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Kapitel 4

Die Rudelfestung war still, als ich zurückkehrte.

Nicht die wohlige Stille eines Zuhauses, das ruht. Die hohle Stille eines Ortes, der nie wirklich bewohnt war.

Ich hatte mich eigenmächtig und gegen ärztlichen Rat entlassen. Erna hatte versucht, mich aufzuhalten, ihre Finger um mein Handgelenk gelegt, die Augen immer noch geschwollen.

„Luna, bitte. Dein Körper braucht Zeit -“

„Da ist nichts mehr, was heilen müsste.“

Sie ließ los.

Das Auto hielt am Haupteingang. Ich ging allein durch das eiserne Tor. Die Wachen sahen mich nicht an.

Taten sie nie.

Drinnen hallten meine Schritte auf dem Marmor wider. Drei Jahre hatte ich hier gelebt. Drei Jahre war ich durch diese Flure gegangen, hatte an diesem Tisch gegessen, in diesem Bett geschlafen.

Es hatte sich nie wie ein Zuhause angefühlt.

Ich ging direkt ins Schlafzimmer. Unser Schlafzimmer. Das, das wir nur dem Namen nach teilten.

Sein Duft hing an allem - Kiefer und Rauch und Alpha. Meine Wölfin regte sich schwach, immer noch zu unserem Gefährten hingezogen, selbst jetzt.

Ich öffnete den Kleiderschrank. Seine Seite: Maßanzüge, italienisches Leder, Uhren, die mehr wert waren als das Anwesen meiner Mutter. Meine Seite: Designermarken, die seine Assistentin ausgesucht hatte. Angemessen für eine Luna.

Nichts, was je wirklich mir gehört hatte.

Ich fing an zu packen.

Nicht die Kleider. Nicht den Schmuck. Nicht die Pelze, die mich so aussehen lassen sollten, als würde ich dazugehören.

Nur die Dinge von früher. Einen Pullover, den meine Mutter gestrickt hatte. Ein Foto von ihr, lachend in unserem alten Garten. Das Skizzenbuch voller Kinderzimmerentwürfe, die nie gebaut werden würden.

Ich war gerade dabei, den Pullover zusammenzulegen, als ich seine Schritte hörte.

Meine Hände erstarrten.

Dieser Gang. Ich würde ihn überall erkennen. Der gemessene Schritt eines Alpha, dem jeder Raum gehörte, den er betrat.

Die Tür öffnete sich.

Kain stand im Türrahmen.

Er sah ... müde aus. Dunkle Ringe unter den Augen. Stoppeln beschatteten seinen Kiefer. Sein Hemd zerknittert - Kain Lindwurm, bei dem kein Haar je falsch saß.

In seiner Hand hielt er eine Geschenkbox. Hellblau. Silbernes Band.

„Man hat mir gesagt, du warst in der Heilstation.“

Seine Stimme war flach. Distanziert. Als würde er etwas Abgelesenes hersagen.

Mein Herz stolperte trotzdem.

*Er ist gekommen*, flüsterte meine Wölfin. *Er ist gekommen, um uns zu sehen.*

„Die Heilerinnen sagten, du hast dich vorzeitig entlassen.“ Er trat ins Zimmer, stellte die Box auf die Kommode. „Ruh dich erst mal aus. Komm wieder zu Kräften.“

Ich sah ihn an, wie er sich bewegte. Sah, wie er Abstand hielt einen Meter, vielleicht eineinhalb. Nah genug, um präsent zu wirken. Fern genug, um unberührt zu bleiben.

Dann sah er mich an.

Wirklich an.

Seine Augen wanderten über mein Gesicht. Über die eingefallenen Wangen. Die blauen Flecken, die ich nicht verbergen konnte. Die Art, wie meine Kleidung an einem Körper schlotterte, der zu viel verloren hatte.

Etwas veränderte sich in seinem Blick.

Er kam auf mich zu. Schritt für Schritt. Bis sein Duft mich einhüllte, bis die Bindung zwischen uns summte - schwach, aber lebendig.

Mir stockte der Atem.

„Kain ...“

Sein Name entglitt mir. Leise. Fast ein Flüstern.

Seine Hand hob sich.

Seine Fingerknöchel strichen über meine Wange - federleicht, fast zögerlich. Sein Daumen fuhr über den Rand eines blauen Flecks an meinem Kiefer.

„Wer war das?“

Seine Stimme war gesunken. Leise. Rau. Dieser beschützende Unterton, den ich bisher nur bei ihr gehört hatte.

Meine Wölfin bäumte sich auf. Hitze blühte in meiner Brust auf, breitete sich tiefer aus. Meine Haut prickelte, wo immer sein Blick sie traf.

„Vagabundenwölfe“, brachte ich hervor. „Im Schneesturm.“

Sein Kiefer spannte sich an. Gold flackerte am Rand seiner Iris auf.

„Ich lasse sie jagen. Jeden einzelnen.“

Für einen unmöglichen Moment glaubte ich ihm. Glaubte, dass das etwas bedeutete.

Sein Blick senkte sich auf meinen Mund.

Die Luft wurde dicker.

Meine Lippen öffneten sich. Seine Hand glitt von meiner Wange zur Seite meines Halses, seine Handfläche warm auf meinem Puls. Ich konnte fühlen, wie mein Herzschlag gegen seine Finger hämmerte.

*Vielleicht ja diesmal *

Sein Handy klingelte.

Das Geräusch zerbarst den Raum wie ein Schuss.

Victoria.

Natürlich.

Seine Hand fiel herab. Er trat zurück. Die Kälte strömte herein, wo seine Wärme gewesen war.

„Ich muss rangehen.“

Er nahm ab, bevor ich antworten konnte.

„Victoria.“ Seine Stimme wurde weicher. Wärmer. Zärtlich, wie ich sie nie mir gegenüber gehört hatte. „Immer langsam. Was ist passiert?“

Ich konnte ihre Worte nicht hören. Nur die hohe, zitternde Tonlage der Verzweiflung.

„Ich komme.“ Schon in Bewegung zur Tür. „Bleib, wo du bist. Ich bin sofort da.“

Er hielt an der Schwelle inne. Warf einen Blick zurück aber nicht mich an. Durch mich hindurch.

„Ruh dich aus. Ich bin später zurück.“

Würde er nicht sein.

Das wussten wir beide.

Die Tür fiel ins Schloss.

Seine Schritte verklangen.

Der Automotor heulte auf.

Dann: Stille.

Ich stand da, seine Berührung brannte noch auf meiner Haut. Meine Wölfin jaulte vor Verlustschmerz.

Einhundertein Mal.

Einhundertein Mal hatte er mich fast gesehen. Fast war er geblieben.

Und einhundertein Mal hatte sie angerufen.

Ich griff nach meinem Handy.

Bridget ging beim zweiten Klingeln dran.

„Mira?“ Ihre Stimme war vorsichtig. Hoffnungsvoll. „Ist alles -“

„Ich gehe. Morgen.“

Stille. Dann ein langes Ausatmen.

„Wird ja auch Zeit.“ Ich hörte das Lächeln in ihrer Stimme. „Ich habe hier seit zwei Jahren ein Zimmer für dich bereit. Was brauchst du?“

„Einen Neuanfang.“

„Den wirst du bekommen. Das verspreche ich dir.“ Eine Pause. „Und die Bindung?“

„Der Mondtempel. Neutrales Gebiet. Dort können sie sie trennen.“

„Ganz sicher?“

„So sicher war ich noch nie.“

„Dann bis bald.“ Ihre Stimme wurde weich. „Du wirst wieder gesund werden, Mira. Mehr als gesund.“

Ich legte auf.

Die Geschenkbox stand auf der Kommode. Ich öffnete sie.

Eine Kette. Weißgold. Ein Anhänger in Form einer Mondsichel, besetzt mit Diamanten.

Wunderschön. Teuer. Ausgesucht von jemandem, der mich gar nicht kannte.

Ich legte sie zu den anderen. Den Ohrringen von unserem ersten Jahrestag - ausgesucht von seiner Sekretärin. Dem Armband, das per Kurier gekommen war. Dem Ring, den seine Mutter ausgesucht hatte, weil er sich nicht darum kümmern konnte.

Ich schloss die Samtbox.

Dann ging ich ins Kinderzimmer.

Ich hatte es selbst eingerichtet. Wände in hellem Silber. Eine Mobile mit Monden und Sternen. Von Hand gemalte Bilder von Wolfsjungen, die auf Wiesen spielten, unter Mondsicheln schliefen.

Das Bettchen stand in der Ecke. Weiße Eiche. Mit Schutzrunen beschnitzt, die ich wochenlang recherchiert hatte.

Ich berührte das Geländer.

*Mein Baby hätte hier geschlafen. Hätte zu diesen gemalten Monden mit großen, staunenden Augen aufgesehen.*

*Hätte.*

Der erste Schluchzer riss mir aus der Kehle.

Die Knie gaben unter mir nach. Die Trauer durchbrach die Taubheit - roh, animalisch, nicht aufzuhalten. Ich weinte um das Kind, das ich nie halten würde. Um das Kinderzimmer, das leer bleiben würde. Um drei Jahre Warten auf einen Mann, der nie meiner gewesen war.

Meine Wölfin heulte mit mir.

Als die Tränen versiegten, war ich hohl.

Aber meine Hände waren ruhig.

Ich griff zuerst nach der Mobile. Die kleinen Monde und Sterne, die ich mit so viel Hoffnung aufgehängt hatte.

Sie ließen sich leicht auseinandernehmen. Stück für Stück. Stern für Stern.

Dann die Bilder.

Ich zog die Leinwand in langen Streifen von der Wand. Die Wolfsjungen verschwanden. Die Wiesen verblassten. Der gemalte Himmel verdunkelte sich.

Das Bettchen dauerte länger.

Ich brach es mit bloßen Händen auseinander. Splitter gruben sich in meine Handflächen. Die Schutzrunen zerbrachen. Das weiße Eichenholz ächzte, als es splitterte.

Als ich fertig war, war der Raum leer.

Ich stand in der Mitte.

Bruchstücke von Monden zu meinen Füßen. Zerrissene Leinwand wie abgestreifte Haut verstreut. Das Skelett eines Bettchens, das niemals jemanden halten würde.

Morgen würde ich zum Mondtempel gehen.

Morgen würde ich die Bindung trennen.

Und dann würde ich diesen Raum nie wieder betreten.

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