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Kapitel 5

Ich hinterließ zwei Dinge auf seinem Kopfkissen.

Die unterschriebenen Scheidungspapiere.

Und das Buch, aufgeschlagen auf der letzten Seite.

*-1 Punkt: Er ließ unser Kind sterben, um ihr eine Narbe zu ersparen.*

*Eintrag 100.*

*Endstand: 0.*

Ich hinterließ keinen Brief. Die Zahlen sagten alles.

Ich hatte den Mondtempel vor Monaten recherchiert - damals, als das Buch die Fünfzig erreichte und ich mir zum ersten Mal erlaubte, mir ein Leben ohne ihn vorzustellen. Der einzige Ort, der eine Gefährtenbindung vollständig lösen konnte. Schmerzhaft. Endgültig.

Ich hätte nie gedacht, dass ich tatsächlich hingehen würde.

Jetzt konnte ich es kaum erwarten.

Die Fahrt dauerte sechs Stunden. Ich sah das Territorium des Schattenwolf-Rudels im Rückspiegel verschwinden - vertraute Wälder, die Platz machten für uralte Mammutbäume, die die Grenze zum neutralen Land markierten.

Kein Rudel beanspruchte dieses Gebiet. Kein Alphagesetz reichte hierher.

Nur der Mondtempel.

Nur die alten Wege.

Der Tempel erhob sich aus dem Nebel wie etwas aus einem Fiebertraum. Weiße Steinsäulen, umrankt von silbernen Ranken. Eine Kuppel, die das Mondlicht in sich aufzusaugen und wieder auszuatmen schien. Selbst tagsüber schwang die Luft gegen meine Haut - uralt, lebendig, wartend.

Meine Wölfin regte sich unruhig.

*Die Bindung*, flüsterte sie. *Es wird wehtun.*

*Ich weiß.*

*Er ist immer noch unser Gefährte.*

*Er war nie wirklich unser Gefährte.*

Der Hüter empfing mich an der Schwelle. Ältester Silas - weißes Haar wie Knochen, Augen das helle Gold eines Wolfes, der Jahrhunderte hatte kommen und gehen sehen. Er bewegte sich, als würde die Zeit für ihn nichts bedeuten.

„Du willst eine Gefährtenbindung lösen.“ Seine Stimme hallte gegen den uralten Stein wider. Keine Frage.

„Ja.“

Er musterte mich. Sein Blick blieb an meinem Hals hängen - an der Markierung, die Kain vor drei Jahren hinterlassen hatte.

„Diese Bindung wurde mit Blut und Mond besiegelt. Sie zu lösen, wird sich anfühlen wie Sterben.“ Eine Pause. „Viele Wölfe überleben die Trennung nicht.“

„Ich bin diese Woche schon einmal gestorben.“ Meine Stimme zitterte nicht. „Ich bin immer noch hier.“

Etwas veränderte sich in diesen uralten Augen.

„Folge mir.“

Die innere Kammer war vollständig aus Mondstein gehauen - Wände, Boden, Decke alles pulste in weichem silbernem Licht. In der Mitte befand sich ein flaches Becken, dessen Oberfläche so still war, dass es wie flüssiges Glas aussah.

„Knie nieder“, wies Silas an.

Ich kniete am Rand nieder. Der Stein drang kalt durch mein Kleid. Meine Wölfin zuckte zusammen.

„Wenn das heilige Wasser deine Markierung berührt, beginnt die Trennung.“ Seine Stimme senkte sich. „Wehre dich nicht. Lass es sauber brechen. Wenn du Widerstand leistest, riskierst du, deine Wölfin für immer zu verlieren.“

Ich nickte.

Er tauchte seine Finger in das Becken.

Das Wasser hing an seiner Haut wie Quecksilber - schwer, unnatürlich, lebendig.

Als es meine Stirn berührte, brannte Kälte direkt durch meinen Schädel.

Kaum hatte es die Markierung an meinem Hals erreicht, brach silbernes Licht aus meiner Haut.

Die Kammer bebte. Staub rieselte von der Decke. Das Becken zerbarst in tausend Wellenringe, die der Schwerkraft trotzten und als schwebende Sterne um mich herum in der Luft schwebten.

Und in einem dieser schwebenden Tropfen sah ich mein Spiegelbild.

Silberne Augen.

Reines, flüssiges Silber - leuchtend wie zwei Monde.

Silas taumelte rückwärts.

Dann knallten seine Knie auf den Steinboden.

„Göttin über mir.“ Die Worte kamen wie ein Gebet über seine Lippen. „Mondgeblütet. Die Elfte seit tausend Jahren.“

Ich starrte ihn an, das Herz schlug mir gegen die Rippen. „Was?“

„Die Blutlinie des Ersten Wolfes.“ Seine Stirn presste sich auf den Boden. „Die eigenen Töchter der Mondgöttin. Ich dachte, die Linie sei im letzten Krieg ausgelöscht. Ich dachte -“

„Ältester Silas.“ Meine Stimme durchschnitt die Luft. „Was bedeutet das?“

Er hob langsam den Kopf. Seine uralten Augen glänzten.

„Es bedeutet“, sagte er und wählte jedes Wort mit Bedacht, „dass derjenige, der eine verderbte Bindung bricht, nicht unberührt davonkommt.“

Mir stockte der Atem.

„Wenn eine mondgeblütete Wölfin eine durch Verrat zerbrochene Bindung löst, hinterlässt sie ein Mal.“ Seine Stimme senkte sich weiter. „Ein Brandmal. Mondfeuer nennen wir es. Jeden Vollmond kehrt der Schmerz zurück - als würde seine Seele bei lebendigem Leib gehäutet. Es verblasst nie. Hört nie auf. Nicht bis zu dem Tag, an dem er stirbt.“

Das silberne Licht pulsierte unter meiner Haut. Warm jetzt. Hungrig.

Kain würde das fühlen.

Jeden Vollmond. Für den Rest seines Lebens.

„Willst du weitermachen?“, fragte Silas leise. „Im Wissen, was es ihn kosten wird?“

Ich dachte an den Schneesturm. Seine Rücklichter, die im Weiß verschwanden.

Ich dachte an den Anruf. *Victoria hat Priorität.*

Ich dachte an den Herzschlag meines Babys flatternd, schwächer werdend, verstummt.

„Weitermachen.“

Die Antwort war ruhig. Endgültig.

Silas neigte den Kopf.

„Wie du wünschst, Mondtochter.“

Er legte beide Hände auf meine Schultern. Die alte Sprache quoll über seine Lippen - Worte, die in meinen Knochen vibrierten, in meinem Blut, in dem hohlen Raum, wo einst mein Kind gewesen war.

Das Wasser stieg aus dem Becken und umhüllte mich wie ein Kokon aus flüssigem Mondlicht.

Dann kam der Schmerz.

Es fühlte sich an, als würde ich in zwei Hälften gerissen. Als würden Krallen durch meine Brust reißen, die Bindungsfäden herauszerren, einen blutigen nach dem anderen.

Meine Wölfin heulte auf. Ich schrie.

Der Schall hallte von den Mondsteinwänden wider und kam verzerrt zurück, zerbrochen, roh.

Und irgendwo weit weg - ich fühlte es.

Ein *Schnapp*.

Sauber. Endgültig. Absolut.

Die Bindung zerriss.

Ich brach am Rand des Beckens zusammen, keuchte. Mein ganzer Körper zitterte. Schweiß und Tränen vermischten sich auf meinem Gesicht.

Aber unter dem Schmerz, unter der Leere, wo einst die Bindung gewesen war -

Freiheit.

Rein. Absolut. Mein.

Ich lachte.

Oder schluchzte.

Ich konnte den Unterschied nicht mehr erkennen.

...

Am Flughafen war es um diese Zeit ruhig.

Ich saß auf einem harten Plastikstuhl, das Handy in den Händen.

Eine Nachricht. Das war ich ihm schuldig.

Ich tippte sie langsam. Las sie zweimal. Dann drückte ich auf Senden.

Die Anzeigetafel flackerte. Mein Flug wurde aufgerufen.

Ich ging zum Gate. Gab mein Ticket ab. Fand meinen Fensterplatz.

Das Flugzeug hob durch dicke graue Wolken ab - und durchbrach sie dann.

Sonnenlicht.

Warm und golden, flutete durch das zerkratzte Plastikfenster.

Ich legte meine Handfläche an die Scheibe.

Drei Jahre. Eintausendfünfundneunzig Tage.

Er hatte mich nie wirklich angesehen. Nicht ein einziges Mal.

Aber er würde mich jetzt spüren.

Jeden Vollmond.

Für den Rest seines Lebens.

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