen wohnen werde, die ich gar nicht kenne. Ich hole tief Luft, öffne das Auto und steige aus.

»Dein Auto passt gut hierher«, ruft mir ein Mädchen zu. Sie steht an dem Auto neben meinem und lädt sich gerade einen Karton auf die Arme. Ihr klebt das Haar im verschwitzten Gesicht, wahrscheinlich hat sie schon ein paar Kartons auf ihr Zimmer getragen, man kann ihr die Erschöpfung regelrecht ansehen.

Ich mustere das dunkle Lila meines Subarus und grinse. »Stimmt, ist mir noch gar nicht aufgefallen. Die Rostflecken kann ich ja mit dem Maskottchen überkleben«, schlage ich dem Mädchen vor, das zustimmend nickt und dann an mir vorbei die Stufen zum Wohnheim nach oben eilt. Ich sehe dem Mädchen nach, dann lasse ich meinen Blick über das hektische Treiben um mich herum gleiten. Heute ist der Tag, an dem die meisten Studenten auf dem Campus einziehen.

Der Campus der Steven Points University ist wie eine Kleinstadt. Es gibt Cafeterias, Diner, mehrere Shops und sogar eine Bar. Die Student Union befindet sich ziemlich im Zentrum des Campus. Eine von fünf Dininghalls nur etwa zehn Minuten vom Mädchenwohnheim entfernt. Ich habe den Lageplan des gesamten Campus über die letzten Wochen hinweg in- und auswendig gelernt. Auf keinen Fall will ich wie viele unvorbereitete Anfänger über den Campus stolpern, so dass jeder mir gleich ansehen kann, dass ich hier neu bin. Mir wäre es sogar lieb, wenn ich eher gar nicht auffalle.

Früher war mir Aufmerksamkeit eigentlich egal, ich kam gut damit klar, aber seit damals versuche ich es zu vermeiden aufzufallen. Wobei das schwer ist, als Cheerleader. Denn als Cheerleader steht man oft im Mittelpunkt. Aber das Cheerleading verleiht mir Sicherheit. Es ist die einzige Sicherheit, die ich noch habe. Wenn ich tanze, kann ich vergessen. Alles, was um mich herum ist. Alles, was jemals passiert ist. Dann bin ich wieder dieses Mädchen, das einfach nur die beste Freundin von Ian ist und mit ihm gemeinsam unter der Trauerweide auf dem Anwesen seines Vaters Pläne schmiedet, wie wir beide es in die NFL schaffen könnten. Außerdem lege ich schon immer Wert darauf, gut vorbereitet zu sein.

Ich öffne meinen Kofferraum, hole zwei von fünf Kisten aus dem Auto und stelle sie auf dem Schotter ab, der den Parkplatz befestigt. Danach schließe ich das Auto wieder, stelle eine Kiste auf die andere und hebe beide unter Stöhnen auf meine Arme. Wahrscheinlich werde ich jeden hier rücksichtslos umrennen, weil ich kaum etwas sehen kann, aber ich habe auch wenig Lust, jede Kiste einzeln in das Verbindungshaus zu tragen. Vorsichtig laufe ich am Rand der Straße entlang, dann durch den kleinen Vorgarten und wünsche mir, ich hätte die Kisten doch einzeln genommen, denn mit jedem Schritt verlässt mich die Kraft in den Armen mehr. Meine Muskeln zittern und schmerzen und meine Lunge brennt.

»Kisten, schwer!«, keuche ich, als ich das Haus durch die offen stehende Tür betrete, in der Hoffnung, dass irgendjemand mich hört.

Und tatsächlich, jemand hat Mitleid mit mir, nimmt mir beide Kisten ab und stellt sie vor mich auf den Boden. Zuerst sehe ich nur breite Schultern, das Trikot der Pointers mit dem gelben Hundekopf auf dem Rücken und dunkelblondes, fast braunes Haar, das etwas länger ist und verstrubbelt wirkt, als wäre gerade jemand mit seinen Fingern durchgefahren. Oder der Besitzer dieser wirklich muskulösen Arme ist eben erst aus einem Bett gestiegen. Vielleicht hier in diesem Haus. Ich höre ein paar gemurmelte Worte, die ich nicht verstehen kann, von denen ich aber sicher bin, dass sie nicht freundlich gemeint waren, dann richtet sich mein Held auf und mir verschlägt es den Atem.

»Du!«, entfährt es uns beiden gleichzeitig.

Ich stehe sekundenlang unter Schock und kann ihn nur anstarren. Viel zu schnell und ich bin noch nicht bereit, sind die ersten Worte, die mir durch den Kopf gehen, als ich ihn nach zwei Jahren wiedersehe. Ich hätte gern noch etwas Zeit gehabt, ihn vielleicht erstmal nur aus der Ferne gesehen. Aber er hier, in dem Haus, in dem ich die nächsten Jahre wohnen werde. Das ist zu viel. Mein Puls rast und mir bricht aus jeder Pore meines Körpers Schweiß aus. Ich fühle mich wie versteinert, unfähig, mich zu bewegen oder etwas zu sagen. Ich fühle mich, als wäre ich gerade in meinem schlimmsten Alptraum gefangen. Nein, nicht ganz. Da gibt es noch etwas Schlimmeres, etwas viel Schlimmeres, als Ian Ward, meinen ehemals besten Freund, wiederzusehen.

Ian Ward, ehemaliger Quarterback der West River Falls High und ebenfalls ehemaliger bester Freund von mir. Zwei Jahre und noch immer schafft er es, mich in diesen Zustand zu versetzen. Mich zu lähmen vor Panik. Etwa ein Jahr vor seinem Umzug auf das College, hatte er sich verändert, hin zu einem Menschen, den ich nicht kannte und den ich auch nicht kennen wollte. Und bis heute habe ich ein Geheimnis vor Ian, das alles nur noch schlimmer machen würde, wenn er es jemals herausfinden würde.

Ich unterdrücke das Zittern, das sich durch meinen Körper arbeiten möchte, und als mir plötzlich die Worte wieder durch den Kopf gehen, die er vor seiner Abreise zu mir gesagt hat, wird mir ganz heiß und mein Puls beginnt zu rasen. »Weißt du was das Beste ist, wenn ich das nächste Mal wieder nach Hause komme, dann bist du nicht mehr hier.« Damals hatten wir beide noch keine Ahnung, dass wir dasselbe College besuchen würden. Denn eigentlich wollte Ian unbedingt nach New York, weit weg von seinem Vater. Und vor allem weit weg von mir. Dass er seine Meinung geändert hat, habe ich erst vor ein paar Monaten erfahren.

»Was zur Hölle machst du hier?«, fährt er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und verschränkt die Arme vor der breiten Brust. Er kämmt sich mit den Fingern durch die Haare, was das Chaos auf seinem Kopf nur noch vergrößert, genau auf diese lässige Art, die mich schon immer ganz irre gemacht hat und die in meinem Kopf aus unerfindlichen Gründen jedes Mal wie in Zeitlupe abläuft. Offensichtlich hatte Ian keine Ahnung, dass ich hier studieren werde. Aber wer hätte es ihm denn auch sagen sollen, schließlich ist meine Mutter nur die Haushälterin?

Seit seinem Abschied vor zwei Jahren verbindet uns beide so etwas wie eine Hassliebe, wenn man von Liebe überhaupt reden kann. Wohl eher nicht. Wenn man Liebe also streicht, bleibt nur noch Hass übrig. Uns beide verbindet also tiefgehender Hass. Zumindest hasst Ian mich, da bin ich mir sicher. Und das alles nur, weil ich mir etwas mehr Freiraum von ihm gewünscht habe. Vielleicht habe ich seine Wut ja sogar verdient. Ganz sicher habe ich sie verdient. Wenn ich ihn damals nicht weggestoßen hätte, unsere Freundschaft nicht verraten hätte, dann wären viele Dinge niemals geschehen.

»Ich bin mir sicher, dass wir beide so ziemlich das Gleiche hier tun wollen, studieren«, antworte ich bissig, als ich mich endlich wieder etwas gefangen habe. Ihn zwei Jahre nicht gesehen zu haben, zwei Jahre mit dem Gefühl gelebt zu haben, ihn aus seinem eigenen Haus ferngehalten zu haben, ist nicht spurlos an mir vorbeigezogen. Ich fühle mich schuldig, weil er sich wegen mir nicht nach Hause getraut hat, damit er mir nicht begegnen muss. Und jetzt bin ich hier, an dem Ort, an den er vor mir geflüchtet ist.

»Entschuldige, aber ich hatte gehofft, hier auf jeden anderen zu treffen, nur nicht auf dich.«

Auch das habe ich verdient und ich habe keine Ahnung, wie ich darauf reagieren soll. Ich könnte weitermachen wie bisher und die unnahbare Eisprinzessin spielen, die Dinge, die er mir an den Kopf wirft, und seine Abweisung genau so ertragen, wie in dem letzten Jahr, bevor er River Falls verlassen hat. Oder ich könnte versuchen, ihn um Verzeihung zu bitten. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, die Vergangenheit zu vergessen, denn wir sind jetzt beide hier auf dem College.

»Das hier ist ein Wohnhaus für Mädchen. Ich hab zwar noch nicht nachgesehen, aber ich bin mir fast sicher, dass du kein Mädchen bist.« Ich werfe einen provozierenden Blick auf seinen Unterleib. Er trägt eine Jeanshose, die an der entsprechenden Stelle eine Ausbuchtung zeigt. Wenn er keine Socken dort reingesteckt hat, dann sollte diese Beule der Beweis für seine Männlichkeit sein.

Ian zieht eine Augenbraue hoch, dann grinst er abfällig und beugt sich zu mir nach unten, nah genug, dass ich seinen unverkennbaren Geruch einatmen kann. Ich halte die Luft an, obwohl ich Ian gerne rieche, aber schon ihn zu sehen, bringt mich an meine Grenzen. »Du hättest nicht herkommen dürfen«, flüstert er in mein Ohr, dann richtet er sich wieder auf, noch immer dieses Grinsen im Gesicht, von dem ich glaube, dass es nur für mich bestimmt ist.

»Du hättest nicht hier sein müssen«, gebe ich zurück. »Warum bist du nicht nach New York gegangen?«

Er kneift die Augen zusammen und presst die Kiefer so fest aufeinander, dass ich seine Muskeln arbeiten sehen kann. »Wenn ich schon nicht nach Hause kann, dann möchte ich wenigstens in der Nähe sein dürfen.«

Ich schnaube, trete einen Schritt zurück und komme doch nicht umhin, mich schlecht zu fühlen. »Ich habe nicht gesagt, dass du nicht nach Hause kommen kannst. Es ist dein Zuhause.«

»Genau«, sagt er knapp. Er beugt sich wieder nach unten. »Was denkst du, wo stehen wir jetzt?«

Ich schnaube, obwohl mir gar nicht danach ist. Eigentlich weiß ich gar nicht, wonach mir im Moment ist, alles ist viel zu verworren. Mit weichen Knien trete ich noch einen Schritt von ihm zurück und gebe mir Mühe, nicht allzu nervös zu wirken, aber sein verächtliches Grinsen zeigt mir deutlich, dass er weiß, was in mir vorgeht. »Wo sollen wir schon stehen?«, werfe ich ihm vor, bücke mich nach einem der Kartons und hebe ihn auf. Ich gehe auf die Treppe zu und hoffe, dass ich oben jemanden treffe, der mir sagen kann, welches Zimmer meins ist.

»Hmm«, macht er, ich bleibe stehen und sehe zurück. Er grinst bösartig. Ich kenne diesen Ausdruck in seinem Gesicht nur zu gut. Er bewirkt immer, dass sich mein Magen verknotet. Meist folgt auf diesen Ausdruck nichts Gutes, zumindest was mich betrifft. »Ich weiß nicht, irgendwo nach dem Augenblick, in dem du mir gesagt hast, ich soll dich in Ruhe lassen, und dem Augenblick, in dem du auf meinem Herzen herumgetrampelt bist, kurz bevor ich wegen dir die Stadt verlassen habe, in der ich aufgewachsen bin. Such es dir aus.«

Ich habe mich lange nicht mehr so angespannt gefühlt. Zwei Jahre ohne ihn waren hart und voller Schuld, aber sie haben mir auch Zeit zum Durchatmen gegeben. Und jetzt fühle ich mich wieder, als werde ich zerrissen. Ich kann mich an jeden der Augenblicke, die er aufgezählt hat, erinnern. Und nicht im jeden war ich die Böse, aber er glaubt es und ich werde ihm die Wahrheit nie sagen.

»Ich wollte dich nie verletzen.« Ohne sein abfälliges Kopfschütteln zu beachten, gehe ich weiter die Stufen nach oben und wage erst, Luft zu holen, als ich um die Ecke verschwinden kann. Ich will mir am liebsten die Haare ausreißen. Weitermachen wie bisher ist bestimmt nicht die klügste Entscheidung, aber die, mit der wir beide wohl am sichersten wären. Es gibt zu viel, das er nicht wissen darf. Auch wenn der Pakt uns eigentlich nicht mehr trennen kann, meine Geheimnisse können es schon. Ich fahre am besten, wenn ich einfach auf der Zugstrecke bleibe, die ich kenne. Diese Zugstrecke wird uns beide vor noch schlimmeren Schmerzen bewahren.

Ich lehne mit der Kiste in den Armen an einer Wand, die Augen geschlossen, und versuche ruhig zu atmen, um meinen Puls wieder unter Kontrolle zu bringen.

»Hey, bist du nicht Lea?«, will eine ziemlich hohe Stimme wissen.

Ich öffne die Augen und blicke in das sommersprossige Gesicht eines Mädchens mit hellroten Haaren und blasser Haut. Sie hat dichte Locken, kaum sichtbare Augenbrauen und dunkelgrüne Augen, die aus ihrem Gesicht regelrecht herausstechen, weil sie an ihr das Einzige zu sein scheinen, das farbintensiv ist. »Ja, bin ich. Tut mir leid, ich bin nur etwas aus der Puste.«

»Mach dir nichts draus, diese Wirkung hat Ian auf so gut wie jedes Mädchen hier.«

Mein Mund klappt erschrocken auf, dann schüttle ich mit heißem Gesicht den Kopf und versuche, nicht zu sehr zu stammeln. »Oh, nein. In mir löst er nur Frustration aus. Wir waren auf der gleichen Highschool.« Ich spare mir, ihr zu gestehen, dass wir auch im gleichen Haus gewohnt haben. Sein Zimmer direkt neben meinem, was das letzte Jahr, bevor er auf das College gewechselt hat, zu einer Qual gemacht hat, weil ich mich seinem Hass nicht entziehen konnte. Der Wut, die ich in ihm hervorgerufen habe, weil ich unsere Freundschaft verraten habe.

»Dann kennst du ihn also schon? Liz hat ihn vorhin rübergeholt, angeblich wegen eines undichten Rohrs. Kennt er sich mit undichten Rohren aus? Ist sein Vater Klempner?«

Ganz bestimmt hat er kein undichtes Rohr repariert. Ich brauche einige Sekunden, bevor ich mit dem Kopf schüttle. »Er ist Anwalt. Soweit ich weiß, hat sein Vater keinerlei handwerkliches Talent.« Ich muss fast grinsen, als ich daran denke, dass er es immerhin versucht hat. Als ich etwa 11 Jahre alt war, hat Ians Vater uns ein Baumhaus bauen wollen, das am Ende so windschief war, dass wir es nie betreten durften. Und irgendwann ist es einfach aus dem Baum gefallen. Aber das war nie ein Problem, denn als Ians Vater beschlossen hat, für ein paar Stunden mal Vater zu sein, waren wir beide schon viel zu alt für ein Baumhaus. Aber er dachte wohl, dass es eine gute Idee wäre, weil Ian und ich viel Zeit unter der Trauerweide auf dem Anwesen verbracht haben.

»Irgendwie ist er ganz anders als seine Verbindungsbrüder. Die können sich alle nicht auf eine Frau festlegen, Ian ist schon ein paar Monate mit Liz zusammen. Ich bin übrigens Penny, wir beide teilen uns ein Zimmer. Komm mit, ich zeig dir alles. Danach helfe ich dir mit deinem Kram.« Sie weist mit der Hand zum Ende des Korridors, aber ich muss erstmal durchatmen, weil mein Kopf schwirrt. Ian hat eine feste Freundin? Der Ian, der immer eine Möglichkeit gefunden hat, ein Mädchen in sein Bett zu holen? Der Ian, dessen Wortschatz das Wort Freundin nicht einmal beinhaltet. Mein Magen verknotet sich und ich spüre diesen heftigen Stich irgendwo in meiner Brust. Ich kann nicht genau sagen wo, denn ich versuche wirklich, ihn zu ignorieren. Denn wenn er nicht da ist, hat er auch keine Bedeutung.

»Geradeaus ist das Bad für die Mädchen, die auf dieser Seite des Korridors wohnen, also uns. Auf der anderen Seite das für die anderen Mädchen. Unser Zimmer ist das zweite von hinten. Das ganz hinten gehört unserem Captain, sie hat ein eigenes kleines Bad. Nicht so hübsch wie unseres.« Penny hat wohl gar nicht gemerkt, dass ich ihr nicht sofort gefolgt bin. Als ich ihr den Korridor ganz runter folge, steht sie mit dem Rücken zu mir und redet, ohne Luft zu holen. Sie grinst über die Schulter zurück und einen Moment erinnert sie mich an Pippi Langstrumpf, fehlen nur noch die abstehenden, dicken Zöpfe. Die würde sie wahrscheinlich sogar hinbekommen, so dick und krausig wie ihr Haar ist.

Sie stößt die Zimmertür, vor der sie steht, weit auf. »Unser Zimmer«, sagt sie. »Letztes Jahr hat Michelle hier mit mir geschlafen, sie ist direkt nach ihrem Abschluss hier von den Hunters übernommen worden.«

»Den Hunters?«, erkundige ich mich erstaunt. Für die Hunters arbeiten zu dürfen, wäre mein absoluter Traum, aber eigentlich mache ich mir wenig Hoffnung, nach dem College weiter zu machen als Cheerleader, weswegen ich zusätzlich noch Theaterwissenschaften belegen werde. Wie viele Mädchen haben schon die Chance auf das ganz große Los, einen Vertrag mit einem NFL-Team? Da mache ich mir nichts vor.

»Genau die.« Penny bleibt vor einem Poster stehen, das über einem von zwei Schreibtischen hängt. »Das ist unser Team vom letzten Jahr. Nur Michelle hat es sofort zu einem Profiteam geschafft. Obwohl Janina auch unglaublich gut ist.« Penny lehnt sich gegen den Schreibtisch. »Dein Bett, dein Schrank, dein Schreibtisch«, weist sie auf die andere Seite des Zimmers.

Ich stelle meine Kiste auf das unbezogene Bett. Die Möbel sind alle recht einfach und in Weiß gehalten, das Zimmer hat eine angenehme Größe und wirkt sehr gemütlich. Ich bin zufrieden, es ist mehr, als ich erwartet habe. »Und du? In welchem Jahr bist du?«

»Im zweiten jetzt.«

»Und danach?«

»Ich mache mir keine Hoffnung auf einen großen Vertrag. Meiner Mutter gehört ein Magazin, ich würde auch gern schreiben und sie hätte das auch lieber. Ich werd mich entscheiden, wenn es soweit ist.«

Ich sehe zur Tür hin. »Ich hab unten noch eine Kiste und drei im Auto.«

»Dann bringen wir das hinter uns. Die anderen Mädchen sind alle Shoppen und ein Frischling kommt erst morgen an. Heute Abend ist übrigens eine Verbindungsparty bei Kappa Tau. Da ist Auftauchen für uns alle Pflicht, sie sind unsere Brüder.«

»Ist nicht eigentlich erst Vorstellungswoche?« Schon heute eine Party, das bedeutet, ich werde Ian heute noch einmal sehen. Ich hätte wirklich noch etwas mehr Zeit gebraucht, damit ich mich von unserer Begegnung erholen kann.

Penny grinst. »Kappa stellt sich vor, indem sie eine ihrer berühmten Partys geben. Es geht ja das Gerücht um, dass sie nur Bewerber aufnehmen, die mindestens so viel trinken wie die Vollmitglieder.«

»Sind sie nicht alle Sportler?« Ich laufe neben Penny die Stufen nach unten, werfe einen flüchtigen Blick auf meinen Karton, der noch immer hier steht, und beschließe, ihn erstmal zu lassen, wo er ist, und zuerst die drei Kartons aus meinem Auto zu holen.

»Sind sie. Es gibt bei ihnen wohl eine Regel, die ihnen das Trinken vor einem Spiel untersagt. An den Abenden vor dem Training dürfen sie nur ein Bier trinken, aber an den Wochenenden nach den Spielen schlagen sie dafür richtig zu. Und die Kappas können wirklich feiern.«

Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Es gibt Gründe für den Pakt, den wir gemeinsam geschlossen haben, einer dieser Gründe ist Alkohol. Und auf Ians Partys habe ich auch oft miterlebt, wie gefährlich Alkohol sein kann und was er mit einem anstellt. Was nicht heißt, dass ich nie etwas getrunken habe, aber ich habe nie wirklich viel getrunken. Und nachdem der Pakt erstmal seine Wurzeln in das Sozialleben in River Falls geschlagen hatte, waren Partys ohnehin etwas, was es nur selten gab. Was daran lag, dass kaum jemand Lust auf eine Party hatte, wenn die weiblichen Gäste ausblieben, weil sie Alkohol und Flirts aus dem Weg gehen wollten, um den Pakt nicht zu gefährden.

Ich stelle mich hinter mein Auto und öffne den Kofferraum.

»Du hättest dein Auto auch direkt vor dem Haus parken können. Zum Ausladen geht das schon mal. Ansonsten nutzen wir die Parkplätze hinter dem Wohnhaus. Eine Karte dafür dürftest du bei der Anmeldung bekommen haben.«

»Habe ich«, bestätige ich und lade Penny einen Karton auf die Arme, nehme den zweiten und lasse den dritten im Wagen zurück, um ihn später zu holen. Ich will nicht schon wieder mit jemandem zusammenstoßen.

»Du musst heute noch bügeln und unsere Schuhe putzen. Auch wenn du um die Bewerbungsphase rumgekommen bist, du bist noch immer ein Fuchs und als solcher kommst du nicht um deine Aufgaben als Frischling rum. Ich würde dich ja bedauern, aber solange das heißt, ich muss nicht bügeln, liebe ich diese Regel.«

Ich nicke angespannt und erspare mir, zu erwähnen, dass ich dem Bügeln auch nicht viel abgewinnen kann. Auch wenn ich es hasse, aber ich bin es gewohnt, immerhin habe ich für die Wards auch gebügelt. »Damit komme ich klar. Womit ich nicht klarkomme, ist kochen. Ich kann es nämlich nicht. Meine Mutter hat versucht, es mir beizubringen, aber ich habe dafür absolut kein Talent. Solange ich also nicht für euch kochen muss, seid ihr alle in Sicherheit.«

»Ich denke, das überleben wir. Auf dem Campus gibt es drei Food Courts mit Restaurants und kleinen Diners. Und in jeder größeren Hall gibt es eine Mensa. Das Essen hier ist wirklich gut.«

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