Verflucht
"Was zur Hölle sollte das?", Steve schrie seinen Bruder an als sie zu dritt im Auto waren.
"Hast du den Verstand verloren sie in deinen Kopf zu lassen?"
Liam sah grimmig nach vorne aus dem Fenster und ignorierte ihn.
"Hör auf mich zu ignorieren". Wütend fixierte er seinen Bruder.
"Seit wann bist du so ignorant?". Das ganze Auto vibrierte.
"Schon immer", antwortete Roben für ihn.
"Fakt ist, dass es nicht so weit kam, weil er es ja noch verhindert hatte, dass sie die Tür öffnete".
"Trotzdem, das war knapp. Ich will gar nicht wissen was passiert wäre"
"Liam, rede mit uns. Schließlich kann Steve nicht lesen was in dir vorgeht. Du blockierst ihn schon wieder"
"Ich blockiere ihn, weil ich kein Interesse habe mein Innenleben mit euch zu teilen"
"Du wirst dich vor Vater verantworten müssen".
Steve verstand seinen Bruder nicht mehr. Jahrelang hatte er eine Barriere aufgebaut, um die Tür für immer geschlossen zu halten, doch nun hatte er bei einer fremden jungen Dame alles über Bord geworfen. Er schloss seine Augen und konzentrierte sich erneut auf seinen Bruder. Seine Energiebahnen waren ohne Unterbrechung. Alles war in Ordnung. Seine Aura war schwarz. Für den Tod. Sonst war seine Aura immer Grau. Für Stabilität. Wenn Liam das nicht schnell in den Griff bekommen würde, hätten alle ein Problem. Es war wirklich ironisch, dass ausgerechnet er die Gabe des Heilens bekommen hatte und er der Nachfolger des Krankenhauses werden sollte, denn er strahlte im Moment pure Zerstörung aus. Steve konzentriere sich auf sein drittes Auge. Ein plötzliches Piepen ließ ihn innerlich für einen Moment zusammenzucken und je mehr er versuchte einen Zugang zu seinen Bruder zubekommen, desto lauter wurde es. Nun begann auch noch sein Kopf weh zu tun, doch er wollte nicht aufgeben. Schließlich musste er wissen was geschehen war. Nur so konnte er ihm helfen, wenn es nötig war. Das Brummen in seinem Kopf wurde jedoch immer lauter und schmerzte. Mit einen Mal merkte er, wie das Blut in seinen Adern kalt wurde und drohte zu erfrieren. Augenblick öffnete er die Augen. Liam saß immer noch regungslos da und schaute hinaus. Er war dankbar, dass keiner es mitbekam, wenn er in ihren Köpfen herumschnüffelte.
"Du blutest aus der Nase", hörte er Liam. Doch er sprach nicht. Er sah ihn mit seinen blauen Augen durchdringlich an. Er hatte das gedacht.
Für einen Moment konnte Steve nun in seinen Kopf schauen und erstarrte. Liam hatte so einen tiefen Hass in sich, dass er damit jemand augenblicklich zerstören konnte und im Moment sehnte er sich danach. In sich musste er gerade einen Kampf ausführen. Gut gegen Böse. Es wäre ein Leichtes gewesen, diesen Hass auf jemanden zu projizieren. Er musste es nur wollen und die Person in seinen Gedanken fixieren. Steve wusste, dass er keine Chance hätte, also verließ er sofort wieder seinen Kopf. In solchen Momenten war es Liam egal wer du warst. Selbst seine engsten Familienmitglieder waren nicht sicher vor ihm.
Es regnete immer stärker, während die Drei Richtung Wald fuhren. Es war, als würde sich der ganze Hass durch den Regen entladen. Die restliche Fahrt über bis nach Hause schwiegen alle Drei. Am Rande des Waldes erblickten sie das zu Hause, das sie für wenige Wochen verlassen mussten für das Ritual ihrer Eltern. Doch nun sahen sie auf der großen Terrasse ihre Mutter, die ihnen strahlend, trotz des Regens, entgegen blickte und winkte. Bis in das Auto hinein konnten die Drei ihre Liebe spüren und ihre Sehnsucht ihre drei Jungs wieder in den Armen zu halten. Denn selbst jetzt, obwohl sie erwachsen waren, gab es keine Frau zu der sie eine engere Beziehung hatten, als zu ihr. Mit ihrer Gabe der Liebe und der Harmonisierung schafft sie es jeden einzelnen von ihnen und alle gemeinsam als Familie zu vereinen. Steve schaute zu seinem Bruder hinüber. Selbst ihn erreichte diese Liebe, denn die Dunkelheit um ihn herum wurde schwächer. Wie so oft war es die Mutter, die es schaffte, dass Liam sich wieder beruhigte. Selbst Ruben, der immer nur schwieg und vor sich hin brummelte, lächelte nun zurück. Neben der Mutter erschien nun auch der Vater. In seiner linken Hand hielt er einen Regenschirm und mit seiner rechten umarmte er sie.
Die Liebe zwischen den beiden war deutlich zu spüren und insgeheim hoffte Steve, dass Liam und Ruben das eines Tages auch erleben durften. Um sich machte sich Steve keine Sorgen, denn er war ein fröhlicher Mensch, der das Leben genoss und auch als Einziger der Brüder immer wieder eine Freundin hatte. Ruben war einfach zu verklemmt für eine Partnerin und zu schüchtern. Liam war leider viel zu sehr mit seiner Dunkelheit beschäftigt.
Als er nun seiner Mutter ins Gesicht blickte, vergaß auch er die Sorgen wegen seinen Brüdern. Glücklich darüber wieder zu Hause zu sein schrie er einen Freudenschrei hinaus und bekam einen verärgerten Seitenblick von Liam zugeworfen. Jedoch interessierte ihn das wenig. Alles an diesem zu Hause sprach ihn an und machte ihn glücklich. Selbst das einfache Holzhaus in dem sie seit der Geburt lebten und schon viele schöne Erinnerungen gesammelt hatten. Ihm wurde warm, als er an die Weihnachten in ihrer Kindheit dachte, als sie alle gemeinsam vor dem Kamin saßen und sich Gruselgeschichten erzählten. Liam war besonders gut darin. Oft waren die Drei gemeinsam in den Wald gerannt und hatten dort gespielt. Erst mit 16, als ihre Gaben begannen zu erscheinen veränderte sich die ganze Dynamik. Leider war er der Einzige, der die Leichtigkeit behalten hatte.
Ruben fuhr den Wagen auf den Parkplatz, der aus Kieselsteinen bestand. Aus dem Augenwinkel konnte Steve sehen, wie seine Mutter bereits aus der Haustür kam und schnellen Schrittes auf sie zu lief. Auch sein Vater erschien an der Haustür. Allerdings blieb er stehen und beobachtete Liam. Da er die selbe Gabe hatte und er so seine Schwingung wahrnehmen konnte, verstand er was fast geschehen war. Seine Mine wurde düster. Nun trat er hinaus. Doch anders, als die Mutter begrüßte er die drei Kinder nicht freudig, sondern lief auf Liam zu und fluchte.
Niemand außer ihm hatte den Zugang zu seinem Kopf und konnte hinein sehen. Er reichte Liam die Hand, doch dieser erwiderte es nicht. Das war das erste Mal in 27 Jahren, dass Liam sich seinem Vater verschloss.
„ Warum verschließt du dich mir?“ „Ich habe meine Gründe Vater“. „Es geht hier nicht um deine Gründe, das alles ist viel zu groß und viel zu wichtig. Ich werde keine Rücksicht auf dich nehmen“. Nun knurrte Liam.
Steve stutzte. Würde Liam wirklich seinen Vater herausfordern? Keiner hatte es bisher gewagt.
„Ich komme alleine mit meinen Problemen zurecht. Ich brauche dich nicht, Vater“.
„Das obliegt nicht deiner Entscheidung“. „Dein Vater hat recht“, schaltete sich nun die Mutter ein.
„Wenn die anderen davon erfahren, werden sie dich vernichten wollen. Wir sind deine einzigen Freunde“. Mit ihren großen grauen Augen fixierte sie Liam und berührte liebevoll seine Wange. Die Ruhe, die sie ausstrahlte, manipulierte Liam. Manchmal fragte sich Steve, ob man wirklich noch eine Wahl hatte selbst zu entscheiden, ob man sich mitteilen wollte oder nicht, denn es war seiner Mutter bis jetzt jedes Mal gelungen, dass Liam ihnen alles erzählte, obwohl er es erst einmal nicht wollte. Doch der freie Wille war in diesem Moment überflüssig, denn die Sache war viel zu wichtig. Als ob Liam seine Gedanken gehört hatte, riss er sich von seiner Mutter los.
„Hör auf mich zu manipulieren. Ich bin es leid“.
Mit diesen Worten drehte er sich um und rannte in den Wald hinein. Das Knurren seines Vaters ignorierte er und war nach wenigen Sekunden nicht mehr zu sehen. Ihm hinterher zu gehen wäre umsonst gewesen, da er der schnellste Läufer von Allen war.
„Kannst du uns erklären was geschehen ist?“, wollte sein Vater nun von ihm wissen.
„Nicht direkt. Liam hat mich nicht in seinen Kopf gelassen, aber das ist dieses Mal auch nicht nötig gewesen, denn wir alle haben die Gefahr gespürt“.
„Wer ist diese Frau?“
Steve stutzte. Seine Mutter hatte ohne sein Kenntnis in seinen Kopf hinein geschaut. In der kurzen Zeit hatte sie sich stark weiterentwickelt. Bis vor Kurzem hatte er sie noch spüren können, wenn sie in seinen Kopf hinein sah.
„Keine Ahnung. Wir haben sie noch nie zuvor gesehen“.
„Vermutlich gerade hierher gezogen. Wir werden es bald wissen“.
„Ruben, ich möchte, dass du dir diese Frau genauer anschaust. Versuch herauszufinden warum sie es geschafft hat, in seinen Kopf einzudringen“, befahl der Vater.
„Und du, Steve, sorgst dafür, dass Liam diese Frau nicht sieht. Bis wir wissen was los ist, müssen wir ihn vor ihr fern halten“.
Steve musste grinsen, denn ihn wurde gerade bewusst, dass Liam das erste Mal von einer Frau überrumpelt wurde und machtlos war. Das kratzte sicher an seinem Ego.
